Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1924-09-04 · 36 (4.9.1924) · p. Seite 536

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
36 (4.9.1924)
Date
1924-09-04
Page
Seite 536 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2277379-2277464-2277499--01423-2280665
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

536 Erstes Herliner Verbe-Sportfest üer Mischen verbände. Wer als jüdischer Deutscher die Vorgänge in den zahllosen deutschen Verbänden und Vereinigungen jeder Richtung und Ausgabe seit Kriegsausbruch beobachtet, wird oft an den sich anbahnenden Entwicklungen keine rechte Freude haben. Planmäßig wird von judengegnerischer Seite versucht, jüdischen Deutschen, die aufrichtig und ideal irgendwelche Sonderbestrebungen deutschen Kulturlebens durch Vereine und Verbände zu fördern geneigt sind, die Tür m verschließen. In schmerzlicher Erinnerung ist der Fall Maximilian Späth. Späth grrsf seinerzeit in München zur Todeswafse, weil seine alte fröhliche Gemeinschaft Juden aus ihren Reihen wies. Und besonders verletzte das Vorgehen der Hallenser Stahlhelmtagung, die die jüdischen Frontkämpfer aus den Reihen des Stahlhelms grundlos, und nur weil sie Juden waren, ausschloß. Daß viele gesellige und mancherlei sportliche Vereinigungen dem bösen Beispiel folgen, ist nichts Neues. Alle diese unerfreulichen Erfahrungen dürfen uns jüdische Deutsche aber keineswegs daran hindern, in den Vereinigungen deutscher Volksgenossen, in denen wir als gleichwertige Mitglieder anerkannt sind, eifrig mitzuarbeiten. Falsche Empfindlichkeit, ja mangelnde Vaterlandsliebe bedeutete es, Vereinigungen, die, wie sportliche Vereinigungen, durch körperliche Ertüchtigung das Wohl des Ganzen erstreben, den Rücken zu kehren, wenn nicht dazu der zwingendste Anlaß vorhanden ist. Gerade wir deutschen Juden müssen zeigen, daß wir überall unseren Mann stehen. Und wie in der Erziehung des Kindes das Vorbild die entscheidende Rolle spielt, so muß allezeit dafür Sorge getragen werden, daß das Vorbild eines wahren jüdischen Deutschen stets unseren christlichen Volksgenossen in Vereinigungen aller Art durch hingebungsvolle und bedenkenlose Mitarbeit klargestellt wird. Diese leitenden Gedanken und Forderungen find nicht im mindesten getrübt, wenn der C. V. der Errichtung eines jüdischen Sportplatzes in Berlin gern seine fördernde Hand zuteil werden läßt. Man sage auch nicht, daß dieses nicht zu oen Aufaaben des C. V. gehört. Die Frage der Ertüchtigung unserer Jugend kann freilich nicht vom C. D. gelöst werden. Der eigentliche Aufgabenkreis des C. V. ist auch so groß und so bedeutungsvoll, daß Beschränkung den Meister zeigen muß. Aber bei der Bedeutsamkeit der Ausbildung des Körpers gerade für die jüdische Jugend kann und darf nichts unvere bleiben, das uns der Lösung dieser Aufgabe nähergt. Deshalb ist dem Reichsbund jüdischer Frontsoldaten der herzliche Dank aller Freunde jüdischer Ertüchtigung gewiß, daß er in schwierigen Verhandlungen den Zusammenschluß der jüdischen Spo^tverbände aller Richtungen herbeigeführt hat, um sie zur Pflege eifriger sportlicher Betätigung und, soweit notwendig, auf eigenen Uebungsftätten zusammenzuschließen. Die durch den Versailler Vertrag ausgehobene militärische Dienstzeit hatte immerhin das Segensreiche, daß durch sie die Jugend körperlich gestählt worden ist und durch diese Ertüchtigung gegen erste, das Jugendalter bedrohende Gefahren stark gemacht wurde. Unsere sportliche Betätigung, die bei verständnisvollen Behörden eifrige Förderung erfährt, muß die militärische Ausbildungszeit ersetzen und ist daher auch ein Dienst deutscher Juden am deutschen Vaterlande. In diesem Sinne begrüßt der Central-Derein das junge Unternehmen mit dem herzlichen Wunsche, es möge einem gesunden Geist den gesunden Körper bauen.! Der Verlauf des Festes. Am 31. August d. I. hatte der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten zu seinem ersten großen Werbesportfest eingeladen. Er verband mit dieser Veranstaltung den Zweck, in großzügiger Weise für den heute in weiten Kreisen des deutschen Volkes heimischen Sportaedanken auch in der jüdischen Oeffentlichkeit Groß-Berlins neue Anhänger und Freunde zu gewinnen und hatte deshalb den erst kürzlich unter seiner Führung in der „Vis" vereinigten jüdischen Jugend- und Sportverbände Berlins Gelegenheit gegeben, sich mit auswärtigen Gruppen des R. j. F. und jüdischen Sportvereinen aus dem ganzen Reiche in allen Zweigen sportlicher Betätigung zu messerr. Der Propagandazweck des Sportfestes ist zweifellos erfüllt worden. Taufende von Zuschauern hatten es sich nicht nehmen lassen, trotz der ungünstigen Witterung den spannenden Kämpfen beizuwohnen. Knter den Erschienenen sah man neben den Führern des R. j. F., die sich meist persönlich um die Abwickelung der Konkurrenzen und die Behebung der bei dem starken Andrang eintretenden Organisationsschwierigkeiten verdient machten, eine ganze Reihe bekannter Persönlichkeiten der jüdischen Oeffentlichkeit Groß-Berlins, u. a. den Vorsitzenden des R. ]. F. Dr. Leo L ö w e n st e i n, Justizrat Max § hodziefner, den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, Kammer gerichtswE Wolf, sowie Dr. Meis k, San.-Rat Dr. Alfred, Goldfchmidt von der Großloge N. O. B. V. Für den Verband Groß- Berlmer Ortsgruppen des C. V. \va<t Dr. med. Fleischer; für den Haupt Vorstand des C. V. war Dr. med. Tietz (Deutsch-silbische Jugendgemeinschaft) und Syndikus D. Alfred Wiener erschienen?. Die Beteiligung an den einzelnen Konkurrenzen war außerordentlich stark, so daß zahlreiche Vorkämpfe statt,finden nüchtert. Es war ein imponierender Anblick, als zu Beginn der Hauptkämpfes sämtliche Teilnehmer, etwa 300 an der Zahl, unter den Klängen! eines Bläserchors aufmarschierten. Die Wettkämpfe selbst brachtenvielleicht mit Ausnahme des 100-Meter-Lauses, den sich Freunds (R. j. F. Kassel) in 11,1 Sekunden nach ausgezeichnetem Kampfe gegen Simmenauer (Bar Kochba) holte, keine besonders hervorragenden Resultate, hielten sich aber durchaus aus dem Niveau; guter Durchschnittsleistungen, wobei man berücksichtigen muß, daß durch den anhaltenden Regen am Vormittag die Bodenverhältnisse: des ohnehin nicht sehr guten Platzes ungünstig waren. Ein sehr? gutes Nennen lief auch T r e uma n n (B-ar Kochba) in der 400-Meter- Strecke; in der guten Zeit von 53,8 Sekunden konnte er den Würzburger Hochschulmeister Gunz (K. C.) nach hartem Kmnpf auf den zweiten Platz verweisen. Auch die 4mal-100-Meter-Staffel brachte: der Bar Kochba nach spannendem Kampf mit dem K. C. in 47,3 Se-, künden nach Hause. Den Löwenanteil der Erfolge sicherte sich der? Turnverein Bar-Kochba. Bei aller Anerkennung der ausgezeichneten Leistungen dieses Vereins darf man bei der Beurteilung des Gesamtergebnisses nicht vergessen, daß hier ein großer Verein, der auf eine 26jährige sportliche Tradition zurückblrcken darf, meist Verbänden gegenüberstand, die in der Sportbewegung noch recht jung sind. Den für die 3mal-200-Meter-Staffel für Jugend ausgesetzten Wanderpreis des Verbandes Groß-Berliner Ortsgruppen des C. V. erkämpfte sich die erste Mannschaft des Bar Kochba (Berlin), gegen Hakorah (Essen). Neben den leichtathletischen Wettbewerben war das Programm auch sonst abwechslungsreich, man sah Vorführungen des ersten Jiu-Jitsu-Klubs Berlin, Turnübungen des Bar Kochba, spannende. Boxkämpfe, die Gelegenheit gaben, das hohe Können des Voxklubs' Maccaoi zu bewundern, und Fechtwetträmpfe zwischen dem K. C. und dem Fechtklub Bar Giora, in denen der K. C. siegreich blieb. Der Abend vereinigte alle Teilnehmer zu einem Gefeüschafts-: abend im Lehrervereinshaus, wo die Preisverteilung und offizielle Siegerehrung ftattfand. Wenn man zurückblickend den Gesamterfolg der Veranstaltung überschaut, so wird man sagen können, daß mcht nur der Werbe-; zweck erfüllt, sondern auch ein gutes Stück auf dem Wege zurückgelegt ist, den San.-Rat Dr. Alfred Govdsch m i d t in seinen Be-. grüßungsworten der jüdischen Jugend von heute gewiesen hat, als? er ihr zurief: „Das junge Judentum muß schlagfertig fein, das alte war es auch —- in geistiger Beziehung"^ - Dk „chMlkrr" örs Lsßr-§s§ichLs§at Remtter. Presseseh de unseres Württemberg ischen; Landesausschusses. Zwischen unserem württembergischen Landesausschuß und dem. bürgerparteilichen Landgerichtsrat Kautter hat in der: „T ü b i n g er Chronik" eine Auseinandersetzung stattgefunden, die sich auf eine von Herrn Kautter gehaltene Rede tn der Mitgliederversammlung der Tübinger Bürgerpartei stützte. — Herr Kautter? hatte in seiner Rede die üblichen genug bekannten Angriffe gegen, die deutschen Juden wiederholt, und der württembergische Ausschuß ihm die erforderliche Antwort darauf gegeben. Sehr interessant ist die Entgegnung, die Herr Kautter auf die schlagenden Widerlegungen unserer Württemberger Freunde gibt. Er' bezieht sich als Quelle auf die Bücher von Henry Ford „Der inter-- nationale Jude" und — „Die Weisen von Zion". Mit Recht haben unsere Stuttgarter Freunde darauf entgegnet, daß Henry Ford zwarein guter Automobilfabrikant sein mag, aber von" der Judenfrage ebensoviel versteht, wie von allen anderen politischen Fragen. Die Beweisführung von Herrn Kautter, daß die deutschen Zeitungen im Besitz von Juden seien, wobei der Herr Landgerichtsrat Kautter auf die „Frankfurter Zeitung", das „Berliner Tageblatt", „Vorwärts" und „Rote Fahne" hinweist, wird von unseren Württemberger Freunden sehr einfach dadurch widerlegt, daß sie andere führende deutsche Zeitungen, wie die „Kreuzzeitung", „Germania", „Berliner Lokalanzeiger", „Deutsche Allgemeine Zeitung", „Münchener Neueste Nachrichten", „München-Augsburger Abend- Zeitung" usw. der Auszählung von Herrn Kautter gegenüberstellen, alles Zeitungen, die sich doch ganz gewiß nicht in der Hand von Juden befinden Auf die Behauptung von Herrn Kautter, daß es die Juden seien, die die Erfüllungspvlitik betrieben, stellt unser württembergischer Ausschuß mit Erfolg die Gegenfrage, ob vielleicht Herr S t r e s e - mann oder Herr Marx, oder am Ende sogar der w ü r t t e m - bergifche Staatspräsident Bazille Juden seien, der sich bekanntlich jüngst in Berlin auch für die Erfüllungspolitik ausgesprochen hat. Wir können mit Befriedigung feststellen, daß - es unserem Württemberger Landesausschuß gelungen ist, die Anwürfe des Herrn Landgerichtsrat Kautter restlos zu widerlegen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.