Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 36 (4.9.1924)
- Date
- 1924-09-04
- Page
- Seite 535 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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535 Der Weg aus -er Zinsknechtschaft. Glück und Ende eines völkischen Bankiers. - Alfred Rosenberg, der offizielle Kommentar des Programms der Nationalsozialistischen Freiheitspartei, erläutert den Artikel 11: „Ab fchaff u n g d e s a r be i ts - u nd m ü ü el o s e n Einkommens, Brechung der Z rn sknech tschaft dahin, die Völker, insbesondere ihr Mittelstand, sollen aus den Klauen internationalgerichteter Finanzhhänen befreit werden. Nun ist es ja zurzeit noch nicht soweit, daß man : alle jenen Finanzleute, wie Herr Rosenberg möchte, einsperrt und?iihr Geld für allgemeine nationale Zwecke verwendet. Aber immerhin versucht man bereits, den Anfang zu machen: der nationale und völkische Bürger soll nicht wie bisher darauf angewiesen sein, seine Spargroschen einem international gerichteten FinanzinstituL anzuvertrauen, sondern wackere völkische Männer, die dieBlutsprobebestandenhaben, sollen mit innigem Verständnis für die Nöte der Volksgenossen das nun einmal von Natur aus den Völkischen auszeichnet —- sein Mld in Empfang nehmen und in alter Treue bewahren, ohne es anderen als rein „nationalen" Zwecken dienstbar zu machen. Die Natur des Geldes scheint aber von Grund aus böse zu sein und seine Einwirkung von solcher Durchschlagskraft aus alle, die sich berufsmäßig mit ihm abgeben, das; der Besitz eines nationalsozialistischen Mitgliedsbuches nicht einmal ausreicht, um diese Wirkung auszugleichen. Schon vor Jahresfrist haben das die Genossen der Deutschvölkischen Bank, die Herrn Richard Kunze. M. d. R., nahestand, erkennen müssen, und ein Rundschreiben ist damals bekannt geworden, in dem von „groben Verstößen gegen die Sicherheit der Bank" die Rede ist und festgestellt wird, daß „sich der Vorstand auf Kosten der Genossen große Vermögensvorteile verschafft hat". J>err Kunze kann beruhigt sein. Ehrenmänner dieser Gattung ranken sich im völkischen Lager nicht aus seinen Kreis. Auch die Nationalsozialistische Freiheitsparter hat jetzt ihren „Fall". In der Brandenburgischen Straße 69 zu Berlin-Wilmersdorf befindet sich ein Bankges chäf t Willi B r u ß. Ueber dem Eingang zum Geschäftslokal schweben die Worte: „Dem deutschen Manne ein deutscher Gruß." Dieser Herr Bankier hat sich in der Inflationszeit „gegründet" und seine damals mühelos errafften GÄvrnne nach Art einer gewissen Klasse von Lebejünalingen in Bars, Dielen, bei Sekt und Nackttänzen verbracht. Als diese schöne Zeit vorüber war, verlegte er sich auf das Bankdepotgeschäft. Seine Versprechungen — 72 % Jahreszinsen — allein schienen nicht auszureiHm, um den alten Glanz zu erhalten. Die Politik mußte helfen, und als moderner Mann folgte Herr Bruß der Modeparole. Er ward völkisch, machte sich durch allerlei Liebesdienste innerhalb seiner Ortsgruppe beliebt, und bald erntete er die Früchte seines Tuns. Ein Rundschreiben flatterte hinaus, von seiner Ortsgruppe unterzeichnet, durch die Parteiboten und -Jugendstasfetten'verbreitet, das folgenden Wortlaut hat: Deutsche Volksgenossen! .Die Wirtschaftskrise nimmt von Tag zu Tag zu! Die Kreditnot steigt ins Unermeßliche! Weite Kreise sind von jeglichen Barmitteln entblößt! Die Finanz und die Wirtschaft unseres deutschen Vaterlandes befinden sich in Händen einiger Finanzmagneten, welche dre Interessen des internationalen Großkapitals wahrnehmen! Es ist deshalb die höchste Zeit, daß sich besitzende und schassende Deutsche aller Stände zusawwenfinden, um dieser internationalen Wirtschaftsmacht ein Gegengewicht zu bieten. Nur so kann das von uns aus das Banner geschriebene Wort: „Deutschland den Deutschen!"' zur Tat werden, indem wir d uns auch wirtschaftlich Zusammenschließen gegen die Gefahr der Kapitalüberfremdung und indem diesem fremden, undeutschen Kapital das Kapital der deutschen Kaufleute und Bürger entgegengesetzt wird. In die vorderste Abwehrfront hat sich schon seit langem das in weiten, deutschen Kreisen bekannte Bankgeschäft Willi Drusz, Berlin-Wilmersdorf, * Brarrdsnbursrsche Strafte 69, gestellt. Als Vorkämpfer des Wiedererftarkens deutscher Macht und Größe sind wir um so mehr verpflichtet, mit diesem Bankhaus Schulter an Schulter den Wirtschaftskampf Zu führen, der allein uns den endgültigen Erfolg bringen wird. Wir können allen deutschen Freunden, denen die Stärkung des christlichen und des deutschen Kapitals am 'Herzen liegt, nur warm empfehlen, ihre sämtlichen bank- und börsenmäßigen Geschäfte durch genannte Firma erledigen ZU lassen. Günstige Bankbedingungen leihen allen deutschen Kreisen ihre Unterstützung. Insbesondere wird dem Kleinkapital durch Beteiligung an Kredit- und anteilmäßigen Effektengeschäften Gelegenheit geboten, auch die kleinsten Gelder nutzbringend anzulegen. Zur Realisierung nach heutigem Kurs unterbewerteter Effekten bedarf es in diesem Bankgeschäft nicht der Veräußerung, sondern es erfolgt eine dem jeweiligen Kurs angemessene prozentuale Gutschrift des Gegenwertes bei zeitgemäßer Verzinsung. Mitgliedern und Freunden unserer Bewegung, welche entfernter wohnen, wird der Verkehr mit unserer Bankverbindung Lurch regelmäßigen Botendienst innerhalb Wilmersdorf erleichtert. Nachdem auf diese Weise die Lebens- und Geschäftsinteressen unserer deutschen Volksgenossen in dieser schweren Zeit voll und ganz gewahrt find, muß uns als letztes Leitmotiv der Wille beherrschen, hierdurch dem Deutschtum und letzten Endes dem gesamten deutschen Vaterlande zu dienen. In diesem Sinne wollen wir zusammenstehen, und nachdem wir so den ersten Schritt zur wirtschaftlichen Befreiung getan haben, auch zur endgültigen Befreiung des deutschen Vaterlandes gelangen. Mit deutschem Gruß N a t i o n a l s o z r a l i ft i s ch e F r e i h e i t s p a r t e i . Vereinigte deutschvöMsche Freiheitsparter und Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei, Ortsgruppe Wilmersdorf. Ein zweites Rundschreiben folgte, und das Geschäft fing zu „blühen an — bis eines Tages der Krach da war. Die kleinen Sparer standen vor verschlossenen Türen, die Angestellten, die seit Monaten kein Gehalt bekommen hatten, verloren die letzte Hoffnung — eine Versteigerung des Banknrobiliars beendete das Wirren der Firma Willi Bruß. Daß ungefähr 14 00 0 Sparer um ihr Geld betrogen wurden, darunter gerade Angehörige des Mittelstandes und die „kleinen" Leute, die zu fördern sich die völkische Partei so sehr angelegen sein ließ, ist nichts spezifisch Völkisches, ebensowenig, wie die 1200 Strasanzeraen, die bei verschiedenen Staatsanwaltschaften gegen diesen Vorkämpfer für die wirtschaftliche Befreiung Deutschlands schweben. Auch die Flucht des Herrn Bruß in ein nicht ganz rassereines Sanatorium entbehrt der völkischen Originalität. Schwindler und Betrüger aller Rasten und Konfessionen, wenn sie über das nötige Kleingeld verfügen, verfahren nach demselben Rezept. Die „Befreiung des deutschen Vaterlandes" wird, wenn sie nur den Herren Bruß und Parteigenossen überlasten bleibt, ein wenig verzögert werden. Und daß diesem „ersten Schritt" so rasch ein zweiter folgt, ist nicht anzunehmen. Unser Urteil soll nun nicht dahingehen, daß Persönlichkeiten, wie Herr Bruß, den Durchschnitt des völkischen Parteimannes bilden, wiewohl im Sinne antisemitischer Ägitationsmethoden dieser Schluß naheliegt. Aber festzustellen bleibt doch, daß man rasserein, daß man sogar eingeschriebenes völkisches Parteimitglied sein kann — und doch ein Schuft. Leiche gegen Graefe. Zur Erklärung der Bayerischen Volkspartei. Der Führer der Bayerischen Volkspartei, Leicht, hat im Reichstage eine Erklärung zu Protokoll gegeben, die im Zusammenhänge der Abstimmungen zum Dawes-Gutachten gegen die Deutschvölkische Freiheitspartei gerichtet ist. Diese Erklärung lautet: Als einer der Abgeordneten, die für das Londoner Abkommen und die mit ihm verbundenen Gesetze gestimmt haben, erhebe ich schärfsten Protest gegen den von Herrn v. Graefe unternommenen Versuch, diesen Abgeordneten Mangel an Vaterlandsliebe und deutscher Gesinnung vorzuwerfen und sie dadurch in den Augen des deutschen Volkes zu verdächtigen. Ich erkläre einen solcher: Borwurf, wenn er im Ernst gemacht wurde, als eine schamlose Berleuurdmrg und als ein erbärmliches Mittel gemeirrer Verhetzung' Leicht- Mgeordneter. Recht so, daß sich die Bayerische Volkspartei kräftig ihrer Haut wehrt! Ob nun ihre Mitglieder und die anderen Rechtsparteien verstehen werden, wie es im Herzen eines jüdischen Deutschen aussieht, dem tagtäglich ohne ein Verschulden die schimpflichsten Vorwürfe des „Vaterlandsverrats" und der fehlenden „deutschen Gesinnung" entgegengeschleudert werden? Trifft es nicht die jüdische Mutter wie ein Peitschenhieb, wenn sie ihren gefallenen Sohn als „Drückeberger" und „Angehörigen des internationalen, vaterlandslosen Judentums" von den Krethi und Plethi der völkischen Versammlungen bezeichnen hört? Ist es nicht genau so „verleumderisch", nicht genau so „verhetzend", wenn statt eines Abgeordneten der Bayerischen Volkspartei irgend ein deutscher Jude, der redlich seine Pflicht tut, seinem Berus nachgeht, in dieser völkischen Manier beschimpft wird? Das Austreten der Völkischen im Reichstage hat auch ein Gutes: die Volksvertreter genießen völkische Methoden nicht mehr aus Zeitungen, sondern sozusagen am eigenen Leibe. Sie werden dann verstehen, warum wir uns gegen die unzähligen völkischen Angriffe und Verleumdungen zur Wehr bis zum letzten sehen. Mögen die Parteien von sich aus das ihre tun! Das Nstrsfskt. Für den Landesverband Kiel des völkischsozialenBlocks richtete ein Herr Ockel einen offenen Bries an das Konsistorium zu Kiel, in dem er gegen eine von diesem beabsichtigte Kollekte für die Judenmission Einspruch erhebt. Wie unsere Stellung zur Frage der sogenannten Judenmifsion ist, braucht nicht mehr dargetan zu werden. Erfreulich ist der Schluß, den man aus diesem offenen Brief indirekt ziehen kann, daß die Bemühungen, Proselyten unter den Juden zu machen, recht wenig Erfolg gehabt | haben. Außerdem ist bemerkenswert, wüs Herrn Ockel im Eifer des . Gefechts über die Kirche selbst entfährt. Er schreibt: \ „Genau so rat- und tatlos, wie die Kirche vor 40, 50 Jahren § der Arbeiterbewegung gegenüberftand, steht sie heute der völkischen J Bewegung gegenüber. Man kann anscheinend eher von einem Petrefakten Leben erwarten, als von einer Kirche. Anstatt sich auf ihre hohe Mission, Führer des Volkes zu sein, zu besinnen, läßt sie sich treiben und trottet in den ausgefahrenen Bahnen dahin." Die Kirche wird in dem Gefühl, an einer Ewigkeitsaufgäbe zu arbeiten, über diesen Ansall eines Mannes, dessen Partei Wirkung und Aufgabe aus Demagogie und Tages erfolg eingestellt hat, zur Tagesordnung übergehen können.