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Central-Verein-Zeitung · 1924-08-28 · 35 (28.8.1924) · p. Seite 523

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
35 (28.8.1924)
Date
1924-08-28
Page
Seite 523 (sequence 7)
Language
German
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Ein Zgpptifchss LVeisheitsbuch. ' Tuner Dr. Jacob j u n. Unsere Kenuü^jft von der Gesittung des orientalischen Altertums, das in der Religion Israels und dem Schrifttum der Bibel seine reichste Frucht getragen hat, sind neuerdings wieder durch eine Veröffentlichung von besonderem Interesse vermehrt worden. Der berühmte Berliner Aegyptologe A. E r m a n, der Verfasser eines schönen und auch für Laien lesenswerten Werkes über „Aegypten und ägyptisches Leben im Alterturn" hat vor einigen Wochen^) einen Papyrus des britischen Museums ins Deutsche übersetzt, der die Beachtung weiterer Kreise verdient, denen Bibel und jüdisches Altertum am Herzen liegen. Es handelt sich um ein W e i s h e i t s b u ch, wie uns schon andere aus dem ägyptischen Altertum bekannt waren. Der Verfasser war ein gewisser A rn e n - e m - o p e, „5t ornschrei - b e r Aegyptens und Oberster der Gerste" und lebte vermutlich in: 10. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, also alseinZeitgenosse Salomos. Salomo war ja der „weise" König, der sich nach der biblischen Erzählung von Gott beim Regierungsantritt nicht langes Leben, Reichtum oder das Leben seiner Feinde ausbat, sondern Weisheit, der das „salomonische" Urteil fällte, zu dem die Königin von Saba kam, ihn mit Rätseln zu versuchen, an denen sie seine Weisheit erkannte, und dem endlich das Buch der Sprüche „Mischte" und das Buch Kohelet, auch genannt „Prediger Salomos" Zugeschrieben werden. Salomo stand in reger Verbindung mit Aegypten; hatte er doch auch die Tochter eines Pharao geheiratet. Auf all das füllt durch die Kenntnis des ägyptischen Weisheitsbuches ein neues Licht; wenn wir dies mit der aus gleicher Zeit stammenden und ebenfalls ägyptischen „Weisheit des Ani" zusarnmennehmen, können wir sogar das Urteil der Bibel nachprüfen, daß „Salomos Weisheit größer war als die Weisheit aller Söhne des Ostens und als alle Weisheit Aegyptens"! (1. Buch der Könige, Kap. 5, Vers 10.) Amen-em-ope und Ani sprechen beide zu ihrem Sohne. Wir ersehen daraus, daß die Einlertungssormel des biblischen Spruchbuches: „Höre, mein Sohn ..." mehr ist als eine bloße Redewendung, daß solche Bücher wirklich im Anfang v ä t e r l i äye Ermahnungen waren, d ie der Jugend mit auf den Weg gegeben wurden. Und genau wie in der Bibel, halten auch diese beiden Väter es zunächst für richtig, den Wert ihrerLehrenins rechte Licht zu setzen. Sie sind ein „Vorratshaus des Lebens". Durch sie erfährt man, wie man „unter die Hofleute kommt", was wohl für einen rechten Aegypter das höchste Lebensziel war. Die Form der einzelnen Sätze ist die uns auch aus der Bibel geläufige des Parallelismus der Glieder, z. B.: „Neige dein Ohr und höre meine Worte Und setze dein Herz daran, sie zu verstehen? Der Ausdruck ist voll eigentümlicher Kraft und oft mit ursPrünglichenBildern geschmückt, die ägyptische Lokalfarbe atmen, z. B.r „Sage nicht, heute ist wie morgen; denn was wird das Ende davon sein? Ist morgen gekommen und heute vorüber, so ist vielleicht die Flut (des Nil) zu einer trockenen Stelle geworden, die Krokodile liegen bloß da und die Nilpferde stehen auf dem Trockenen." Oder: „Der Heiße (— Böse) im Tempel ist wie ein Baum, der im Walde gewachsen ist. Im Nu verliert er seine Aeste und er findet sein Ende im Hafenplatz. Er wird geflößt fernhin von feiner Stelle und die Flamme ist fein Grab. Der wahre Schweigende (— Gute) aber, der ist wie ein Baum, der in einem Garten wächst; er grünt und verdoppelt seine Früchte, er steht angesichts seines Herrn, seine Früchte sind süß und sein Schatten ist angenehm und erfindet sein Ende im Garten (d. h. man fällt ihn nicht)." Jeder Bibelkundige wird hier sofort an den ersten Psalm erinnert. Auch Salomos Ruhm bestand im Dichten solcher „Gleichnisse", deren er mehr als 3000 verfaßt haben soll. Inhaltlich steht die Weisheit Aegyptens auf einer hohen sittlichen Stufe. So sagt Amen-em-ope: „Sei nicht gierig nach einer Elle Ackers und greife nicht die Grenze einer Witwe an." „Besser ist ein Scheffel, den Gott dir gibt, als fünftausend in Unrecht." „Wirf dein Herz nicht nach Reichtum." „Werden dir Reichtümer mit Raub gebracht, so bleiben sie die Nacht über nicht bei dir. Sie haben sich Flügel wie die Gänse gemacht und sind gen Himmel geflogen." (Dasselbe Bild in der Bibel: Sprüche, Kapitel 23, Vers 15.) „Spalte dein Herz nicht von deiner Zunge ab." „Stelle die Wage nicht falsch." „Betrüge nicht einen Menschen im Gerichte." „Lache nicht über einrn Blinden und verhöhne nicht einen Zwerg." Oder Ani ermahnt: „Bleibe nicht sitzen, wenn ein anderer steht, der älter ist als du." Das wichtigste aber ist, daß wir in Aegypten schon eme leise Ahnung finden von dem innerenZusam menhang, der zwischen Sinnlichkeit und Gottes glaub en, Religion und Ethik besteht. Am mahnt seinen Sohn, auch nach ferner Heirat seine Mutter gut zu behandeln, „damit sie dich Onentalistische LiteralrrrzelLung Nr. 5. nicht tadele und nicht ihre Hände zu Gott erhebe und.er ihr Geschrei erhört." Bei Amen-em-ope ist falsche Rede und anderes „ein Greuel für den Gott". Gewicht und Maß wollen geachtet sein, weil sie eine Erfindung des Gottes Thoth sind. „Das Recht ist eine große Gabe Gottes." Der Spott über mißgestaltete Menschen wird getadelt, weil wir alle Geschöpfe Gottes sind: „Der Mensch ist Lehm und Stroh und der Gott ist sein Maurer ... er macht tausend Geringe nach seinem Belieben." Ja, er erhebt sich zu den Sätzen: „Gehe nicht schlafen, indem du voll Schrecken vor dem Morgen bist — wenn er tagt, wie ist dann das Morgen? Der Gott ist in seiner Vollkommenheit, während der Mensch in seiner Mangelhaftigkeit ist." „Du kennst Gottes Gedanken nicht und du siehst nicht auf den kommenden Tag. Setze dich in die Arme Gottes." Freilich sind diese „Weisen" Aegyptens noch weit entfernt vorn reinen Eingottglauben der Bibel und machen alle Absonderlichkeiten ihrer Religion mit. Sie glauben an Thoth in Assen- und Ibisgestalt, an den Sonnengott Ne und an Schai und Nenent, die Götter des Geschickes. Die S i t t e n s p r ü ch e Amen-em-vpes enthalten vielerlei pr ak t i s ch e L e b e n s r e g e l n, die nur für Kornschreiber, wie er einer war, Interesse haben, und zeigen den echt ägyptischen Knechtessinn dieses „Hauses der Knechtschaft". Er rät, einem Großen nur ja genug Ehre anzutun: „Ein Arm, der beim Gruße entblößt wird, wird nicht geschwächt, und ein Rücken, den man krümmt, wird nicht gebrochen." Es fehlt noch viel zur reinen M e n s ch l i ch k e i t u n d u n b e i r r t e n G e r ech t i g k e i t s l i e b e der Bibel. Aber immerhin ist soviel klar, das; Israel aus Aegypten m e h r Anregungen in religiöser u n d s i t t - licher Bezieh ung emPfangenhat, als man zuweilen annimrnt, eine Erkenntnis, die der Einzigartigkeit der biblischen Religion durchaus keinen Abbruch tut. Wir erhalten Ausschluß über das Alter mancher Formen, Begriffe und Bilder, wir bekommen eine Vorstellung davon, daß die Zeit Salomos literarisch sehr lebendig war, und wir gewinnen eine neue, eindrucksvolle Probe von der seit altersher im ganzen Morgenland heimischen „Weisheit". Segen und Auch. Betrachtung zum Wochenabschnitt. Für den modernen Menschen sind die Worte Segen und Fluch nur etwas Leeres und Konventionelles. Der Segen ist für ihn nur eine w e i h e v o l l e G e st e, der F l u ch eine temperamentvolle Aeußerung des Hasses. Wie er den Fluch nicht fürchtet, sondern ehe die hinter ihm sich verbergende Ohnmacht, durch die Tat zu schaden, verlacht, so glaubt er auch nicht, durch den Segen irgendwie in seinem Glücke und Wohlsein gefördert zu werden. Seinem auf das Reale gehenden Sinn ist Segen der Reichtum und Fluch die Armut. Der Mensch früherer Jahrhunderte, der sich noch ganz in der Abhängigkeit von dunklen und unerklärten Mächten fühlte, sah in Segen und Fluch etwas Geheimnisvolles und im Verborgenen Wirkendes. Die bloßen Worte des Segens und des Fluches, wenn sie von denen gesprochen wurden, die dazu berufen und berechtigt waren, wurden von ihm mit Freuden begrüßt oder mit Grauen gefürchtet. Er scheute den Fluch des Armen und ließ ihn nicht unbeschenkt von seiner Tür und fühlte sich beglückt durch seinen Segenswunsch. Er war des festen Glaubens, daß Segen und Fluch das Schicksal des Menschen in weitgehendem Maße beeinflussen könnten. Die Heilige Schrift nimmt zw ischeu diesen beiden Anschauungen eine gewisse Mittelst ellnn g ein. Segen und Fluch ist ihr zunächst etwas Innerliches, daß aber gewisse äußere Vorgänge zur Folge hat. Der erste Segen, welcher bei der Schöpfung dem Menschen zuteil wird, lautet: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und unterjochet sie. Die Vermehrung der Menschen und die Unterjochung der Erde durch sie können sowohl freudige als auch schmerzliche Empfindungen Hervorrufen. Der Segen begründet also nrcht das, was wir gewöhnlich Glück zu nennen pflegen, da wir uns das Glück ja nur mit Empfindungen der Lust verbunden denken. Der Segen für denMenschen besteht darin, daß er seine göttliche Bestimmung auf Erden erfüllt. Diese besteht in der Erhaltung seiner Art, in der Unterjochung und Ueberwindung des Irdischen. Also auch hier schon sehen wir, daß Segen Gehorsam gegen das göttliche Gebot bedeutet. Das ist auch der Segen, der im Haufe der Patriarchen von Vater auf Sohn übergeht. Sie sollen hüten den Weg des Ewigen, Recht und Gerechtigkeit zu üben. Dieser Segen wird dem Volke Israel vorgelegt mit den Worten: „Siehe, ich lege euch heute vor Segen und Fluch. Segen ist es, wenn ihr höret auf die Gebote des Ewigen, und Fluch, wenn ihr auf seine Gebote nicht höret." Vielleicht ist es gerade unsere Zeit, die auf der einen Seite wohl den Triumph des krassesten Materialismus geboren hat, auf der anderen Seite aber durch die schnelle Wandelbarkeit des äußeren Glücks die .Menschen zwingt, sich einen anderen Maßstab für das Glück zu suchen, dazu bestimmt, uns zu lehren, worin der wahre Segen besteht. Vielleicht werden wir uns zu dem Bekenntnis des Wersen durchringen, daß wir alles, was uns wahrhaft eigen sein soll, bei uns und in uns tragen müssen. Für den einzelnen Juden und für die jüdische Gesamtheit gibt es nur einen Segen, das ist der Gehorsam gegen Gottes Geoot, und nur einen Fluch, das ist der Ungehorsam. Hoffmanru

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