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Central-Verein-Zeitung · 1924-08-28 · 35 (28.8.1924) · p. Seite 522

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
35 (28.8.1924)
Date
1924-08-28
Page
Seite 522 (sequence 6)
Language
German
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522 Professor Ismar Elbogen. Dem Fünfzigjährigen und seinem W e x k e. Von Dr. Martin Salomonski. Man ist gewohnt, daß Huldigungen oft über das Ziel hinausschießen. Die Andeutung der Verdienste Elbogens in Arbeit und Leben, welche hier folgt, wird um so sachlicher gehalten sein, gerade weil der Schreiber dieser Zeilen nicht vergessen kann, was er ihm an treuer Fürsorge und Teilnahrne dankt. Das zwingt, dem bescheidenen Sinne des Jubilars zu entsprechen und nur zu erwähnen, was für jedermann seststeht. Ein Mann seiner Geartung liebt keine Fanfaren des Ruhmes und braucht sie auch nicht. Es ist charakteristisch für Elbogen, daß auch in seinen Werken seine Auffassung und sein Wille zum Durchbruch kommen, die Wissenschaft des Judentums zu Ehren und kraftvoller Geltung zu bringen. Was Zunz zu vollenden versagt blieb, hat er als Lebensmotto übernommen. „Mann der Rede und der Tat, hat er geschaffen und gewirkt, wo andere träumten und mutlos hinsanken." Das Hinwelken des jüdischen Bildungswesens und der Halbschlummer unserer Wissenschaft haben fast durch das ganze 19. Jahrhundert in Deutschland angedauert. Mochten auch einzelne Geister die niedergesunkene Fackel ihres Ruhmes leuchtend erheben, sie wandelten die Nacht der Unkenntnis und allgemeinen Teilnahmlosigkeit nicht zum Tage. Nur wenn die Krücken, welche fremde Gelehrsamkeit, ganz gleich aus welchem Lager, lieh, entbehrlich wurden und eine neue Generation deutscher Juden fest auf den Füßen stand und wissenschaftlich reif und mündig wurde, war noch Hoffnung. In diesem Bemühen hat Elbogen für sich den Entwicklungsgang angetreten und darum hat er auch Schüler geschaffen. Er hat frühzeitiger und vertiefter als jeder seiner Altersgenossen rabbinisches Wissen in umfassender Kenntnis erworben, er hat die furchtbare und geradezu lähmende Verödung aufgehoben, die sich nur dem Drill verschrieb und spärliche, gerade noch erreichbare Minimalsorderungen fetzte. Sein Fleiß, in dem sich die Tradition des Vaterhauses fortpflanzt, war immer groß und ist in den 25 Jahren seiner akademischen Wirksamkeit stets gewachsen. Elbogen war den Jahren nach noch ein Jünger, als er schon zum Meister an die klassische Stätte des Florentiner Rabbinerkollegiums berufen wurde. So war ihm schon im Anfang jene Autorität verliehen, die die Hagada dem bekannten, frühgereiften Eleasar zuteilt, und damals zeichnete ihn bereits das nun auch durch die Jahre erfüllte Wort der Vätersprüche aus: „den ehamischim le'ezoh —* Mit 50 Jahren gelangt der Mann zu klugem Rat." i.- Volle Entfaltung freilich wurde Elbogen erst gegeben, als das Kuratorium der Berliner Lehranstalt, die sich jetzt wieder ihres Titels „Hochschule für die Wissenschaft des Judentums" erfreuen darf, ihn auf eine Lehrkanzel berief. Durch allerlei ungünstige und auch tragische Umstände war damals die Wirksamkeit des Instituts auf die Stufe der Stagnation herabgesunken. Es galt neu aufzubauen, und, um weiter im Bilde zu sprechen, diese Aufrichtung war so schwer, wie gerade wir nur es heute richtig verstehen können. Das Schülermaterial war knapp, spröde und ganz uneinheitlich, Disziplinlosigkeit war eingerissen und mußte bekämpft werden, und vor allem galt es, den Lerneifer von Grund auf neu zu erwecken. So kam es, daß auch die Schüler, deren nicht wenige in den Jahren des neuen Dozenten, ivenn nicht älter waren, es ihm nicht leicht gemacht haben. Aber mit welchem Erfolge hat Elbogen alle diese Schwierigkeiten überwunden! Nicht nur sein fesselnder Vortrag, die demonstratio ad oculos für die talmudkundigen und vielleicht — stolzen fremdlän-dischen Hörer, daß ein junger deutscher Jude als ihr Meister sich erwies, nein, ebenso sehr seine Feinfühligkeit im Verkehr, der Mangel jeglichen Hochmutes verbündeten ihm die Herzen. Er erwarb sich jene höhere Liebe, die Vertrauen heißt, und bald gab es keinen, der ihm nicht verpflichtet war. Die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums hat Elbogen viel zu danken, denn es gab kaum ein Gebiet des umfangreichen Lehrstoffes, das er nicht beherrscht oder in dem er sich nicht erfolgreich betätigt hätte. Neben seiner Wirksamkeit als Historiker hat er in den talmudischen, biblischen und sprachlichen Fächern mit gleich großer Sachkunde und Gründlichkeit, wie in leichtfaßlicher sind verständlicher Methode doziert und seine erstaunliche Vielseitigkeit, die sich nicht minder außerhalb des Auditoriums erweist und aus seinen Arbeiten spricht, offenbart. Elbogen ist nämlich ein ungewöhnlicher Kenner vieler Materien, er versteht sich aus die Dinge und auf die Menschen und, um etwas ganz Nebensächliches, aber in dieses Blatt Gehöriges einzuflechten, es ist außerordentlich anziehend zu beobachten, daß dieser gelehrte Mann auch Politisch sehr versiert und Lebenspraktiker in jeder Beziehung ist. Damit hängt wohl zusammen, daß er sich aufs glücklichste stets von den Extremen ferngehalten hat und dem Radikalismus abhold ist. Darum ist auch feine Persönlichkeit, so sehr er seiner eigenen Ueberzeugung getreu bleibt, in allen Lagern gleichmäßig geachtet. Nicht nur in der deutschen Heimat! Schon lange vor dem Kriege war man draußen in der Welt, besonders in England und Amerika, aus Elbogen aufmerksam geworden, und als die schwere Nachkriegszeit der Wissenschaft scharfe Not und unbillige Drangsal auferlegte, hat er als Pionier die Brücken zum gerecht denkenden Ausland geschlagen und deutscher Geistesarbeit in den Vereinigten Staaten Achtung und Ehrfurcht neu gewonnen. Seine Schätzung drüben wird am ehesten bewiesen durch den lebhaft geäußerten Wunsch, Elbogen dauernd zu fesseln, aber so verlockend dieses Angebot, nicht etwa nur materiell, klang, es hat ihn nicht veranlaßt, seinem Wirkungskreise in Deutschland untreu zu werden. Diesen festen Sinn und überhaupt seine Uneigennützigkeit rechnen ihm alle besonders hoch an, und um so inniger ist unser Wunsch, Elbogen möge seine volle Kraft der Wissenschaft des Judentums in Deutschland noch viele Jahre weihen! Nicht nur der Wissenschaft, nein auch den Bezirken der ganzen jüdischen Öffentlichkeit! Ein so durchgebildeter Mann auf hoher Warte, dessen Kapazität mit der Arbeit sich mehrt, der überall im gesamten Bildungs-, Logen- und Vereinsleben als unentbehrlicher Helfer gefordert wird, tat unserem.kleinen und bedrängten Kreise not. Die deutsche Judenheit braucht Männer, die immer emsig Werbt Tttitgliedee! Jeden ßdifäe Qeutfdje geljott in den £enteal*Veeem+ und unverdrossen wirkliche Werte schaffen und doch wie Elbogen immer Zeit haben! Deshalb ist er uns unentbehrlich. Es ist nicht die große Gewandtheit allein, die ihm bei so vielfacher und verschiedenartiger Arbeit zu statten kommt. Mehr noch als die geistige Beweglichkeit und unerkünstelte Anteilnahme an allen Fragen, mögen sie auch nicht immer gleichbedeutend sein, ist Elbogens Einschmiegen in die Mentalität der Umwelt beachtlich und die Beherrschtheit, mit beschwingter Kürze und herzlichem Wohlwollen, mit echter Wärme zum Frommen der Allgemeinheit die Dinge zu fördern und nie mit dem Antriebe, recht zu haben oder groß dazustehen. Ja, er ist wirklich frei von Hochmut, und. an seiner Bescheidenheit könnte mancher, der nur im Glänzen Talente entwickelt, sich ein Beispiel nehmen. Dann stünde es besser um uns! So ist Elbogen, um alles auf eine Formel zu bringen: „isch ascher mach bau — ein Mann, in dem Geist lebt", aber seine Begabung, sein Können sind ihm nicht in den Schoß gefallen, er hat alles in sich hineingetragen und ehrlich die mühsamen Früchte wissenschaftlicher Erkenntnis zur Reife gebracht. Ganz wie er es in seinem Gedenkvortrage auf Ludwig Philippson^) ausgesprochen hat, können wir es daher auf ihn selbst anwenden: „Ein Menschenfreund und ein kraftvoller Mann", und ähnlich dieser Persönlichkeit wird er auch von den Zeitgenossen bewertet. Möchten seine vielen Freunde auch seine wissenschaftliche Bedeutung würdigen, indem sie seine Werke lesen und schätzen lernen, von denen neben der allgemein bekanntgeworden-en „Geschichte der Juden"2), insbesonders der volkstümlich geschriebene „Gottesdienst und die synagogale Poesie^) weiteste Verbreitung verdient. Die engere gelehrte Welt dankt ihm stets seine „Studien zur Geschichte des jüdischen Gottesdienstes"^), in denen er, über die primitiven Ergebnisse der Forschung weit hinausgreifend, dem synagogalen Kult und zumal dem heiligen Versöhnungstage erhabensten Glanz erschlossen hat. Ich lese dieses Buch oft und ich kann es nie ohne Ergriffenheit lesen, es erfüllt mich mit Andacht, und so wird es vielen gehen! Möge es Professor Elbogen an der Seite seiner treuen Lebensgefährtin und umgeben von seinen Kindern und Schülern vergönnt sein, in friedvollem Glücke weiter zu schaffen und den Segen seiner Arbeit zu schauen! Darin münden zum 1. September auch die Grüße des Central-V-ereins, dem er in Selbstlosigkeit zur Seite steht und für den ich an dieser Stelle aufrichtige Wünsche entbiete, . *■) Dr. I. Elbogen: ,/Ludwig Philippson>-Vortra.g", Leipzig 1912. 2) Dr. I. Elbogen: „Geschichte der Juden" bei V. G. Teubner, Leipzig 1919. 3) Dr. I. Elbogen: „Gottesdienst und shnagogale Poesie", Frankfurt a. M. 1914. 4) I. Elbogen: „Studien zur Geschichte des jüdischen Gottesdienstes", Berlin 1997,

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