Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 35 (28.8.1924)
- Date
- 1924-08-28
- Page
- Seite 520 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Die GberMlesier-Run-gebung in Serlin. Knstakt Zu -en Nachwahlen in Schon lange vor Beginn der Kundgebung des Central-Vereins zu der: Reichstagswahlen rn Oberschlesien ist der B e ch st e i n - Saa l bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Ruf erging besonders an die in Berlin wohnend en jüdischen Ob er s chl esi e r — und fte alle, alle kanten, um w>ei.t über die Grenzen der Provinz bekannte Landsleute, deren Namen ein Programm bedeuten, zu hören. Auch ans Oberschlesien selbst waren zahlreiche Freunde hergereist, mit der Versammlung beiznwohnen, u. a. bemerkte man Herrn Badrian aus Gl ei Witz. Mit Andacht und Begeisterung lauschten sie den Reden über das Thema: „D i e W a h I e n i n O b e r s ch l e s i e n — e i n W e g w e i s e r s ü r g a n z D e u t s chlan d." Selten wohl hat eine Veranstaltung des Central-Vereins einen so sichtbar Liefen Eindruck auf die Zuhörer geinacht, wie die. oberschlesische. Als der Vorsitzende des Central-Vereins, JustizraL Dr. Brodnitz, den Oberschlesiern dankt, sieht man manche Träne der Ergriffenheit in ernsten Zügen gereifter Männer. Ein deutscher Abend im besten Sinne des Wortes! Rabbiner Dr. Braunschweiger (Oppeln) begrüßt als Vorsitzender des L a n d e s v e r b a n d e s O b e r - sch'lesien die erschienenen Oberschlesier und alle, die durch ihre Anwesenheit ihr Verknüpstsein und ihre Anteilnahme am Geschicke Oberschlesiens beweisen. Diese vielgeprüfte Provinz des Deutschen Reiches hat im letzten Jahrzehnt mit besonderer Stärke die Leiden des Vaterlandes empfunden. Schon bei beginn des Krieges sei die Gefahr eines Russen ein falles und das lLchicksal Ostpreußens drohend gewesen. Bei Kriegsende hat der Versailler Vertrag Oberschlesien restlos den Polen zngesprvchen und nur in hartem Ringen ist die Abstimmung erreicht worden. Der Redner erinnert an die schweren Besetzung sjähre, die das jetzige Sehnen der westlichen deutschen Brüder nach baldiger Befreiung besonders verständlich machen, und an die erhebenden Tage der Abstimmungszeit, i n denen alle Deutschen O b e r sch l e s i e n s treu in gleicher Weise zur Hei m a t st a n d e n. Schon damals Jegte sich langsam die innere Zerrissenheit, die dann in den Polenaufständen und besonders später das häßliche Gift der Jndenfeindschaft in die friedliche Bevölkerung Oberschlesiens hineintrug. Dem schönen Geist der Einheit in den früheren Leidensjahren steht nunmehr die innere Zwietracht und maßlose Entfesselung der Leidenschaften gegenüber. Wenn auch vielleicht mit Wahlen im ganzen Reich zu rechnen ist (Bei Schluß der Redaktion war das Abstimmungsergebnis über den Dawes-Bericht noch nicht bekannt. Schriftleitung), so hoffen wir doch, daß diese dem Reiche erspart bleiben, und lieber will Oberschlesien den verschärften Kampf allein tragen. Er i st und bleibt aber ein Wegweiser für ganz Deutschland. (Lang-anhaltender Beifall.) Der erste Vorsitzende des Central-Vereins JustizraL Dr. Brodnrtz führte in eindrucksvollen Worten etwa aus: Der heutige Tag, an dem wir drei führende Männer aus Oberschlesien vereint mit vielen alten, treuen Oberschlesiern begrüßen, ist für uns ein Tag der Freude und der Genugtuung, geeignet, uns zu stärken in dem Optimismus, den wir als schönstes Erbe von unseren Vätern übernommen haben. Die Zeit vor dem großen Kriege und n a ch ihm unterscheidet sich auch bei uns dadurch, daß wir vor dein Kriege ein Programm aepred i gt und während des Krieges, wie auch nach dem Kriege, ein Programm erlebt haben. Als unser armes Vaterland zusammensirach, da wurde unsere Liebe und Treue lebengestaltendes Erlebnis. Ich erinnere mich oft und gern des Tages, an welchem unser Vertreter in Posen bei uns war, um diejenigen Schritte zu beraten, die wir den Juden in Posen empfehlen sollten. Wir hielten es damals für unsere Pflicht, ihm zu sagen, daß es für uns leicht sei, unseren Glaubengenossen im entrechteten Posen von hier aus Rat zu erteilen. Wir könnten aber hierfür die Verantwortung nicht übernehmen. Die Posener Juden, die ihre Haut zu Markte tragen müssen, müßten auch aus Eigenem ihre verantwortungsvollen Entschließungen fassen. Unsre Posener Juden wußten, was sie zu tun hatten. O h n e R ü ck s i ch t a u f d i e G e f ä h r d u n g rhres Lebens und ihres Vermögens waren sie die Bannerträger des Deutschtums und sind auch entsprechend dafür von den Polen belohnt worden. Nicht einer hatte auch nur einen Zweifel daran, daß er nicht anders leben könne, denu als Deutscher. Das wahre positive Programm des Central- Vereins „um Deutschtum und Judentum" wurde Leben. Als in Oberschlesien die gleiche Frage unter gleichen Schwierigkeiten austauchte, wurden wir nicht einmal erst um Rat gefragt. Offen und unter Einsetzung der ganzen Persönlichkeit trat jeder oberschlesische Jude für das Deutschtum ein. Dort gab es keine Leisetreterei. Man wußte freilich, was den Vorkämpfern für das Deutschtum blüht, aber man handelte, geführt von Männern, wie wir sie heute begrüßen dürfen, unter dem Gefühl der Notwendigkeit, welche jede große sittliche Tat auszeichnet. Dank hierfür unseren o b e r s ch le s i sch e n Glaubensbrüdern! Wer Kulturarbeit treibt, muß darauf verzichten, Wechsel mit kurzer Frist zu präsentieren. Unsere Freunde haben nicht um Oberschlesien am 21. September. Dank und Lohn gehandelt. Dank und Lohn ist ihnen bisher auch versagt geblieben. Aber gerade darum reichen wir mit besonderer Innigkeit unseren Glaubensbrüdern in Oberschlesien die Hand und geloben, zu ihnen zu halten in der schweren Zeit, die ihnen beschieden ist. Wir Juden sind geadelt durch unsere Einstellung, die im Dienste großer Ideen nicht mit Tageserfolgen rechnet, sondern in Ewigkeitswerten verankert ist. Das heldenhafte Auftreten u n s e r e r ob er s ch l e s i s ch e n G l a u b e n s b r ü d er wird nicht nur in der Geschichte nicht vergessen werden. Die Früchte dieser Arbeit werden reifen für euch, ober schlesische Glaubensbrüder, und für uns. Euer Kampf sei deshalb unser K a m p f. (Stürmischer Beifall.) Oberrabbnrer Dr. Kopfstein (Beuthen), mit kantein Beifall empfangen, entbietet als ein in Oberschlesieen alt Gewordener der Versammlung seinen Gruß. Man muß diese oberschlesische Bevölkerung kennen, dann wird man es verstehen, wenn! ich sie begrüße mit dem Worte „Pierunje." Wenn man mich fragt, was dieses vielsagende Wort, ins Deutsche übertragen, heißt,' dann will ich unter Verzicht aus jede tiefere etymologische Untersuchung, aber Ihnen allen verständlich, sagen: „Das weiß ich selber nicht." M a n b raucht a b e r n u r d u r ch die Straßen z u gehen, dann lernt man seine vielfache Bedeutung kennen. Leidvoll und freudvoll, liebend und kosend, schimpfend und fluchend habe ich es drei Jahrzehnte laug nur von der angenehmen Seite kennengelernt. Wenn der Schnaps stärker war als der Zecher, und dazu gehörte schon eine ganze Menge, dann kam nur ein Laut aus der verbrannten Kehle, der eine Ton „Pierunje". Und wenn er dann auf dein Nachhauseweg friedlich eine Straßenlaterne um rannte, dann brachte er nur noch einen Ton hervor: „P i e r u n j e!" Beim Anblick langentbehrter Freunde ertönt dieser Ruf freudig, sehnend, aber trenn er in Wut gerät, grollend dröhnend. Der Oberschlesier ist ein guter Mensch, die Bevölkerung, arbeitsam, treu und bieder. Wegen der bedauerlichen Vernachlässigung des Ostens durch die Zentralbehörden in Berlin hat er in seiner Kulturentwicklung mit dem Westen nicht Schritt gehalten. Aber trotzdem ist der Oberschlesier unverdorben, ohne Haß; er liebt seine Heimat und seineLandsleute, Christen wie Juden. Der Selbstschutz, dem Oberschlesien viel zu verdanken hat, setzte sich aus allen Konfessionen zusammen. Bei L e s ch n i tz , A n nabe r g, in der Nähe von K a n d r z i n u. a. känipsten Juden und Christen, sielen Christen und Juden für die Heimat. Ich nenne nur einen, Cohn, weil er aus meinem lieben Beuthen stammte und weil wohl bei seinem Namen selbst der wildeste Antisemit sein Judentum nicht bezweifeln wird. Damals kannte man keine Unterschiede. Die Zeiten haben sich geändert, aber wenn wir zurückblrcken in die Geschichte, so werden wir finden, daß sich ähnliche Vorgänge wie hier auch in früheren Zeiten bereits ereignet haben. Im 1. Jahrhundert n. Ehr. unter der Negierung des Kaisers Caliguka verschafften sich ähnliche lügenhafte und verleumderische Gerüchte gegen die Juden Geltung wie in unseren Tagen. Der Grammatiker A P i o n verdächtigte damals die Judenheit, indem er behauptete, die Juden beteten in ihren Tempeln einen Eselskopf an. Wahrscheinlich ist die Erklärung dieses blödsinnigen Gerüchts darin zu suchen, daß Apion bei seinen Besuchen im Tempel einen Metallspiegel mit sich führte und dann im Spiegel einen Eselskopf sah, nämlich seinen eigenen. Dieser Ap ionspiegel scheint sich heute bei uns in Deutschland vervielfältigt zu haben, denn wir haben heute in Deutschland viel antisemitische Eselsköpfe Damals verstand der Grammatiker Apion die alexan-- drinische Bevölkerung zur Ermordung der Inden aufzuhetzen. Tagelang wüteten Mord und Brand unter den Juden Alexandriens. Vergeblich bemühte sich der berühmte Philosoph Philo bei Ccrligula persönlich für seine Glaubensgenossen. Die Entwicklung der Geschichte unserer Bedrückungen nahm damals ihren Anfang. So wiederholte es sich bis heute, bis zu den allerjüngsten Tagen der völkischen Heerschau in Weimar. Nicht handgreiflich grob genug kann d i e V e r l e u m d u n g sein, sie findet Nachahmer. In seinem berühmten Buch „Das Martyrium der Juden im Mittelalter" schildert der christliche Naturforscher Schleyden den religiösen und sittlichen Tiefstand der An greiser und den stolzen, von tiefstem Ernst und stolzem sittlichen Gerst erfüllten Sinn der Angegriffenen. Was haben die Juden damals getan und was haben die Juden nun heute zu tun? Zunz bezeichnet die Gesamtheit der Juden als Märtyrer und nennt dre jüdische Geschichte eine Tragödie. Aber in der jüdischen Tragödie geht der Held nicht unter, denn mannhaftes Heldentum kann niemals untergehen. Sie blutet und wird getreten, die Judenheit, aber nie zertreten. Damals suchten die Juden ihr Menschenrecht zu erkaufen be: Fürsten und Kaisern. Den Schutz Kaiser Rudolfs II. erkauften so die Juden gegen hohe Summen. Ost wurden sie geschmäht und verleumdet, besonders der berüchtigte Konvertit Paul de Burges bezichtigte die Juden der schlrmmsten Verbrechen, immer wieder wurden sie gezwungen, ihre Menschenrechte zu erkaufen. Als sie aus Spanien vertrieben : werden sollten, boten die Juden Ferdinand V. 500 000 Goldgulden.