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Central-Verein-Zeitung · 1924-08-28 · 35 (28.8.1924) · p. Seite 519

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
35 (28.8.1924)
Date
1924-08-28
Page
Seite 519 (sequence 3)
Language
German
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„Juden und Deutsche find dasselbe." In Polen — aber nicht in Deutschland. Unter der Ueberschnst „M erkwürdi g e Zustä n.d e i n Bad Jastrzemb" bringt die „Kattowitzer Zeitung" vom 20. August d:,e Zuschrift eines Ka-Ltowitzers Mitbürgers: „Da meine Frau seit längerer Zeit trank und erholungsbedürftig ist, reiste sie dieser Tage zur Wiederherstellung nach Bad Jastrzemb. Sie suchte dort den Badearzt, Herrn Leiocha, auf, um sich für ihre Kur die nötigen Anweisungen geben zu lassen. Als sie ihren Namen angab, warf dieser Arzt den Federhalter mit den Worten fort: „I ch behandle keine I üben." Auf meine Beschwerde bei dem Besitzer des Bades erklärte dieser, daß er keine Juden ausnehme. Juden und Deutsche seien d a s s e l b e." Eine kleine Zuschrift, die blitzartig die Unwahrhastigkeit der ju den sei üblichen Kampsesweise i n D e u t s ch k and besuchtet: die Juden haben Obe rechtesten „verraten", pk Polen bedienen sich in ihrem Kampfe gegen die Juden vergifteter Waffen, die sie dem Arsenal der deutschen Völkischen entnommen haben. So können die Deuts,chvölkisehen die Wirkung ihrer Kampfeswoijsie am eigenen Leibe spüren. Was sie nicht bestimmen wird, Einkehr zu halten. Verleumde nur immer . . . Die „Deutsche H andels-W ach t" an der Arbeit. Als nach dem Rathenan-Moird auf die unheilvolle Rolle hrnge-- wiesen wurde, die Herr Afred Roth, der Vorsitzende des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes, gespielt hatte und als dabei erwähnt wurde., daß Herr Roth zu den Führern des „Deuts ch - nationalen Handlungsgehilfe n-V e r b a n d e s" gehörte, hat sich der D. H. V. hiergegen in entschiedener Weise verwahrt. Run scheint aber die Persönlichkeit des Herrn Roth für ihn wieder maßgeblich geworden zu sein, denn sein offizielles Organ, die „Deutsche H a n d e l s - W a ch t", bringt im Briefkasten ihrer Nummer vom 23. Juli eine Mitteilung von unerhörter Verlogenheit, deren wesentlicher Teil auf die Angabe des Herrn Alfred R o t h -alias Otto Arnim zurückzuführen ist. Es verlohnt sich, die Notiz in ihrem vollen Wortbaut zum Abdruck zu bringen. - ,,Es sind nicht 12 000 deutsche Juden im Weltkrieg gefallen, sondern genau 5827, d. h. nicht ganz 1 Prozent der jüdischen Bevölkerung Deutschlands. Von der eingeborenen deutschen Bevölkerung sind 1 800 000 oder rund 3 Prozent gefallen. Man kannden jüdischen Zahlen gar nicht mißtrauisch genug gegenüber sein. So wurde im Reichsbundestag am 13. Juli 1843 von einem Redner behauptet, daß in den Befreiungskriegen auf preußischer Seite 6000 Juden gefallen seien. Nachher stellte das Militärwochenblatti fest, daß nur 731 Juden den Krieg mitgemacht hätten! Schon gleich nach Beendigung der Freiheitskriege sprengte ein jüdischer Schriftsteller das Märchen aus, bei Waterloo seien 55 jüdische Offiziere gefallen. Dabei hattie die ganze preußische Armee in dieser Schlacht nur -insgesamt 24 Offiziere verloren. — Schwindel stets und überall. — Der Jude Landau wußte, was er sagte, als er äußerte: ,Jch habe Gelegenheit gehabt, in das während des Krieges gesammelte Material Einsicht zu nehmen. Eine Veröffentlichung dieses Materials würde dazu geführt haben, daß man die Juden ans oer Straße tot-geschlagen hätte.'" Es ist unerhört, daß das Organ eines Verbandes, der behauptet, von r ad au antis em i t isch en Tendenzen entfernt zu sein, trotz der zahllosen Veröffentlichungen' über diese F r a ge n e s w agt, unzäh l i ge Male widerlegte Lügen erneut auszuwärmen. Die Broschüre von Oppenbeimer „Die Judenstatistik des Preußischen Kriegsministeriums", die statistische Arbeit von Segall: „Die deutschenJuden im Kriegei914/18" haben nachgewiesen, daß die Zahl 5827 für den Zeitpunkt, zu dem man sie ermittelte, vielleicht zutreffend gewesen sein kann, daß aber seit diesem Zeitpunkt, nämlich seit dem Jahre 1916 bis zum Schluß des Krieges, gerade die schwersten Kämpfe mit ihren hohen Verlusten stattfanden. Das Ergebnis der Segallschen Untersuchung, daß 12 000 deutsche Juden den Heldentod gestorben sind, ist unwiderleglich. Was die zweite Behauptung anbelangt, wonach auch der Anteil der Juden an den Befreiungskriegen in lügnerischer Weise übertrieben worden fetz so muß dem entgegengehalten werden, daß die Unterlage, die die „Handels-Wacht" als Quelle angibt, von typisckMntisemitischer Genauigkeit ist. Im R e i ch s b u n d e s t a g hat es keinen jüdischen Abgeordneten gegeben. Von jüdischer Seite also konnten die Zahbenangaben nicht gewacht werden. Dagegen verschweigt das völkische Gewerkschaftsblatt, daß nachden amtlichen Notizen in demselben „Militär-Wochenblatt 70Prozent der jüdischen Soldaten 1813 s r e i w i 111 g i n da s Heer eingetreten find. Die preußischen Juden haben also sofort, nachdem ihnen die Emanzipation völlige Gleichberechtigung im Vaterlande gegeben, sich mit ihrem Leben freudig für das Vaterland eingesetzt. Nun zur dritten Beschuldigung. Die Redaktion der „Deutschen Handels-Wacht" liest die „C. V.-Zeitung". In Nr. 15 (Beilage Wissen — Waffen S. 12) hat folgende Notiz gestanden. „Der Fall Landa u. Zum Kapitel„JüdifcheDrückebergerei"bchaupteten und behaupten antisemitische Schriften: In einer zionistischen Versammlung rm Lehrervereinshause zu Berlin habe der Zionist Landau gesagt: „Wenn das Material der ,,Judenzählung" von 1916 veröffentlicht worden wäre, hätte man die Juden auf der Straße totgeschlagen." Dazu hat die Zionistische Vereinigung feftgestellt: Nicht ein Herr Landau, sondern Leo,Bernstein, nicht Zionist, sondern unabhängiger Sozialist, hat in der fraglichen Versammlung geäußert: „Ich habe während der Novemberrevolution verschiedentliches antisemitisches Material zu Gesicht bekommen; darunter befand sich auch solches über das angebliche Verhalten der Juden im Kriege. Wenn dieses Material veröffentlicht worden wäre, wäre es wohl zu Pogromen gekommen." Unsere Broschüre „ A nti - A n t i", die in über 10 000 Exemplaren verbreitet wurde,, ist-ohne Frage der „H a n v e l s - W a ch t" bekannt. Sie enthält auf Blatt 33 die gleiche Feststellung: Die gesamte B r i e ft a st e n n o t i z der „Deutschen Handels- Wacht", die übrigens in demselben Wortlaut in vielen anderen antisemitischen Blättern übelster Art gestanden hat, ist also nichts anderes al§ eine einzige Verleumbun g. Die Zeengrotten von Saatfeld» Erstaunliche geographische Kenntnisse des „Fridericus". Der „F r i d e r i c u s", der mit seinem erlauchten Paten nur den Zeitungskvpf gemein hat, entrüstete sich in seiner Nummer 29 darüber, daß die Feengrotten bei Saatfeld einem „sehr geschäftstüchtigen j ü d i s ch e n U n t e r n e h m e r in die Hände gegeben" worden seien, der gegen ein außerordentlich hohes Eintrittsgeld die naturhungrigen Besucher schröpfe. „Dem Volke sind infolge dieser teuren Preise die Feengrotten natürlich verschlossen. . . . Vielleicht revidiert die zuständige Aufsichtsbehörde einmal diesen Vertrag. Möglich daß daun der Stadt Saatfeld so reichliche Mittel zusließen, daß sie ihren arg verwahrlosten Friedhof, auf dem bekanntlich die beiden Deutschen Fischer und Kern, die den Minister Rathenau erschossen, begraben Liegen, besser in Ordnung halten kann." Die „S a als e l d e r Volks z e i t u n g" stellt hierzu fest, daß alle Behauptungen des „Fridericus" Punkt für Punkt erlogen sind. Vor allem ist der Besitzer kein Jude, und von einer Verwahrlosung des Friedhofes könne gar nicht die Rede sein. Die Falschmeldung des „Fridericus" ist immerhin noch damit zu entschuldigen, daß er von seinem Gewährsmann falsch unterrichtet worden sei. Daß aber die Schriftleitung Saal eck, wo die beiden Rathenau-Mörder begraben liegen, mit Saatfeld v e r w e ch - sielt, das ist immerhin peinlich, und leider kann man den Herren vom „Fridericus" nicht den Trost geben: Geographie schlecht — Gesinnung gut. Die Wernigeroder Urteilsbegründung. Eine verdiente Zurechtweisung. Am 6. Mürz d. I. hat der Amtsgerichtsrat Dr. Beinert in Wernigerode bei der Verhandlung gegen einen völkischen Hetzer — unsere Leser kennen die Vorgänge aus Nr. 14 vom 3. April — seiner „Objektivität" dadurch Ausdruck verliehen, daß er bei der Urteilsbegründung erklärte, das deutsche Volk erkenne mehr und mehr, daß das Judentum die schwerste Schuld au unserem Unglück trage, und das erfaßten immer weitere Kreise. An einen Aufstieg unseres Volkes sei nicht zu denken, wenn nicht die Macht des Judentums gebrochen würde. Sogar die Besten unseres Volkes teilten diese Anschauung. Auf eine daraufhin an den Herrn Landgerichtspräsidenten in Halber st adt gerichtete Beschwerde hat dieser wie folgt geantwortet: Der Landgerichtspräsident. Halber st adt, den 19. August 1924. Auf die Eingabe vom 26. März 1924 gereicht Ihnen folgendes zum Bescheide: Nach den Ermittelungen ist als festgestellt angesehen, daß Herr Amtsgerichtsrat Dr. Beinert bei seiner Urteilsbegründung in den Sätzen über den Einfluß des Judentums die Gedanken anderer wiedergegeben hat. Diesen Ausführungen hat er dann in den Worten: „sogar die Besten unseres Volkes teilen den völkischen Gedanken" ein eigenes Vorurteil über die Ziele der Deutsch-völkischen Partei angeschlofsen und damit die erforderliche Zurückhaltung in der Kundgebung eigener politischer Anschauungen bei der Erfüllung der dienstlichen Obliegenheiten beiseite gelassen. Im Dienstaussichtswege ist das Erforderliche veranlaßt. I. D.: gez. Ger t u n g. Der vorausgeahnte Herr Härtels. Eine Gottfried-Keller-Erinnerung. Herr Professor Adolf Bartels, der seine literarkritische Tätigkeit mit dem Reagenzglas für Blutproben ausübt und glaubt, hierin orginell zu sein, irrt sich, wie gewöhnlich. Ein Größerer als er, Gottfried Keller, hat den Typ geschaffen, dessen ausgeprägtester Vertreter heute Herr Bartels ist. In seinen „Leuten von Seldwyla" charakterisiert Keller in der Erzählung „Die mißbrauchten Liebesbriefe" die Erscheinung, wie Literaten übelster Art durch ihr Cliquenwesen Einfluß auf die Literatur ihrer Zeit zu gewinnen suchen und ängstlich darüber wachen, daß nur ja kein begabter Schriftsteller zur Geltung käme. Keller schildert ein Zusammentreffen dieser Edelmänner, die sich gegenseitig mit Lobhudeleien bis in den Himmel heben und dann dazu übergehen, alle diejenigen, die nicht zu ihrem Kreis gehören, herunterzureißen. „Kein Schandtat gab es, die ihnen nicht Zugeschrieben wurde, und der Refrain war schließlich bei jedem ein trocken sein sollendes: »er ist übrigens Jude!', worauf es im Chore ebenso trocken hieß: »ja, er soll ein Jude sein!'" Es ist zwar von Herrn Bartels nicht zu verlangen, daß er als völkischer Literaturprofessor Keller gelesen hat, denn, da dessen Rassenreinheit außer Frage steht, wird es ihm wertvoller sein, seine Forschungstätigkeit verdächtigen Autoren zuzuwenden. Denn kennte Herr Bartels diese Erzählung von Keller, so würde er ihn mindestens für jüdisch verdächtig erklärt haben.

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