Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 35 (28.8.1924)
- Date
- 1924-08-28
- Page
- Seite 518 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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513 Mischen Glaubens wollen die katholische Lehre und Kirche näher kennen lernen. Ich wüßte allerdings nicht, welche andere Religion für einen Bekenner der mosaischen, bei der wunderbar einzigartigen Verflochtenheit der beiden, mr Punkt vitalsten Interesses wetteifern könnte mit der katholischen Religion." 2. Katholische unv jüdische Religion in ihrem - grundsätzlichen und heutigen Verhältnis. „Keine Religion steht dem Judentum so wurzelhaft und durchgeführt nahe, wie die katholische, und keine andere hat für die Kirche einen so fundamentalen Wert, wie die Synagoge und deren Heilige Schriften. Unser „Heil kommt von den Juden", und unser Christus ist „Gottes und Davids Sohn", Vater Abraham „unser aller Glaubenspatriarch", unsere Kirche das messianische Reich in einem übernatürlich realen Vollsinn, wie ihn keine andere Konfession verwirklicht. „Moses und die Propheten" bleiben in einem solchen Maße die Unterlagen des Baues unserer Kirche, daß man sagen kann: sie steht und fällt mit ihnen. Sie steht indessen, mtb sie wird me fallen, so wenig wie „auch nur ein Iota oder ein Häkchen im Gesetze Mosis vergehen soll, bis der Himmel und die Erde vergehen, bis alles wird geschehen sein". Das ist die katholische Lehre. Israel ist der Träger der göttlichen Offenbarung an die Welt, und an dieses auserwählte Bundesvolk Jehovahs schließt sich die positive Erziehung des gefallenen Menschengeschlechts für Gott und Gottes Reich aus Erden, für die Kirche an. Israel ist so wertvoll vor Jehovah, daß er „nicht vergessen kann den Bund seiner Väter, den er ihnen geschworen hat". Die Synagoge darf nach seinem Welt- und Heilsplan bleiben bis ans Ende der Zeiten, bis letztendlich ex utrogue unnm, aus beiden eins, aus dem Bundeszelt und dem Kirchenfelsen die Vollendung wird. So wird „ein Hirt und eine Herde werden". „Bis die Vollzahl der Heidenvölker eingegangen sein wird, wird auch Israel gerettet werden." Denn „Gott hat alle im Unglauben verschlossen, um an allen Erbarmen zu üben". Diese Heimkehr Israels zum Christus bahnt die höchste Siegesära der Kirche an, in welcher Israel den Primat empfängt. Jahrhundertelang hat man gegen die katholische Kirche gekämpft, ohne daß das Judentum getroffen wurde. Inzwischen haben Verneinung und Zersetzung die Fundamente angegriffen. Jetzt wird auch das Judentum getroffen. Der Kampf der neuzeitlichen Kritik geht nicht mehr um Lehrsätze und Einrichtungen der Kirche, nicht einmal mehr um Christus an sich. Der Kampf geht heute um die offenbarungsgeschichtlichen Grundlagen vor allem, um das Gut und Erbe Israels: um seine Heiligen Schriften, die wir die des Alten Bundes nennen, um seinen welterhabenen Einzigeinen, um seine Weltmissiou, sogar um seine natürliche Ehre. Das. Judentum wird zu einer bloßen Rasse, und zwar Zu einer verächtlichen Rasse herabgewürdigt, sein Gott zu einem Volksgott neben vielen anderen, seine Sendung in ihr Gegenteil verkehrt. Genau das ist heute der Kampf der Kirche: ihre Feinde sehen im katholischen Christentum nichts anderes als vollendetes Judentum. Die Sache der Kirche und die Sache des Judentums sind in eins zusammengefallen. Die Kirche steht für die Göttlichkeit des Alten Testaments ebenso absolut ein wie für die des Neuen. Der Kirche ist das Judentum nicht irgendeine beliebige Rasse — ein Begriff, auf den sie geringen Wert legt, den sie in seiner modernen Ueberspannung Zum arischen Privileg verwirft, denn Gott ist „reich in allen", die Menschenantlitz tragen —, sondern das Volk des Messias, der Prophet der geoffenbarten Wahrheit und der Apostel der messianischen Gnade an alle Nationen. Der Gott der katholischen Kirche ist der eine wahre „Gott der Lebendigen": dasffst „der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs", zu dem ihr Christus sich bekennt. Ihr erhabenstes Merkmal, ihre einheitliche Allgemeinheit, radiziert in der jüdischen Auserwählung als dem geschichtlichen Grund und Boden der fortschreitenden Katholisierung aller Erdenvölker von innen heraus, nämlich im einen Messias aller. Ist Abraham nicht „zum Vater vieler Völker gesetzt vor dem Gott, der ins Dasein ruft was nicht ist", sind „durch ihn" nicht „gesegnet alle Geschlechter der Erde, so ist auch sie nrcht deren Mutter." 3. Die Kirche urrd der vulgäre Antisemitismus. „Aus dieser urgefchichtlich verankerten Streit- und Leidgememschast, die heute aktueller als je geworden, beruht es, daß Kirche und Synagoge einander näher rücken. Man irrt nicht mit der Annahme, daß das intellektuelle Judentum sich dieser Zusammenhänge wohl bewußt wird und sich danach emrichtet, indem es intimere geistige Fühlungnahme sucht. der heutigen Zeit der ausartendsten Nationalismen in Europa gibt es für das Judentum keine bessere Rückversicherung als bei der Kirche, die es nie dem materialistisches Rassensumps einer aberwitzigen Modetheorie Preisgeben kann; bei der Kirche, die es vielmehr dem Ideal seiner heilsgeschichLlichen Weihe und Würde zurückgibt und in die lichte Höhe der Offenbarungsreligion hebt; bei der Kirche, deren Kinder in jedem frommen Juden einen Verehrer des wahren Gottes und Zeugen der Messiashoffnung sehen und ihm deshalb' nicht nur Toleranz, sondern auch eine Art religiöser Scheu entgegenzübringen geneigt sind. Keine Institution auf (&xbm ist so frei von Zeitkrank- , beiten, wie die Kirche. Nichts aber, die Geschichte der Juden beweist es, wird ihnen so gefährlich, als eine kranke ZeiL.1 Bald zweitausend Jahre alt, kennt die Kirche sich und die, Welt, sie zeigt Freiheit und Majestät gegenüber allem, was die Jrrtümer und Leidenschaften des Tages bringen. Im Rahmen dieser Gedankengänge erübrigt es sich eigentlich, vom zeitigen Antisemitismus zu reden. Turmhoch, nein,! himmelhoch steht die Kirche über ihm. Sie sieht und ehrt im Judentum den Sem, den Offenbarungsstamm der Menschheit,' von dem es im Segen Noahs heißt: „Gepriesen sei Jehovah, der ' Gott Sems" —- wie könnte sie vom Standpunkt der Religion oder Nasse antisemitisch sein? Sie verwirft das moderne Rassenido! als ungöttlich, unchristlich und unmenschlich/ und jeder Rassenkamps, namentlich auch der gegen das Judentum, wobei die Fehler einzelner gewöhnlich zum Fehler aller! gemacht und, wie eben jetzt in einem Verfassungsausschuß, die. allgemeinen Menschenrechte in Frage gestellt werden, ist ihr ein Brudermord. Die Kirche ist nicht gegen, sondern für die Juden, wie für! jeden Menschen, und das im Mittelalter hie und da vorkom-' mende, aus gutem Glauben damaliger Art verständliche Be-', streben einiger Richtungen, den „Schleier" von den Augen! Israels gewaltsam zu heben, berührt nicht im mindesten das theologisch-jurisdiktionelle, auf Schrift und Tradition basierte- Verhalten der Kirche, das durch zwei Jahrtausende gewahrt und bewährt ist. Die katholische Kirche ist die einzige Macht aus Erden, die das berechtigte Zutrauen zu sich hegen darf/ aus Grund ihrer übernatürlich messianischen anziehenden und verklärenden Organisation die oft sehr spröden Widerstände in den verschiedenen, immer nur naturhasten Nationalismen der Völker, namentlich auch im Stammvolk der Offenbarung, zu überwinden und zu harmonischen Kräften und Diensten \m Bau des Gottesreickres umzubilden." 4. Praktische Gegenseitigkeit. „Es ist daher im Geist der Kirche, das, was das Judentum an Gutem leistet, nicht nur anzuerkennen, sondern auch rnittätig zum allgemeinen Besten zu verwenden. Besonders die kulturelle und religiöse Erneuerung, die sich im deutschen Judentum wie überall bei uns zeigt, verdient alle Beachtung. Man sagte früher oft von Werken katholischer Literatur, mochten sie noch so bedeutend sein: catholica sunt, ergo non leguntur. Von dem volksspaltenden, ebenso blinden wie gewalttätigen Hochmut, der nur sich selbst kannte und wollte, hat man sich inzwischen etwas erholen gelernt. Mehr noch gilt die Klage bei Mdischen Geisteserzeugnissen: sie werden oft genug, weil jüdisch, nicht gelesen. Wie wenige kennen den genialen Ravbiner, Theologen und' deutschen Sprachmeister Michael Sachs, wie wenige den größten jüdischen Denker unserer Epoche, Hermann Cohen, Mb seine drei Bände „Jüdische Schriften"! Oder, um von Jüngeren zu reden, wie wartet doch die vorzügliche, sachreife Apologie der „Josephserzählung" von dem Frankfurter Rabbiner Dr. Jakob Horowitz (Frankfurt, I. Kaussmann, 1921) förmlich darauf, für Apologetik und Exegese nutzbar gemacht zu werden! Und Franz Rosenzweig, deutschungsmächtig wie Herder, hat in seinem Buch „Sechzig Hymnen und Gedichte des Jehuda Halevi, Deutsch" (Konstanz, Oskar Wöhrle, 1924) eine Deutschungstat vollbracht, die in unsere Uebersetzungsweltliteratur eingefügt werden müßte. Auch sonst sind vielen von uns das Wesen des heutigen Judentums, seine Familienkultur, seine Frömmigkeit und Wohltätigkeit ein allzu unbekanntes Land geworden, das wir erst fleißig zu entdecken und zu besuchen haben. , Das sind nicht bloße Theorien, das sind keine blassen Philosophumena, was ich hier sage: es sind Dinge von Aktualität, Drnge von religiös-politischer Wirkungsfülle, die ihrer Natur nach schon morgen zu politischen Wirklichkeiten, Aufgaben und Arbeiten werden können. Freudig begrüßen wir daher den schönen Erfolg, den die katholischen Vorträge für Nichtkatholiken errungen haben, indem sie eine gute Zahl intellektuell und nationalökonomisch ansehnlicher Mitglieder der Kölner Judenschast für die Weisheit und Gnade der katholischen Religion interessierten."