Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 34 (21.8.1924)
- Date
- 1924-08-21
- Page
- Seite 509 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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509 die Rinder. Betrachtung zum Wochenabschnitt. Bevor der Weltkrieg alle Ergebnisse der modernen Kultur in Frage stellte und auch den Blockade-Säuglingsmord als erlaubte Waffe erzeugte, nannte sich unser Jahrhundert mit Stolz das Jahrhundert des Kindes. In Vereinen und Versammlungen wurde eine umfassende Fürsorge für das Kind gepredigt. Der Luxus der Reichen stellte sich nicht mehr bloß aus die Wünsche der Erwachsenen ein, er erfand eine Fülle neuer Bedürfnisse und Forderungen für das Kindesalter von der Wiege bis zur Reise. Hatte man bisher nur aus die gute Kinderstube gesehen, so mußte jetzt das Zimmer des Kindes, seine Kleidung, sein Spiel auch hygienisch und ästhetisch den weitestgehenden Ansprüchen genügen. Auch für die Kinder der Armen wurde durch Einrichtung von Krippen, Kindergärten und Kinderhorten mit großer Opferwilligkeit gesorgt. Der Ausnützung der Kinder durch gewerbliche Arbeit, durch übertriebene Ansprüche der Schule wurde durch gesetzgeberische Maßnahmen vorgebeugt. Und auch heute, wo man daran geht, die schweren Wunden der Kriegszeit zu heilen, stehen die Maßnahmen für die Kinder an erster Stelle. Indes, wer auf den Kern der Dinge steht und sich nicht durch die großen Schlagworte und Phrasen der Volksbeglücker blenden läßt, der erkennt leicht, daß diese ganze große Bewegung für das Kind nur eine Kulisse rst, hinter der unsere moderne Zeit ihre Schwäche verbirgt. Sie soll uns darüber hinwegtäuschen, daß die Stätte, an welcher die alte Zeit ohne viel Reden und Veranstaltungen schlicht und pflichtbewußt sür das Kind sorgte, nämlich das Elternhaus, in schnödester Weise versagt hat. An seine Stelle traten alle diese Bereinigungen und Bewegungen, die im letzten Grunde doch nur Surrogate sind und bleiben müssen und das Elternhaus nicht ersetzen können. Unsere jüdische Religion insbesondere hat durch eine Summe von Gesetzen, Vorschriften und Bräuchen die Eltern nicht nur durch allgemeine theoretische Lehren, sondern durch eine Fülle praktischer Maßnahmen dazu angehalten, sür das leibliche und seelische Wohl der I u g e"n d zu sorgen. Sie kann in dieser Hinsicht mit Recht die Religion des Kindes genannt werden. Es bedürfte einer ganzen Abhandlung, um darzutun, wie unsere Sabbate und Feste und die Mehrzahl unserer religiösen Symbole dazu angetan sind, neben dem großen Ideengehalt, den sie den Erwachsenen bieten, stark und nachhaltig auch auf die Seele des Kindes einzuwirken. ( „Und du sollst sie schreiben aus die Pfosten deines Hauses und auf deine Tore, auf daß sich mehren eure Tage und die Tage eurer Kinder aus dem Erdboden, den der Herr geschworen hat, euren Vätern zu geben, w-i-e die Tage des Himmels' über der Erde." Das freie, mutige, offene und rückhaltlose Bekenntnis, wie es das alte, jüdische Haus durch die Mesusoh an feiner Pforte ablegte, war die sicherste Bürgschaft für das Glück und die Lebensdauer von Eltern und Kindern. Daß Kinder die Eltern ehren sollten, mußte feierlich ausgesprochen werden. Daß aber die Eltern sür ihre Kinder sorgen sollten, war eine so selbstverstündliche Voraussetzung der jüdischen Psyche, daß sie gar nicht erst erwähnt zu werden brauchte. Solange die Tage des Himmels über der Erde waren, solange in Israel dre von Hrmmelshöhen geosfenbarte Forderung alle irdischen Verhältnisse und Beziehungen regelte und beherrschte, so lange blieb auch die Harmonie zwischen Eltern und Kindern ungestört. Erst als man anfing, den Himmel zu leugnen, und die Forderungen und Ansprüche des Irdischen allein die Welt der Menschen regierten, da fing jene breite, schier unüberbrückbare Kluft an sich aufzutun, welche die Kinder den Eltern entfremdete und die Generationen in zwei Lager teilte. Wenn uns aus diesem Wirrwarr Rettung und Heil werden, wenn wir auf eine Erlösung von den Leiden der Gegenwart hoffen sollen, so muß als Vorläufer einer solchen Erlösung der Geist wieder erwachen, der das Herz der Väter den Kindern und das Herz der Kinder den Vätern zuwendet. Die Augen unserer Kinder müssen wieder lernen, den Himmel offen zu sehen. Der Himmel muß wieder die Erde beherrschen. Dann werden sich unsere Tage und die Tage unserer Kinder wieder mehren, und eine heilvolle Zukunft wird uns allen erblühen. Hoffman n. Moltke und üie Völkischen. Eine Zuschrift. Die VöMschen bewegen sich offenbar auf falscher Fährte, wenn sie die geistig Größe eines Moltke nach vielen anderen Mißerfolgen in ihre Sache einzuspannen veichuchm. Man '-liefe' nur Moltkes Schriften und vergleiche sie mit den Erzeugnissen eines Ludendorff. Hier interessiert in erster Linie Moltkes Stellung z n m Judentum e. In ibieini Artikel „Moltke, ein Professor und die Völkischen" wurde schon ausgeführt *), Moltke legte selbst Wert darauf, daß Ausdrücke, die er als junger Leutnant über polnische Judengebrauchte, in den späteren Ausgaben seiner Werke gestrichen wurden. Ich möchte mm wahllos Aussprüche Moltkes über die Juden und die jüdische Religion bringen, die den „U e b e r >t e u t s ch e rt" sagen sollten, daß man im S i nn e M o l tfe§ nur über Dinge redet und schreibt, die man genau kennt und zu beurteilen vermag. In seinen „B riesen ans der Türke i" im Jahre 1837 schreibt Moltke gelegentlich einer Reise, die er als Hauptmann in der UmMbung des Sultans machte: ,Liwks Paradierten die Griechen mit Loirbeerzw eigen, dann die Armenier mit Wachskerzen imli> endlich die armen verhöhnten und gemißihandMen Juden, die Wer etwas vor dom Hunden aber hinter dem Pferde rangieren." Glaubt Professor Siegismund, daß jemand, der sich in.eine völkische Geistesrichtung verirrt hat, so schreiben würde? An anderer Stelle zitiert Mottle eine Rede des Sultans: „Ihr Griechen, Ihr Armenier, Ihr Juden seid. alle Diener Gottes und mnm Untertanen so gut, wie die Moslems. Ihr seid verschieden im Glauben, aber Euch alle schützt das Gesetz und mein kaiisorlicher Wille." Hierzu bewerbt Moltke: „Obwohl viel daran fühlt, daß in der Ausübung schon überall Gerechtigkeit ausgeübt würde, so ist doch das Prinzip anerkannt, und das ist schon immer sehr viel; die Gewalt der Umstände wird das übrige tun." Nur wer andauernd durch die Pcrrteibrille sieht und die besondere Intelligenz seiner Anhänger kennt, wird feststell'en können, daß Moltke „die Judenfrage im Grunde genommen genau so aufsaßtre lote die Völkischen". In demselben Buche findet sich weitem folgende Stelle: „Die christliche Religion war im Orient irr der Tat zu einer Art Götzendienst herabgesunken, als sie dem neuen Glauben erlag (dos Mohammed), welcher die Lehre vonder Einheit eines lsichsten, rein geistigen Wesens aus dein .ursprünglichen Christen- und Judentums hinülbovgenommen und zur Grundlage gemacht hatte: ,Allah il Allah! Es gibt nur einen Gott!'" Auch hier möchte ich die „Deutschgläubigen" fragen, ob sie „von der Einheit eines höchsten rein geistigen Wesens aus dem Christen- und Judentums entnommen" sprechen dürfen. In seinen „Trostvedanken über das irdische und Zuversicht auf das ewige Leben" sagt Moltke: „Ueberhaupt, sollte nicht jedes fromme Gebet, möge es nun an Buddha, an Allah, -oder Jehova gerichtet fein, an denselben Gott gelangen, auße-r dem es ja keinen gibt?" „Nun sagt uns die Schrift, wir sollen vor allein Gott lißXiens, ein unsichtbares, uns völlig unfaßbares Wesen, welches uns Freude' und Glück, aber auch Entbehrung und Schmerz bereitet. Wie können wir es anders, als indem wir feine Gebote befolgen und unsere Mitmenschen lieben, die wir sehen und verstehen." Handelt danach, Ihr Völkischen! Walther W a ch s m a n n. *) Siehe Nunnner 33 dieser Zeitung. Was ist Ramogen? Ein nach Vorschrift von Geh. Rat Prof. Dr. Biedert, ehedem Mitglied im früheren Kaiserlichen Gesundheitsamt, stark eingedicktes Sahneprodukt, das bei schwächlichen Kindern und Erwachsenen geradezu aussergewöhnliche Erfolge erzielt. ©Ta FhBIhN DIE DEUTSCHE UJERT-ZIGRRETTE