Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 34 (21.8.1924)
- Date
- 1924-08-21
- Page
- Seite 507 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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507 Nationalsozialistischer Parteitag in Weimar. Die Herrschaft der Phrase- Die Nationalsozialisten haben mit dem Zeitpunkt ihres Parteitages Pech gehabt. Denn die ernsthafte Presse hatte ihre Spalten mit Berichten und Erwägungen über die Londoner Konferenz gefüllt, von deren Verlauf die ruhige Fortentwick. lang der Verhältnisse in Deutschland äbhänqt. So blreb für die Berichte aus Weimar nur Platz auf der dritten Seite. Aber die durch den Raummanbel erzwungene Konzentration scheint einen wertvollen Gewinn für die Beurteilung der völkischen Bewegung zu bilden. Denn der Phrasen entkleidet, trat der Kern dessen, was die Führer in ihren Referaten zu sagen hatten, mit erfreulicher Deutlichkeit hervor. Nach den Meldungen der TageZpresse können wir in unserer Zeitung darauf verzichten, die einzelnen Referate und Referenten aufzufü'hren. Sie waren alle da, die Feder, D i n t e r , Bartels, Reventlow, No send erg und die kleineren Götter, alle um L u d e n d o r s f gruppiert, der seine Rede sicherheitshalber ab las, der aber auch aus dem Stegreif wiederholt das Wort ergriff, wie beispielsweise nach dem Referate von Reventlow, zu dem er bemerkte: „W i r hätten st a t t Beifall die Fäuste ballen sollen". Nach der grammatischen Formulierung dieser Zwischenbemerkung ist zu vermuten, daß Herr Ludendorfs für sie kein Manuskript Vorlagen hatte. Die Sehnsucht nach dem recht deutlich geschriebenen Wort scheint auch in dem Initiativantrag Ludendorsss eine Rolle zu spielen, wonach alle in der völkischen Bewegung zusammengefaßten Deutschen das Wort „Deutsch" f ünftrg groß z u schreiben sich verpflichteten. Es ist nicht verwunderlich, daß dieser Antrag, wie alle übrigen, „angenommen" wurde, denn abgestimmt wird in dieser Partei nicht, deren unbedingte Führung der Reichsführerschaft zu erkannt ist. Graf Reventlow hatte in seinem Referate über „Weltpolitik" die so bequeme Feststellung getroffen, daß s ch it l d a nt Weltkrie g da s Judentum sei. Damit ist also der berüchtigte Schuldparagraph des Versailler Diktats endgültig durchstrichen. Bemerkenswert ist bei diesem Referate noch die Annahme einer umfangreichen Entschließung, in der es zu Beginn heißt, daß die Anhänger der völkischen Bewegung die Annahme des Da'wes^Plans für das deutsche Volk als nicht bindend anerkennen und die mit der Durchführung dieses Abkommens betrauten ausländischen Persönlichkeiten als Frevler an der deutschen Selbständigkeck und Freiheit betrachten, für deren persönliche Sicherheit diese Volkskreise auch keinerlei Garantie übernehmen. Eine merkwürdige Vorstellung vom Wesen des Staates, die sich in diesen „Beschlüssen" kundtut: Jede Partei schafft sich 'innerhalb der staatlichen Grenzen einen „Privat"staat mit eigener Außenpolitik, eigenen Strafgesetzen nsw., und mag der eigentliche Staat darüber in Trümmer gehen — wenn das Prinzip völkischer Weltanschauung nur gewahrt bleibt. Immer wieder muh man mit Bedauern seststellen, daß ein Mann von fo großen militärischen Verdiensten! wie Ludendorff für alles das seinen Namen vergibt. Von den anderen Referenten ritt jeder sein altes Steckenpferd. Herr Professor Bartels berief sich auf Goethe und Fichte, die sich dagegen ja nicht mehr wehren können, und gab eine neuartige Definition des Begriffes „Freiheit": „Ich kann das verd a m nr t e Wort F r e i h e i t nicht mehr hören und wünschte, e s käme endlich einer, d e r uns mit dem Knüppel auf den Kops h aut." Dinter hatte seine Platte aus dem thüringischen Wahlkampf ausgelegt und wetterte gegen die gottverfluchte Satanspart esi, das Zentrum. Herr Feder Plädierte für volle Auswertung aller Schulden, und so blieb die Stimmung angeregt bis zum Schluß, wo die Worte nicht mehr benötigt wurden und die Beine in Aktion traten zu einem einstimmig ausgeführten Parademarsch. Hieran schloß sich keine Diskussion. Um der Chronistenpslicht zu genügen, sei noch vermerkt, daß ein Teil der Beratungen in geschlossener Sitzung vor sich ging. Es besteht also die Möglichkeit, daß die geistig wertvollen Weußerungen unter Ausschluß der Oesfentlichkert erfolgten. Wahrscheinlich wollte man e i n e n falschen Eindruck nach außen vermeiden. & r Von einem langjährigen christlichen Leser unseres Blattes wird uns zu den Vorgängen in- Weimar geschrieben: Der „Berliner Lokalanzeiger" berichtet in seiner Sonntagsnummer vom 17. d. M. im Hauptb-latt auf Seite 2 über den natlonalfozialistischen Parteitag in Weimar unter anderem folgendest Verlause sprach Graf Reventlow über die „Weltpolllrk der letzten zwanzig Jahre. Seine Rede bewegte sich in scharf antrsemrtlschen Gedank-engängen und brachte schwere Ausfälle gegen dre Republik." Ferner: „Die Nachlmittagsvorträge, Ibe sich rnit kulturellen.Fragen beschäftigten, .sowie der Vortrag Frick über dre nanonalsozr'alrstrsche Fraktion im Parlament finden wiederum unter Ausschluß der Dessen tlichkeit statt." Bei der Lektüre dieses Berichtes kam mir unwillkürlich in den Sinn, was Dr. Albert Schwegler in seiner „Geschichte der Philosophie" in dem Abschnitt über die Scholastik S. 164 und 465 über die kulturelle Bedeutung der Juden sagt, indem er ausführt: >,Die Bekanntschaft des Abendlandes mit Aristoteles wurde durch die Araber und Juden vermittelt." Und Seite 166: „Von den Juden sind besonders hervorzuheben.' Salomon ibn Gabirol (Alvicebron, geb. 1620), MaimonideS (1135—1204), und GerfonideS (geb. um 1288)." Ferner auf derselben Seite.- „Di» Juden waren es, die durch lateinische lieber sehun gen die arabische Philosophie und Aristoteles in die christliche Webt einfuhrten." Ferner auf derselben Seite: „Mt der Aufnahme der aristotelischen Realphtlosophie beginnt der Glänzpunkt der Scholastik." Die christliche Kirche, die immer noch von dem Gedankengurt Aristoteles^ zehrt, hat es den Juden nicht vergessen, welchen Dienst sie ihr getan haben durch Vermittelung seirrer Philosophie. S« strebt bis auf den heutigen Tag in den Bahnen jenes' großen Heiden, „Glauben und Wissen" zu Nutz und Frommen' der Zweifler in Ein!- klang zu bringen. Anders die „christlichen" Herren Nationalsozialisten auf ihrer Weimarer Tagung. Oder ob sie bei Ausschluß der Oeffentlichkeit verhandelten, was sie bei Schwegler über d« Juden und ihre kulturelle Bedeutung gelernt haben? # Von Interesse sind auch folgende Ausführungen des Herrn Generaloberarzt Dr. Reumann: Wie schnell doch Worte ihren Sinn verändern können. Es braust wie mit einer Elementarmacht daher, es ist wie eine Seuche. Wir Deutschen haben endlich entdeckt, daß wrr völkisch sind! Völkisch das heißt doch: das Volk betreffend,' es ist -also em neuer Name für deutsch, für national. Und heute ist das Wort völkisch von der gleichen Bedeutung wie antisemitisch. Die Völkischen pfeifen nur eine Melodie: „Iudento d". Als ob das fo einfach wäre, als ob damit das Vaterland gerettet wäre. Da gibt es in Berlin und anderswo Judenfamilien, die seit nahezu dreihundert Jahren eingesessen sind. Sind das keine Deutschen? Auf die Parole Antisemitismus kann man doch keine Partei gründen! Nun sagen diese Völkischen, sie seien keine Partei, sie haben kein Programm, sie seien eine Bewegung. Wohin soll diese Bewegung treiben? In das Zwecklose und Uferlose? Solche Dinge müssen ja an ihren Extremen zugrunde gehen. Der Antisemitismus der Völkischen' ist derart radikal, daß er selbst den D e u t s ch n a t i o n a l e n Zuviel wurde, die doch schon reichlich antisemitisch sind; ganz in den Hintergrund sind von der völkischen Bewegung die Alldeutschen gedrängt. Sie machen jetzt auch ihre Politik, wahrend sie dies früher verneinten. Die waren alldeutsch, das heißt einseitig deutsch eingestellt. Die Völkischen sind politische Kinder: 90 Prozent der „Partei" bestehen aus Leuten unter 25 Jahren, und ich verstehe es nicht, wie ein reifer Mann sich dahin verirren kann. Ich verstehe auch nicht, wie der Feldherr Ludendorsf zu. Hitler kam. Hitler muß doch auf ihn einen hypnotisierenden Einfluß gehabt haben, und nun soll von da aus die Rettung -des Vaterlandes kommen? Dieser Nationalsozialismus ist gar nicht völkisch. Er ist so undeutsch wie nur möglich, er ist ein Kunst Produkt. Die Völkischen haben nur eine Nummer auf der Walze. Non irgendwelchen positiven Zielen ist keine Rede. Ich frug neulich einen Völkischen, wie er sich denn nun die vielumstrittene Lösung der Juden- .frage - denke. Er antwortete ausweichend. Die Völkischen bedenken nicht, wie sie durch ihr Vorgehen der nationalen Sache schaden, denn völkisch sind wir alle. Ganz richtig kann man die Völkischen als die Nechtskommunisten bezeichnen. Denn sie zerstören die völkische Einheit. Wennetwas die ^antisemitische Bewegung der Lächerlichkeit zu übergeben geeignet ist, so ist es die Arbeit der Völkischen. Man hätte sich doch aus dem Ausgang des Ahlwardtisrnus ein Beispiel nehmen sollen. Aber was kümmert die Jugend die Vergangenheit! Sie stürmt darauf los, und dann ist es die Ausgabe des Alters, den Hemmschuh einzulegen. Wir wollen alle die Befreiung des Vaterlandes von den Fesseln, auch 'der deutsche Jude will das. Aber das geht nicht so, wie die Völkischen sich das denken. Wir haben doch kein Geld und keine Waffen, und mit Knütteln können wir die Franzosen nicht aus dem Lande jagen. Darum Geduld, ihr Völkischen. Ich kann nicht mal den Mut bewundern. Denn was ist das für ein Mut, wenn lediglich mit der einen Phrase gearbeitet wird. Die Völkischen müssen noch viel lernen. Was sie bis jetzt getrieben haben, ist nicht deutsch, ist nicht christlich und ist nicht brüderlich. Das Wort völkisch muß zunächst einmal seine, alte Bedeutung wiedererlangen. Ein Volk sein, hat Paul de Lagarde gesagt, heißt eine gemeinsame Not empfinden. Hier sollten wir Deutsche alle zusammenstehen. Groß-0er!iner MSgüeöer! Dienstag, den 2 6. August 19 24, abends 8 Uhr, rm Be ch stein-Saal , Linkstvaße 42, am Potsdamer Platz, unter Vorsitz von Rabbiner Dr. D. Braunschweiger, Oppeln Große Kundgebung: «Dberschlefiens Mahlkampf — ein Wegweiser für ganz Seutschkanü" Ansprache: Justizrat Dr. Brodrritz, 1. Vors, des C. V. Hauptredner: Oberrabbiner Dr. Kopfstein (Beuchen), Rechtsanwalt Dr. Knstig (Gleiwitz). Eintritt nur für Mitglieder und durch diese eingeführte Gäste. Einladungskarten sind vorzuzeigen. Central-Derein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Justizrat Brodnitz, 1. Vorsitzender.