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Central-Verein-Zeitung · 1924-08-21 · 34 (21.8.1924) · p. Seite 506

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
34 (21.8.1924)
Date
1924-08-21
Page
Seite 506 (sequence 2)
Language
German
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506 bebenken, baß nicht nuv ber schwere Stoß, den die eigene Würde und das eigene Kraftbewußtfein erfahren haben, abzureagieren ist, sondern daß überdies gerade von den Volkselementen, die heute am lautesten das „Haltet den Dieb" schreien, die Erinnerung an allerlei persönliche Taten und Verhaltungsweisen zu versenken sind, die man am besten bei der wilden Verfolgungshatz hinter dem Gegner drein unvermerkt hinter sich fallen laßt. Das wildeste Derfolgungstempo verrveht am besten die Peinliche Spur. Wenn von den drei eben genannten, in dieser Hinsicht heute durch das gleiche Los zusammengeführter Schicksalsgefährten der Jude den schwersten Stoß zu erleiden hat, so ist der Grund hierfür leicht erkennbar. Wo der Massenwahn sich entzündet, wird alles Denken und Urteilen primitiv. Im normalen Verlauf bereits überwundene BewußtseinsZustände treten wieder an die Oberfläche. Nun ist gerade, trotzdem warnende Mahnungen von mancher Seite erfolgten, von den Juden in der Vor- . kriegsZeit allzufehr übersehen worden, in welchem Umfange ein grobschlächtiger, gänzlich unreflektierter Antisemitismus noch heute der normale Geisteszustand des deutschen Spieß-- bürgers ist (und leider ist diese Kategorie bei uns besonders ausgiebig durch die ganze gesellschaftliche Breite gelagert), von dem sich der einzelne: erst verstandesgemäß oder erlebnis- Haft abzulösen hat, was nur relativ wenigen gelingt, wenn die besonnene Einzelmeinung in der kochenden Massenpfhche versiedet. Gegenüber den zugehörigen Stammesgenossen, selbst wenn sie als Republikaner und Sozialisten vielfach nur als degradierte und zweitrangige Volksgenossen angesehen wurden, war man immerhin zu einiger Maßhaltung verpflichtet. Um so zügelloser aber konnte sich das drängende Entla st ungs begehren den „landfremden Juden" gegenüber austoben, durch deren Anschwärzung man die eigenen Fehler reinwusch. Je würdeloser sich die Lage darstellt, in die man durch Schicksalszwang Hineingetrieben wurde und durch eigene Ungeschicklichkeit sich hmeinmanöveriert hat, desto lauter ertönte die Wucht der Anklage. Die wahren Schuldigen zu erkennen und zu verfemen, hätte eine umfassende Analyse des gesamten Zeitbestandes, mithin viel Objektivität und zeitliche Distanz erfordert, was alles nicht Vorhanden .war. Eine erschöpfende, profefsorenhaft gründliche Darstellung über die Schuld an unserer gegenwärtigen Lage hätte mindestens auf 20 „ismen" (Rationalismus, Imperialismus, Nationalismus, Protektionismus usw.) zurückgeführt. Solch lehrhafte Abstraktheit haftet natürlich nicht in der nach Anschauung und sinnlich gedrungener Vorstellung verlangenden Mafsenseele. Der Jude ist an allem schuld, das hat den nicht zu überschätzenden Vorzug einer unübertrefflichen Plastizität. Uralter Fremdenhaß verschlingt sich in dieser Forme! in einer verhängnisvollen, aber überaus wirksamen Weife mit dem Streben nach Gewissensentlastung und Rehabilitation der eigenen Würde. Die Angst, der Wirklichkeit des Tages und seiner furchtbaren Ernüchterung unverschleiert ins Äuge zu sehen, läßt jene Zahlenmäßig bei weitem überwiegenden Kreise, denen mehr an der ungestörten Ruhe ihres Gewissens gelegen ist als an denksauberer Erkenntnis der wahren Zusammenhänge, sich betörungsfüchtig in den verhüllenden Wahn der bequemen Formel verkriechen. Jeder Schlag aber, der uns stets aufs neue von einem unerbittlichen Gegner trifft, hämmert die aus Verlangen nach Selbstachtung und Gewifsensruhe geborene Formel tiefer in unser Bewußtsein ein. „Unsere tägliche Illusion gib uns heute" — dieses Kaabe- Wort war noch immer das heimliche Stoßgebet des leidenden Volkes. Es versteht sich von selbst, daß eine sich vorwiegend an Vernunft und Einsicht wendende Aufklärungsarbeit gegenüber dem gegenwärtigen Judenhaß nur wenig auszurichten vermag, wenn die Zusammenhänge so liegen, wie hier aus- Zuzeichnen versucht wurde. Nicht daß damit einer Propaganda, in deren Dienst sich der Versafler dieser Zeilen aus freiem Entschluß ja selbst gestellt hat, das Wort nun überhaupt abgeschnitten werden sollte. Auch wenn der wuchernde Urwald der Leidenschaften immer wieder den schmalen Pfad überwachst, den wir mit der blanken Axt unseres guten Wortes durch das Schlinggestrüpp bahnen, — zum großen Fernenziel reiner Menschlichkeit zu gelangen, wird diese Arbeit getan werden müssen. Aber ebenso wichtig wie der stets bereite Wille zum Werk, erscheint die klare Erkenntnis der Grenzen, die in der gegenwärtigen Situation unserer Arbeit gesteckt sind, damit nicht auch hier Enttäuschte zu Deserteuren werden. In den Gesetzmäßigkeiten der Mafsenpsyche stehen uns zurzeit Widerstände entgegen', die auch das beredteste Wort nicht einfach auseinanderbricht. Der Antisemitismus unserer Tage ist nicht ohne weiteres dem der Wer Jahre zu vergleichen, wie es vielfach geschieht. Was damals eine Mode war, eine rückständige Marotte, ist heute für große Teile eines um seine Existenz ringenden Volkes die letzte feste Plattform über dem kreisenden Strudel nicht mehr von uns beherrschter Ereignisse, letzter Glaubensinhalt, an die sich die versinkende Selbstachtung klammert, rettende Zuflucht vor dem nagenden Gewissensbiß. Wer aus der unseligen Verknäuelung von Wirklichkeit und Wahn, in der wir leben, den Wahn heraustrennen will, schneidet tief hinein in das Fleisch und instinkthast erfolgt die durch den Schmerz herbeigeführte Abwehrreaktion. Wir stehen hier nicht vor einem Antisemitismus gewöhnlicher Art, der durch Geist, Zugkräftiges Wort und funkelnden Witz einfach zu erledigen wäre. Wir sehen uns hier sozial-pathologischen Erscheinungen gegenübergestellt von ganz krisenhafter Zuspitzung, so daß die äußerste Behutsamkeit und Schonung von vornherein geboten ist, da sonst zwangläufig nur die schärfste Abwehrreaktion die Folge unserer Bemühungen ist, also gerade das Gegenteil dessen, was wir erreichen wollen. Vielleicht darf in einem zweiten Aufsatz davon gehandelt werden, ob nicht durch die dargestellte Sachlage eine gewisier Methodenwechsel angezeigt erscheint hinsichtlich der gegenüber der Judenfeindschaft dieser Tage zu beachtenden Taktik und wo die neuen Wege liegen, die neuen alten beschritten werden müssen. Der Wahlkampf in OdL§schlesien beginnt! Der Zehn-Gebote-Diebow. Den Wahlkampf in Oberschlesien eröffnete am 13. b'. M. di<! Deutsch-Völkische F r e i h e i t s p a r t e i. In ihrer Versammlung sprach ein gewisser Herr Dr. D i e b o w. Wie üblich, hatte man die öffentlichen Gebäude der Stadt und Privathäuser mit großen Plakaten verunziert, ohne daß die Polizei die wilden Jettelkleber in ihrem Treiben gestört hätte. Bezeichnend für den Mut der „teutfchen Herren" ist die Einladung „aller nur völkisch gesinnten Männer". Die Ausführungen des Referenten brachten die sattsam bekannte Judenhetze, die vor faustdicken Unwahrheiten nicht zu-rückscheut. Herr Dr. Diebow leistete sich aber ein besonderes Stückchen; er sprach von der Minderwertigkeit und dem Fluch der jüdischen Raffe, der sich unabänderlich bis auf die fernsten Geschlechter unheilvoll erstrecke. Er gab an, daß ein jüdischer Professor in BreÄau, dessen Namen er freilich vergessen zu haben v o r g a b , die Lohrnieirmug ausgesprochen hätte, die Kinder arrs Mischehen von Juden und Christen ließen sich noch nach Jahrhunderten an ihrem Geruch erkennen. Die Versammlung kermzeichnete ihre geistige Einstellung durch lebhaften Beifall zu so niedrigen Ausführungen. Hoffentlich fällt Herrn Dr. Diebow innerhalb der nächsten Tage noch der Namen des Breslauer-jüdischen Professors ein, wenn er sich selbst nicht in den Ruf eines Menschen setzen will, der bewußt die Unwahrheit zu hetzerischen Zwecken ausfpricht. -- Soweit der Originalbericht. Wir bemerken dazu das Folgende: Herr Dr. Diebow hatte sich beim Reichstagswahlkampf dadurch besonders bemerkbar gemacht, daß er ein Flugblatt veröffentlichte: Zehn Gebote arischer Weltanschauung, in dem er als zwingende Notwendigkeit bezeichnte, nicht nur die jüdischen Einflüsse im Christentum zu entfernen, sondern das dogmatische Christ ent um selbst abznschaffen. Gerade die oberschlesische Bevölkerung wird für diese Weltanschauung des Herrn Diebow besonderes Jntereffe haben. Was die Persönlichkeit des Breslauer jüdischen Proses so rs" anbelangt, der den famosen Ausspruch über die Durchschlagskraft der jüdischen Nasse gegeben haben soll, so können wir Herrn Dr. Dielrow belehren. Der „Professor* lebte nämlich vor ungefähr 100 Jahren, hieß Gans, und soll — nach Theodor Fritsch —, sich in dieser Form ausgedrückt haben. Wir haben den Ausspruch in den Werken von Gans noch nicht finden können, und wir vermuten, daß auch Herr Dr. Diebow nicht weiß, woher er seine Weisheit hat. Aber was bedeutet str eine Persönlichkeit vom Grade des Herrn Dr. Diebow, der selbst „Zehn Gebote ar sicher Weltanschauung" verfassen kann, der verjrrdete Dekalog mit seinem 9. Gebot: Du soll.st nicht falsches Zeugnis ablegen wider deinen Nächsten? — Darüber ist Dr. Diebow hinaus. Daß übrigens der famose Dr. Diebow auch auf dem Weimarer nationalsozialistischen Parteitag cmstreten durste, nirnmmt nicht weiter Wunder.

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