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Central-Verein-Zeitung · 1924-08-21 · 34 (21.8.1924) · p. Seite 505

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
34 (21.8.1924)
Date
1924-08-21
Page
Seite 505 (sequence 1)
Language
German
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eVf. CknHelnummee 10 Golöpfennkg VMllersürSeMcKLuM SerUa, th flugufl JM III. Jahrgang ♦ Nr. S4 vryan -es CentroJ-Vmins örErlrer. EtrmwvüryerjüEcKen LlauVeriSLN ^ll^srrnsirns Zeiiun^ des Oudeniums Verlag u. Schristleitung: Eentral'veeeirr ^euMee Staatsbürger jüösschen Glaubens e.v. Gerlin SW HS, Linöenftr, 13 Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594, 3595 Telegrammadresser »Centralglauben Berlin" .% Postscheckkonto: Berlin 30472 Bankkonto: Dresdner Bank, Wechselstube Q, Berlin SW 68, Lindenstr. 7 Monatsabonnemenk (ein v lerieljährlicheS gibt eS vorläufig nicht) 40 Goldpfennig Alleinige Ar^L^nannahme: Annoncen-Erpedition Rudolf Moffe, Berlin 8M 19, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,75 Goldmark für die 7 gespaltene Zeile nach Rudolf MosseS Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeiaen und Stellengesuche für Mitglieder des Central-Vereins 0,40 Goldmark, die 90 min breite Reklamezeile 4 Goldmark. Das Problem des Massenwahns. von Professor Vr. Erik Nölting. Der sich feit dem militärischen Zusammenbruch und der ökonomischen Katastrophe durch das deutsche Land ergießenden Flutwoge von Juoenfeindschaft und Judenhaß steht der unbeteiligte Zuschauer zunächst fassungslos mit dem Gefühle von Empörung und Beschämung gegenüber. Ist er ein Ausländer, und deshalb nur in den äußeren Zügen der Volksphysiognomie zu lesen in der Lage, so wird ihm leicht angesichts der entfesselten Jnstinktorgien die Erinnerung an die während der Kriegszeit hundertfach in der Ententepresse variierte Behauptung kommen, daß auf dem Grunde der deutschen Seele etwas Unreines, Bestialisches liege, etwas, das noch nicht unter dem erwärmenden Seelenhauch der Kultur hinweggeschmolzen sei, daß darum eine ständige Drohung der anderweitig (vor allem auf dem älteren romanischen Kulturboden) erreichten Humanitären Gesittung bedeute. Wir, die hervorgingen aus diesem Volksboden, in seiner Luft atmen lernten und ihn noch heute mit unserem ganzen Wurzelwerk umkrallen, wissen, daß er nicht heimliche Untiefen und Moräste birgt, deren wir uns vor der Welt zu schämen hätten. Treuer, zäher, disziplinierter als irgend sonst in der Welt, hat gerade dieses Volk einem noch heute alle Kultur bedrohenden Ozean von Tiertum und Barbarei gefestigtes und gesichertes Menschenland abgewonnen, auch hier den zeitlichen Vorsprung glückhafterer Völker durch doppelte Bemühung ausgleichend. Nicht umsonst empfinden wir Fausts und damit auch unseres Volkes Schicksal nach all dem himmelstürmenden und hölledurchschreitenden Ueberschwang erfüllt in jener Unternehmung, die Siedlungsland, Heimstätten der Menschen, dem feindlichen Meere zu entreißen trachtet. In der Niveaulage unseres Durchschnittsmenschenmaterials hat gerade mancher Ausländer vor dem Kriege das eigentlich Wertvolle der deutschen Kulturleistung erblickt und gerühmt. Woher stammt dann aber die breite und Plötzliche Schlammwoge, die verheerend durch unser Volk rollt, viel Reines und Anständiges in ihre trübe Flut hinabzieht, ohne daß vorab eine starke Macht ihr Einhalt zu gebieten vermöchte? Zur Beantwortung dreser, vielen heute auf der Seele brennenden Frage einen Hinweis zu geben, sind die folgenden Ausführungen bestimmt. Die moderne Psychologie hat in unseren Tagen, aus den alten Schulkreisen heraustretend, einen überaus erfolgreichen Versuch unternommen, bei ihren Forschungen unterbewußte und verdrängte Inhalte unseres Seelenlebens in Rechnung zu stellen und zu beleuchten, statt ihre Erfahrungsregeln und Gesetze wie bisher aus einem normalen und absolut vorgestellten Vernunftbewußtsein Heraus zu deduzieren. Die Traumpsychologie Freuds wie die Beobachtungen der reges Interesse findenden Massenpsychologie lenkten in gleicher Weise den Blick aus die tieferen, sozusagen geologischen Schichten unseres Bewußtseins, die stark mit Vevdrängungs- und Entlastungsvorstellungen erfüllt sind. Daß für solche Bewußtseinselemente die in unserem Volke vorhandene, durch seine besondere Situation bedingte Kriegs- und Nachkriegspshchologie einen besonders günstigen Nährboden abgeben mußte, bedarf keines besonderen Hinweises. Mit dieser Situation aber scheint der Schlüssel für die außerordentlichen Propagandaerfolge des Antisemitismus gegeben. Das aus stolzer und bewunderter Höhe herabgestürzte deutsche Volk trägt schwer an seiner gegenwärtigen elenden und würdelosen Lage. Auf das Bewußtsein der Massen, denen der unter der offiziellen Außensassade sich stückweise vollziehende Zusammenbruch lange verborgen blieb, stieß die Katastrophe so jäh und unerwartet, daß dieses sich der vehementen Wucht des schmerzhaften Zusammenpralls zu entziehen suchte, indem es in die Scheingründe der Illusion hineinflüchtete. Die Grundzüge aller Massenpsychologie sind herrisch, dünkelhaft und selbstbewußt. Keine Masse wird je den Grund des Mißerfolges in sich selbst suchen, in den eigenen Ungeschicklichkeit, in den fehlenden moralischen Reserven, in der von vornherein vorhandenen Unterlegenheit und dergleichen, vielmehr zur rettenden Truglüge greifen, die die beschämende Konfrontation mit der Wirklichkeit spart. Noch jede Masse, die Mißerfolg hatte, hat ihren Sündenbock in die Wüste geschickt. So erfindet jedes geschlagene Heer seine Dolchstoßlegende, jeder an innerer Morschheit zerbröckelnde Thron umdichtet, damit er in Schönheit sterbe, seinen Verfall mit der Sage von ruchlosen Verschwörern, die den heimlichen Dolch im Gewände trugen. Jedes ökonomisch und sozial unter untragbarem Druck zusammenbrechende Land verweist auf seine Raffkes und seine „Juden", die es blutleer und kraftlos sogen, bis daß es erlag. Nicht nur Einzelmenschen, auch Völker brauchen chre Lebenslüge, damit sie dem Stoß ihres Gewissens nicht erliegen und die Selbstachtung nicht verlieren. Die ganze Verbuchung der geschichtlichen Aktiv- und Passivposten erfolgt in solcher Situation aus falsche Konten. Die Geradheit der geschichtlichen Wirklichkeitslinie verliert sich in einem Wust von Lüge, Dichtung, Wunsch und Wahn. Es herrscht eine allgemeine Galoppade aus der Verantwortung heraus, bei der die Schwächeren unfehlbar unter die Roßhufe der Mächtigen getreten werden. Republikaner, Sozialisten, Juden, nach so verschiedenen Richtungen sie sonst auseinanderstreben mögen, tragen alle gleich schwer an der ihnen zu Unrecht aufgehalsten Verantwortungsbürde. Dabei ist zu

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