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Central-Verein-Zeitung · 1924-08-14 · 33 (14.8.1924) · p. Seite 493

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
33 (14.8.1924)
Date
1924-08-14
Page
Seite 493 (sequence 5)
Language
German
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493 die jüdischen Offiziere und Mannschaften mit ebensolcher Tapferkeit gekämpft, wie alle anderen Konfessionen unserer gesamten bewaffneten Macht. Mit seltener Pflichttreue und Hingebung waren Aerzte und Sanitätspersonal der jüdischen Religion tätig und aufopferungs - bereit. Ich kann daher nur allen das beste Zeugnis ausstellen." Und ein Bataillonsbefehlshaber (Hans; Sterbing v. Kremfhe n am 7. Juli 1918) aus der Fe u e r l i n i e; der Gebirgswelt äußert sich in sehr charakteristischer Weise: „D e r Jude ist pflichttreu, verläßlich, tapfer und ein /unbedingt guter Staatsbürger. Sein Glaube und sein Familiensinn bürgen dafür, daß er sich!seiner Pflichten gegen Staat, Volk und Zukunft '.stets bewußt ist, war und sein wird. Dies sind meine ' Erfahrungen im vierten Kriegsjahre." Gewiß, dieses alles ist uns Juden Selbstverständlichkeit, : über die man am besten und am liebsten nicht erst spricht. Aber; unser bescheidenes Nichtsprechen ist lange mißdeutet worden. Nicht : um belohnt und gelobt zu werden ist es an der Zeit, zu reden, denn ' uns lehrt schon ein jahrtausendalter Spruch: „Seid nicht wie . Diener, die . dem Herrn dienen, um Lohn zu empfangen." Aber wenn die Juden keinen Dank verlangen, braucht man ihnen i deshalb noch nicht Undank zu entgelten. „Undank ist ein Halsband, das nicht rostet", hat ein mittelalterlicher Großer gewarnt. Nicht iunt unserer Ehre willen allein müssen wir uns gegen;Verkennung und Verunglimpfung wehren^ sondern um Deutschland von der Unehre des „Undank-Halsbandes" szu befreien. Der jüdische Frontsoldatenbund des Reiches, - dessen Trierer Ortsgruppe im Einvernehmen mit unserer , Gemeinde die heutige . Feier veranstaltet, hat sich dieses Ringen! für Ehre und Wahrheit zur Ausgabe gemacht. Freilich, es sollte : überhaupt nicht erst einen jüdischen Frontsoldatenbund geben müssen, denn es gibt einen Frontsoldatenbund im stillen Reiche der Ewigkeit, der alle umfaßt, so wie sie alle imgetrennt dort auch eingegangen sind. Der Tod hat nicht noch Jud' und Nichtjud' gefragt, sondern nur nach pslichtbereiten Deutschen. Und diesen Stillen, die für uns jetzt schweigen, gilt unser Reden. Ihnen ist Wort, Gefühl der Feierstunde heute und immer geweiht, lso lange, bis der Wunsch ihrer Geister sich erfüllt, daß Deutschlands Lebende einig sind im Hinblick auf Deutsch- - lan ds Tote, und das Erlebte im Erlittenen aufgehl zur Sicherung des Erwünschten und Erhofften. ir. Unser Erwünschtes und Erhofftes liegt in Gottes Hand, aber es ist mit bedingt von unserem Verhalten. Wenn Deutschlands innerer ’ Friede gefestigt sein wird, wird auch der Stern seines Wiederaufstiegs nreu erstrahlen, Ansehen und Wohlstand werden wachsen, das Glück und Wohlergehen unserer Kinder wird gesichert und die ruhige Entwicklung derheimatlichen Werte verbürgt fein. Aber wie es nach außen hin noch gar sehr am wahren Frieden fehlt, so noch mehr am inneren. Wir sind sittlich entrüstet, wenn nach außen hin immer > wieder die Unwahrheit von Deutschlands Schuld am Kriegsausbruch l verbreitet wird. Gewiß mit Recht. Aber gibt es nicht andere s . Sündenbocke der Schuld, die unwahrheitsgemäß von vielen Deut- 'J Aschen selbst im Innern mit aller Beharrlichkeit ausgestellt werden? H? Wir Juden sind ebensowenig an Krieg und! Kriegsausgang schuldig wie Deutschland. Das muß in das feste Bewußtsein aller dringen. Das zu erwirken, ist die schwere, aber ehrenvolle Aufgabe aller edlen und guten Deutschen, wes Glaubens sie auch seien, und besondere Aufgabe des jüdischen Reichssrontsokdatenbundes, auf daß Friede nach außen, aber vor allem Friede im Innern werde. Im vierten Jahre des Krieges, inmitten der beinahe verzagten Stimmung der Jriedenssehnsucht aller Welt, entrang sich meinem sehnsüchtigen Herzen im Kreise der betreuten Soldaten sin Seelenwunsch in gebundenen Worten, der auch heute noch, wo uns ein wahrer Friede mehr denn je nottuhseine Zeitgemäßheit beibehalten hat. Nicht besser — so scheint mir — können wir unseren Rückblick und Ausblick und unsere. Huldigung für die teuren Ehrenhelden heute beschließen, als mit diesem Sehnsuchtsruf, der uns wie ein Gebet erfüllen mag und also lautet: Aus tausend schweren Herzen ringt Ein Seufzer sich los; In tausend Herzen er widerklingt Mächtig und groß: „Oh, Frieden!" Frieden, lang entbehrtes, teures Wort, Kehre wieder And sei der Menschheit trauter Hort; Schweb' hernieder, Engel alles Erdenglücks, Und erheb' die Staubgebeugten, Daß frohen, weiten, heiteren Blicks Ausfchauen die Trübgen eigteu. And aus tausend befreiten Herzen ringt Dann ein Seufzer sich los; In tausend Herzen er widerklingt Mächtig und groß: „Ja, Frieden!" Rede bei der Trauerfeier für die Opfer des Weltkrieges, gehalten im Gotteshanse der Jüdischen Reformgemeinde am 3. Angnst 1924 von D r. I e l s k i (Berlin). Anders als sonst ist die Stilmmung, die uns heute in dem Gotteshause erfüllt, und anders auch als an dem Tage, da wir vor zehn Jahren zu einem Bittgottesdienste -uns versammelten, um uns im Gebete zu stärken für das Ung-eheure, das über uns hereingebrochen war mit der Wucht eines zündenden und betäubenden Donnerschlages aus unbewölkter Höhe, das aber von uns als om heiliger Kampf um die heiligsten Güter ausgenommen und empfunden ward, um Haus und Hof, um Heim und Herd, um Sein oder Nichtsein unseres Volkes und Vaterlandes. Wohl waren wir auch damals in den tiefsten Tiefen unserer Seele ergriffen und erschüttert, wohl waren wir im Innersten aufgewühlt, weil mitten im tiefsten Frieden so jäh und Plötzlich durch den ehernen und unerbi-ttlichen Ton der Kriegsdrommete ausgeschreckt und aufgescher.cht, oder mit dem Propheten zu sprechen: bsr -N'N -p’iüp bin prp b$ '2 weil mitten in unseres Sommers Rast und Ruhe ein Schlachtruf fiel. Aber dazumal waren wir voller Mut und Hoffnung, voll einmütiger Entschlossenheit und siegesstcherer Zuversicht, ja, ein Rausch kriegerischer Begeisterung ging durch die Lande und erfüllte jung und alt, und feuerte nicht b(oß die Heerespflichtigen an, sondern auch so viele zu freiwilligem Kriegsdienst. Heute aber haben wir uns im Rückblick auf eben diese Zeit, die ein so furchtbares Erleben und Erlei«den nach sich zog und in sich schloß, so viel welterschütternde mW weltmnwälzende Bewegung, im Einklang mit allen unseren Volksgenossen zu einer Trauerseier versammelt. Denn die zehnjährige Wiederkehr des Tages, an welchem der ausgedehnteste und grauenvollste Krieg der Weltgeschichte ausgebrochen war, und dessen heute im ganzen Laude gedacht werden soll, kann von unsnur mit Trauer begangen werden. Und zwar ist es nach unserem Dafürhalten ein Dreifaches, um das wir Trauer enchsinden und einpsinden sollen, zumal im Gotteshause, das ja eine Stätte des Friedens ist, und über dessen Altar schon nach einem alten Gesetze der Thora kein Eisen geschwungen werden durfte. Das erste also, worum wir Trauer empfinden, ist die Tatsache des Krieges an und für sich And hier werden wir an ein schönes Wort gemahnt, das kein Geringerer als Immanuel Kant in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden" ausgesprochen: „Nach einem beendigten Kriege, beim Friedensschlüsse möchte es wohl für ein Volk nicht imschicklich sein, daß nach dem Dankseste ein Bußtag ausgeschrieben würde, den Himmel im Namen des Staates um Gnade für die große Versündigung anzurusen, die das menschliche. Geschlecht sich noch immer zuschulden kommen läßt, im Verhältnis auf andere Völker das barbarische Mittel des Krieges anzuwenden." Ja, daß die Menschheit trotz aller Leistungen in Kunst und Wissenschaft, trotz aller Fortschritte aus technischem und sozialem Gebiet, trotz aller Bildung und Aufklärung und Kulturbeflissenheit, trotz aller Entdeckungen und Erfindungen noch immer nicht das Wichtigste entdeckt und erfunden hat, das Mittel nämlich, die Menschen menschlicher zu machen, auch die Politik zu versittlichen, das Gewissen auch der Völker zu schärfen und die nationalen Leidenschaften zu bändigen und so die schrecklichste, blutigste Geißel vom Menschengeschlecht fernzuhalten, daß auch die Wissenschaft sich in den Dienst der Zerstörung des Wlkermordens gestellt hat, indem sie die prophetische Sehnsucht und Verheißung umgekehrt und gewissermaßen Gold in Eisen gewandelt und die Sichel und die Rebenmesser in Schwerter und in Lanzen umgeschmiedet, daß auch Männer der Kunst und der Wissenschaft, auf den Höhen der Bildung und Kultur einherschreitend, das moralische Stahlbad des Krieges verherrlicht haben, ja, daß nicht einmal im Namen der Menschlichkeit die am meisten zu ihrer Verkündung und Vertretung berufenen Kirchen versucht und vermocht haben, dem herausziehenden Gewitter einer losbrechenden Kriegsfurie Einhalt zu gebieten, mit einem Worte, daß ein solcher Krieg in einem solchen Zeitalter überhaupt noch möglich war und so lange währen und so lange wüten konnte und trotz oder gerade wegen seines Diktatsriedens bis heutzutage noch zu keinem vollen und wahrhaften Frieden geführt hat, das ist das erste, worüber wir Trauer empfinden. Hat \a selbst der große deutsche Schlachtendenker gesagt: Selbst ein siegreicher Krieg ist ein nationales Unglück! Und wie groß ist es erst, wenn er nicht siegreich ausgeht, sondern wie in unserem Falle mit einem völligen Zusammenbruch ohnegleichen endet, wenn er einen Sturz bedeutet aus machtvollster Höhe zu ohnmächtiger Tiefe! Und dies, das vae victis, ist das zweite, was uns mit Trauer erfüllt. Ja wir sind geschlagen, besiegt, zur Ohnmacht verurteilt, wir sind zusammengebrochen, äußerlich und innerlich, wir sind noch immer krank und wund, wirtschaftlich wie moralisch, vor allem aber sind wir noch viel zu sehr Zersplittert und Zerspalten, und wenn die gemeinsame Trauer dieses Tages nur das eine bewirkte, uns jenes Gefühl der Einheit und Geschlossenheit wiederzugeben, wie es im Anfang des Krieges uns alle in so wunderbarer und überwältigender, in unvergeßlicher Weise durchdrang und Zusammenschweißte, daß wir keine Parteien mehr kannten, sondern nur noch Deutsche, keine Stämme und Stände, keine Klassen und Konfessionen, sondern das Bewußtsein der Solidarität,

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