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Central-Verein-Zeitung · 1924-08-14 · 33 (14.8.1924) · p. Seite 492

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
33 (14.8.1924)
Date
1924-08-14
Page
Seite 492 (sequence 4)
Language
German
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kelöen-HLöächtnisseiern. Aus bn Fülle von Reden, die uns aus allen Teilen des Reiches anläßlich des Gedenktages für die Gefallenen zugegangen find, v-er. öffentlichen wir die Predigten von Oberrabbiner Dr. Altnrann (Trier) und Prediger Dr. Z e l f k i (Berlin), die an dem Gedächtnistage in der Synagoge gehalten wurden. Rabbiner Dr. Salonronfki kam bei der öffentlichen Gedenkfeier auf dem Neuen Friedhof in Frankfurt a. Ö. zu Wort. Die Feier war von Militär - und Zivilde Hörden veranstaltet, und Dr. Salomonski kannte als dritter Redner nach dem evangelischen und dem katholischen Militär-geistlichen seine kurze Ansprache halten. Gedentworte bei dev EvimrevrirrgsfeLev dev zehnjährigen Wiederkehr des Kriegsarrsbruches, gesprochen in der Synagoge zn Trier von Oberrabbiner Dr. A l t m a n n (Trier). In dem fünften Buche der heiligen Lehre, das wir am nächsten Sabbat zu lesen anheben werden, fordert der unsterbliche Meister und Führer Moses die Seimgen auf. Zur besseren Erkenntnis der Gegenwart und Zukunft Reminiszenzen aus der Vergangenheit in ihrem Gedächtnisse wachzurufen: -pa*? rn ntr« d-w*o kj bxü -o „Frage doch an", so läßt er sich vernehnren, „bei den vergangenen Tagen, die vor dir gewesen, ... ob etwas wie diese große Sache sich begeben, oder ob dergleichen gehört worden." Auch wir fühlen uns bei unserer heutigen Zusammenkunft von einer ähnlichen Aufforderung angesprochen. Gilt es doch der G-edächtnisauffrischung gerecht gu werden ans Tagen, die halb vergangen und halb noch in unserem Bewußtsein haften, niemals aber gänzlich geschwunden sind aus unserem Geiste und Herzerl. Gilt es doch eine Reminiszenz schlicht und recht zu begehen, die zu dem Wehmütigsten und Wunderbarsten, zu dem Bedrückendsten, aber auch zu dem Erhebendsten gehört, was wir je erlebt, und was seit Menschengedenken überhaupt erlebt worden ist. Es ist die zehnjährige Wiederkehr des Tages, an dem der große Krieg, der die ganze Welt in Verwirrung brachte, zum Ausbruch kam. In zweifacher Weise hat die Erinnerung an diesen weltgeschichtlichen Wendepunkt für uns Zeitgenossen eine Bedeutung: Als Hinblick auf das.Erlebte und Erlittene und als Ausblick auf das Gewünschte und Erhoffte. Das Erlebte und Erlittene betrifft uns selbst und unsere Opfer an Gut und Blut, und das Erwünschte und Erhoffte geht das Glück unserer Kinder an, die Ruhe und den Frieden der nachkommenden Generation. I. Wenn ein Hinblick auf das Erlebte und Erlittene die erforderliche bewußtseinsstarke Wirkung auslösen soll, so muß er aus dem eigensten, persönlichsten Erleben heraus erfolgen. . . . Jeder hat den Augenblick des Kriegsausbruches nach seiner Art erlebt. Lassen Sie mich Ihnen sagen, wie ich ihn gedanklich für meinen Teil erlebte. In meiner Knabenzeit fesselte mich unter allen profanen Lehrgegenständen in der Schule am meisten der Geschichtsunterricht. Die rege Phantasie des Knaben fand in den dargestellten Charakterbildern von Königen und Kriegern, von Schlachtengetümmel und Heldentaten, von großen Menschen und bewegten Zeiten reichen Stoff und starke Änregung zum Weiternachdenken. Einmal — so erinnere ich mich — trug der Lehrer die übliche Dreiteilung der Geschichte vor, in Altertum, Mittelalter und Neuzeit. Er bemerkte dabei ungefähr, daß sich jedes Zeitalter durch gewisse Ereignisse sozusagen im vorhinein ankündige und bei seinem Erscheinen bestimmte Merkmale mitbringe. In diesem Augenblick erschien mir der Geschichtsverlauf etwa wie das Kreisen des Zeigers an der Uhr, und ich stellte mir vor, als müsse er, eben wie der Uhrzeiger, jedesmal, sobald er vor einer neuen Zeit anlange, innehalten und dann einen Ruck nach vorwärts tun. In meiner lebhaften, wenn auch naiven, kindlichen Vorstellungsweise richtete ich daher an den Lehrer die Frage: „Können es die Menschen auch wirklich genau sehen, wenn neue Zeiten kommen?" — An dem denkwürdigen Tage des Kriegsbeginns vor zehn Jahren, als der überraschten Menschheit das ihr zumeist völlig Neuartige eines Krieges zur Gewißheit ward, blitzte in meinem Gedächtnisse plötzlich diese Neminiszenz aus längst verrauschten Jugendtagen auf. Wie es anderen ergangen ist, kann ich ja nicht sagen; allein dieses Gewaltige, das damals auf alle einstürmte, war, im Bilde dieser kindlichen Vorstellung gesprochen, wirklich wie der Ruck des Zeigers an der Uhr des Weltgeschehens, oder war wenigstens das Symbol dafür. In allen, die nicht auf der Oberfläche der Ereignisse haften blieben, mag es wohl damals wie eine Ahnung aufgestiegen sein, daß ein altes Zeitalter sich verabschiede und ein neues sich ankündige.. Man vermochte gewissermaßen mit freiem Auge das Eintreten einer neuen Epoche zu bemerken. Heute ist uns die Ahnung von damals zur Gewißheit geworden. Die grundstürzende und veränderte Konstellation des Weltbildes — wie immer man sich dazu auch stellen mag — beweist, wie schon von der ersten Stunde des Krieges an eine in der göttlichen Vorsehung bereits vorausbeschlossene Umstellung der Verhältnisse und eine gewisse Umwertung der Werte vor sich ging. So leidensreich also die Zeit auch zu sein bestimmt war, sie ist uns doch auch eine große Zeit geworden, und so sehr sich das Herbste und Bitterste über uns ergoß, darf uns doch ein Stolz und Hochgefühl erfüllen, persönliche Zeugen einer so großen Zeitwende gewesen zu sein. Allerdings, das Erlittene mag das Erlebte, überragt haben und völlig gar der traurige Ausgang der mächtigen Kraftprobe, der die hochfliegenden Erwartungen unsererseits für das gemeinsame Gut von Heimat und Vaterland nicht sichtbar gerechtfertigt hat, läßt mehr Wehmut als Hochgefühl aufkommen. Allein auch der äußere Mißerfolg straft eine große Zeit nicht Lüge, wenn wenigstens ein positiver innerer, moralischer Gewinn zu verbuchen übrig bleibt; und ein solcher ist übrig geblieben. Es ist das die ungeteilte Liebe und Hingebung aller von damals, aller, d i e d e u t s,ch e r Zunge sind, für das ererbte, gemeinsame Vaterland. Wie es damals in der Stunde der Gefahr rief, und nicht vergeblich rief, da hat sich der bewundernswerte G e i st der Liebe so manifestiert, daß dies allein schon als ein Erfolg der deutschen Sache verewigt bleiben könnte. Wenn die Vorsehung für uns nichts weiter als das bezweckt haben sollte, müßte man es auch schon dankbar als Segen und Gnade anerkennen. Wenn die gewaltigen, übermächtigen Opfer an Gut und Blut, die alle Klassen und Schichten gebracht haben, nur deswegen allein geschehen wären, wären sie auch nicht vergeblich gebracht. Leider haben nicht alle, die sich gute Deutsche nennen, diesen Vorsehungswink aus dem Geschehen der großen Zeit heraus verstanden und beherzigt oder verstehen und beherzigen wollen. Es hätten sich in der düsteren Nachkriegszeit — die uns auf die härteste Probe stellte — nicht so viele dunkle Kräfte finden dürfen, die nichts Fürchterlicheres erstreben, als den Geist des August 1914, den G -e i st der verbundenen einmütigen Liebe aller für alle, zu zerstören. Was Stahl und Eisen in Not und Tod der Kriegsjahre geschmiedet, was Blut und Tränen verbunden haben, maßt sich haßverblendete Zwietracht an, auseinanderzureißen. Einen Scheidestrich zu ziehen zwischen nichtjüdischen u n d jüdischen D e u t s ch e n i nt Punkte der Vaterlandsliebe, i st nach den Erfahrungen der alle Unterschiede a u s g l e i che n d e n Kriegsjahre mehr als Willkür u n d G e f ü h l s b I i n d h e i t, i st geradezu Wahnsinn und Todsünde. Als vor zehn Jahren der brausende Wafsenruf durch die Lande zog und alle Wehrfähigen unter die Fahnen rief, da folgten alle mit Ernst und Würde ohne Schatten von Widerstreben. Wir Juden aber folgten dem Rufe auch noch aus einem anderen Grunde heraus. Galt es doch Jahrhunderte alte, eingewurzelte Vorurteile gegen uns z u zerstreuen und i. m e n t s ch e i d e n d e n Augenblicke unsere auch s o n st bewährte Landestreue einwandfrei zu beweisen. Und wirhaben sie bewiesen. Schwerwiegend, geradezu erdrückend zeugen für die Pflichterfüllung der Juden aller Kategorien die ehernen Zeichen statistischer Nachweise. Sogar von einer prozentualen U e b e r l e i st u n g j ü d i s ch e r s e i t s s p r e ch e n die st a t i st i - scheu Daten. Wenn z. B. — nur um ein Nächstliegendes zu erwähnen — ein kleiner Ort in der Nähe des Regierungsbezirkes Trier von nur 15 jüdischen Haushaltungen neun jüdische Heldeutote aufzuweisen hat, so muß das geradezu überwältigend wirken. Und solche Fälle können aus allen Gauen des Reiches nachgewiesen werden. Gar nicht zu reden von den zahllosen Beweisen kühnsten Heldenmutes jüdischer Kriegsteilnehmer, die Tausende aus eigener Erfahrung kennen. In einer autographischen Sammlung von österreichischen Heerführern und Korn Mandanten der verschiedensten Truppen, die ich mir als Feldseelsorger von der Front aus anzulegen Gelegenheit hatte und die noch der Publizierung harrt, schreibt ein kommandierender General — um nur einige der zahlreichen Aeußerungen heute zu erwähnen — folgendermaßen: „Die Erfahrungen meiner Kommandoführung während des ganzen bisherigen Verlaufes des Krieges haben mich wiederholt schöne Fälle von hervorragender Pflichttreue und Tapferkeit jüdischer Offiziere und Soldaten erkennen lassen. Diese erfreuliche Erscheinung sowie die Hingebung, welche die Juden bei allen dem Wohle der Truppen förderlichen militärischen Hilfsdiensten — namentlich im Sanitätswesen — an den Tag gelegt haben, legen das beste Zeugnis für eine hohe ethische Auffassung ihrer Pflichten gegenüber unserem teuren Vaterlande ab." (Josef v. Roth am 17. Mai 1917.) Ein Oberstleutnant (Ludwig Edler v. D i e r k e s) schreibt am 12. Juli 1917: „Unter den ungeheueren Truppenmassen hatte ich Gelegenheit, auch eine große Anzahl israelitischer Offiziere und Man n's ch asten genau zu beurteilen. Ich muß offen gestehen, daß die Soldaten und Offiziere dieser Religion mit einem Fleiße, einer Ausdauer, Hingebung und Ueberzeugung sondergleichen ihre Pflicht erfüllten, so daß ich stets nur voll des Lobes über sie war. Da ich sowohl in Rußland als auch in Italien als Regiments- resp. Gruppenkommandant Israeliten unter mir hatte, konnte ich auch deren heldenmütige Haltung im Feuer allerorts wahrnehmen. Ehre sei daher allen diesen Braven!" Ebenso läßt sich ein Feldmarschall (Viktor v. S ch e u ch e n st u e l) am 16.Juli 1917) vernehmen: „Nach meinen Wahrnehmungen haben in diesen nun dreijährigen Kämpfen

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