Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1924-08-14 · 33 (14.8.1924) · p. Seite 491

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
33 (14.8.1924)
Date
1924-08-14
Page
Seite 491 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2277379-2277464-2277496--01375-2280614
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

491 Schule und Politik. Der baherifche Kultusminister Dr. v. Matt hat kürzlich einen Erlaß ergehen lasten, in dem es heißt: „Seit Jahren bemüht sich das Staatsministerium für Unterricht und Kultus, den politischen Zant und Streit von den Schulen und den Schülern f e r n z u h a l t e n. Leider hat das Staatsministerium für Unterricht und Kultus bei diesen Bemühungen nicht überall die notwendige Unterstützung der Eltern gesunden; auch politische Parteien haben sich vielfach im Kampfe der Hilfe von Schülern bedient und diese in die politische Agitation hineingezogen. Insbesondere wurde bet den letzten Landtags- und Neichstagswahlen an vielen Orten die Wahrnehmung gemacht, daß Schüler sich in aufdringlicher Weise an der Verteilung von Flugblättern und Stimmzetteln beteiligten. Da alle diese Betätigungen nur geeignet sind, die Schüler, wie die Jahresberichte der höheren Unterrichtsanstalten deutlich erkennen lassen, in ihren Studien zu stören und das friedlich e Z u s a m m e n l e b e n der Schüler 3 u gefährden, wird den Schülern der höheren Lehranstalten, den Fortbildungs- und Volksschülern jede Beteiligung an der politischen Agitation nnd an Wahlbeweguugen, insbesondere die Verteilung von Flugblättern und'Stimmzetteln, das Sammeln von Unterschriften für politische Zwecke nnd dergl. untersagt. Die Vorstände und Leiter der Schulen haben diese Anordnungen den Schülern in geeigneter Werse und 31t gegebener Zeit bekanntzugeben und d e n V 0 llzu g mit a l l e r Strenge zu überwachen. Die P 0 li ze i b e h ö r d en werden im Einverständnis mit deur Staatsministeriuln des Innern beauftragt, allensallstge W a h r n e h m u n g e n dieser Artden beteiligten Vorständen und Leitern der Schulen gitr weiteren Behänd l u n g v 0 m Standpunkte der S ch u l z u ch t mitzuteilen." Nicht nur in der Wahlzeit ist die Beteiligung, der Schüler an der Politik unliebsam ausgefallen. Tägliche Vorkommnisse, Anrempelnngen durch Jugendliche — wie kürzlich der Ueverfall Jugendlicher auf Teilnehmerinnen der demokratischen Frauentagung in Würzburg — zechen, daß die Schule strengstes Augenmerk aus die Fernhaltung der Politik von der Schule halten muß. Wirklichen Erfolg kann der Erlaß aber nur haben, wenn das Ministerium darüber wacht, daß er befolgt wird und nicht nur auf dem Papier stehen bleibr, und wenn die Schule von der Elternschaft aufs tatkräftigste unterstützt wird. Ern lichter Moment. Die „D ett t f dj e Zeitung" unb d er Entdecker des Paradieses. . Das famose Buch des Herrn Privatgelehrten Franz v. Wendrin hat uns schon mehrfach beschäftigt. Ohne die Notwendigkeit zu sehen, zu ihm, da es uns außerhalb jeder Kritik zu stehen schien, selbst Stellung zu nehmen, hatten wir uns begnügt, wiederzugeben, was andere Blätter urteilten. Heute sind wir zu unserer großen Freude in der Lage, die „Deutsche Zeitung" Zustimmend zu Zitieren. In ihrer Nummer 328 unterzieht -sie die „Entdeckung des Paradieses" einer Kritik, deren Ergebnis schon der Untertitel vorwegnimmt „Geistige Zerrüttung in B u ch s 0 r m". Die Pathologen werden sich dieser bildhaften Prägung freuen, deren Ergänzung wir durch Schaffung von weiteren Kategorien gleicher Art Vorschlägen, wie „g e i st i g e Z e r r ü t t u n g in Zeitungssorm" — zu erforschen durch ein Probend 0 n n e m e n t auf dievölkische Presse — und „geistige Zerrüttung in Redesor m" — feststellbar durch die L e k t ü r e gesammelter A u s s p r ü ch e völkischer Führer. Im vorliegenden Fall ist die Zerrüttung in „Buchform" anscheinend stärker als die in „Z e i t u n g s f o r m", und Herr v. Wendrin wird fürchterlich heruntergerissen. So ist zu Beginn zu lesen, wie „Die Ausmachung des Buches eine deutliche Speck ulationaufdie völkische ,K0n j u n ktu r‘ f e 1" . . . und daß „j ede Generation das Bedürfnis nach einem W e l t a n s ch a u u n g s s ch w i n d e l 3 it haben schein t". Wir verwinden es, die „Deutsche Zeitung" zu fragen, wie es zu dieftn: „Welta-Nschau^u-ngsschwinidel", zu dieser ^Konjunktur der völkischen Bewegung" kam, und lesen weiter: „Gegen 'diroeit bewußten Betrug spricht der komisch überlhebliche und dabei kindliche Ton, vor allem aber die vollkommen zusammenhanglose Art des Gedankengangs und der Beweisführung, die nur durch bm ungeheuerlichstcin Schwulst von meist unsicheren, aus den verschiedensten Wissensgebieten zusam,mengestoppelten Ein zech eiten verdeckt wird. Die offenbar beträchtliche Masse von Angelchenem hat sich in dem Kopf des Verfassers so übersichtlich geordnet wie in einem Mülleimer: es ist kaum möglich, ein g-anzes Stück herauszukkaaöben. Die Aneinanderreihung der Gedanken geschieht nicht auf dem Weg logischer Verknüpfung, sondern offenbar auf den: dev „JdeeNstucht". St?i<l und Gedauikenigang. erinnern vollkommen an die Aufsätze 'geistig Minderwertiger, wie sie sich z. B. im „Archiv für Kriminalpshcholog.ie" abgedruckt finden." . Eine Anzahl recht gut gewählter Beispiele erläutert dieses Urteil näher. Wir ivollen uns den Abdruck evspawn. Der Drang zur Ehrlichkeit ist aber diesmal in diesen: Blatte unigrliatOilich stark, und nach dem Verfasser bekommt der Verleger sein Teilt. Wie w i r über G. W e st e r m a n n in Brauns ch w e i g denken, wissen unsere Leser. Daß aber auch die „Deutsche Zeitung" genau so denkt, dürfte Westermann wenig erfreulich sein, der sich so zwischen sämtlichen Stühlen sitzen sicht. Am Schluß der Besprechung ist ment aber im Unklaren, ob sie ernsthaft gemeint war, denn es ist da zu lesen: ,,> . . um so schärfer aber trifft die Verantwortung jeden, -er absichtlich oder fahrlässig derartige geistige Nahrungsmittelfälschnngen begünstigt . . . aber wem sie (die völkische Bewegung) heilig ist, dem ist es Pflicht, auch ihre Quellen rein zu halten." Wir werden uns gestatten, die „Deutsche Zeitung" hin unb wieder an die „Heilige Pflicht ider Völkischen" zu erinnern. Der „wUenschaftliche^ Günther. Noch einmal gefälschte A n s e lm a - Heine- Zitat. Unter der Überschrift „A ns de r W e x k statt d e r B r u n - neuvergiftung" wurde in Nr. 29 der „C. V.-Zeitung" vom 17. Juli d. I. eine böswillige Fälschung aus einem Wahlkampsflugblatt der Deutschen Partei in Baden, die aus einem Aussatz von Anselma Heine durch Zusammenziehttugen und Keine Aendernngen sinnentstellend zitierte, durch die Alltorin selbst gebrandmarkt. Wer aber meint, daß diese Fälschung nur der Hitze des Wahlkampfes entstammt, der irrt. In dem in wissenschaftlicher F 0 r m gehaltenen Buche „Nassenkunde des deutschen Voltes" von Dr. Hans F. K. G ü n t h e r (3. Auslage 1923) findet sich in dem Anhang „Das Judentum" auf Seite 481 bereits g eit a it dieselbe Fälschung mit genauer Quellenangabe („Literarisches Echo", 1912, Heft 3), die also den Anschein der Echtheit verbürgen soll. Günther, der sich in seinen: Buche vermißt, die der „nordischen" unebenbürtigen anderen Nassen an der Minderwertigkeit nicht nur ihrer körperlichen, sondern auch ihrer seelischen Eigenschaften, Geisteserzeugnisse ustv. zu erkennen, bringt das gefälschte Zitat zur Stützung des folgenden Gedankens: „Ist es wirklich ein „uralter Schmerzenszug" des jüdischen Blutes, daß der Jude sich dazu getrieben fühlt, gerade die Blutreinheit der nordischen Nasse zu gefährden? Bekannt ist ja, und von Juden selbst immer wieder ausgesprochen, die ausfällige Vorliebe des Juden für Frauen nordischen Aussehens, :rnd die jüdische Schriftstellerin Anselma Heine berichtet von diesem Zug gelegentlich einer Betrachtung des jüdischen Dichters Jakobowski: „Plötzlich entdeckte ich ..." ustv. Wenn Günther wirklich, wie es die in einer Fußnote gebrachte Quellenangabe zunächst erwarten läßt, die Arbeit im „Literarischen Echo" gelesen hat, so spricht die Treffsicherheit, mit der er aus ihrer Feder die^ „jüdische Schriftstellerin" erkannt hat, nicht gerade für seinen rassekundigen Blick, wichtiger äst dann aber noch die tendenziöse Fälschung für die Beurteilung seiner wissenschaftlichen Qualifikation und die Z u v e r l ä s s i g k e i t seiner gesamten R a s s e n s o r s ch u t: g. Diese Beurteilung wird aber kaum günstiger, wem: Günther, was zur Ehrenrettung seines „nordischen Blickes" angenommen werden mag, aus einer von ihm nicht zitierten sumpfigen Quelle die Fälschung bereits übernommen hat. Denn dann beleuchtet seine irreführende Quellenangabe den Wert seiner gesamten w i ssens ch a f t l i ch e n Q u e I l e n s 0 r s ch u n g. Es ist aber notwendig, die „Wissenschaftlichkeit" solcher Rassenforschung zu kennzeichnen, da von einer der h ö ch st e n amts ü r ztlichen Stellen in Preußen Günthers Buch als die bedeutsamste G r u n d l a g e moderner Nass ens 0 rs ch u n g angesehen wird, die noch keine ernsthafte Widerlegung ge - f u tt d e n h a b e. Dt*, med. Heinz G 0 ldsch nt i d L. Erinnerungen an öie Drepfuß-stffäre. Richard M a y schloß seine Darstellung der Dreyfitß-Affäre, die wir in Nr. 29 der „C. B.-Zeitung" veröffentlichten, mit der Verurteilung Dreyfuß' zu zehn Jahren Gefängnis und den: Zusatz: ,,Der damalige Ministerpräsident Waldeck-Noufseau beendigte die Affäre durch eine allgemeine Amnestie." Wir erhalten dazu von Herrn Kurt Cohn (Leipzig) folgende ergänzende Mitteilung: „Nachdem Dreyfuß durch das Kriegsgericht in Neunes am' 9. September 1899 verurteilt und begnadigt (nicht amnestiert) worden war, reichte er — Untersuchungen im französischen Kriegsministerium hatten weitere Aktenfälschungen ergeben — im Oktober 1903 ein Wiederaufnahmegesuch ein. Der Prokureur General Baudoin schloß sich an. Das Urteil ergibt volle Unschuld Dreyfuß*. Erst nach diesem Urteil, das ihn also vollständig rehabilitierte, wurde Drehfuß zum Major befördert." Damit ist die völlige Unschuld von Dreyfuß gerichtlich festgestellt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.