Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 33 (14.8.1924)
- Date
- 1924-08-14
- Page
- Seite 490 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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490 deutschen Volkes jenen Verächtern der jüdischen Deutschen die Gefolgschaft versagt. Ihnen, Herr' Minister, sind die Dinge so bekannt, \v\c mir. Und darum mußten Sie in Ihren Entschließungen aus die Sachlage Rücksicht nehmen. Wenn Sie nach Ihrem Schreiben Anhänger sonstiger „religiöser Richtungen" sowie Freireligiöse und deren Wünsche mit den unseren in eine L i ni e stellen, so' begehen Sie einen s ch w e r e n Irrtum. Auf das Zahlenverhältnis dieser Richtungen braucht ■ deswegen nicht eingegangen zu werden, weil sie niemals so (Gegenstand politischer Beschimpfungen gewesen sind wie wir, weil niemals jemand gewagt hat und wagen konnte, sie tote uns der mangelnden Vaterlandsliebe zu zeihen. Außerdem verlangt die geschichtliche Stellung des I n d e n t u m s "seine Berücksichtigung neben den christlichen Konfessionen. Wir haben einen neuen Schlag erhalten. Sagen Sie nicht, Herr Minister, wir seien empfindlich. Wer seit Jahrhunderten immer wieder zurückgestoßen wird, wessen politische Ehre ungestraft verletzt werden kamt, weil nach der Rechtsprechung des Reichsgerichts die Beschimpfung einer Gemeinschaft, auch wenn sie noch so ehrenrührig ist, nicht verfolgt werden kann — eine Rechtsfrage, die fast nur für die Beleidigung der jüdischen Gemeinschaft praktisch geworden ist und hier fast Vogelfreiheit für antisemitische Anwürfe bedeutet —, wer an Leib und Leben bedroht ist, weil die Auffordermtgen zum Judenmorde von den Strafverfolgungsbehvrden regelmäßig als n i ch t e r n st g e m eint angesehen werden, wessen -Kinder schon in der Schule so unsäglich viel wegen ihres Judentums zu leiden haben, hat auch in der netten Zeit gelernt, von der Weisheit der Regierung für uns nicht allzuviel zu erwarten. Wir sind zahlenmäßig schwach/ Wir können zu den Reichstagswahlen keine Kohorten von Wählern aussenden, und wir können uns nur bemerkbar dadurch machen, daß wir, als Volk der Lehre, ttnseren Mitbürgern immer zurufen: Jede Schuld rächt sich auf Erden. Wenn wir schmerzbewegt sehen, wie unser Vaterland leidet, wenn wir in diesen Tagen bangen Herzens auf die Entscheidung derer warten müssen, die, gewaltiger als wir, das Schicksal unseres deutschen Vaterlandes und damit auch unser Schicksal in den Händen tragen, und wenn wir uns bemühen, die Welt zu überzeugen, daß das deutsche Volk am Kriege unschuldig ist, so sehen wir nach außen hin genau das gleiche, was wir innerhalb des deutsch e n Volkes erleben. Wie man unser Deutschland an der Tafel der Volker nicht gleichberechtigt haben will, sondern ihm nur einen Platz im Äußenxaum gestattet, so macht man es mit utts deutschen Juden in unserem Vaterlands Wie man unser deutsches Volk in der Welt als ein Volk der Minderwertigkeit, der Barbarei, der Lüge und des Raubes zu verleumden wagt, so müssen wir uns im eigenen Vaterlande schmähen lassen. Fragt Deutschland nach Schuldbeweisen, so verweisen die anderen aus ihre Macht, und lachen uns aus und sagen, die Welt wisse ja, daß wir am Kriege schuld seien. Wollen wir in judenfeindlichen Versammlungen für unser Recht eintreten und die dort gegen uns vorgebrachten Lügen brandmarken, so läßt ma n u n s nicht hinein. Deutschland leidet im großen, wir jüdischen Deutschen leiden im kleine n. Zu diesen Ausführungen hielt ich mich für verpflichtet, weil ich überzeugt bin, daß bei Behandlung der Angelegenheit die vorstehenden Erwägungen nicht mit der S e l b st v e r st äüblich k eit, die ihnen eigen sein sollte, sich geltend gemacht haben! Und dies ist das Betrübliche, daß Sie, Herr Minister, ohne es zu wollen, der N i ch t a ch t u n g d e s I ttbenttt m s einen neuen Stützpunkt gegeben haben. Unsere Religion und die Lehren unserer Vergangenheit haben uns immer aus Trübsal und der sittlichen Verzweiflung zur Reinheit emporsteigen lassen. An der sittlichen Auffassung unserer Vaterlandsliebe wird auch unsere Ausschließung von der Totenge-dächtnisfeier nichts ändern. Wir tragen unser Geschick in dem sicheren Bewußtsein: Man wird erkennen, daß fortgesetzte Verleumdung und Nichtachtung, sei es, daß sie ausgesprochen, geübt oder auch nur geduldet werden, das Leben eines Volkes untergraben, und daß nur Gerechtigkeit die Völker erhebt. Ich habe die Ehre, mich Ihnen, Herr Minister, zu empfehlen. vorzüglicher Hochachtung Dr. Ludwig Holländer, Direktor des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. OsValö Spengler unö die deutsche Jugend. In Nr.23 der „C.V.-Zeittmg" ist berorts ausgeführt, welche Stellung Spengler in seiner soeben erschienenen Schrift „Neubau des Deutschen Reichs" zur deutschvölkischen Bewegung unserer Tage einnimmt. Dabei ist auch erwähnt worden, daß die völkische „Geistes"welr diesen bis dahin so verehrten Gelehrten nunmehr in Acht und Bann getan hat. Es mag daher für den Hochschulring deutscher Art, die große unb umfassende Gemeinschaft aller Studentenverbände auf völkischer Grundlage, eine arge Enttäuschung gewesen sein, als er sich zu seiner Tagung im Februar d. I. als Festredner gerade Spengler kommen ließ. Jetzt liegt die damals gehaltene Rede im Druck vor unter der Ueberschrift: „Politische Pflichten der deutschen Jugend." Wie man auch sonst zu Spengler stehen mag — und wir jüdischen Deutschen können mit fernem kulturellen Antisemitismus ganz und gar nicht einverstanden sein —: hier hat Spengler Worte gefunden, denen man rtur weiteste Verbreitung wünschen kann. Nachdem er das politische und wirtschaftliche Weltbild ungemetn gedankenreich vor seinen Zuhörern entwickelt hat, fragt er die versammelte akademische Jugend, ob sie auch die ihr durch die heutige Lage Deutschlands auferlegten Pflichten kenne. Und da stimmt cs doch recht nachdenklich, wenn Spengler sagt: „Nationale Politik ist in Deutschland seit dem Kriege als eine Art N a n s ch verstanden worden. Die Jugend begeisterte sich in Masse an Farben ttnd Abzeichen, an Musik und Umzügen, an theatralischen Gelübden und dilettantischen Ausrusen und Theorien." Schonungslos fällt er aber auch in dieser Rede sein Urteil über die Völkischen, das er weltpolitisch begründet: „U n d wofür arbeitet die v ö l k i s ch e Beweg u n g v o n heute, blind wie s t c i st n n d handelt und d e n 11? F ü r F r a n k r e i ch." Geistige und taktische U e b e r l c g e n h e i t fordert Herr Spengler von der deutschen Jugend tutd, um diese zu erreichen, ernste und eingehende Beschäftigung mit allen wissenschaftlichen Werken, aus denen allein mau sich ein Urteil über die großen Ereignisse und Fragen bilden kann. Werals tätiger politischer Mitarbeiter im Central-Berein diese Schrift liest, findet fast Wort für Wort von dem bestätigt, was anch für unsere Arbeit stets richtunggebend ist: Nur dtirch streng geistige Beschäftigung mit dem. was eine wahre Wissenschaft uns als Rüstzeug zur Bersügnng stellt, darf man sich eine politische Anschauung bilden, die ans Anerkennung Anspruch erhebt. Gerade wir im Central-Derein werden es verstehen, wenn Spengler klagt: „Wenn ich heute durch die Straßen deutscher Städte gehe und sehe, was für Versammlungen und Umzüge stattfinden, was für Zettel an den Häusern kleben, was für Abzeichen getragen werden, was gesungen oder geschrien wird, .was für kindliche Theorie n an die Stelle wirtschaftlicher Tats ach en gesetzt werden sollen, was alles man vor der breitesten Oesfentlichkeit treibt und sagt, was in jedem andern Lande erst weltpolitisch durchdacht und dann verschwiegen werden würde, so tnöchte in verzweifeln." Deshalb werden wir auf Grund unserer Erfahrungen Spengler in der Besorgnis recht geben, die er durch den alten Spruch zum An s druck brin gt: „Wehe dem Lande, dessen König ein Kind ist." J. C. Eine Sondernummer des „S i m p l i 3 i f f t m u Der „SimPlizi s s i m tt s" bringt Zum Jahrestag des Kriegsbeginns ein Sonderheft „Die K r i e g s s ch u l d l ü g e" heraus. Es wird vom „Arbeitsausschuß deutscher Verbände", dessen Bemühen es ist, die Behauptung von der Schuld Deuts ch l a n d s am Ausbruch des Weltkrieges zu zerstören, verbreitet. Das Heft folgt den besten Traditionen dieser Zeitschrift. Treffend im Ausdruck mit Wort und Bild, ist es ein Dokument für den Willen Deutschlands zum Frieden durch Recht, zugleich aber auch eine Anklage gegen alle, die aus erlogenen Behauptungen ein Weltgebäude errichten wollen. Auf morschem Boden gegründet, kann ein solcher Bau nur erhalten werden, wenn neue Lügen, durch brutale Macht zerstörtes Glück, Blut und Schweiß verfolgter Menschen immer wieder als Mörtel verwandt werden. Der Gang des Judentums durch die Geschichte war seit Jahrtausenden der Kampf gegen eine Schuld lüge. Dem großen deutschen Volk stehen andere Mittel für diesen Kampf zu Gebote als unserer kleinen Minderheit. Ein schneller Sieg des Gedankens von Recht und Wahrheit möge unserem Vaterlande bald den Weg zur völligen Freiheit bahnen.