Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 32 (7.8.1924)
- Date
- 1924-08-07
- Page
- Seite 480 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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480 Marc Chagall. Er ne. Würdigung von Prof. Alfred P e l l o n , Berlin. Die im Nazmn-Verlag neu erschienene Monographie-') des Malers Marc Chagall ist ein Buch jüdischer M y st i k. Die Mystik beherrscht heule nicht nur die Kunst, sondern auch alles Denken und Gestalten. Alles kehrt immer wieder zurück. So folgte auf die, Zeit des Alexandrinertums, die eine Zeit der Einzelwisienschaft loar," der mächtigste mystische Aufschwung, den die Menschheit erlebte. Später führte die Wissenschaft der Renaissance zu einem neuen Ausbruch mystischer Stimmung. Und die Kritik Knuts, die eine objektive philosophische Erkenntnis anbahnte, sührte zu einer Steigerung des mystischen Bedürfnisses. Die heutige modernste Entwicklung der Philosophie und auch der Kunst bewegt sich in derselben Richtung. Sie führt zur Vertiefung der Zwischen der Sphäre des äußeren Gegenständlichen und der Eigentünckichkeit des Gegenstandes bestehenden Kluft, zu einer neuen individuellen Form des versinnlichenden mystischen Absoluten. Die materialistische Weltanschauung wurde zur Knebelung unseres persönlichen Denkens und Gefühls, und wir verloren durch sie das Organ unserer Kindheit, das uns den Dingen mit der Natur eins werden liest, wir sehnen uns wieder in die Sphären kindlicher Traumwelten zurück, in dem die Dinge Leben und Sprache gewinnen. Wir wollen wieder zu uns selbst. Der Impressionismus in der Kunst malte die Stimmung, die farbige. Erscheinung nach der Natur, heute malen wir das Geheimnis des Lebens in der Natur, den Ausdruck des Mystischen in der Welterscheinung. Das weltentrückte Wesen ist für uns die eigentliche Wirklichkeit, nicht die bloße Erscheinung der Natur. Schon Goethe sagte: Kunst ist Schöpfung, niemals Naturnachahmung. — Und wir werden aufhören, die Kunst durch die Natur sehen zu wollen, wir werden vielmehr die Kunst unterwerfen, damit sie uns die Natur neu sehen lerne, d. h. das Absolute, das Geheimnisvolle, die Urwesenheit in den Dingen. Das. ist das wesentlichste Problem der modernen Kunst. — Zwei einander entgegengesetzte Welten, zwei verschiedene Methoden des Denkens folgten immer wieder nacheinander. Sie teilen die Künstlerwelt in zwei Kategorien. Der ersten gehören die Maler an, die nach der Natur malen, der zweiten gehören die Maler des Geheimnisses in der Natur, die sogenannten Emotionalisten au. Das emotionale Element in der Kunst hängt nicht von der Zeit ab. Ein anschaulicher Beweis dafür ist die Verwandtschaft der emotionellen Wesenheit von Künstlern, die in verschiedenen Zeiten gelebt haben. Fra Angelico und Valdung Grien, Chagall und Rousseau, Breughel und Bosch, Goya und Daumier. ' ' Auf welchem Boden die emotionale Selbständigkeit dieser Künstler erwachen ist, ob sie aus der Atmosphäre mittelalterlicher Naivität, ob von Kinderzeichnungen, oder ob sie einfach aus den Fingern gesogen wurde? Bei wem diese Künstler gelernt haben, bei wem auch Chagall gelernt hat, die Dinge so zu sehen, interessiert uns weniger als das, was er gelernt hat und was sich nicht erlernen läßt, nämlich die emotionale Wesenheit. Chagall bedeutet für die jüdische Kunst, was der große Henri Rousseau für Frankreich bedeutet. Chagall ist Philosoph, Chagall ist Erzähler, Sitte n sch ilde rer. Chagall ist russischer Jude, Chassid, Kind des französischen Modernismus. Er ist in Witebsk geboren. Er war in Paris, und auch in Paris hat er seine Juden nicht vergessen. Auch dort liebte er sie noch, liebte sie sogar mehr. Dort sind sie in seinen Augen in die unendliche Ewigkeit gewachsen. In seinem Tagebuch schreibt er: „Alle die Zäune, Kühlein, Schafe, Juden scheinen mir in Witebsk ebenso einfach, schlicht, ewig zu sein, wie die Bauten in Giottos Fresken." Man fühlt es, wie er seine jüdischen Anverwandten verewigen will. Seine Bilder sind psycho-- logische Dokumente, die dank ihrer malerischen Oualitüten zu Denkmälern der Malerei werden, und ihn zu den ersten Trägern der neuen Malerei in Europa stempeln. ■ In seinen Emotionen steht Chagall dem jüdischen volkstümlichen Schassen nahe, das er intuitiv ausgesaßt und verstanden hat. Das grundlegende kompositorische Element in der jüdischen Architekturornamentik und Malerei ist barock, empire oder eklektisch: das aber, was sie jüdisch macht, sind die Kleinigkeiten, die Launen, die zu Gesetzen wurden. Beispielsweise malt Chagall in seinem „Geigenspieler" nicht den Geigenspieler, sondern die sinnliche Vorstellung des Geigenspiels, Klänge, aus denen die dunklen Jahrhunderte der Gottesjahre, der Tempeljahre, der Ghettojahre rauschen. (Ich empfand die geborstene Seele eines solchen geigenspielenden Juden in einem kleinen Judendorse meiner lothringischen Heimat.) Auch will Chagall nicht eine „Dorslandjchaft" malen, sondern das schwermütige Hindämrnern, gegeben in der Feierstunde eines Judendorses. Also nicht Raum und Figur, sondern Unendlichkeit, Sichtbarmachung eines Gestaltungsgesetzes, absolute Form jüdischer Mystik. Chagall ist ein Maler reiner Triebersüllung, alles *) Razum-Verlag, Berlin W* was ihn seelisch ergreift, kristallisiert sich auf seinen Bildern, fern Malen ist eine ewige Mutterschaft. Ein solcher Künstler wird von wenigen verstanden. Erst dann, wenn das von ihm Gefundene zum Kanon wird und „kultivierte" Maler nach seinem Rezept verfahren, — erst dann scheint eine Wertung der ersten Quelle, des Anregers möglich zu sein. Bei wenigen Künstlern erkennen wir so wie bei Chagall, daß die ursprünglichen Werte der Kunst nicht in der Natur stecken, wie Dürer meinte, sondern in der Seele des Künstlers. Die Natur ist nicht das Subjekt, sondern das Objekt der Kunst, sie ist einfach nur der Stickrahmen, in den der Künstler seine Empfindungen und Gefühle hineinwebt. Die Natur ist nur der zufällige Anlaß für den Ausdruck der Empfindungen des Künstlers, der Ausdruck seiner ihm innewohnenden Form. Die malerische Form Chagalls liegt in ihm von Geburt an, sie ist die Urzelle, aus der sich sein jüdisches Genie entwickelt. Ans dieser Urzelle heraus entwickelt sich die Wirklichkeit. Man könnte vor: Chagall sagen, daß er zur Malerei kam, wie die Propheten zum Wort Gottes. Aronson beschließt ein Kapitel seines seinen Buches über Marc Chagall mit den Worten: „Chagall schöpft seine Säfte aus dem Leben, das ihn it m q i fr t. E r i st nicht fr l u 11 e c r e x Phauta st, er ist nicht abstrakter G e o m c t c r. ,M i r scheint a fr e rh sagt er, uv e n n i ch nicht Jude wäre (welchen Gehalt lege ich in dieses Wort!), so würde ich entweder überhaupt nicht M a - l e c sein, oder ich wäre ein ganz andere rh," Kleine Chrsmk. Am 4. August beging Stadvat a. D. Leopold R o s e n o w in Berlin mit seiner Gattin dos Fest ber goldenen Hochzeit. SLadLrat Rosenorv, per auch 15 Jahre lang Mitglied des preußischen Landtages und Vertreter der Kaufmann sä) aft und Industrie in der Handelskammer rvar, ist stets für die Gleichbercchtiguna der Juden eiugetreten. — Das Fest des 70. Geburtstages beging kürzlichunter wärmster Anteilnahme der Stadtgemeinde und Behörden unser treuer Mitarbeiter und Vertrauensmann. Dr. Cohn in Ottmachau (Schlesien). — Der bekannte Antiquar Jacques Nofenthal in München, beging rn. voller körperlicher und geistiger Frische seinen 70. Geburtstag. Jacques Nesen» thal hat neben anderen bnchhändlerischen Arbeiten 80 antiquarische Kataloge veröffentlicht, die als vorbildlich zu bezeichnen sind. Aus Anlaß seines Geburtstages wurde er von Wissenschaft und Buchhandel als Förderer beider Gebiete gefeiert. — Herr Wilhelm Merzbach, Mitglied des Vorstandes der Ortsgruppe Offcnbach, ist kürzlich unerwartet am Herzschlag verschieden. Am 1. August verstarb in Kassel der Direktor der Aktiengesellschaft für Druckerei und Verlag, vormals Gebr. Gotthelff in Kassel, Albert Gott- Hel s f t. Der Central-Verein betrauert in ihnen Mitglieder, die sich seiner Sache mit großem Eifer, Geschick und Liebe gewidmet haben. Das nachfolgende, aus 1916 stammende Gedicht gibt u. E. die mit denr Tage verbundene Stimmung gut Wieder. S ch r i f t l e i t un g. Was war uns früher der erste August? Vergleiten des Zeitstroms im Jahresmitten, durch wogende Felder sind wir geschritten, es jauchzte die Erde in wachsender Lust. Sommervögel auf ragenden Bäumen wiegten wir uns in friedlichen Träumen — Kinder des einen, des göttlichen Lichts.- Wellenstürme zerknickten die Rosen, aus den Himmeln, den wolkenlosen Zuckten die Strahlen des jüngsten Gerichts. Was war uns dann der erste August? Ein Lächeln in Tränen, ein gläubiges Danken! Stählern im Grimme und ohne zu wanken bieten Millionen dem Feinde die Brust. Knospen, von kaum einem Hauche gestreift, sind über Nacht in dem Fremdland gereift oder verblaßten beim ersten Entfalten. Welt, zersprengst du dein lebendes Kleid? Aus Zermürbuug und siegendem Leid drängt erneuernden Daseins Gestalten. Was bleibt uns immer der erste August? Ein heiliges Rauschen wildschäumender Wellen, ein Umsturz, ein mächtiges Kräfteschwellen —; lodernder Feuerbrand: Deutschland du mußt! Hoch aus dem Meer von verrinnenden Tagen wird er als eherne Säule ragen leuchtend im spätesten Abendglanz, lieber den völkertrennenden Wall tragen die Lüste von Glocken den Schall, windet Unsterblichkeit Helden den Kranz. Dresden. Richard Elb.