Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 32 (7.8.1924)
- Date
- 1924-08-07
- Page
- Seite 479 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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479 Die Hagener ßribAhofsschänöung. Erklärung des völkischen Führers. Die grauenhafte Verwüstung des Hagener Friedhofs in Eilpe hat in Hagen und Umgegend starke Erregung hervorgerufen und hat darüber hinaus die gesamte deutsche Presse wie die des Auslandes beschäftigt. Wir begnügen uns daher, hier auf Grund der uns übermittelten Berichte und auf Grund der Eindrücke unseres sofort dorthin entsandten Mitarbeiters folgendes nachzutragen: Die uns vorliegenden Photographien erweisen, daß die Schändung des Friedhofs so ist, daß man vermeint, der Friedhof habe unter schwerem Granatfeuer gelegen. Die bisher bekannten Fälle ähnlicher Attentate sind dem Hagener Fall gegenüber nur ein Kinderspiel. 52 Grabsteine, darunter solche im Gewicht von vielen Zentnern, sind um bestürzt und zum Teil zerbrochen worden. 6 Steine stehen noch, die die Täter nicht umwerfen konnten. Sämtlicher Blumenschmuck ist zerstört worden. In der Friedhofskapelle sind die Fenster zertrümmert,- die Kanzel und die Bänke wurden umgeworsen. Gin Grab ist metertief aufgewühlt, anscheinend, um den Grabstein in die Vertiefung hineinzustürzen. Die Volksmeinung ging dahin, daß die Täter in völkischen Kreisen zu suchen seien. "Dank der ausgezeichnet arbeitenden Polizei ist es außergewöhnlich schnell gelungen, der Täter habhaft zu werden, und es hat sich, soweit bisher fest zu stellen ist, ergeben, daß die Verbrecher völkischen Kreisen nicht angehören. Bemerkenswert ist, daß der Führer der Hagener Antisemiten, Hugo Wachenfeld, folgende Erklärung veröffentlicht hat: „Namens meiner vielen antisemitischen Freunde und Gesinnungsgenossen bemerke ich, daß wir niemals eine derartige Tat billigen oder auch nur im entferntesten angeregt haben. Denn das erste, was ich tat, als ich in Hagen als antisemitischer Führer hervortrat, war die Herausgabe des Befehls, daß keiner meiner Anhänger irgendwo ein Hakenkreuz anmalen dürfe, geschweige denn Tätlichkeiten zu verüben, die mit dem Gesetz in Widerspruch stehen ..." Wir würden uns freuen, wenn es Herrn Wachenfeld gelänge, seine völkischen Gesinnungsgenossen -in Hagen und anderswo zu einer vernünftigen politischen Betätigung zu erziehen. Nach den ruchlosen UeLerfällen des letzten Winters im Bayerischen, dem wiederholten gewalttätigen oder rohen Vorgehen gegen Synagogen, Friedhöfe und Kirchen, möchten wir stark bezweifeln, ob -sich Herr Wachenselb in seinen Kreisen durchsetzen wird.. Politik SM OstseeftrLmöe. Unwürdige Zustände in Kolb erg. Sind die Badeorte überfüllt, so hört man: Die Juden haben das Geld für Luxus. Nun ist es Anfang August, inmitten der sogenannten Saison, und man muß feststellen, daß der Bäderbesuch infolge der allgemeinen Geldknappheit stark gelitten hat. Daran muß man irgendwie den Juden die Schuld geben! Anstatt einzusehen und zu bekennen, daß die traurigen wirtschaftlichen Verhältnisse es vielen unmöglich machen, kurze Wochen auszuspanmn, enümcMt die ju-dengegnerische Presse, wütend über den Ausfall, der einer Reihe gesinnungsverwandter Pensions- und Hotelbetriebe geschieht, folgende absurde 'Darlegungen: Es ist eine Tatsache, daß eine große Zahl von Juden, die sonst — greifen, wir einmal die Seebäder heraus — gern in Norderney und Heringsdorf weilten, jetzt dort fehlen. Vor allem vermißt man die sogenannte erste Garnitur, das sind diejenigen Juden, die in den guten Hotels wohnten, und an d e n e n v e r di e n t w u r d e. Wenn es so weiter geht, äußert diese Presse, wird Norderney sehr bald ein zweites Borkum sein, allein sie prophezeit dies mit deutlicher Wehmut, und uian sieht, ihr ist nicht wohl dabei. Mit Kuminer teilt sie ihre an Leserkreis mit, daß nur die minderbemittelten Juden in den Bädern noch anzutrefsen sind. Wo aber stecken die andern? Obwohl alle Welt weiß, daß sehr viele unserer Freunde es satt habe n, sich a n P ö b e l n z u lassen, aus der Not eine Tugend machen und hübsch zu Hause bleiben, kornmen die Judenfeinde mit der Verleumdung: alle reichen Juden trügen auch im Sommer ihr Geld ins Ausland. Wie wir in jeder Beziehung willig und ohne zu murren das Schicksal des deutschen Vaterlandes tragen, s o -müssen w i r auch jetzt bei der h e r r s ch e n d e n w i r t - s ch a f hl i ch e n K a l a m 11 dt u n s sehr e i n s ch r a n k e n. Die Sache liegt so, daß sehr, sehr viele Juden in diesem Jahre nicht die Mittel haben, sich eine Badeerholung zu leisten, wer es aber doch Noch kann, überlegt sich dreimal, in. Regionen zu reisen, wo die Luft Pogrom artig geladen ist und auf Schritt und Tritt übelster und wid erwart: gster völkischer Terror sich breitmacht. Der Schreiber dieser Zeilen hat auf der kurzen Reise von Berlin nach K o l b e r g betrübende Erfahrungen sammeln müssen. Schon rm Zuge entwickelte sich eine geradezu abschreckende Situation, und man muß sich aufs tiefste schämen, in einem Kultur lande derartige Provokationen zu erleben. Die Judenfeinde legen es förmlich daraus an, Zusammenstöße zu provozieren. Ihre ganzen Unterhal- E'Ungen sind nur darauf berechnet. Wenn man nach Stettin kommt und weiter nach Hinterpommern hinemfährt, möchte man glauben, \m feindlichen Lande zu sein. So haßverzerrt sind Art und Wesen dieser Stromer mit dem Einglas, die freilich damit auch ihre Torheit ganz offenkundig zeigen und es bald dahin bringen werden, daß nicht nur ihre bisherigen Hochburgen, sondern auch andere Orte, in denen sich Juden bisher wohlfühlten, „frei vom Feinde sind". So nennt man nämlich unser Fernbleiben in der Schnarr- und Näselsprache. Schließlich noch einiges aus Kolb erg! Es ist eine Verleumdung, daß dort irgendwer, mit dem Sowjetstern geschmückt, gesehen wurde. Tatsache ist, daß viele deutsche F r o n r k d m pfec das Abzeichen des R e i ch s b u n >d e s jüdischer Frontsoldaten tragen, und daß auch der Davidstern hier und da erblickt werden kann. Es scheint ganz in der Ordnung, den Kolberger antisemitischen und pöbelhaften Ausschreitungen, denendie Stadt- Polizei nicht genügend entgegentritt, Zeichen von Solidarität entgegenzusetzen. Sollte es wahr sein, daß die am Strand stolzierenden Jünglinge in getreuer NeichZwohruniformtoPie, aber mit riesenhaften Hakenkreuzen am Kragen, die dort täglich Unruhen „arrangieren" wollen und dafür bezahlt werden,, bei ihrem Eintreffen in der Kolberger Neichswehrkaserne verpflegt wurden? Wo bleibt die Polizei, wenn in nächtlicher Stunde sechs oder zehn Hakenkreuzler einen einsamen Kurgast überfallen und mutig zu Boden schlagen? Warum unternimmt man nichts gegen diese Schädlinge, führt aber den Niedergeboxten zur Wache? Die Krone aber seht allem ein wiederholtes Vorkommnis k einem Kolberger ersten Kurholel auf. Dort spielte die Jazzkapelle zur. Freude völkischer Tänzer u n d Tänzerinnen die Ch n n u kk a h ym n e „Moaus zur". Noch nicht genug! Bevor die letzten Takte verhallen, fetzen sich die Musikanten mit zauberhafter Geschwindigkeit jeder ein Käppchen auf und beschließen die Melodie mit dem getreu imitierten Gesänge des „Omen". Zweifellos wird sich für diese Herabwürdigung noch eine Instanz in .Deutschland finden. Darum begnügen wir uns vorläufig damit, die Dinge an dieser Stelle der Oesfentlichkeit übergeben zu haben. Dv. S a l o m o ns k i, t>k ^SchMZhLmgrm" öes Aaböi wise. Ein aufgelegter Schwindel. Die „Neue Niederschlesische Zeitung" vorn 3. Juni d. I. hatte ein Eingesandt veröffentlicht, in denr behauptet wurde, im „Kasseler Sonntagsblatt" 15. Jahrgang. Nr. 18, S. 118, habe folgende AeuHerr: ng des Rabbi W i f e aus Amerika gestanden: „Es ist eht Glück, daß der Gekreuzigte in die Welt gekommen ist.denn die Juden verdanken die größten Gewinne des ganzen Jahres dem Sohn der Maria. Manches schöne Mädchen wird glücklich gemacht durch orientalische Schmucksachen, wenn der Geburtstag des „Sanftmütigen und Demütigen", der unter den Eseln geboren wurde, anbricht: Es ist übrigens weit besser, den GH risttag zu haben, als die Pocken, und wenn sich die Jungfrau nur dazu verstanden Hütte, uns noch einen Buben im Sommer-zu bescheren, so daß wir zwei Christtage hätten, so hätte ich ihr gern die Chinesen überlassen." Die Angabe wies gegenüber den üblichen völkischen Schilderungen immerhin den Vorteil auf, daß sie den Namen einer tatsächlich lebenden Persönlichkeit brachte und die Quelle angab, aus der die Weisheit ihr gekommen. Wir ließen also beim „Kasseler S o n n t a g s b l a t t" und bei Herrn Rabbi Dr. Wise entsprechend an fragen. Das „Kasseler. Sonntagsblatt" antwortete: „Die N o t iz i ft in de r N r. 18 des Ia h r g a n g s 15 (1893 oder 1894) n i ch t a u f s i n d b a r. Von Zeit zu Zeit taucht die Behauptung auf, daß die angebliche Aeußerung des Rabbiners Wise -im „Kasseler Soun tagsblatt" gestanden haben soll. Wir haben aber bislang diese Aeußerung in keinem der früheren Jahrgänge des „Kasseler S v n n t a g s b l a t t es" gesunden und solches aus Anfrage schon vor Jahren verschiedenen deutschen und ch r i st l i ch e n Blättern mitgeteilt. Wir vermuten fast, daß eine u n s ü bei wollen De Seite diese Nach r i ch t i m m er w i e d e r in d i e O e f fe n t l i ch k e -i t und die Presse lanciert, um uns immer wieder zu einem Dementi zu veranlassen." In der Zwischenzeit kam auch die Antwort des Rabbi Dr. Wise, der uns zu folgender Erklärung ermächtigt: „Dr. Wise, Rabbirrer der Central and Free Synagogrres mib Direktor des Jewrsh Institut of Religion, dem die ihm zngeschriebene Aentzerung gezeigt wurde, erklärt, daß deren BeröffenMchrrrrg eine so gemeine Verlemndrmg gegen ihn bedeute, daß, wenn sie in einer amerikanischen Zeitung gemacht worden wäre, er diese sofort wegen Verleumdung gerichtlich belangt hätte. Er ist im Begriff, an den amerikanischen Botschafter. in Berlin zn schreiben, rmr in Erfahrung Zn bringen, ob die Möglichkeit einer gerichtlichen Klage wegen Verleumdung besteht." Unfern jüdischen Lesern bringt diese Feststellung nichts Neues. Sie wissen, um mit Friedrich dem Großen zu sprechen, mit welchem Gesindel, wir uns herumschlagen müssen. Unseren christlichen Lesern aber gewährt gerade die Aufdeckung solchen Schwindels einen Liefen Einblick in die Kampfmethode, die man gegen die jüdischen Deutschen zur. Anwendung bringt.