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Central-Verein-Zeitung · 1924-08-07 · 32 (7.8.1924) · p. Seite 478

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
32 (7.8.1924)
Date
1924-08-07
Page
Seite 478 (sequence 6)
Language
German
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Recht rmö Gerechtigkeit. Zum 9. A w. Unsere Festunid Gedenktage haben die Eigenart, daß sie, wenngleich von einem einmaligen historischen Ereignisse ausgehend, sich doch eine gleichsam überzeitliche, symbolische Bedeutung errungen haben. So ist der 9. Aw der Tra u e r t a g, der uns daran erinnert, wie einmal von einer wassenstrotzendeu Weltmacht einem kleinen, trotz aller tollkühnen Tapferkeit doch einer solchen Ueberzahl gegenüber wehrlosen Volke das Recht gebeugt wurde, wie aber anderseits auch die vergewaltigte Nation eine Schuld auf sich geladen, indem aus ihrer Mitte die Gerechtigkeit geschwunden war. Der Vergleich mit der Gegenwart liegt nahe. Die Mächte der Welt haben unser Vaterland mit lieber macht 'vergewaltigt, haben ihre Zusagen gebrochen. Das Recht wurde gebeugt. Indes ist auch das deutsche Volk von Schuld nicht freizufprechen. Ein großer Teil von ihm hat das Gefühl für Gerechtigkeit verloren. Gerecht sein heißt, leben nach seinen Taten und Leistungen beurteilen, ohne Rücksicht auf Herkunft, Abstammung, Rasse und Religion. In diesem Sinne fehlt es bei uns a n G c r c ch tigkeit, und trotz aller schlinunen Erfahrungen ist auch henke noch in weiten Kreisen, die aus eine Führorsteltung im Volke Anspruch machen, das Gefühl für Gerechtigkeit in diesem Sinne erstorben. Wir sind soweit gekommen, daß friedliche Bürger, die ihre Pflicht als solche voll und ganz erfüllen, ohne daß man ihnen im einzelnen ein Unrecht Nachweisen könnte, nur wegen ihrer Abkunft, ihrer Rasse, ihres Berufes um Leib und Leben, um Gut und Blut besorgt sein müssen, daß sie Z. Bgewisse Teile des Landes gar nicht betreten können, ohne ruchloser Gewalttat von Bubenhand ausgesctzt zu sein, die feiten eine entsprechende Sühne findet. Nicht einmal die Majestät -des Todes sichert die Ruhestätte unserer Lieben vor heimtückischer und vandalischer Verwüstung urtb Zerstörung. Was selbst den wildesten Völkern heilig ist, reizt den rohen Sinn entarteter Feiglinge. Können wir nach außen über Beugung des Rechts klagen, solange wir im Innern die Gerechtigkeit verletzen . . .? „Zion wird durch Recht erlöst und seine Zurückkehrenden durch Gerechtigkeit." In diesem Prophetenwort liegt die Lösung der deutschen und der jüdischen Frage. Das Recht von allsten können wir uns nicht selbst schassen. Da muß die Erlösung' durch den kommen, der die Herzen der Fürsten umb Völker lenkt. Aber die Gerechtigkeit im Innern zu gewähren, liegt in unserer Hand. Ta müssen wir Zurückkehrende," in reuiger Buße Umkehr ende sein. Gerechtigkeit ist die Vorbedingung des Rechts, Für uns Juden hat das Wort Gerechtigkeit noch einen weiteren Sinn. Es umsaßt noch unsere Schuldigkeit gegen den Gott unserer Väter. Für uns kann Zion nur erlöst werden, wenn wir in treuer Pflichterfüllung All ihn: Aurückkchren. I s ch T i k w o h. - Schlecht öesychte baperkfche Rurorte. Die wahren Erfolge der Hitler-Leute. Das „Garmisch-Partenkirchener Tagblatt" vom 14. Juli d. I. sowie der „Werdenfelser Anzeiger vom 16. Juli d. I. veröffentlichen eine ausführliche Untersuchung, warum die b a y e r i s ch e n K u r - orte und S o nt m erf x i s ch e n s o u n befriedi g e n d besucht sind. Die Vorstandschaft des Vereins des Gastgewerbes von Garmisch-Partenkirchen stelle'fest, daß neben verschiedenen Ursachen auch die Hakentreuzbewegung daran große Schuld trage. Es heißt wörtlich: „Die Juden gehen nicht nach Bayern, sie lassen sich nicht beschimpfen, anvöbeln nnb selbst schlagen. Der gemeine Ueberfall auf Kommerzienrat Fraenkel, die Anpöbelung der jüdisch aussehenden Menschen in München, die gemeine Beschimpfung in einem Teil der Presse, das hat eine C-egenbewegung verursacht: den absoluten Boykott Bayerns durch die Juden und eines Teiles von Nichtjuden. Dsr Feldzug gegen die Inden kann mit einem wirtschaftlichen Fiasko enden, den zwar die Gerrrtrnftigen vorattsgeseherr haben, den aber die Gewerbetreibenden und alle, die von dem Ertrag ihrer Ardert leben müssen, Sezahlen werden." (Von uns seit gesetzt. Die Schristl.) Die interessanten Betrachtungen endigen wie folgt: „Die Vorstandschaft des Vereins für das Gastgewerbe trifft kein Vorwurf, denn sie hat die Dinge kommen sehen und bei allen Stellen, selbst beim Minister Dr. S ch w e y e r, oft darauf hingewiesen. Leider vergeblich. Nun ist es reichlich spät und es wird Jahre kosten, die Schlepperdienste, die man dem Auslande und seinen Hotels geleistet hat, ungeschehen zu wachen. Die gleiche Klage wie Garmifch-Parterrkircherr erheben München, das leer aller Besucher ist, ausgenommen den durchgehenden Touristenverkehr, den gleichen Schmerz haben Nürnberg nnd alle Orte, die nicht ausgesprochene Heilbäder find." (Von uns fett gesetzt. Die Schristl.) Wir bedauern, daß durch die Ausschreitungen der Hitler-Bewegung mittelbar nicht beteiligte bayerische Kreise leiden müssen. Besonders trist dies aus Garmisch-Partenkirchen zu, dessen Verwaltung es sich stets angelegen sein ließ, für das Wohlergehen und den Schutz der jüdischen Kurgäste in jeder Richtung zu sorgen. Wir haben aber keinen Zweifel, daß einsichtige Bayern das Fernbleiben aufrechter jüdischer Deutscher nach den Vorgängen des letzten Jahres verstehen werden. Wenn alle Kreise Bayerns so scharf gegen die Uebergrusse der Hitler-Bewegung ausgetreten wären wie z. B. Garrmsch-Partenkirchen, dann wäre sie nicht Zu einer solchen Gefahr für das Gemeinwohl geworden. Diese Unterlassung im allgemeinen Jnteresie rächt sich nunmehr bitter, Tagung ö§s N. €♦ Am Sonntaa, den 27. Juli, fand in Wür Zbu r g die diesjährige ordentliche Tagung des K. C. (Kartell-Convent der Verbindungen deutscher Studenten jüdischen Glaubens) unter außerordentlich Zahlreicher Teilnahme der dortigen Philisterschast und angesehener jüdischer Persönlichkeiten statt. Dem K. C. kommt infolge der stetig zunehmenden antisemitischen Welle in der deutschen Studentenschaft heute wieder erhöhte Bedeutung als Vorkämpfer für die Gleichberechtigung der Juden gegen den Antisemitismus der völkischen Bewegung zu. Die Spitzen der Universität und der Behörden, die bei einer ähnlichen Veranstaltung anderer studentischer Verbände wohl kaum gefehlt hüten, hatten sich nicht vertreten lassen, was bei dem gerade' in Bayern herrschenden Geist nicht weiter verwunderlich ist. Als Vertreter des E. V. begrüßte Rechtsanwalt Dr. R o s e n t h a l den K. C. in Würzburg, für den Frontbund spracy Rechtsanwalt Dr. Schloß. Aus ihren Reden klang die Aufforderung heraus, rieben der Hochschulpolitik auch zu den "großen Problemen der allgemeinen Politik aktiv Stellung zu nehmen. Nach Vertretern befreundeter Verbindungen nahm Dr. B e r l a k (Berlin) das Wort: Die Ideale der Au f k ( ä r u n g , der Gedanke von der W ü r d e der P e r s ö n I i ch feit, dem Rechte des Menschen, sind heute nicht mehr voie früher ein selbstverständlicher Besitz weitester Kreise. Aus dem Kanlpf um unser Recht ist ein K amPs um die K n l t u r g c tu c i n s ch af t geworden, der auch den K. C. gezwungen hat, sein Arbeitsgebiet zu vertiefen und zugleich aus eine breitere Basis zu stellen. Der Begriff des selbstbewußten deutschen Juden führe zur Ablehnung des nationalen Judentums auf der einen und der restlosen Assimilation auf der anderen Seite. Herr Dr. U r i a s (Hamburg), der danach das Wort ergriff, kam auf den die Einheit des deutschen Volkes zerstörenden Begriff der „Rasse" und des „Stammes" zu sprechen. Daß man ihm fein deutsches Vaterland adstreiteu will, ist d a s Leid, die seelische Qual des jüdischen Deutschen und besonders des jüdischen Akademikers. Dieser von außen ausgedrängie Zweifel kann nicht wahr sein. Wie schon Hermann Cohen gezeigt hat, besteht zwischen uralt jüdischem und deutschem Geist eine innere Verwandtschaft. Das „Du sollst!" des sittlichen Imperativs Kants, des deutschesten Deutschen, erklingt zuerst in dem „Du sollst" unserer Religion. Dieses in die Zukunft weisende „Du sollst" läßt, so beklagens- oder begrüßenswert das sein mag, das Ererbte Zurücktreten gegen bas nahe Lebendige. So sind die jüdischen Deutschen immer mehr von deutschem Geiste durchdrungen worden. Die Rede schloß mit der Forderung von Verantwortungsbewußtsein hüben und drüben, bei uns und unseren Gegnern. Dann wird der Zweifel in einer glücklicheren Zukunft behoben sein und auf die Frage nach des Deutschen Vaterland es jubelnd lauten: „Das ganze Deutschland muß es sein!" Ein donnernder Salamander aus das Vaterland und das stehend gesungene Deutschlandlied waren das begeisterte Echo der Rede. Bei der nun folgenden Praktischen Arbeit standen neben Fragen der internen Verbandsorganisation — das Fechten im Verband wurde z. B. aus ein weiteres Jahr gestattet — Referate über die politische Kampfstellung des K. C. von Dr. Franz F u ch s (Berlin) und über innerjüdische Fragen von Dr. Holländer (Berlin) auf dein Programm. Dr. F. warf die Frage auf, ob mau statt von der politischen Neutralität nicht von einer positiven politischen Kampfstellung des K. C. sprechen könne. Er warnte, gegenüber den revolutionären Methoden der Völkischen, bei den r-eaktionär-legitimistischen Anhängern des Ordnungs- und Kastenstaates Schutz- und Anschluß zu suchen. Der Knstenstaat bringt den Juden ebenso um seine Rechte wie die Völkischen. Nur für den freien deutschen Volksstaat kann der selbstbewußte deutsche Jude eintreten, weil nur er anerkennt, was den deutschen Juden zum Deutschen macht: Den freien Willen zum D e u t s ch t u nr. Herr Dr. Holländer, der daraus über inn-eresi jüdische Fragen sprach und dabei das Verhältnis zu anderen jüdischen Verbänden klarlegte, insbesondere auch über das Einigungsbestreben der Orthodoxie tu der neubegründeten Achduth, wies in seinen Ausführungen den Vorwurf des mangelnden Idealismus gegenüber der zionistischen Bewegung zurück. Die Tagung fand einen schönen Abschluß mit dem vierten K. C.- Sportfest, bei dem man von Aktiven und Altherren ausgezeichnete Leistungen sah. Die Wahl zum geschaftsführenden Ausschuß des K. C., dessen Vorsitz der langjährige Vorsitzende Dr. Holländer wieder übernahm, hatte folgendes- Ergebnis: Holländer (Berlin), Auerbach (Berlin)'. Berlak (Berlin), Erich Friedländer (Berlin), Franz Ludwig Fuchs (Berlin), Ludwig Mayer (Berlin), Erich Stern (Berlin), Kurt Braun (Berlin), Fritz Loevy' (Berlin). Von Auswärtigen wurden wieder gewählt: Julius Bier (Köln), Hugo Ehrlich (Tilsit), Friede (Hannover), Heilbronner (München), Krombach (Essen), Mainzer (Frankfurt a. M.), Ernst Rosenthal (Breslau), Fritz Schindler (Beuchen). Eugen Schmidt (München) und Urias (Hamburg),

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