Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 32 (7.8.1924)
- Date
- 1924-08-07
- Page
- Seite 477 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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477 Das ist feie Geschichte der völkischen Judenanträge in Bayern. Schön ist sie nicht; denn die Regierung und die maßgebende christliche Regierungspartei haben es dabei den .Demokraten, Sozialdemokraten ttnb Kommunisten überlassen, den Standpunkt -der Gerechtigkeit, die bekanntlich die Grundfrage der Staaten sein soll, zur Geltung zu bringen. Die .Regierung, die es sich Zur Ausgabe gestellt hat, Bayern zur Ruhe und staatlichen Autorität ZurückZusühren, hat auch in diesem Fall im wesentlichen das Beispiel des Ministerpräsidenten befolgt, der in seinen Programmreden von den Inden und der Judenfrage ängstlich geschwiegen und ausdrücklich den konfessionellen Frieden unter den christlichen Konfessionen -gefordert hat. Die Bayerische Volkspartei aber hat wohl im Musschuß durch einen ihrer Vertreter selbst auf ihre christliche ^Weltanschauung hingewiesen, die der Tendenz der völkischen i Anträge zuwider ist, aber dann hat sie doch, in Angst vor der ^Konkurrenz ihrer deutschnationalen Koälitionsgenoffen um - die Stimmen der ehemaligen völkischen Wühler, durch den Abgeordneten Wohlmuth die erwähnten Anträge stellen lassen, die der Versassungsausfchuß mit den Stimmen der Koalitionsiparteien und der Völkischen angenommen hat. In der Vollversammlung hat sie überhaupt daraus verzichtet, sich zu der Mache zu äußern, und durch den Abgeordneten Stang.einen .unklaren Abänderungsantrag stellen lassen. Beide Anträge -sind abgelehnt worden. Wir Juden sind eine hoffnungslose Minderheit und als .solche immer darauf angewiesen, daß große Parteien . sich unser aus Gründen der Gerechtigkeit annehmen. Dieser "Ehrenpflicht einer großen Partei ist die Bayerische Volkspartei Ln dieser Sache nicht durchaus nachgekommen. Die ^elöen-SeKZchtnisfeier. Der 3. August war für alle währen Deutschen ein Tag ernster Rückschau, wehmütigen Besinnens auf einstige Größe, ^stärksten Gelöbnisses, ihr Leben und Wirken daraufhin ein-? zurichten, daß die unermeßlichen Opfer des Krieges an Blut sund Gut ihren Erfolg finden in dem Ausstieg des Reiches zu saltem Glanze, daß nicht Selbstsucht und Eigenbrödelei daheim!das Zepter schwingen, sondern auch im Berufe und in der ^Wirksamkeit des einzelnen weit mehr noch das große Ganze,!das Vaterland, als oberstes Gesetz des Handelns sich durchginge. Wir sind sicher,;eder aufrechte jüdische Deutsche hat sdiesen Tag so begangen, in dem Wissen, daß das deutsche ^Judentum inder Hingabe seiner Jugendblüte und in dem freudigen Aussichnehmen aller geschriebenen und ungeschriebenen Pflichten des Krieges und der bösen Friedens- Hahre jeden Vergleich mit den christlichen Volksgenossen aus-!wehmen kann. Kein heißerer Wunsch beseelt an diesem Tage ^'alle jüdischen Deutschen, als daß das Reich, geläutert durch [bk niederdrückenden Erfahrungen des letzten Jahrzehnts, "aus diesen Höllenjahren sich zu einer geschlossenen, einigen ^Volksgemeinschaft im Innern entwickele, eine kraftvolle Geltung nach außen entfalte. Die unerfreulichen Erfahrungen, die die jüdischen Kämpfer und Hinterbliebenen im Zusammenhang mit der vaterländischen Feier machen mußten, konnte der Aufrichtigkeit dieser Wünsche keinen Abbruch tun. „Zu -einet großartigen Ehrung der Gefallenen wurde die von der ^Jüdischen Gemeinde Berlin und dem Reichsbund ^jüdischer Frontsoldaten veranstaltete Trauerfeier auf dem; Gemeindesriedhof in Berlin-Weißensee. Die Tageszeitungen haben ^darüber berichtet. Wir tragen das Folgende nach: Nach dem Gesänge des Chores gedachte Herr Rabbiner Dr. Leo i-B a e cf, früherer Feldrabbiner, der bitteren Zeiten, die trotz aller sOfifer das deutsche Volk nach Kriegsende hat ertragen müssen. Mchon wehrlos, sei es immer und immer wieder Bedrückungen ausaesetzt gewesen. Uns Juden traf das besonders, und die letzten Jahre -hätten uns innerlich stark gewandelt und alt gemacht. Der Redner -wies darauf hin, von welcher unendlichen Bedeutung gerade jetzt das -Gottesvertrauen fei, und daß nur diejenigen bestehen könnten, die bei Gott seien. Sodann nahm für den Reichsbund jüdischer Frontsoldaten Dr. Alfred Wiener das Wort. Aus seiner Rode geben wir den Schluß wieder: *LßieBSrmqnn, der Herrscher im Reiche der Kunst, hat den jüdischen Helden ein Ehrenblatt gewidmet, das er „den Müttern per Zwölftausend" zugedaclst hat. Wir widmen diese Feier!deu Kindern, den Söhnen der Zwölf! au send, den -Kindern, den Söhnen aller Gefallenen. Mögen sie "an ihren Vätern erkennen, was es heißt, nicht für Geld und Gut, sondern für ein Ideal in den Tod zu gehen. Mögen unsere jüdischen Kinder beit Stolz auf ihre große Vergangenheit, auf eine einzig dastehende Geschichte, auf eine Ewigkeitsreligion in sich großziehen, auf daß sie, genährt durch die Wurzeln dieser Kraft, der Heimat mit ganzem Herzen -dienen können. Mögen sie ihren Körper stählen, auf daß dieser ein würdiges Gefäß solchen Geistes werde. Und zieht dieser Geist in alle deutsche Kinder: Welch festerer Stein wäre -dann in den Grundmauern, auf denen wir das Deutsche Reich zu neuer Größe wieder ausbauen wollen? Herrscht dieser Geist in unserem neuen deutschen Hause, so sind alle unsere Helden nicht gestorben. Unsere Toten leben!" Oberkantor Baer trug sodann das El mole racliamim vor, der Ehrenvorsitzende der Chewra Kadischa, Herr Wischnitz, das gemeinsame Kaddisch-Gebet. Chorgesang beendete die Feier. Sodann zog die gewaltige Schar nach dem Ehrenfriedhof, der mit dem Liede „Ich hatt' einen Kameraden" durchschritten wurde. Wie aus den Tageszeitungen unseren Mitgliedern bekannt geworden ist, hat das Programm des allgemeinen Trauertages besonders dadurch erheblichen Anstoß erregt, daß zwar ein evangelischer und ein katholischer Geistlicher mitwirkten, von der Zuziehung eines Rabbiners aber Abstand genommen war. Der C e n t r a l - V e x c t n wandte sich rechtzeitig in einer Eingabe an den Herrn Reichskanzler mit der Bitte, auch der jüdischen Gefallenen bei dieser vaterländischen Feier durch einen Feldrabbiner gedenken zu wollen. Ebenso wurden unter Fühlungnahme mit dem Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden wie mit dem Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, die ebenfalls vorstellig geworden waren, noch andere Schritte in dieser Angelegenheit getan. Unsere Eingabe an den Herrn Reichskanzler wurde von dem Herrn Reichsminister des Innern, Dr. I a r r e s, mit folgender Antwort boschiedeu: Der Reichsminister des Innern. Spezialbureau. Berlin NW 40, den 29. Juli 1924. Königsplatz 6. A n den C e n t r al- V e r e in deuts cherS -taat sbürger jüdischen Glaubens. Berlin, Linde nstr aß e 13. Der Herr Reichskanzler hat mir Ihre Eingabe vom 21. d. M. zur zuständigen weiteren Veranlassung übersandt. Zwischenzeitlich habe ich sowie Herr Staatssekretär Zweigert wiederholt Gelegenheit gehabt, mit Vertretern der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens -in der fraglichen Angelegenheit zu verhandeln. Ich nehme am daß Sie über diese Verhandlungen unterrichtet worden sind. Sie werden daraus ersehen haben, daß es uns mit Rücksicht auch auf anderweitig geäußerte Wünsche nicht möglich ist, bei der Trauerkundgebung am 3. August noch weitere Redner zu Worte kommen zu lassen. Wenn die beiden Feldpröbste der Reichswehr gebeten worden sind, die Gedächtnisreden aus die Gefallenen und auf die im Kriege vom deutschen Volke gebrachten Opfer zu halten, so ist dabet an eine Betonung des chrMich Konfessionellen durchaus nicht gedacht. Wir haben die beiden Herren gebeten, weil sie nun einmal zurzeit die Vertreter der Seelsorge in der Reichswehr -bilden, welche offiziell an der Feier teilnimmih, um die gefallenen Kameraden militärisch zu ehren. Es ist selbstverständlich, daß bei dieser Feier das religiöse Bekenntnis keine Rolle spielt; weil jedoch die ernste Gedenkfeier den Charakter eines Feldgottesdienstes mit tragen soll, war es naturgemäß, auch Vertreter der Seelsorge zu der Veranstaltung als Redner zu bitten. Wir haben davon abgesehen, ehemalige Geistliche des Heeres hirizuzu ziehen, weil bei einer solchen Hinzuziehung die Auswahl und Abgrenzung nicht leicht gewesen wäre. Außer den Angehörigen jüdischen Glaubens würden auch die Anhänger sonstiger religiöser Richtungen sowie die Freireligiösen den Anspruch erhoben haben, bei der Feier zu Worte zu kommen. Daß bei der Festsetzung des Programms jede Absicht, die deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens zurückzufetzen, uns fern gelegen hat, bedarf keiner Versicherung. Ich hoffe deshalb nach wie vor -im Interesse der einheitlichen Wirkung der Gedenkfeier, daß wir auch auf die Teilnahme der israelitischen Mitbürger rechnen dürfen, und daß sie gerne an dieser allgemeinen nationalen Feier teilnehmen werden, um mit uns auch ihre gefallenen Glaubensgenossen vor der Oessentlichkeit zu ehren. In vorzüglicher Hochachtung gez. Dr. Iarres. Mag jede Absicht, die jüdischen Deutschen bei dieser Feier zurückzusetzen, der Regierung fern gelegen haben, immerhin hätten wir dringend gewünscht, die Feier wäre so geschickt aufgezogen worden, daß solcher Glaube erst nicht hätte aufkommen dürfen. Auf der einen Seite wind betont, es handele sich nicht um eine konfessionelle Feier, dann aber werden die Geistlichen der beiden christlichen Bekenntnisse hin- AUgezogen — ein Widerspruch, der uns unverständlich ist. Dieses unerquickliche Vorspiel konnte die Berliner jüdische Bevölkerung nicht hindern, sich an der gewaltigen Kundgebung auf dem Königsplatz zu Ehren aller deutschen Gefallenen zahlreich zu beteiligen. Auch der Reichsbund jüdischer. Frontsoldaten hatte ans Einladung der Reichsregierung drei Vertreter zur Feier entsandt.