Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 32 (7.8.1924)
- Date
- 1924-08-07
- Page
- Seite 474 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2277379-2277464-2277495--01357-2280595- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
474 der selbst noch erfüllt ist von all dem Unerhörten, das der Strom an ihn herangetragen hat, sie schreibt. Die Lage der Juden in Deutschland vor dem Kriege ist so gewesen, daß der Antisemitismus Mar in den herrschenden Schichten überall verbreitet war. Der Zutritt zu den Ehrenstellen des Staates war den Juden verschlossen. Die Verwaltung war judenrein. Bei den Gerichten fand eine sorgsame Auswahl statt. Offiziere konnten Juden nicht werden, und um die bescheidene Stelle des Reserveoffiziers sind in Preußen vor dem Kriege fortgesetzt heftige Kümpfe geführt worden. Aber die Regierenden hatten ein starkes Interesse daran, daß dieser offiziöse Antisemitismus nicht zu Störungen der öffentlichen Ordnung ausartete. So war Leben und Sicherheit der deutschen Juden von der starten Regierungsgewalt der Vorkriegszeit immerhin verbürgt. Als dann der Krieg mit einem gewaltigen Auftakt von Begeisterung anhob, schienen die Klassen- sowie Raffen- und Religionsunterschiede mit eins beseitigt. Parteien sollten nicht mehr gelten, und es schien auch, als ob nach dem Religionsbekenntnis nicht mehr gefragt werden sollte. Als aber statt des erhofften schnellen Sieges ein lang andauernder, wechselvoller Kampf begann, als die Heimat unter Not und Entbehrungen zu leiden begann, da regten auch die bis dahin niedergehaltenen Parteileidenschaften sieh wieder. Wünsche, Hoffnungen, Spekulationen auf das, was nach de m F r i ed e n s s ch l u ß werden sollte, bestimmten mehr als die Aufgabe, den Feind abzuwehren, die Haltung ganzer Gruppen und Kreise und nicht zuletzt auch mancher militärischer Führer. Und als das Kriegsministerium sich zur I u d e n z ä h hing treiben ließ, war der entscheidende Schrill auf einer unbedingt nach abwärts ft ihren den Bahn getan. Es ist zwecklos, heute sich zu überlegen, wie die Lage der Juden in Deutschland bei einem siegreichen Ansgange des Krieges geworden wäre. Als aber der Mißerfolg die Revolution im Gefolge hatte, da wurde durch die ungeheuren Erschütterungen, die das ganze deutsche Volk wie wilde Zuckungen ergriffen, alles was mit der Judenfrage zusammenhing, zurückgedrängt. Die Volksbewegung und dann die Weimarer Verfassung verbürgten den Juden blt faktische Gleichberechtigung, die bis dahin nur auf dem Papier gestanden hatte. Alle Stellen im Staate standen den Juden offen, und das Andenken des jüdischen Ministers Rathenau lebt in den Herzen der bestell Juden und Nichtjuden. Das Schicksal des deutschen Judentums scheint dem der Echte rnackier Springprozession vergleichbar; drei Schritt vorwärts und zwei zurück. Auf die nach dem Kriege und der Revolution vorhandene Periode der faktischen Gleichberechtigung und der Ausschaltung jüdischer Fragen aus der öffentlichen Diskussion ist sehr bald die Welle der v ö l k i schau t i s e m i t i s ch e n Lehre gekommen und damit ein Ansturm gegen das deutsche Judentum, der starker ist als alle Kämpfe verflossener Jahrzehnte, und damit ein tausendfach öffentlich gepredigter A u s r u h r gegen die v e r - f a s s u n g s m ä ß i g e Gleichberechtigung der Juden. Damit die Lehre von dem Minderheitsrecht, unter das die deutschen Juden gestellt werden müssen. Damit die völkische Ü e b e r h e b l i chk e i t, die mit der Irrlehre von Rassenreinheit und nordisch-germanischen Edelmenschen alle wissenschaftlichen Ergebnisse über den Hausen wirft, und in offen vertretenem Imperialismus immer dann den Bund der Gegner neu zu einen geeignet ist, sobald auch nur das geringste Anzeichen von Lockerung wahrnehmbar ist. In dem Kampfe mit und um diese völkische, antisemitische Lehre leben wir auch heute n o ch. Es hat den Anschein, als ob die völkische Welle als solche ihren Höhepunkt überschritten hat und langsam talabwärts rollt. Aber nicht, ohne daß sie in weiten Kreisen, in weiteren vielleicht als vor dem Kriege, eine starke Judengegnerschaft zurückgelassen hat. Jahrzehnte angestrengter Arbeit werden erforderlich sein, um die Irrlehre zu überwinden. Vor allem in den Kreisen, die schon aus Vorkriegstradition den deutschen Juden die Gleichberechtigung gern bestreiten würden, die altererbte Vorurteile nur unter dem Druck der ersten Nachkriegs-?üt abzulegen bereit schienen, die in den Verwaltungen auch eute noch maßgebenden Einfluß besitzen, die die Senate mancher deutschen Universität beherrschen, die den Geist der Reichswehr bestimmen, und die an vielen Orten vom Stuhle des Richters Recht sprechen. In all dem hat die wüste Agitation der Deutsch-Völkischen zum mindesten eine Disposition zurückgelaffen, auf der neue Saat schnell reifen kann. Und wenn wir Vorgänge, wie die trotz aller offiziellen Erklärungen. auch heute noch nicht geklärte Ablehnung der Beteiligung eines jüdischen' Feldgeistlichen bei der Feier zur Erinnerung an die Toten oder wie die Anträge der Deutsch-Völkischen im bayerischen Versassungsausschuß auf Entrechtung der bayerischen Juden und die laue Haltung der bayerischen Regierung und der bayerischen Volkspartei, dazu sehen, wenn wir von Mancherlei Gerichtsurteilen lesen, die als objektiv nicht mehr angesprochen werden können, so fürchte ich, ist in dem allen, mm großen Teile den Urhebern vielleicht noch unbewußt, der Niederschlag der völkischen Bewegung zu sehen. Wir können auch heute noch nicht den Tornister ablegen und die Gewehre zusammenstellen. Die zehn Jahre seit Kriegsbeginn schließen für die deutschen Juden mit der Forderung der äußersten Alarmbereitschaft, der Notwendigkeit, alle Verteidigungsstellen zu besetzen, um so gerüstet zu sein, daß auch kein einziger Vorposten aufgegeben zu werden braucht. Eine so schreckliche Zeit, wie die vergangene, läßt nicht nur in der Seele des einzelnen Menschen ihre Spuren zurück, sie verändert auch die Züge eines ganzen Volkes. Das deutsche Volk hat seine Sentimentalität und seinen Hang zur Träumerei gründlich verlernen müssen. Wie von jedem Menschen kann man sagen, daß auch in derSeele der deutschen Juden zwei S i x ö nt e nebeneinander rauschen, die sein Wesen bestimmen, der Sinn des Praktikers, der die täglichen Dinge zu meistern versucht, und der Hang zum Idealisten, der in den stillen Stunden nach dem Buche greisen läßt; wenn Weiches und Hartes sich in der Seele aller Menschen kreuzen: Wir sind, nach dem, was erlebt wurde, härter geworden. Es gibt bei uns keine Feigheit, kein Zagen, keine Angst. Wenn ein jahrhundertelanger Aufenthalt im Ghetto das Wesen der deutschen Juden naturgemäß beeinflussen mußte und ihm, dem oft nur Geduldeten, vielfach Bekämpften, Rechtlosigkeiten Ausgesetzten Vorsicht, Zurückhaltung und mitunter Aengstlichkeit aufgezwungen hatte, so sind die letzten Reste jeglichen Andenkens an'diese Zeit aus der Charakterbildung der deutschen Juden mit diesem Kriege ausaemerzt worden. Selbstbewußt, aber ohne Selbstüberhebung, ohne Angriffslust, aber zur Verteidigung bereit, in jedem Gegner den Menschen achtend, aber auch voller Erkenntnis des eigenen Wertes wie der eigenen Fehler, durch im Feuer erprobte Organisationen vereinigt steht das deutsche Judentum am Ende dieses schlimmen Jahrzehnts. Die ersten Spuren dessen, was einmal jüdisches Volk geheißen hat, mögen um das Jahr 2000 vor Christus liegen. Mit David und Salomon war um das Jahr 1000 die nationale Einheit erreicht, noch einmal 1000 Jahre später ward der Tempel zerstört. Vom Beginn der christlichen Zeitrechnung an bis zum Jahre 1000 ist die Geschichte der Juden in verhältnismäßiges Dunkel gehüllt. In der Welt zerstreut, singen sie an, mit den Völkern zu leben, zrr denen das Schicksal sie geführt hatte. Heftigste Kämpfe bewegen das ganze zweite Jahrtausend nach Christus. In solchen ungeheuren Intervallen bewegt sich die viertausendjührige Geschichte der Juden. Wir stehen jetzt an einem Punkte, der uns doppelteA u f g a b e zuweist. Wir muffen, was an Judenseindschast in der Welt und besonders in Deutschland heute noch lebt, im Bewußtsein der großen Vergangenheit, im Gefühle der unlöslichen Verbundenheit mit dem deutschen Volke auszntilgen versuchen. Und wir müssen zum zweiten — aber diese Ausgabe erscheint fast leicht nach dem starken Drang zum Religiösen, der wahrend und nach dem Kriegs bei den Bekennern aller Religionen eingesetzt hat — die ewigen Werte des Judentums, den großen Gedanken, den es der gesamten Welt geschenkt hat, in das fünfte Jahrtausend seiner Geschichte mit hinüber retten. „Es gibt; im Bereich des Abendlandes keine Kultur", sagt Mückle in seinem großen Werk über den Geist der jüdischen Kultur, „für die nicht der jüdische Geist Bausteine geliefert hat." In der versinkenden germanischen Heldenzeit, im Mittelalter, selbst in der Renaissance, in der Reförmationszeit und Gegenreformationszeit, im Barock, in der Aufklärung, im Idealismus und in der Romantik, im Zeitalter der Zivilisation mit ihrem Klassenkamps, mit ihrer Revolution: überall wirkt das jüdische Erbe als befruchtend, ja zuweilen als eine geradezu überwältigende Macht fort." Und ein heißes Gelöbnis von unser aller Lippen: Nur als die Erben dieser Vergangenheit, als Schilde und Bannerträger von ewigem Recht und Rechtsgesühl, als Bewahrer und Beschließer kostbarsten Kulturguts setzen wir Geist und Geld, Gut und Blut an die Verteidigung unserer Stellung als Deutsche und Juden«/ '