Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1924-08-07 · 32 (7.8.1924) · p. Seite 473

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
32 (7.8.1924)
Date
1924-08-07
Page
Seite 473 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2277379-2277464-2277495--01356-2280594
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Einzelnummer 10 Solöpferrnlg Serlin, 7. fiuguft 7-24 HI. Jahrgang » Nr. 32 vläller sür-rMscdtmuWi iwfllftifanfttm »ryan des Chxlral-Vmins drutsrker 6loafsdürQeriüdifchcn dlaubensTt). 2Ul{&emein© Zeilun^ des dudenrums Verlag u. Schriftleitung: Eentral-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens e.v. 9erlin SV öS, Lindenstr. 13 Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594, 3595 .♦. Telegrammadreffe: «Centralglaube» Berlin« Postscheckkonto: Berlin 30472 Bankkonto: Dresdner Bank, Wechselstube <3, Berlin SW 68, Lindenstr. 7 Monatsabonnement (ein vierteljährliches gibt es vorläufig nicht) 40 Goldpfennig Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Masse, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,75 Goldmark für die 7 gespaltene Zeile nach Rudolf Mosses Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Central-Vereins 0,40 Goldmark, die 90 mm breite Neklamezeile 4 Goldmark. mHmammmmmmmmmmmmmmmKmmmmfmmmmmmmmanmmmmnmmmmmammmBmmamBmmmmmmmmmmmammmmmmmmmmBaBammmam Fehn Jahre. Ein Rückblick. / von Dr. Sruno well (Serlin). In den zehn Jahren, seitdem der Tempel des Janus zum Beginn des größten aller Kriege geöffnet worden ist, hat sich unendliches Leid auf die Welt heraogesenkt. Wenn uns die Schriftsteller aller Zonen und Zeiten von den Kämpfen und von den Toten erzählen, so verblassen ihre Berichte nach Zahl und Grauenhaftigkeit vor dem, was wir schaudernd miterlebt haben. Mütter beklagen den Tod ihrer Söhne; Kinder wachsen auf, die sich ihrer Väter nicht mehr erinnern können. Frauen sahen ihre Männer nicht wieder. Zukunstshosfnungen mähte die Sense des Todes weg, und Millionen von Menschen müssen mit dem Römer Tacitus auch heute noch klagen: „So viele Jahre sind uns mitten aus dem Leben herausgeschnitten." i Ebenso schlimm, ja für die Nerven noch zerrüttender, für die Bewährung des Charakters noch unendlich schwieriger, in Nahrungssorgen und in brutalem Kampfe um das tägliche Brot fast tötlich sind wenigstens für Deutschland die Na ch - kriegsjahre geworden. Ist es nicht wie der Zustand, von dem im dritten Jahrhundert der Bischof Cyprian schrieb: „Es nimmt ab und vermindert sich aus den Fluren der Ackersmann; auf dem Meere die Schiffer; der Soldat im Lager; die Rechtschaffenheit auf dem Markt; die Gerechtigkeit bei Gericht; in Freundschaften die Eintracht; in den Künsten die Erfahrenheit; in den Sitten die Zucht. Grauköpse sehen wir unter den Knaben; die Haare fallen aus, bevor sie wachsen, und das Leben hört nicht auf mit dem Greisenalter, sondern sängt mit ihm an." ’ Wenn wir so unter der Fülle der unmittelbaren Eindrücke und des übermächtig gewordenen Leides stöhnen, so ist mit diesem Andrang von Gefühlen aber nichts getan und gesagt für die Frage der weltgeschichtlichen Bedeutung sder Zeit, in der wir leben. Nichts ist schwieriger, als eine Epoche zu beurteilen, in der man selbst schasst. Die künftigen 'Generationen Pflegen als entscheidend für die Beurteilung bestimmter Zeiträume fast immer Dinge anzusehen, die den Äugen des Zeitgenossen kaum ausgefallen sind. So kann Unter der Unmittelbarkeit der Eindrücke nur mit Behutsamkeit und nur mit dieser Einschränkung ein Urteil darüber 'abgegeben werden, was diese zehn Jahre für Deutschland und die deutschen Juden bedeutet haben, wie sie sich in dem Kreislauf des Geschehens einordnen, und was künftige Geschlechter aus diesen Ereignissen erwarten dürfen. Wir können heute noch nicht mit Sicherheit erkennen, ob der starke Niedergang, der im deutschen Geistesleben, mehr noch in der deutschen Wirtschaft eingetreten ist, nur eine Episode darstellt, die die siegreiche Kraft eines jungen Volkes letzten Endes doch überwinden wird. Wir können heute nicht beurteilen, an welchem Punkte seiner Geschichte das deutsche Volk angekommen ist. Solange Menschen Geschichte schreiben, wissen sie, daß sich menschliches Geschehen in Wellenlinien abspielt. Ob in Babylonien oder Aegypten, ob in Rom oder Athen, ob bei Arabern oder Spaniern. Wir sahen einen glänzenden, jahrhundertelangen Ausstieg der Völker und Staaten, und aus Gründen, die die Zeitgenossen niemals erforschen konnten, ein Hinabgleiten und Versinken. Wir sehen aber, daß im deutschen Volke der Wille und der Wunsch nach einer großen und glorreichen Zukunft ungemein stark ist, und wir sehen, daß eine Fülle von guten und gesunden Kräften die Erscheinungen des Zerfalls zu bekämpfen bereit sind. Wir sehen, mag man sagen, was man will, ein in seinem Kern gesundes, kräftiges Volk, dessen Bestimmung im Rate der Völker noch nicht erfüllt ist, und wenn der die 'Welt kritisch betrachtende Geist sicks selbst einräumen muß, daß ihm die Quellen der Erkenntnis nicht alle zugänglich sind, daß seine Gedanken von seinen'Wünschen in Fesseln gehalten werden, so darf trotz alledem doch die Hoffnung ausgesprochen werden, daß in diesen zehn Jahren des Leides auch der tiefste Punkt der deutschen Geschichte erreicht sein möge, daß die guten Kräfte endgültig den Sieg über die Aeußerungen der Dekadenz "davontragen, und daß jetzt wiederum die Zeit anhebe, in der dieses große und starke Volk mit allen anderen zusammen die Kulturgüter der Welt vermehren und bereichern kann. Niemand empfindet die Ereignisse dieser zehn Jahre, unter denen Deutschland so unendlich viel gelitten hat, stärker als die deutschen Juden. Sie wissen aus ihrer unendlich langen Leidensgeschichte, wie schwer Leid sich trägt, wie tief Demütigungen den Menschen zerrütten können. Aber sie haben auch anderseits an sich selbst gelernt, wieviel Leid der Mensch ertragen kann. Wie Leid und Schmerz den Menschen zeitweise Niederdrücken, dann aber wieder ihm Spannkraft zu neuen Taten geben; und sie wissen und haben es an sich selbst erfahren, daß eine Gemeinschaft, die sich nicht selbst ausgibt, die weiß, daß sie noch eine Zukunfsausgabe zu erfüllen hat, immer erneut Kräfte aus dem unerschöpflichen Reservoir des inneren Menschen entnehmen und erhobenen Hauptes in die Zukunft blicken kann. Auch ein Ueberblick über die Geschichte der deutschen Juden in diesen zehn Jahren krankt daran, daß der Zeitgenosse.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.