Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 30 (24.7.1924)
- Date
- 1924-07-24
- Page
- Seite 451 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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451 Zritz Reuter und die Juden. Zum 50. Todestage des Dichters.! Von Dr. I. Stanje t Als Fritz Reuter irtf seiner Eisenacher Villa die Augen für immer geschloffen hatte, rühmte Gustav Fr eh tag ihn als einen „gleichstrebenden, sicheren, festen Bundesgenossen", als einen „guten Gesellen und ehrlichen Mitkämpfer gegen die Teufel, welche engherzig sein wollen". Nichtsdestoweniger wurde von böswilligen Gesellen der Versuch gemacht, Reuter als einen der Ihrigen hmzustellen, indem sie einige Stellen aus seinen Werken, so aus den „Läuschen und Riemls", aus den „Abendteuern -des Entspekter Bräsig", aus der „Fränzosentid", aus seinen Kindheitserinnerungen „Meine Vaterstadt Staven- Hagen" in einer ganz unverantwortlichen und niederträchtigen Art für ihre Zwecke zurechtstutzten und in ebenso unsinniger Weise zu verallgemeinern suchten. Das taten beispielsweise Theodor Fritsch in einem Artikel seiner „Antisern. Korr." (27. Juli 1899) „Fritz Reuter als Antisemit" und Mar Bewer in einer unglaublich albernen anonym herausgogebenen Broschüre „Fritz Reuter und die Juden" (Dresden 1895). Daß Fritz Reuter kein Antisemit gewesen sein konnte, muß jedem ehrlich Gesinnten und objektiv Urteilenden ohne weiteres klar werden, der die prächtige Figur seines Moses in der „Stromtid" in allen ihren Einzelzügen voll erfaßt und durchgedacht hat. Eine solche Gestalt kann nur einem Dichter gelingen, der ihr selbst die größte Sympathie und Liebe entgegenbringt. Reuter hat mit seinem Moses -- zu dem ihm ein bei Christen und Juden gleich hochgeachteter Jude seiner Heimatstadt namens Moses Israel Salomon Modell gestanden hatte —, bewußt ein mecklenburgisches Gegenstück zu Lessings „Nathan der Werse" schassen wollen. Bei der Beerdigung des Moses läßt der Dichter viele Christen seiner Leiche nach dem entlegenen jüdischen Friedhof folgen, und der alte Inspektor Hawermann sagt ähnlich wie im „Nathan" der Klosterbruder ausrust: „Nachan, ihr seid ein Christ!" aus der Heimkehr vom Besuch seines Grabes: „Er war ein Jude dem Glauben und ein Christ den Laten, nach." „Ja, aber der frühere Reuter!" wird mancher einwenden. Reuter führt uns in dem „Unterhaltungsblatt", an dem er 1855/56 an Neubrandenburg als Redakteur tätig war, einen fingierten Briest Wechsel mit Bräsig (Brästg I, nicht Zacharias Brästg) vor, in dem die Zustände in Mecklenburg und Pommern satirisch beleuchtet werden und namentlich auch dem im Besitze des „Erbweisheit" befindlichen Adel gehörig auf den Leib gerückt wird. Diese Briese sind nach dem To.de des Dichters von Adolf Wilbrandt in die gesammelten Werke Reuters ausgenommen worden und können dort von jedem nachgelesen werden, so zum Beispiel in der bei Hinstorf in Wismar erschienenen Volksausgabe in Band Hl auf S. 403 ff. Hier hat unser besonderes Jntereffe das achte Stück, ein Briefwechsel zwischen dem Redakteur Reuter und Brästg, zu beanspruchen. Reuter berichtet dort seinem Freunde, ein „edler Israelit" in einer Kreisstadt habe für die Speisung Armer 106 Taler preußisch Kurant gestiftet und außerdem zwei Küchen für die Speisung hergeben wollen, 'der Magistrat habe aber diese Spende abgelehnt, nachdem der Superintendent erklärt hatte: „Nie werde ich als christlicher Superintendent zugeben, daß christliche Arme aus einer Judenküche gespeist werden." Die Antwort, die Bräsig nach Rücksprache amt dem Pastor seines ländlichen Wohnortes erteilt, ist nicht von schlechten Eltern. Es ist sehr bezeichnend» daß weder Bewer in seiner volle 31 Seiten umfassenden Broschüre noch Fritsch von dieser klassischen Abfertigung des juden- und judensippenfeindlichen Superintenden (oder Supperdanten, wie Bräsig sagt) Notiz nehmen, obwohl sie schon damals, als ihre Pamphlete über Reuter erschienen, in jeder Reuter-Ausgabe enthalten war. Nun wird jeder, der . in den aus derselben Schaffenszeit, stammenden „Läuschen und Riemls" Reuters einem Stück begegnet, in dem irgendeinem Juden, etwa einem jüdischen Pferdehändler von der Art, wie sie auch vielen damaligen Juden nicht zusagte, etwas am Zeuge geflickt wird, die 1 Sache doch mit anderen Augen ansehen. Die meisten Anekdoten, in welchen Juden Vorkommen, hat er wohl aus dem Munde ferner Stavenhagener jüdischen Mitbürger erfahren (feine Heimatstadt Stavenhagen besaß damals eine der stärksten jüdischen Niederlassungen in Mecklenburg), mit denen er einen regen und freundschaftlichen Verkehr unterhielt, und es sind zumeist auch solche Sachen, die in den bekannten jüdischen Sammlungen verbreitet werden. Gewiß geißelte er in den Räuschen" manchen jüdischen Parvenü, wenn dieser schlimme Parvenümanieren an den Tag legte; er ist aber mit keinem Juden so bös umgegangen wie beispielsweise mit dem arischen Parvenü Pomuchelskopp in der „Stromtid", und keinen jüdischen Kaufmann hat er so sjehr mit der Lauge seines Witzes übergoffen wie den christlichen K o P m a n n Kurz wegen seiner ewigen Stadtbullenklage und vieler anderer Dinge. Warum verallgemeinern die Fritsch und Bewer nur die jüdischen Fälle, die christlichen aber nichts In der „Stromtid" läßt Reuter den Brästg mit dem Woll- und Produkterchändler Moses Löwenthal nach Berlin reisen; da Bräsig über keine Legitimationspapiere verfügt, muß er sich für den Onkel Löwenthals Levi Joseph: (das doppelte Vieh) ausgeben. Es ergeben sich manche lustigen Konflikte zwischen dem Pseudojuden und feinem „Neffen", die der Dichter in allzu burlesker und oft geradezu grotesker Weise ausgemalt hat und die nun auch von antisemitischer Seite in juden feindlichem Sinne ausgeschlachtet worden sind. Es braucht nicht besonders Hervorgeboben zu werden, daß dies ganz «mit Unrecht geschieh!. Im Grunde genommen ist der Moses Loewenthal eine ganz sympathische Figur, und schließlich scheiden ja auch Onkel und Neffe in bestem Wohlgefallen voneinander. Die Leute, die einen Fritz Reuter zum Antisemiten stempeln wollten, wußten es, daß diesen seit seiner Gymnasialzeit eine innige gveundschast mit dem in Reuters Vaterstadt praktizierenden r. Mchel Lieb mann verband. Wie hätte der Dichter, wenn er irgendwelche antisemitische Neigungen verspürt hätte, es sonst ertig bekommen, an diesen im Jahre 1867, als er auf der Höhe eines D'ichterruhmes stand, von Eisenach aus einen Brief zu chreiben, der überschrieben ist: „Mein lieber, teurer Bruder!", und in dem es nach dem Ausdruck der wärmsten Anerkennung für viele Beweise der Liebe und Freundschaft heißt: „Dir, dem. Juden, der in trübster Zeit, in Not und in Tod, treu zu mir gestanden hat, verdanke ich viel mehr als manchem, durch seinen Glauben cmfgeputzten Christenmenschen. Nun kommen sie, vrele, auch sehr viele! „ . *, aber damals, a!ls es wirklich nottat, da hatte ich wirklich keinen, der mir so treu zur Seite stand wie Du." Reuter hat in der „Stromtid" seinen Jugendfreund Dr. Liebmann als ,Sr. Soundso" und seine Tochter Anna als den „lütten Wtzefler", die aufopfernde, tapfere Freundin der Luise Howermann und der „lütten Fru Pastern", verewigt. Er sagt von beiden im 84. Kapit^: ,De Vater von de bütte Anna was en Doktor, mt en Titel hadd hei gor nich; aewer hei hadd wat Beteres, hei hadd en Hart sör de Armani." Hauff man am besten bei i MmKüM , Lcipzigenstr Gl a. Dönhoffptofz f Bekannt fürguttWare ».billige Pfeifel\ FABIAN OIE DEUTSCHE WERT-ZIGARETTE