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Central-Verein-Zeitung · 1924-07-24 · 30 (24.7.1924) · p. Seite 450

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
30 (24.7.1924)
Date
1924-07-24
Page
Seite 450 (sequence 6)
Language
German
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450 Wie sie Hetzen! Unter der Ueberschrift „Sin neuer Schurkenstreich!^ schreibt die „Po mmers ch e Tagespost" vom 10. Juli 1924: Ein jüdisch-marxistischer Schurkenstreich ist in Tilsit verübt worden, der an die Vadalentat in Halle, die Sprengung des Moltke-Denkmals, erinnert. Am Sonntag, den 6. Juli, sollte die alljährliche Gedenkfeier der ehemaligen 41er am Denkmal für die gefallenen Kameraden stattsinden. In der Nacht vorher hatten erbärmliche, vaterlandslose Lumpen das Denkmal zertrümmert. Jeder deutsche Frontkämpfer mag hieraus ersehen, wie jüdischer Haß selbst das Andenken der für ihre Heimat gefallenen Kameraden begeifert... Diese erbärmliche Leistung ist selbst für das Pommersche Hetzblatt stark! Es begeifert das Andenken der für ihre deutsche Heimat gefallenen jüdischen Soldaten und spricht ohne den leisesten Versuch eines Beweises von — „jüdischem Haß^ Wer ist nationall Der Heldentod die beste Blutsprobe. Die Frage: ,LVer ist national?" wird wohl in keinem Lande bet Welt so häufig gestellt, wie in Deutschland. Für die Mehrzahl der Völker ist es keine Frage, daß ihre Staatsbürger nicht nach Blutproben^ auf ihre Zugehörigkeit Zur Vobksaemeinschaft untersucht werden müssen. Alle diejenigen, die die gleiche Sprache sprechen, in der gleichen Kultur groß geworden sind und die gleichen nationalen Pflichten erfüllt haben, brauchen sich nicht erst „wissenschaftlich" ihre nation-ake Gesinnung bescheinigen zu lassen. Nur einem großen Teil des deutschen Volkes blieb es Vorbehalten, aus der genannten Frage eine „wissenschaftliche" Ausgabe zu machen. Haben sich doch allen Ernstes „Gelehrte" geflmden, dre sich bemühen, die Nationalität des einzelnen Deutschen durch Blutproben festzu stell en. Anläßlich der letzten Tagung des völkischen Ausschusses der Deutschnationalen Dolkspartei haben sich diese Wissenschaftler tagelang mit diesem Problem beschäftigt. Ernste Männer tauschten diesen wissenschaftlichen Vorträgen im stolzen Bewußtsein, daß in ihren Adern nur urgermanisches Blut rinne. So führt in Deutschland die Frage nach der Nationalität zu einer MutuntersuchunA. Nicht die Auge- Hörigkeit zu-m Staat, nrcht die Einstellung des errHelneu zum Staat sind für seine nationale Wertung maßgebend, entscheidend hierfür ist nach der Auffassung dieser Leute nur das Blut und die Rasse. Und da sich diese Eigenschaften nur durch das Anlegen eines Hakenkreuzes seststellerr kaffen» so ist nur derjenige national, der der deuffchvöMschen oder deutschnationalen Partei angehört. Schon dis Namen dieser Partei sagen, daß in Deutschland gewisse Leute die Nationalität und das vaterländische Empfinden allein für sich in Anspruch nehmen. Für sie hat die Frage nach der Nationalität nur eine rhetorische Bedeutung, denn nach ihrer Aufsagung hat nur derjenige Anspruch auf nationale Bezeichnung und Achtung, der ihrer Partei angehörk. Gegen diese Auffassung, die einen Krebsschaden unseres gesamten politischen Lebens bildet, muß unermüdl i ch gekämpft werden. In erster Lime find zu diesem Kampf beruM die jüdischen Frontsoldaten des Weltkrieges, Sie brauchen ihre nationale Gesinnung nicht erst durch Blutproben oderr Anlegen von Hakenkreuzen zu beweisen. „Jeder, der mit seinem Blut dre deutschen Grenzen geschützt hat, ist national." Dieses treffende Wort Stresemanns können auch wir auf unsere Fahne schreiben. Unsere 12 WO Gefallenen und die überlebenden jüdischen Soldaten haben den Beweis ihrer deutschen Nationakität erbracht. Die Grabsteine unserer toten Kameraden, unsere Narben und Orden sprechen mehr Kr unsere nationale Betätigung und Wichterfüllung, als es je ein selbst verliehenes Hakenkreuz oder Bändchen könnte. Neben diesen erfleren Zeichen treuer Pflichterfüllung bleibt der Geist, der unsere Kampfer beseelte, ein eherner Zeuge unseres Natronalgesühls. Er lebt weiter in den Br iefen jüdischer Soldaten, jenen „vergrabenen Schätzen" (veröffentlicht in der Sondernummer der „C. V.-Zeitung" vom 10. Juli d. I.), deren Inhalt für alle Zeiten kündet, mit welcher Hingabe jüdische Soldaten für Deutschland kämpften und fielen. Aus allen diesen Briefen klingt wieder, was wir jüdischen Soldaten draußen im Felde so oft gedacht und von Kameraden gehört haben: „Gerade wir Juden haben nicht nur unser Vaterland zu Mchen, wir haben außerdem noch die Ehre des Judentums zu wahren und die Gleichwertigkeit unserer Vaters larHÄrebe und unseres Pflichtgefühls zu bewerfen." Diese Gesinnung war es, die dem jüdischen Soldaten die Kraft gab, Kampf, Not und Tod auf sich zu nehmen Kr Deutschlands? Zukunft. Keiner von uns will behaupten, daß die jüdischen Soldaten besondere Helden waren. Neöerh^blichLeit kennen wir nicht. Mer, je mehr unsere Gegner uns unser Nationalgefühl absprechen, desto häufiger müssen wir immer wieder festftellen, daß der jüdische Soldat genau so gut und tapfer war wie seine christlichen Kameraden. Zahllose Anerkennungen von Vorgesetzten, Ehrenzeichen, Wunden und Grabsteine beweisen, daß auch die deutschen Juden mit ihren Leibern die deutschen Grenzen geschützt haben. Ihre Blutproben. Haben sie nicht den völkischen Rassesorschern, sondern dem Vakerlande gegeben. Deshalb find sie national. R.-A. Dr. Bruno Kl eh ff (Berlin)« ' Ein Hpmnasialökektor und ein Hürgermeister über üen Antisemitismus. Mitgeteilt von Rabbiner Dr. A. Eckstein. Nicht um Aeußerungen von Zeitgenossen handelt es sich, sondern um Stimmen verklärter Geister von jenseits des Grabes, die es verdienen, aus der Stille eines schriftlichen Nachlasses, in dem sie seit 31 Jahren verschwiegen geruht haben, geweckt und im Lärm des Tages vernommen zu werden. Die älteren unter den Lesern dieser Abwehrzeitung werden durch die schmerzlichen Erlebnisse der Gegenwart daran erinnert, daß bereits am Anfang der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts infolge der Hetzreden von demagogischen Aufwieglern eine Flutwelle des Judenhasses und eine Schmutzwelle von Verleumdungen gegen unser religiöses Schrifttum sich über die deutschen Lande ergossen, durch welche 216 deutsche Rabbiner aller religiösen Richtungen sich veranlaßt fühlten, „im Vertrauen auf den Beistand Gottes und zur Steuer der Wahrheit" eine längere Erklärung der Oeffentlichkeit zu übergeben, die in der feierlichen Versicherung gipfelte, daß das Judentum gebietet: „In jedem Menschen das Ebenbild Gottes zu achten, in Handel und Wandel strengste Wahrhaftigkeit gegen jedermann zu betätigen, jedes Gelübde und Versprechen, welches irgendeinem Menschen, sei er Jude oder Nichtjude, geleistet wurde, als unauflöslich und unverbrüchlich treu zu erfüllen, Nächstenliebe gegen jedermann, ohne Unterschied der Abstammung und des Glaubens, zu üben, die Gesetze des Vaterlandes in treuer Hingebung zu befolgen, das Wohl des Vaterlandes mit allen Kräften zu fördern, und an der geistigen und sittlichen Vervollkommnung der Menschheit mitzuarbeiten." Ueber diese Erklärung der deutschen Rabbiner hielt der im Jahre 1907 verewigte Rabbiner Dr. Ziemlich in Nürnberg am Passahfeste des Jahres 1593 zwei Predigten, in deren Einleitung er es mit Genugtuung und Anerkennung hervorhob, daß das engere bayerische Vaterland dank der Weisheit seiner Regierung und dem Wohlwollen seiner Bürger „bisher allen Versuchen, der Seuche unserer Zeit in seiner Mitte Herde zu gründen, erfolgreich widerstanden hat". Ein Exemplar dieser durch den Druck veröffentlichten Predigten sandte er an den durch sein Wörterbuch zum Homer in weiten Kreisen bekannten Rektor des Alten Gymnasiums von Nürnberg Dr. A u t e n - rieth und den nicht minder bekannten Bürgermeister Dr. Schuh, worauf dieselben ihren Dank und ihre Meinung mit nachfolgenden Zuschriften äußerten: Nürnberg, den 6. Mai 1893. Euer Hochwürden haben die Güte gehabt, Ihre beiden auf die gemeinsame Erklärung der 216 Rabbiner bezüglichen Reden mir gütigst mitzuteilen. Empfangen Sie für diese Aufmerksamkeit meinen besonderen Dank. Die Herren Schriftgelehrten haben mit dieser Erklärung einen Schritt getan, der nach beiden Seiten hin nicht unterbleiben durste, obwohl sie über die Wirkung desselben sich gleichfalls keiner Täuschung hingeben. Es ist zweifelsohne ein trauriges Zeichen unserer Zeit und besonders unseres Volkes, daß überhaupt eine derartige Hetze, um die sich so unglaublich viel bodenlose Gemeinheit und bewußte Aufstachelung des Hasses und der niedrigsten Leidenschaften konzentriert, ihr Haupt erheben durfte. Einige der Hauptführer haben sich gottlob selbst so diskreditiert, daß hoffentlich vielen die Augen artsgehen, und es durch ernstere Arbeit der besseren Elemente möglich wird, den schnöd entweiheten Frieden in unserem Volke wieder herzustellen. Dies ist zugleich mein innigster Herzenswunsch, mit welchem ich Euer Hochwürden in aufrichtiger Hochachtung begrüße. Ergebenst pr. Dr. Autenrieth. Nürnberg, den 5. Mai 1893. EuerHochwvhlgeboren sage ich für die gütige Uebersendung Ihres Schristchens über die Erklärung der deutschen Rabbiner verbindlichsten Dank! Die ebenso würdige wie mannhafte Sprache dieser Erklärung und der Ihrerseits an dieselbe geknüpften Betrachtungen hat mich wahrhaft gefreut, und es ist mir ein Bedürfnis, meiner Zustimmung zu denselben und zugleich der Befriedigung Ausdruck zu geben, daß jene schmählichen, aus Bosheit und Lüge her borg eh enden Verunglimpfungen unserer jüdischen Mitbürger bei uns keinen Boden finden. Es ist bezeichnend, daß dieselben säst überall im Vereine mit persönlicher Verkommenheit auftreten, und daß ihre eifrigsten Apostel regelmäßig an der eigenen Sittenlosigkeit Schissbruch Leiden. Der Kern unseres Volkes ist glücklicherweise so gesund, daß er diese Krankheit ohne Schaden zu nehmen und hoffentlich bald überwinden wird. Mit hochachtungsvollftem Gruße Euer Hochwohlgeboren ergebenster Dr. Schuh. Bürgermeister. Wir müssen leider hinzusügen, daß der Schreiber des vorstehenden Briefes wohl ein vortrefflicher Bürgermeister war, aber kein Seher der Zukunft. Was mag sein Geist heutzutage denken und urterlen, wenn er aus seligen Gefilden herabblickt auf die türmereiche Noris, wenn er in ihren einst jo friedlichen Mauern das Treiben der Völkischen und die Streiche eines „Streicher" wahrnimmt?

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