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Central-Verein-Zeitung · 1924-07-24 · 30 (24.7.1924) · p. Seite 452

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
30 (24.7.1924)
Date
1924-07-24
Page
Seite 452 (sequence 8)
Language
German
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452 presteschau. In einer beim Jüdischen Buch- und Kunstverlag, Brünn-Wien, erschienenen Schriftenreihe: „Judentum, Judenvolk, Judenland" äußern sich eine Reihe hervorragender N i ch t j u d e n über den Kulturwert des Judentums. Aus der ersten Folge ist besonders beachtenswert der Aufsatz von Karl Alexander Freiherr von Gleichen-Rußwurm: „Gedanken über jüdischen Einfluß auf Denken und Dichten/ Der Verfasser legt dar, wie das Judentum der deutschen Staatsgenossenschast eine reiche Gabe und "ihr seine ältere Kultur dargebracht haoe. Hervorragende Juden sind in den Stammtafeln der deutschen philosophischen und ethischen Entwicklung zu verzeichnen. Gleichen-Rußwurm nimmt Bezug auf den größten Ewigkeitswert, den die Judenheit durch die Bibel der Menschheit geschenkt hat. Nicht geringer schätzt er die Schriften des jü dische n Mit. telalters, alte und neue Kabbala und besonders ihre .Ausläufer im C h a s s i d i s m u s. „Was die jüdische Gnosis dem Westen gab, wer wollte es missen? Die Welt der Geschichte, Worte und Zeichen sind uns durch die heiligen Bücher vermittelt; aus der alten und neuen Kabbala, aus dem Sohar und den Schriften des Chassidismus im 18. Jahrundert (die allerdings mit dem orthodoxen Judentum im Widerspruch standen) tritt uns ein Vitalismus entgegen, der in mystischer Lebenskraft die Erklärung der Erscheinungen sucht, eine Philosophie, die meines Erachtens in jüngster Zeit aus Bergsons Schriften neugesormt hervorgegangen ist. Daß von diesem Lehrer der Pariser Hochschule großer Einfluß auf das zeitgenössische Denken, namentlich in gewissen literarischen Kreisen, stattfand, läßt sich nicht leugnen/ Trotz solch reicher idealistischer Auffassung fehlt, nach Ansicht Gleichen-Rußwurms, im Judentum eine naturalistische W e l tbetrachtung nicht, die sogar im Materialismus umschwingt. Das ursprüngliche Gesetz wird immer schärfer in Nüchternheit und reine Zweckmäßigkeit umgearbeitet. Aus ähnlichem Geiste hat Karl Marx seine Geschichtsauffassung hergeleitet, die die Welt ent* göttert und auf eine kritische Basis stellt. Ganz anders zeigt sich das Judentum, wo es sich an seine eigene Ethik hält. Dort entsteht die hochgeläuterte Philosophie, verkörpert im Metaphhsiker Spinoza und dem Philosophen Mendelssohn. Spinoza hat ein Ideal des Staates gebildet. „Der Staat dient ihm für die Zwecke der Persönlichkeit: ,Der von Vernunft geleitete Mensch ist freier im Staate, wo er nach gemeinsamen Beschluß lebt, als in der Einsamkeit, wo er nur sich selbst gehorcht/ Der Staat ist zugleich die höchste Gemeinschaft, die der Philosoph kennt und anerkennt. Dieser Staat — das Staatsgebilde der Renaissance — hat so viel Recht, als er Macht hat, kerne Vertragstreue braucht rhn zu binden, kein Kulturgedanke zu hemmen, er tut und darf tun was der Vorteil gebietet. Wir denken anders; aber indem wir die Renaifsancepolitik und mit ihr Spinozas Politische Philosophie ablehnen, begreifen wir sie. Europa war damals ein Schachbrett, auf dem die Spieler — die Fürsten — ihre Figuren — die Heere — hin und her bewegten, wie es ihnen gefiel, wenn der Zug einen Vorteil brachte. Die Ethik schloß der einzelne ins Herz, der Staat war noch nicht so weit, ihrer zu bedürfen. Sie dem Staate zu gewinnen, ist Aufgabe der nächsten Zukunft/ Spinoza ist also der erste Philosoph der modernen Demokratie und mehr als'ein Zeitgenosse der Renaissance. Der Atheismus, dem er in religiöser Beziehung huldigte, hat sich seitdem vielfach auf das gebildete Judentum übertragen. Auch Moses Mendelssohn versucht ähnliche Brücken zu schlagen. Beim Kapitel der Toleranz, wie es dramatisch und liebevoll L es sing in der Gestalt Nathans des Weisen verewigte, zeigt er sich beherrscht im Streben von der Schulphilosophie zur Kenntnis der allgemeinenBildung. Auch die jüdischen Frauen: Henriette Hertz und Rahel Lew in sind Schöpferinnen neuer Bewegungen, die mehr nach dem literarischen und künstlerischen Leben neigen. Hier hat Heinrich Hei ne gekernt und seine innigsüßen Empsindungen, gepaart mit schonungslosem Witze, entfaltet. Es ist wahr, daß ihn niemand erreichen konnte, und die Stimmung bleibt das rätselhafte Element aller modernen Dichtung von da ab. Der Weg von Heine führt schnell zur modernen Presse Deutschlands, die sich, oft angefeindet, als ein nützliches Element für unser Geistesleben erwiesen hat. Wie diese Bewegungen nützlich oder schädlich seitens des mitbeteiligten Judentums auslaufen werden, steht noch dahin. Gleichen-Rußwurm schließt mit den Worten: „M ögen meine Zeilen dazu beitragen, auch hier Gegen sä tze auszugleichen und Vorurteile hinwegzuräumen, wo sie etwa unersprießlich dem national zu stark ge? düngten Boden entwachsen/ Kleine Chronik. Der Land esv erein zur Erziehung israelitischer Waisen in Baden, Sitz Bruchsal, blickt aus ein.nahezu 4Mhriges Destch-en zurück. Tausende non jüdischen Voll- und Halbwaisen aus allen Teilen des Landes hat der Verein vor dem Sturz in sittliche Verwahrlosung und lebensgesährdcte Not gerettet. ' Da das soziale Hilfswerk vor dem Zusammenbruch steht, bleibt nur der Weg, die Opferwilligkeit aller Juden aufzurufen. Jede gewünschte Auskunft erteilt Herr Jakob Oppenheimer, Bruchsal. — Jüngst fand in Dresden in den Raumen des israelitischen Gemeindeamts eine Tagung des Mitteldeutschen Rabbinerverbandes statt. Auf der Tagesordnung standen wissenschaftliche Referate. An diese reihte sich eine Aussprache über die wirtschaftliche Lage. In dieser Richtung wurden mehrere Beschlüsse gefaßt, die dem Allgemeinen'Rabbinerverband weitergegeben wurden. — Der Jüdische Frauenbund konnte in diesen Tagen auf eine s-ogensreiche zwanZigjährigr Tätigkeit zurückblicken. Die Mitgliederzahl ist auf 59 060 Frauen angewachsen. Frau Berta Pappenhe i m legte nach zwanzig Jahren erfolgreicher schwerer Arbeit in der letzten Vorstandssitzung, die im Heime des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg stattsand, ihr Amt nieder. — Dr. David Mayer, Geh. O b e r re g i e r un g s ra t in Karlsruhe, vollendet am 25. Juli fein 7 0. Lebensjahr. Sein Name wird nicht nur in Baden mit stolzer Verehrung genannt/ sondern seine unermüdliche, rastlose Tätigkeit auf allen Gebieten öffentlich jüdischen Lebens hat ihm die Wertschätzung weitester Kreise verschafft. . Ein leuchtendes Denkmal feiner umsichtigen Fürsorge ist das 1912 gegründete Friedrich - Luisen - Hospiz irr Bad Dürrheim, eines der schönsten jüdischen Heime unseres Vaterlandes. Allezeit ist ihm feine Gattineine verständnisvolle Mitarbeiterin bei seinem segensreichen Schaffen gewesen. Wir gratulieren herzlichst! Prof. Ör. Biedert*s RAMOGEN [ Doreri lAÖtn Apotheken uDfogerief|| Weiße Zähne I durch die! 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