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Central-Verein-Zeitung · 1924-07-24 · 30 (24.7.1924) · p. Seite 448

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
30 (24.7.1924)
Date
1924-07-24
Page
Seite 448 (sequence 4)
Language
German
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448 Professor Max wunöt unö -er Mische Neukantianismus. Von Dr. Heinrich Levy (Eberswalde). Zum 200. Geburtstage Kants brachte die „Deutsche Zeitung" in ihrer Nummer vom 20. Aprils unter anderen, zumeist einseitigen Betrachtungen einen Aufsatz, betitelt „Der Deutsche Geist in seiner Glan z z e i t, von dem ordentlichen Professor der Philosophie Max Wundt, dem Sohne des berühmten Philosophen Wilh elm Wundt. Dieser Aufsatz ist ein beredtes Zeugnis dafür, welche Verzerrungen und Verfälschungen die antisemitische völkische Einstellung selbst bei Männern hervorbringt, die von Anus wegen berufen find, die akademische Jugend zu strenger Objektivität und zur Freiheit des Geistes zu erziehen. Dian sollte es nicht für möglich halten: Wundt macht dafür, daß „gerade diejenigen Krerse, welche sich bewußt zum Deutschtum bekennen, nur schwer eine Stellung und ein näheres Verhältnis zu Kant gewinnen" — das Judentum verantwortlich. Zwar Kants Werke liegen in schönen, vollständigen Ausgaben vor, seine Hauptschristen sind fiir billigen Preis überall zu taufen, unzählige Bücher, unter denen sich auch sehr verbreitete von Wnnern aus „deutsch bewußten Kreisen" befinden, versuchen, den Laien in die Gedanken des großen Philosophen einzuführen. Aber vor fast einem halben Jahrhundert, als nach dem völligen Zusammenbruch der Philosophie in Deutschland der Ruf „Zurück zu Kant" ertönte, hat Hermann Cohen ihn jüdisch-intellektualistisch ausgelegt, und sein Einfluß ist fo stark gewesen, daß bis auf den heutigen Tag „gerade die eigentümlich deutschen Seiten des kantischen Denkens in den Hintergrund gedrängt" worden sind. Dieser „durch die jüdische Brille" gesehene Kant aber vermag natürlich die bewußt zum Deutschtum Bekennenden nicht für sich zu gewinnen. Im Interesse der Wahrheit und K l a r h e i t ist es wohl unumgänglich, unter Bevorzugung „der einseitig logischen Einstellung des Denkens" in diese Frage Licht zu bringen, wenn wir auch in solcher Einstellung nach Wundt „einen Ausdruck des jüdischen Intellektualismus erblicken müssen". Zunächst also: was versteht Wundt unter „bewußt deutschen Kreisen"? Vermutlich diejenigen, die das Deutschtum beständig im Munde führen, und den anderen, die das Deutschtum lediglich durch Gesinnung und Tat bewähren, es abzusprechen wagen. Untersucht man nun, warum diese „bewußt Deutschen" sich zu Kant nicht hingezogen suhlen, so ist eine ungekünstelte Antwort wahrlich nicht schwer: Kant ist Demokrat — gerade der kategorische Imperativ kennt kein Ansehen der Person —, er vertritt das Recht gegenüber der Mach t, er verkündet die Idee des ewigen Friedens, er ist ein äußerst vorsichtiger, immer von neuem mit den Problemen ringender Denker — alles Züge, die nationalistisch-kriegerischen Machtmenschen nicht wohl sympathisch sein können. Aber ist nicht vielleicht doch etwas Wahres an der Behanptung des jüdischen Charakters des Neukantianismus? Dieser Neukantianismus, den Wundt richtig in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts einsetzen läßt, mußte einem gänzlich unphilosophischen Geschlecht die Philosophie erst wieder nahe bringen; die lvenigen philosophischen Köpfe muhten an die herrschenden Interessen anknüpfen. So wurde zuerst die ErkenntnMheone als die Lehre von den Voraussetzungen der machemakischen Naturwissenschaft im Anschluß an Kants Kritik der reinen Vernunft erarbeitet. Auch Hermann Cohens erstes Werk „Kants Theorie der Erfahrung" (1871) war durch diese Zeitströmungen mitbestimmt. Wundt kennt diese Zusammenhänge sehr wohl, er will aber „keinen solchen Wert darauf legen", sondern lieber auch zum Kant-Jubiläum einen Angriff gegen die Juden an den Haaren herbeiziehen. Man höre, was er wörtlich sagt: „Daher wollen wir hier keinen solchen Wert darauf legen, daß der ganze Geist jenes Zeitalters, der Geist des bloßen Tatsachenwissens und einer Einschränkung aller Erkenntnis auf die Erfahrung, dem echten Geiste Kants und überhaupt der großen Richtung der deutschen Phälosophre sehr losnig entsprach. Dagegen wollen nur darauf Hinweisen, daß das Judentum bei dieser Erneuerung keine ganz unbeträchtliche Rolle gespielt hat." Nach diesem naiven Geständnis seiner Absicht fährt er fort: „Einer der einflußreichsten Neukantianer, der deren Richtung vielleicht den schärfsten Ausdruck gab, war Hermann C o h e n, der aus der jüdischen Richtung feines Denkens kein Hehl gemacht hat. Es verstand sich von selbst, daß dadurch gerade die eigentümlich deutschen Seiten des kantrschen Denkens in den Hintergrund Bedrängt wurden und der gesamte Ausbau der kantischen Gedanken in eine Beleuchtung rückte, die dem deutschen Geiste wenig entsprach." — Es gab also noch andere nichtjüdische — Neukantianer, die ebenso einflußreich waren —* in der Tat denke man zum Beispiel an Windelband —, die, wie das „vielleicht" andeutet, auch möglicherweise der Richtung einen gleich scharfen Ausdruck gaben. Wenn diese nun keine Juden waren, wie Alois Riehl, der ein viel einseitigerer Erkenntmstheoretiker als Cohen war, oder wie später der metaphysikfeindlichste von allen, Vary inger — wie kamen sie zu der „lüdifchen Rich. tung" ihres Denkens? Und weiter: Cohen soll „aus der jüdischen Richtung seines Denkens kein Hehl gemacht haben"? Cohen kannte keine jüdische oder christliche Richtung des Denkens, so wenig wie eine jüdische Mathematik und Logik. Aber auch das, was Wundt mit diesem nicht gerade *) Dem Verf. dieses Artikels wurde der Aufsatz von Wundt erst vor wenigen Tagen bekannt, klaren Ausdruck als Cohens Meinung nahelegen will, würde Cohett j entrüstet zurückgewiesen haben. Natorp, der Jahrzehnte hindurch neben und mit Cohen in schöner Gemeinschaft als Nlchtjude gewirkt hat, rühmt Cohens „entschiedene Staatsgesinnung, seinen vorbehaltlosen Anschluß an das deutsche Geistesleben bei unwandelbarer Treue gegen die angestammte RÄigionsgemeimschaft, seine verständnisvolle Würdigung des evangelischen Christen-.! tums". Daß diese Treue mit einer echt deutschen Gesinnung in Ein- klang stand, daß Cohen dem Judentum „volle innere Einigkeit mit 5 dem Besten gerade des deutschen Wesens" (Natorp) zuschrieb, hatj er immer wieder selbst ausgesprochen. Aber diese Behauptung der „jüdischen Richtung" des Cohenscheü, Denkens ist überhaupt künstlich und aus der deutlich genug der-! ratenm Absicht zu erklären, den Juden etwas am Zeuge zu flicken.' Es wäre, wenn einmal von Cohen die Rede sein sollte, einzig und allein anständig gewesen, seine außerordentlichen Verdien st e um das Kant-Verständnis hervorzuheben, die Wundt, wenn er: auch nicht Cohen selbst, sondern nur die wichtigste Literatur über Kant gelesen hat, kennen muh. Wundts Jenaer Kollege, der ihm politisch nahestehende ordentliche Professor der Philosophie Bruno Bauch, beruft sich in seinem großen gründlichen Buch über Kant immer wieder auf Cohen als Autorität, und selbst H. St. Chanrberlain, aus dessen Urteil ein Antisemit doch Wert legen muß, nennt Cohen „den Nestor der wirklichen Ergründer Kants". Um so wehr erübrigt es sich, aus die oberflächliche und irreführende Charakterisierung der Cohenschen Kant-Auffassung einzugehen; von dem Niveau des Wundtschen Aussatzes aus müßten auch zu viele Stufen bis zu der Höhe der Cohenschen Philosophie überschritten werden.-' Einen ersten Einblick in sie gewährt die Gedenkrede N a t o r p s „Hermann Cohen als Mensch, Lehrer und Forscher", aus der man schon ersehen kann, daß Wundt ihn überhaupt nicht verstanden hat. Wer Cohen und die „Marburger Schule" kennt — als deren nichtjüdische Anhänger nur Görland, N. Hartmann, Kinkel, Vorländer genannt seien —, der weiß auch, daß nicht gegen diese Schule, sorv?/ dern mit ihr und durch sie Kants Werk „in den großen Zusammen^- I hang des deutschen Denkens eingereiht wird". In echt karitischem ‘ unermüdlichen Ringen und im Einklang mit Kants Lehre von der : unendlichen Ausgabe der Vernunft ist Cohen im Laufe der Jahre' weit über Kant wesentlich in der Richtung der großen deutschen Idealisten hinausgegangen. Wenn Wundt ihm aber eine einseitige/ logische Einstellung vorwirst, so sei an den Panlogismus des abschließenden großen Systems des deutschen Jdealirnus, der Philo-/ sophie Hegels, erinnert, der Cohen und seine Schüler sich in dev Tat genähert haben, und die in Wahrheit genau wie Cohens Philosophie aus einem tiefen irratronalistischen Urgrund quillt. Die Erneuerung nicht nur der kantischen Philosophie, sondern auch ihre besonnene Fortbildung, deren glänzende, aber — wie ihr rascher Zusammenbruch zeigte — nicht genügend gesicherte Vorbilder? die metaphysischen Systeme der Blütezeit des deutschen Geistes waren,' hat sich, wie im Nerckantianismus überhaupt, so auch bei Cohen und seiner Schule allmählich vollzogen. Wenn Wundt daher sagt: „So sieht unsere Zeit Kant, wie so' vieles andere, häufig durch die jüdische Brille", so ist diese jüdische Brille nur ein Produkt seiner antisemitisch erregten Phantasie. Auch die Behauptung Wundts, daß alle großen deutschen Denker Gottsucher seien, und daß auch Kant gegenüber der Auffassung des Neukantianismus als Gottsucher zu betrachten sei-, ist wenig glücklich. Gottsucher waren z. V. Augustinus, Thomas v. Aquino, Malebranche, Spinoza, waren. die jüdischen Denker -es Mittelalters, Gottsucher war in ausge-1 sprochener Weise Cohen; keine Gottsucher waren der von den Antisemiten gern angeführte Schopenhauer und Nietzsche. Soll dann aber; dies als besondere Bestimmung des deutschen Charakters gelten: „Sie wollten sich den Sinn des Daseins aus dem Geheimnis des göttlichen Willens deuten", so gilt das z. B. auch für den jüdischen Philosophen' Jbn Gebirol, für keinen geringeren als Hegel dagegen nicht. Als das Eigentümliche Kants vollends und dasjenige, das aus seine, großen Nachfolger gewirkt hat und darauf kommt es doch bei der Erkenntnis Kants an —, kann beim besten Willen nicht „das. Ringen nach der Erkenntnis Gottes und der Offenbarung Gottes in' der Welt" bezeichnet werden, auch wenn man zugeben wollte, daß es „den tiefsten Antrieb seines Denkens bestimmt" habe. Mit der Leidenschaft des Genies ringt Kant vielmehr um zweierlei: um eine philosophische Theorie, die an Wissenschaftlichkeit der Mathematik gleichkommt, und um die Reinheit und Sicherheit der Sittlichkeit. Beides gewinnt er durch die „transzendentale Methode" und den idealistisch-aktiviskischen Charakter seiner Philosophie. Dieser idealisttsch-aktivistische Charakter seiner Philosophie aber — den samt der transzendentalen Methode verständlich gemacht zu haben gerade Cohens anerkanntes Verdienst war —,'dieser ist es, der auf Kants Zeitgenossen ethisch erhebend und stärkend und bei seinen Nachfolgern, namentlich aus Schiller und Fichte und dann weiter —- mit denk Uebergewlcht der Lehren der „Kritik der Urteilskraft" — auf, S Helling und Hegel, gewirkt hat. Wundt gibt zum Schluß eine kurze, sehr populäre Darstellung der kantischen Philosophie. Auch an ihr wäre 'mancherlei zu bemängeln;' doch dies würde zu weit führen. Mußten wir doch schon aus manches' austlärende Wort in bezug auf den deutschen Geist, den Neukantianismus, die deutschen Philosophen jüdischer Abstammung und insbesondere in bezug aus Cohen verzichten. --Nur dies sei noch hervorgehoben, daß mit einem Jubiläumsaufsatz solcher Art weder dem Andenken Kants noch dem Ansehen derdeutschenPhilosoPhie gedient wird. — ■ —*

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