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Central-Verein-Zeitung · 1924-07-24 · 30 (24.7.1924) · p. Seite 446

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
30 (24.7.1924)
Date
1924-07-24
Page
Seite 446 (sequence 2)
Language
German
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446 SroLwuchse." » Von Dr. PaulNathan. Dieses agitatorisch eindrucksvolle Wort wurde von Wilhelm II. 'gebraucht, als man ihm ein Hinaufsetzen der Einfuhrzölle für Eetreide zumutete. Vor dem Drängen nach Getreidezöllen stehen wir jetzt wieder. Ob sie zum Nutzen des deutschen Volkes eine Notwendigkeit; ob die Verteuerung des Brotes eine unerträgliche Last gerade für die weniger Bemittelten und für die unbemittelten Deutschen darstellt, das zu untersuchen und ktarzustellen, kann auf diesen Blattern nicht in Frage kommen. Hier werden keine rein politischen und keine rein ökonomischen Gegensätze allgemeiner Art erörtert; nur die Bekämpfung des Antisemitismus hat hier eine Freistatt. Und damit kann dann freilich in Betracht gezogen werden: Wie wird eine politisch bedeutungsvolle und eine politisch tieferngreisende Frage, die Frage der Getreidezölle, auf die antisemitischen Parteien, auf das antisemitische Parteigefüge zurückwirken? Das Programm der antisemitischen Parteien, der antisemitischen Gruppen und Grüppchen, wie es in Reden und in Druckschriften zum Ausdruck kommt, ist ein Sammelsurium von Banalitäten, von Widersprüchen, schwankend, vieldeutig, von den eigenen Anhängern -umgedeutet und angefochten, und nur in dem einen Punkte klar: in der Feindschaft gegen die jüdischen Deutschen; aber selbst in der Beziehung vielfarbig schillernd, in welcher Weise nun eigentlich die Feindschaft gegen die Juden in gesetzgeberische Taren umgesetzt werden soll. Sind die Antisemiten einerseits eine demagogische Hilsstruppe der reaktionären Konservativen der äußersten Rechten, so fühlen sie sich anderseits doch auch seelenverwandt den Kommunisten der äußersten Linken. Ihr Standpunkt wurde bezeichnet als der Sozialismus der Lummen Kerle, und man könnte mit gleichen Recht sagen: Sie feien die Genarrten der Reaktion. Politisch sind sie Treibsand, der in immer neuen Gestaltungen um den einen festen Punkt, ihre Judenfeindschaft, herumgetrieben wird. Realpolitisch sind sie ganz und gar nicht, obgleich so viele von ihnen auf den großen Realpolitiker Bismarck schwören. Sie sind wie die Krähen, die in Scharen aus weiter Ferne angeflogen kommen, wenn sie oben aus der Uhustange über der Krähenhütte den angeketteten Nachtvogel sehen; und in ihrem Haß gegen den Ahu, auf den sie blind loshacken, lassen sie sich dann mit Leichtigkeit vom Jäger in der Krähenhütte abschießen und abfangen. Die politischen Jäger in der Krähenhütte sind die Konservativen, die 'Reaktionäre, denen es bisher noch immer gelungen ist, mit mehr oder weniger Antisemitismus, durch den einsamen jüdischen Uhu aus der Stange, die Völkischen anzulocken und einzufangen. Heute dürste solche politische Jägerlist auf große Schwierigkeiten stoßen. Judenseindschaft hin, Judenfeindschaft her; — soll das Brot verteuert werden, das ist im Augenblick die Frage! Soll den Antisemiten des Mittelstandes und den weniger zahlreichen antisemitischen Proletariern die steigende Not und der Hunger vertraulich auf die Schulter klopfen? Oder soll das verhindert werden? Hierüber haben die Antisemiten im Reichstag mit zu entscheiden, und für ihre Abstimmung müssen sie vor ihren Wählern die Verantwortung tragen. Nun mag man Getreidezölle billigen als eine Notwendigkeit, oder j mag man sie unbedingt verwerfen, als eine verfehlte Maßregel, — : fest steht eines; sie drücken am schwersten aus jene Dolkskreise, die am j ärmsten sind, und die, weil sie am ärmsten, am meisten Brot zu essen ^gezwungen sind, als der immerhin noch wohlfeilsten Volksnahrung.! Jede Erhöhung der Getreidepreise bringt volkswirtschaftlich unab-! wendbar eine Erhöhung der Mehlpreise, und teureres Mehl ledeutet! teureres Brot; teureres Brot erpreßt von den weniger Bemittelj ten und den Aermsten steigende Anforderungen, oder sie! verfallen dem Hungern mit all seinen tragischen Folgen: der Un t erlern a hrung, dem Hinsiechen, dem Tod. Steigende Ge- ' treidepreise, die jwen Agrariern mit ausgedehntestem Getreidebau i die größten Einnahmen eintragen, sind eine Belastung für den Brot-! effer und eine furchtbar schwere Belastung für den wenig Bemittelten | unb für den Armen, der schon bisher kaum das Geld für sein tägliches Brot aufzubringen vermag, und der nun das verteuerte Brot einzu-; kaufen gezwungen ist. Es hilft auch nicht die abgetane Einrede, daß allein der Zwil schenhandel das Brot verteuere. Der Zweck und die eingestandene Ausgabe des Kanitzschen Gesetzentwurfes ist es gerade, den Getreide verkaufenden Landwirten höhere Einnahmen zuzuführen; .ihnen soll geholfen werden auf Kosten der Brotesser, aller Vrot- eher, auch oer des Mittelstandes und der Aermsten. Den reichen jüdischen Kommerzienrat, um im Jargon der Antisemiten zu reden,! und den bayerischen Großindustriellen, der die Kasten der Antistmiten i noch bei den letzten Wahlen gefüllt hat, bringt die Brotsteuer keine \ beachtenswerte Bedrückung, wohl aber dem kleinen Beamten, dem ^bescheidenen Mittelstand, dem schwer ringenden Arbeiter, und selbst l dann, wenn sie begeisterte Sänger des Hakenkreuzliedes sein sollten. . Wollen die „rernen" Antisemiten die Politisch recht nützliche Verbindung mit den antisemiti'ch-agrarisch Reaktionären der Rechten aufrecht erhalten, dann wüsten sie für die Getreidezölle erntreten, und wollen sie nicht ihren städtischen Heerbann der kleinen Beamten, der Handwerker und einiger Arbeiter verlieren, dann werden sie gezwungen sein, gegen die Brot Verteuerung Front zu machen, und zwar mit Energie, mit größter Energie. Auch dem Mwieg besten Demagogen wird eS nicht möglich sein, Ulerchzeitig die Brotverteuerung zu verdammen bis in den tieMn Pfuhl der Hölle, und die Einführung der. Getreidezölle In' dm höchsten Tönen zu preisen als die begrüßenswerteste und klügste Maßregel zur Förderung des reinen — Wotan-Kultus. Eine unangenehme politische Zwickmühle! Gegen den „Brotwucher", wie Wilhelm H. sagte, oder für den „Brotwucher", wie die extremen Agrarier zwar nicht sagen, aber denken und demgemäß handeln?! In solche Lage muß immer erneut eine Partei kommen, die hohenzollernsch und wittelsbachisch, und kaiserlich und königlich und republikanisch, und agrarisch und proletarisch, und kapitalistisch und sozialistisch schillert, und die nur einen Kitt hat: den Antisemitismus, diese realpolitisch bedeutungslose Nuance, da es in Deutschland nur ein Prozent Juden gibt, innerhalb der -Gesamtbevolkerung ein Tropfen in einem Meer von Nichtjuden. völkische Außenpolitik«:. Wichtigtuer und Quertreiber. Die Entscheidungen, um die in diesen Tagen in London gerungen wird, sind kaum minder schicksalsschwer als jene, um die unsere Truppen opfermutig vier Jahre lang gekämpft haben. Im Krieg galt es als selbstverständlich, daß nur die Verantwortliche S t a a t § l e i t u n g die Politik bestimmen dürfe, und daß jeder Versuch eines einzelnen oder einer Partei oder sonstigen Gruppe, auswärtige Politik auf eigene Faust zu treiben, als Kriegsverrat anzusehen wäre. Den wenigen, die sich nicht aus eigener Einsicht dieser Noüvendigkeit fügen wollten, machte die von den kommandierenden Generalen stramm geübte Kriegsprestezensur bald klar, daß das oberste Gebot der Stunde hieß: „Unterordnung". Unsere Völkischen schwärmen sonst immer für militärische Diktatur, spielen sich selbst immer als die opferwilligsten Vaterlandssreunde auf, — aber daß hierzu in erster Linie bei dem diplomatischen Ringen dieser Tage ebenso wie früher während des Kampfes auf den Schlachtfeldern vor allem schweigende Unterordnung gehört, wollen sie nicht einsehen; Unterordnung auch unter eine Regierung, die man im Innern noch so heftig bekämpfen zu müssen glaubt. Da veröffentlicht ein gewisier P. S. Rogge im „Völkischen Kurier", dem Organ des Völkischen Blockes' in Bayern und des Deutschvölkischen Offiziersbundes. außenpolitische Gedankengänge unter der Ueberschrift „Die Stunde ist da!" Nämlich der Konflikt zwischen Amerika und Japan hat sie herbeigeführt. Den Japanern wird jetzt auf einmal vergessen und vergeben, daß sie sich dem Verband unserer Feinde angeschlosten haben, um uns Kiautschou zu rauben, das war nicht so bös gemeint, sie haben nur Realpolitik getrieben und die Konstellation des Weltkrieges ausgenützt. Wer „jetzt braucht und sucht er Freunde'".. . . „Weite Perspektiven eröffnen sich da uns Völkischen. Aber wir können nicht warten, bis wir zur Macht gelangt sind . . . Für uns ist jetzt die Zeit gekommen, praktische Außenpolitik zu treiben . . . daß wir sie zurzeit noch nicht als offizielle Vertreter des deutschen Volkes machen können, hindert nicht, daß wir sie überhaupt machen. Ueber das im Augenblick mögliche Wie müssen stch die Einzelpersönlichkeiten klar werden, die es angelst." Mit solchen und ähnlichen Worten wird ein Bündnis Deutschlands mit dem „nationalen", das heißt sowjetfeindlichen Rußland und mit Japan gegen die lvestlichen Demokratien, insbesondere gegen Amerika, gefordert. Wer es nbschließen soll, wird nicht gesagt; aber Ludendorff wird schon wissen, wer die „Einzelpersönlichkeiten sind, die es angeht". Wie soll solch unverantwortliches Gerede auf Amerika wirken, auf dessen Teilnahme an der Londoner Konferenz die bescheidenen Hoffnungen derer beruhen, die glauben, daß Frankreichs Politik dort seinen Meister finden werde; wie auf die uns wohlwollende englische Negierung, die mit Herriot gegen die ihm feindlichen militärischen Kräfte Frankreichs kämpft? Freilich ist der „Völkische Kurier" ein Blatt ohne wirkliche Bedeutung für die auswärtige Politik Deutschlands. Aber geschäftige Feinde Deutschlands können ihm unverdiente Bedeutung Zuschreiben, um die öffentliche Meinung ihrer Länder gegen das offizielle Deutschland aufzupeitschen. Was hätte Bismarck, besten Staatsklugheit die Völkischen so gern mit dem Mund rühmen, aber so wenig nachahmen, zu solchen Quertreibereien gesagt? Mutz eine Regierung von leider viel geringerer Macht und Autorität als die Liswarckrsche nicht erst recht Rückhalt an allen Bürgern haben, wenn sie in schwierigster Arge erfolgreiche Außenpolitik betreiben soll, kann sie dulden, daß vielleicht wirklich ein paar Wichtigtuer sich als Vertreter einer künftigen völkischen Negierung Deutschlands ausspielen und im Bund mit ebenso beglaubigten Abgesandten des zaristischen Rußlands Verhandlungen mit einer fremden Macht hinter dem Rücken des Auswärtigen Amtes anknüpfen wollen? Mag der Wille solcher unberufener Außenpolitiken noch so gut sein, die Wirkung ihres Treibens kommt der des Landesverrates gleich.

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