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Central-Verein-Zeitung · 1924-07-17 · 29 (17.7.1924) · p. Seite 435

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
29 (17.7.1924)
Date
1924-07-17
Page
Seite 435 (sequence 7)
Language
German
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435 Die Spnagoge von Horb a.M. Zuschrift des Rabb. Dr. A. Eckstein, Bamberg. Herr Stadtbaurat Franz K r e u t e r (Würzburg) bemerkt in der Fußnote seiner in Nr. 26, S. 392 der „C. V.-Zeitung" veröffentlichten Abhandlung über „Die Synagoge von Kirchheim bei Würzburg" cu. a. folgendes: „Eine mit fast gleich reicher mailerischer Ausstattung wie jene von Kirchheim versehene Synagoge bei Lichtenfels in Oberfranken hat nur noch ihre gemalte gewölbte Holzdecke; die Wandmalereien sind bis aus kleine Reste, die aber kunstgeschichtlich hochinteressant sind, verschwunden." — Es handelt sich um die ehemalige Synagoge von Horb a. M., deren reiche und bunte Wandmalereien tatsächlich nur von ihrem ursprünglichen Orte „verschwunden" sind, und zwar darum, weil sie bereits 1914 von einem kunstverständigen Glaubensgenossen samt dem mit Tierfiguren und Pflanzenornamenten bemalten Deckengewölbe käuflich erworben und als Geschenk der städtischen Gemäldesammlung zu Bamberg überwiesen wurden, wo die wichtigsten Bestandteile derselben im Stiegenaufgang eine würdige, außerordentliche dekorativ wirkende Aufmachung gefunden haben. — Bemerkt sei noch,' daß alle drei in dieser Abhandlung erwähnten Synagogen von Franken (nämlich Kirchheim, Bechhofen und Horb) von demselben Meister Elieser Sußmann ben Salomo Katz (nicht Kantor", wie es daselbst auf Grund einer irrtümlichen Lesung der hebräischen Abkürzung: schätz statt katz heißt) aus Brody in Polen nach übereinstimmenden Strlformen in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts bemalt worden sind. Dr. T o e p l i tz hat dieselben bereits im 3. Heft des Jahrganges 1923 der hebräischen Zeitschrift „Rimmon" (Berlin) vom kunstgeschichtlichen Standpunkt gewürdigt, die SyrMMgemnaLEien' von Horb sind in Nr. 7, Jahrgang 1924 der „Bamberger Blätter für fränkische Kunst und Geschichte" vom Unterzeichneten ausführlich beschrieben worden. Der Heist -er jüöischen Kultur unö -as Hbenölanö. Der Geschichtsw issenschaft ist an der Wende des Jahrhunderts eine neue Auffassung und Richtung durch Karl Lamprecht gewiesen worden. Lamprecht will aufzeigen, wie es eine innere Gesetzmäßigkeit, einen Zusammenhang im Verlause der Geschichte gibt, wie in ihr Kräfte, die er „generische" nennt, wirten, durch welche alle -individualen Kräfte, alle Leistungen der Persönlichkeit umfaßt und bestimmt seien. Diese Kräfte, welche die Geschichte gestalten, findet er in dem Seelischen einer Gesamtheit oder, was hier dasselbe ist, im Kulturellen. Alle Geschichte eines Voltes ist für ihn das Werden und Wachsen oder Welken der Seele dieses Volkes, wie es sich nach psychologischen Gesetzen, nach Gesetzen der Kultur vollzieht. Diese Volksseele und diese Gesetze gelte es zu ergründen, um hieraus das Wesen des Volkes und seine Zeitalter, den Platz und die Leistung seiner Persönlichkeiten zu erkennen; Geschichte könne nur Kulturgeschichte sein. An die Stelle der Hegelschen Logik der Geschichte tritt damit die Psychologie der Kultur; durch sie soll das Bild aller Menschen und aller Ereignisse seine Bedeutung gewinnen. Lamprecht nennt darum seinen Standpunkt auch den universalistischen; denn alle Geschehnisse in einer bestimmten Zeit stellen nun eine Einheit, gewissermaßen ein Universum dar, und alles Einzelne kann nur aus diesem Ganzen heraus begriffen werden. Es lag nahe, die Limen dieses Universalismus noch weiter zu ziehen, alle die gegnerischen Kräfte aus ein psychologisches Grundproblem zurückzusühren, und so unter den Gesetzen der Geschichte des einzelnen Volkes den Grund zu finden, der alles ..trägt, das Gesetz festzustellen, das in aller Geschichte, in aller Kultur wirksam ist, alle Kultur also aus ein Letztes und Gleiches, auf ein Urprinzip zurückzusühren. Diesen Versuch hat Friedrich Mückle in .seinem dem Andenken Karl Lamprechts gewidmeten Buche „Der Geist der -jüdischen Kultur und das Abendland" *) unternommen. Au der Eigenart und Entfaltung der jüdischen Kultur will er dieses Urprinzip, oder wie er es mit einem Goeth eschen Worte benennt, dieses Urphänomen auszeigen; die jüdische Kultur wird ihm zum Symbol aller Kultur, in ihr fleht er die seelischen Grundkräfte mit besonderer Lebendigkeit hervortreten, in ihr wird ihm das Urphänomen am deutlichsten erkennbar. Dieses Urphänomen ist ihnr das nie rastende Wechselspiel von Machtwillen und Erlösungs- Drang. von dem Trachten, das Dasein und seine Kräfte zu beherrschen, und der Sehnsucht, zur inneren Harmonie, zum befreiten Leben zu gelangen. Beide wollen das Chaos überwinden, in das der Mensch immer wieder hineingestellt wird, und ihr Ausdruck hat darum immer neue Mannigfaltigkeit. Der Machtwille kann sich barbarisch äußern im Kamps und Krieg der Menschen, der Stünde und Völker gegeneinander, in der Leidenschaft der Sinne und im Toben der Gier, aber auch in edler, verfeinerter Form als die Technik, die die Natur sich dienstbar zu machen sucht, als die Philosophie, die die Welt des Werdens ordnen und formen will, als die Kunst, die den Wechsel der Erscheinungen zum Bilde gestaltet, als die sittliche Energie, die alles, überwindet, als die Religion, die das Chaos der Welt zum Kosmos werden läßt. Und ganz ebenso hat der Erlösungßdrang seine wechselnde Richtung. Bald ist er, im Staatlichen und Wirtschaftlichen, das Begehren nach Beendigung des Streits, nach Frieden und Einklang, bald, in Kunst und Philosophie, das Suchen nach einem Reicl)e der Harmonie, nach einer Welt der Vollendung, nach einem Schauen des Bleibenden, bald, im Religiösen, die Sehnsucht nach Versenkung und Verzückung oder nach der Seligkeit des Jenseits und nach dem Reiche der Zukunft. Diese bei dem Machtwillen und Erlösungsdrang, mit allen ihren Gestaltungen lösen immer wieder einander ab; denn das Leben verlangt immer wieder die Wandlung, den Rhythmus, so wie das Herz seine Zusammenziehung und seine Dehnung hat; auch in der Geschichte waltet diese Systole und Diastole. Wenn der Machtwille zur Verwegenheit wird und die Wirrnis weckt, dann wird er früher oder später zu seinem Gegensatz, dann erwacht die Sehnsucht, dieser Unruhe zu entsliehen, die Sehnsucht, irgendwohin ins Friedvolle getragen zu sein, einen Bezirk des Schweigens und Rastens zu finden. Und umgekehrt, wenn dieser Erlösungsdrang dann schließlich ins Leere und Lustlose, ins Unwirkliche hineinführt, dann wird wieder der Wille lebendig, in die Welt der Wirklichkeit zu gelangen und sie sich zu eigen zu machen. So ist es der Wechsel dieser beiden Grundkrüste, durch den alle Geschichte sich bildet und entwickelt; er ist das Urphänomen, aus dem alle Kultur, so sehr jede ihre eigene Atmosphäre hat, hervorkommt. An der Geschichte des jüdischen Volkes will Mückle die Geltung seiner These dartun. Er verfolgt die Perioden dieser Geschichte von ihren Uranfängen bis zunächst zur Entstehung des Christentums hin, die Tage der Heldenepoche, das Zeitalter der Propheten und das Jahrhundert des Werdens der neuen Religion, und in jeder dieser Perioden, in ihrem politischen, sozialen und religiösen Leben mit seinem jeweiligen Aufstieg und Niedergang, will er den Wechsel von Machtverlangen und Erlösungsbegehren Nachweisen. Als Grundlage seiner Ausführungen, als ihr historisches Material, dienen ihm im wesentlichen die Werke der modernen protestantischen Dheologie, und er ist geneigt, ihre Arbeiten als endgültige, gesicherte Ergebnisse zu nehmen. Er kommt 'daher dazu, manche Vermutungen als Tatsachen, manche Hypothesen als Fundamente hinzustellen, so manche Linie ist verzeichnet, so manche Zeitfolge verkehrt. Er ist auch gelegentlich geneigt, dre Geschehnisse und die Menschen etwas gewaltsam in seine Konstruktion hineinzufügen. Aber alles, was er sagt, ist voller Geist und ist weitblickend, und auch seine Jrrtümer sind belehrend. Ein ehrlicher, die Wahrheit suchender Intellekt tut sich in allem kund. Und vor allem, es ist eine lvertvolle Idee der geschichtlichen Betrachtung, ein wichtiges heuristisches Prinzip, das er dargelegt hat. Die Geschichtsschreibung wird daran nicht mehr vorübergehen können. Aber ein Wesentliches ist seinen Darlegungen gegenüber hervorzuheb-en. Es will scheinen, daß er eine eigenartige Leistung des jüdischen Geistes nicht ganz erkannt hat. Die Gabe der jüdischen Seele und ihrer Kultur ist vor allem die der Synthese, die Kraft, das Widerspruchsvolle und Entgegengesetzte zu einer höheren Einheit emporzuführen. So sind für den eigentümlichen jüdischen Geist auch die beiden Grundträste des Urphänomens, wie Mückle sie aufzuzeigen sucht, keine Gegensätze, die einander nur ablösen Weckt neue TtUtgliedee fuc den 4f. VA könnten. Das Besondere und Charakteristische der jüdischen Religion ist vielmehr, wie sie beides in einem ist: Der Wille, die Welt zu gestalten, und die Sehnsucht, die Welt zu erlösen. Die Welt soll hier erlöst werden, indem sie gestaltet, „zum Gottesreiche geschaffen wird", wie das alte Olenugebet sagt. Und sie soll gestaltet und bestimmt sein, indem sie befreit und befriedet, indem sie von aller Sünde und allem Frevel erlöst wird. Der Wille zur Macht ist hier der Wille zur Macht Gottes, der Wille zum Gottesreich, und die Sehnsucht nach der Erlösung ist hier nicht nur die nach einer anderen Welt, nach der Erlösung von dieser Welt, sondern die Sehnsucht nach der Versöhnung der Welt, nach der Erhebung aller Macht zur sittlichen Energie, zur religiösen Kraft. Die beiden Grundträste, in denen Mückle das Urphänomen findet, werden hier zu einem. Das hat Mückle nicht ins Auge gefaßt. Aber trotzdem ist sein Buch eines der besten. Dem Leser wird es vieles geben, dem Forscher neue Wege zeigen. Sein Buch ist der Teil eines großen Planes. Er will die gegenseitige Beeinflussung der Kulturen auch ausweisen, vor allem zeigen, was die jüdische Kultur „als eine erweckende, helfende, beschwingende Lebensmacht" dem Abendland gegeben hat. Die Umrisse, die er hierfür bereits gezeichnet hat, lassen die Bedeutung des Werkes erkennen. L. B. 4) Ricola-.Verlag, Wien.

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