Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 29 (17.7.1924)
- Date
- 1924-07-17
- Page
- Seite 434 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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434 Die geistigen Strömungen in -er -rutschen Stu-entenschast. Berliner Hochschulbrief. Von cand. jur. Werner Rosenberg (Berlin). In viel zu geringem Maße hat sich in den letzten Jahren die deutsche Öffentlichkeit, soweit sie nicht völkisck, eingestellt ist, mit den geistigen Strömungen innerhalb der deutschen Studentenschaft beschäftigt; sie ist stch deshalb der, ungeheuren Gefahr mcht bewußt, die dem Staate von heute droht, wenn auf Deutschlands hohen Schulen eine neue Generation heranwächst, die diesem Staate nicht nur ablehnend, sondern geradezu feindlich gegenüb e r st e h t Die akademische Jugend, durch die Eigenart unserer deutschen Verhältnisse zu einer führenden Stellung innerhalb des kommenden Geschlechts Prädestiniert, steht in. ihrer überwiegenden Mehrheit im Banne des Hakenkreuzes. Nur bei besonderen Gelegenheiten, wie den antisemitischen Uebergrissen dev Jenenser Klinikerfchast, den rüpelhaften Demonstrationen des Münchener Hochschulrings gegen Kardinal Faulhäber oder der in den Studentenkammern Berlins, Münchens und Frankfurts versuchten Vorbereitung des numerus clausus durch statistische Aufnahme der konfessionellen Zugehörigkeit der Studenten nahm die Öffentlichkeit von diesen Dingen Notiz. Man wertete sie aber meist nur als Einzelerscheinung (Ereignis) und übersah ganz, daß es sich hier nicht um Exzesse k jugendlicher Heißsporne, sondern um die konsequente Durchführung völkischer! Weltanschauung sp r i n zi pien handelte. Besonders für uns d e u t sch g e s i n n t e jüdische Studenten sind diese Zustände eine Quelle ständiger Besorgnis. Man versucht zwar nicht, wie kürzlich in Wien, uns mit Brachialgewalt am Univerfltätsbesuch zu verhindern, aber durch ein für ehrenhafte Menschen viel schlimmeres System moralischer Aechtung sucht man uns das freie Atmen in der „aura academica" unmöglich zu machen. Erst jüngst hat der Hochschulving deutscher Art sich die Auffassung des Berliner Vereins deutscher Studenten zu eigen gemacht, wonach Ehren an gelegenheiten mit jüdischen Akademikern als nichtständische Angelegenheit nicht nach studentischen Ehrbegriffen geregelt^ sondern den ordentlichen Gerichten überwiesen werden sollen, und uns damit ohne weiteres die jedem honorigen ausländischen Studenten konzedierte Qualifikation als Akademiker abgesprochen. In diesem Zusammenhang haben die Wahlen zur Berliner Studentenkammer, die dieser Tage erfolgten, trotz ihres lokalen Charakters als Symptom allgemeine Bedeutung. Man hört häufig die Ansicht vertreten, die Bedeutung der Studentenkammern sei doch eine recht untergeordnete, da ihre Kompetenz sich lediglich auf innere studentische Angelegenheiten erstrecke. Dies ist nur zum Teil richtig. Ihre Aufgaben sind zwar in erster Linie organisatorischer Natur; sie umfassen aber auch zum Beispiel die Wirtschaftshilfe, deren außerordentlicher Aufschwung in den letzten Jahren sie zu einem recht bedeutsamen Faktor im Leben vieler Studenten gemacht hat. Eine völkische Diktatur im Studentenparlament würde also praktisch bedeuten, daß Unterstützung nur der Student zu erwarten habe — und; zwar aus Mitteln, die von allen Volksk'veisen und durch Reichshilse au fgebracht werden, —- der seinen Eid a u f d a s H a ken kr eu z ab g e l e g t hat. Bisher sind die Versuche, eine völkische Diktatur in dem angedeuteten Sinne auf-, zurichten, glücklicherweise fast überall gescheitert. Auch in Berlin konnten die vereinigten völkischen Gruppen mit 65 Mandaten nur eine knappe Zweidrittelmehrheit erreichen, die durch die 35 Stimmen der Opposition stark in ihrer Bewegungsfreiheit gehemmt ist. Im ganzen betrachtet, hat die völkische Mehrheit zwei SLunmen verloren, die der Opposition zugute kommen. Die stärkste Gruppe der Minderheiten ist der Deutsche Studentenbund, in dem stch zu gemeinsamer Arbeit paritätische Korporationen und Freistudenten mit den K.-C.-Verbindungen und der studentischen Ortsgruppe des C. C. vereint haben. Trotz der außerordentlichen Erschwerungen, unter denen seine Wahl- Propaganda zu leiden hatte, gewann der Studentenbund einen Sitz in 'der neuen Studentenvertretung. (1-2). Die stark im Fahrwasser der Zionisten segelnde „Vereinigte jüdische Gruppe" wird 6 Vertreter in die Studentenvertretung senden. Bedauerlicherweise ist es zwischen zionistischen Vertretern dieser Fraktion und jüdischen Mitgliedern des Deutschen Studentenbundes, namentlich.den Vertretern des K. C., während des Wahlkampfes zu scharfen Zusammenstößen gekommen, die ihre Ursache in der ausgesprochen nationaljüdischen Stellungnahme der vereinigten jüdischen Gru-Me hatte. Dieses Vorgehen der Zionisten fand eine entsprechende Resonanz im vöMschen Lager. Neben den Kommunisten, die 3 Sitze erhalten haben, hat eine Liste „Jugendbewegung" 7 Kandidaten durchgebrackK Aus diese Liste gewählt wurden vor allem Vertreter der verschiedenen Wandervogelrichtungen, die aus ihrer zum Teil recht starken völkischen Einstellung nie ein Hehl gemacht haben. Wenn man erfährt, daß diese Bünde bei der vor einigen Wochen abgehaltenen Schutzbundtagung in Graz, die ausgesprochen völkischen Charakter trug, sehr stark vertreten waren, so kann man die Hoffnung der „Deutschen Zeitung" verstehen, „daß bei den großen, gemeinsamen Zielen, z. B. einem völkischen Großdeutschland, sich eme gemeinsame Front zwischen den Mitgliedern der Jugendbewegung und den Gruppen der völkischen Mehrheit wird Herstellen lassen? Die völkische Majorität wird repräsentiert durch die drei Gruppen des Wasftnrinas, dem Zusammenschluß der schlagenden Verbindungen, der deutschen Gruppe der (nichtschlagenden) Korporationen und der deutschen Finkenschaft. Diese drei Gruppen ertreben nach ihren programmatischen Erklärungen den Zusammen 'chluß aller deutschen Studenten auf völkischer Grundlage, als Vorbereitung des ersehnten völkischen Staates, re marschieren zwar getrennt, werden aber stets vereint schlagen. Das hochschulpolitische Programm dieser Gruppe unterscheidet sich nur in wenigen Punkten von dem des Deutschen Studentenbundes. Auch sie fordern Abbau des unsozialen Gebührensystems, Ausbau der srudennschen Selbstverwaltung usw.; während aber für den Studentenbund diese Fragen Kardinalpunkte seiner Politik darstellen, sind sie für diese Gruppen, namentlich für den Hochschulring und die Finkenschaft, nur als Umrahmung ihrer antisemitischen Grundtendenz von Bedeutung. Das Kernstück ihres Programms läßt darüber keinen Zweifel, heißt es doch dort ausdrücklich: „Die auf dem Würzburger Studententag den reichsdeutschen Juden gewachte Konzession, nach der dieselben zur deutschen Studentenschaft gehören müssen, ist nicht von großer Bedeutung und wird in späterer Zeit einer«Revision bedürfen, wenn der völkische Gedanke sich im ganzen deutschen Volk durchgesetzt haben wird. Darum muß das nächste Gebot einer ernsthaften völkischen H o chfch u l p ol i t it die Durchführung einer wissenschaftlichen statistischen Erhebu n g desJudenprozentesandendeutschenHochschulen sei n." Man sieht also mit aller nur wünschenswerten Deutlichkeit, wohin der Kms geht: Schulter an Schulter mit Wulle. und Hitler erstrebt die Mehrheit der Berliner Studentenschaft die Entrechtung der jüdischen Kommilitonen. Es darf nicht unerwähnt bleiben, daß die studentische Ortsgruppe der Deutschen Votkspartei ihr auf diesem Wege treue Gefolgschaft leistet. Sie hat sich durch ihren korporativen Anschluß an die Finkenschaft, in der die studentische Ortsgruppe der DeutschvöMschen Freiheitsparter eine führende Rolle spielt, mit diesen Zielen identifiziert. Wenn wir die jüngsten Vorgänge an der Berliner Universität in ihrer Gesamtheit betrachten, so haben sie wieder einmal gezeigt, wie recht Oswald S P e n g l e r hatte, als er in seiner im Februar vor dem Hochschulring deutscher Art in Würzburg gehaltenen Rede von der Rauschpolitik der studentischen Jugend sprach und ihr Mangel an kühler, nüchterner Ueberlegung vorwarf. Hoffen wir, daß dieser 2lppell an das gesunde Urteil der studentischen Jugend nicht nutzlos verhallt, und daß auch für unsere christlichen Kommilitonen ein Tag der S elbst>be's i n n un g. kommt, der sie wieder zu fruchtbarer Arbeit in »der civitas academica mit uns vereint. Bis dahin werden wir deutschen Studenten jüdischen Glaubens im stolzen Bewußtsein unseres Heimatrechtes für unsere Gleichberechtigung auf der Hochschule zu kämpfen wissen. Die Äeberwinöung -es Grauens. Betrachtung zum Wochenabschnitt. Den Moabitern graute vor den Kindern Israel. Grauen erfaßt den Menschen vor dem Unbekannten, das mächtig in seinen Lebenskreis eintritt. Kein Moabiter hatte je einen Israeliten gesehen. Schrecken erfaßte sie, als sie erfuhren, wie dieses kleine Völkchen sich der Umklammerung der ägyptischen Weltmacht entzogen-, den Gefahren der Wüste zu trotzen verstanden hatte. Sie versuchten nun auf ihre Weise das Grauen durch den Fluch 3u überwinden. Es sollte ihnen gelingen., aber auf! anderem Wege. Bileam, den sie als Vollstrecker des Fluches aus gesandt hatten, lernte Israel kennen. Er Prüfte sie von allen Seiten, suchte ihre Blöße auszuspähen. Er sah ihre Zelte und ihre Wohnungen, ihre Familienhäuser und ihre Heiligtümer. Er schaute ihr Bestes, und der Fluch verwandelte sich in Segen, das Grauen vor Israel ward durch das Wissen von Israel überwunden. Flieht nicht arrch heute noch 'das Grauen vor Israel und der Haß aus!dor Unkenntnis? Unsere Gegner 'benutzen dies und suchen uns in eine Wolke von Geheimnissen zu hüllen. So arbeiten sie mit jüdischen Geheimlehren und Geheiwprotokollen und haben Erfolg damit. Auch ein Mutiger wird im Dunkeln leicht von Furcht befallen und wähnt unheimlichen Spuk zu erblicken. Die uns hassen, mit Ausnahme der böswilligen und gewerbsmäßigen Verleumder, kennen uns nicht oder beurteilen uns nach den Schlechtesten unter uns. Zeigen wir ihnen, soweit sie sich belehren lassen wollen, unser Bestes! Noch haben unsere Familienhäuser den Einblick der Welt nicht zu scheuen. Die Lehre, die in unseren Gotteshäusern verkündet wird, kann sich an Reinheit und Sauberkeit mit jeder anderen Lehre messen. Erhalten!vir uns diese unsere Bollwerke. Oessnen wir weit die Pforten! Jeder Gerechte, der die Treue wahrt und schätzt, kann ein treten. Die Finsternis des Grauens wird vor der Leuchte des Wissens schwinden, der Fluch sich in den Segen verwandeln: „Wie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen, Israel? Jsch Tikwoh, ,