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Central-Verein-Zeitung · 1924-07-17 · 29 (17.7.1924) · p. Seite 433

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
29 (17.7.1924)
Date
1924-07-17
Page
Seite 433 (sequence 5)
Language
German
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433 Zum 300jährigen Heftehen öer Raschikapelle in Worms. Von Hofrat Max Levy (Worms). David Oppenheim hat im Jahre 1624 seiner Heimatgemeinde Worms die Raschikapelle gestiftet. Es ist ein schlichter, an die alte Synagoge angelehnter kleiner Bau aus rotem Sandstem von kaum 20 Quadratmeter Ge-samt-flüche. Seine Decke kann ein Mann mit der Hand erreichen. Um die Seiten ziehen sich mit gehobelten Brettern überzogene aufgemauerte Sitzgelegenheiten, die an der zugespitzten Stirnlsmte m einem erhöhten! steinernen Sessel münden, aus dem der Lehrer thronte. Der Sessel scheint nach dem gemeißelten Vorderteil der Wände viel älter als die Kapelle und von einer anderen Stelle in sie verpflanzt zu sein. Oder aber die alte Kapelle war baufällig, wurde abgebrochen und von Oppenheim erneuert', und der Stemsih —!der „Räschistuhl" — wurde in sie übernommen. Diese an und für sich geringfügige Sache wird nur deshalb hier besonders erörtert, um an ihr zu zeigen, wie echte Deutsche unsere Juden sind. Es entstand nämlich eine „guerellv a 11 e m a n d e" unter zwei jüdischen Gelehrten von Ruf, ob Raschi in einer Kapelle an diesem Platze sich schon aufhielt und lehrte oder in eirkem anderen, 20 Meter davon befindlichen Gebäude. * Wer Raschi, auf den die Juden stolz sein können, war, wissen nicht einmal alle mehr, die die Bibel im Urtext lesen können, und noch weniger die, so dazu außerstande sind. Warum sollen sie in bezug auf ihre Herren mehr wissen als jene Rekruten, die einige Jahre nach Bismarcks Tode in der Jnstruktionsstunde nach ihm gefragt wurden, und von denen nur der allerkleinste Teil vom Reichseiniger einen schwachen Dunst hatte? „Raschi" ist in bezug aus Namensbildung ein Urahne der „Hapag", eine Zusammenziehung der ersten Buchstaben von Rabbi Schlomo ben Jzchak. Er war in Trohes in Frankreich 1040 geboren, beschäftigte sich früh mit der jüdischen Wissenschaft, besuchte, als er 20 Jahre alt war, die damals berühmten jüdischen Lehrstätten in Worms und Mainz, begab sich dann! nach sieM/ev Heimat zurück, wo er ehrenamtlich Lehrmeister von Weltruf m jüdischen) Dingen; wurde und seine freie Zeit — er ernährte sich nämlich wahrscheinlich durch Weinbau — dazu benutzte, Kommentare zur Bibel und zum Talmud zu schreiben, die später selbst von Luther beachtet wurden und auch heute noch in ihrem Scharfsinn und natürlichen Verstand nicht übertroffen sind. * In Worms geht die Sage, daß eine Ohrfeige von unsichtbarer Hand erhalte^ wer auf den „Raschistuhl" in der Kapelle sich setze. Das ist natürlich nicht wörtlich zu nehmen', sondern soll besagen, daß, wenn Junge alles besser wissen wollen als die Alten und durch ihr Draufgängertum alte Erfahrung und Besonnenheit ersetzen wollen, sie sich und andern, schaden. Lange Zeit war der Autoritätsglaube die Grundlage nicht nur der jüdischen Religion, sondern auch des jüdischen Familienlebens. Was in der Bibel steht, unterstand keiner Kritik. „Es steht geschrieben . . und man glaubte, und die Kinder folgten auch in weltlichen Dingen ohne Widerrede der Elternmeinung, selbst wenn sie glauben durften, daß das Recht mehr auf ihrer Seite stand. Wenn jüdische junge Dichter das Milieu der Gegenwart widerspiegelten, wäre es damit nun ganz anders, und die Familienbande wiesen nicht mehr die alte Dichtigkeit und Tüchtigkeit auf. Ganz so schlimm ist es aber doch nicht. Die Juden der Gegenwart sind auch Kinder der Zeit, geradeso wie ihre andersgläubige Umgebung. Gewiß ist der alte Autoritätsglaube - gelockert und die Jugend fordert das Recht eigenen Denkens und der Lebensführung nach eigenem Uebertegen. Sie will mehr als früher nicht mehr auf Füßen anderer, sondern auf eigenen wandsln. Aber Kritik der Jungen sollte doch nicht historisch Gewordenes in Bausch und Bogen über Bord werfen, alles als „veraltet" verlassen, die Ehrfurcht vor den Alten vermissen lassen und sich nicht das Diktum Oskar Blumenthals aneignen: „Wenn ich vor allen grauen Haaren Respekt haben sollte, hätten die Esel am meisten darauf Anspruch." Gewiß war es nur ein Scherz von Blumenthal, aber statt besonnener Evolution rabiates Hervorkehren von. Extremen stößt ab und schadet nicht nur den jugendlichen Eiferern. Gerade da kann die Persönlichkeit. Raschis vorbildlich wirken. Nicht wie ein blindes Huhn, das hier und da einen Brocken erhascht und von seinem Funde durch lautes Gackern Kenntnis gibt, strebte und wirkte er. Schlicht und bescheiden, voll Eifer sein Leben lang die Wahrheit suchend, schuf er Unvergängliches. * Nicht nur die Judenvon Worms sind stolz auf Raschi, sondern auch die Stadt ehrte den trefflichen Mann, der einst in ihren Mauern sich aufhielt, indem sie ein Tor an ihrer alten Umfassungsmauer „Raschitor" benannte. Die jüdische Gemeinde hat vor dem Kriege Mittel, die ihr von Salomon Loeb, einem geborenen Wormser, Mitbegründer der New Porter Bankfirma Kuhn, Loeb u. Co. und Schwiegervater von Jakob Schifft zur Verfügung standen, zur Herausgabe von Preisschriften über Raschi verwendet, die von den Rabbinern Dr. Beerma-nn und Doctor verfaßt wurden und die Bedeutung Raschis für seine Zeit und die Gegenwart schildern. Jetzt hat der verdienstvolle Lehrer und Sekretär der Wormser Gemeinde, S. Rothschild, eine Schrift „Raschi" mit Illustrationen (Verlag Eh. 'Herbst, Worms) erscheinen lassen; sie wird nicht nur von Juden gern gelesen werden, da sie in volkstümlicher Form die Persönlichkeit eines Mannes .verführt, der aus Nachruhm vollen Anspruch hat. Ms öer Werkstatt öer Srurmerwergifter. Anselma Heine über Ludwig Iakobowsky. Während des Wahlkampfes wurde von der „Deutschen Partei in Baden im „Völlischsozialen Block" ein Flugblatt nachstehenden Inhalts verbreitet: „DeutscheFrauen! Ihr seid die Hüterinnen der sittlichen Reinheit unseres Volles. Ihr wißt aber auch, wie grauenhaft tief die sittliche Moral in der Novemberrepublik gesunken ist unter dem Einfluß schmutziger, geiler Schieberjuden, die mit dem Reichtum, den sie aus dem Schweiße Eurer Männer und Brüder erpreßten, sich die Gunst deutscher Mädchen erkaufen. Deutsche können heutzutage nicht mehr den Bund der Ehe schließen, weil sie keine Wohnung erhalten und mit den elenden Hungerlöhnen nicht an die Gründung eines Hausstandes denken können. ... Die Jüdin Anselma Heine schreibt über den Juden Ludwig Jakobowskh riim „Literarischen Echo", Heft 3, 1912: „j »Plötzlich, entdeckte ich an ihm den typisch uralt-en Schmenzenszug seiner Rasse. Es war ihm eine rachsüchtige Wonne, über die Frauen Macht zu zeigen, und nie markierte er höhnischer den Plebejer, als wenn er sich rühmte, mit brutaler Kraft die seinen Frauen der blonden Edelinge unterjocht zu haben?" Wir haben Anselma Heine gebeten, zu den Behauptungen des Flugblattes Stellung zu nehmen. Die bekannte Schriftstellerin sagt in ihrer Antwort: v - Das Zitat ist durch sei'nte p e x. f ii d e Z u s a m m e nstel i ung zweier, durchaus nicht zusammengehöriger Aussprüche derart tendenziös in seinem Sinne verändert worden, daß es nunmehr dem Schreiber des Flugblattes dazu dienen konnte, die Juden ans das unflätig st ezubesch impfen. Die Fälschung ist um so abscheulicher, als sie lauter wirklich von mir gebrauchte Sätze bringt. Freilich sind sie in Wahrheit durch etwa zwei Druckspalten getrennt in meinem Aussatz. Die Wirkung der unehrlichen Zusammensetzung ist ähnlich, wie wenn - man „Mein Eid" in „Meineid" verwandelt. Wenn man genauer zusieht, entdeckt man, daß der Flugblättler den ersten, völlig aus seinem Zusammenhänge gerissenen Satz nur deshalb heranzieht, um der Worte „seine Rasse" habhaft zu werden, deren er benötigt, um der ganzen Judenschaft als unsittliche Erbanlage Zuzuschreiben, was im Aussatz selbst als die völlig individuelle Erkrankung einer einzelnen Persönlichkeit bezeichnet wurde. Ich protestiere nachdrücklich gegen diese Fälschung. Was nun den zweiten Absatz des Flugbattziiats betrifft, so ist hier die beabsichtigte Sinnentstellung durch Weglassungen geschickt bewerkstelligt. Im Aussatz hatte ich (meinerseits zitierend, und zwar aus dem nordisch-mythologischen „Loki"-Roman des Dichters) von den blonden Edelingen gesprochen (den Äsen), die Loki, der Niedriggeborene, bewundert, beneidet und schließlich haßt. Ich hatte etwas Autobiographisches in dem Roman zu entdecken geglaubt, eine Ähnlichkeit dieses nordischen Luzifer mit dem Autor selbst. Und hatte dabei geäußert: „Namentlich den Frauen gegenüber empfand er so." Etwa 20 Zeilen später kam dann: „Zuletzt (als bereits Kranker). suchte er nur noch das Raffinierte und Verworrene. Es war ihm eine rachsüchtige Wonne , . ." Und nun weiter, wie das Flugblatt Zitiert.; Dort sieht die Sache so aus: „Plötzlich entdeckte ich an ihm den uralt typischen Schmerzenszug seiner Rasse. Es war ihm eine rachsüchtige Wonne, über die Frauen Macht zu zeigen. Und nie markierte er höhnischer den lebejer, als wenn -er sich rühmte, Mil (Ikiuft'ßta Kraft «die feinen rauen der blonden Edelrnge unterjocht zu haben." Das Wort „blonde" fehlt in meinem Text; ist hier bedeutsam hinzugesügt. Sie werden begreifen, daß ich mich gegen die Verdächtigung wehre, dies so geschrieben zu haben. Und mich doppelt wehren müßte, wenn ich wirklich jüdischen Glaubenswäre, wie das Blatt annimmt. Auf das Zitat folgt, dann in sehr großer, fetter Schrift: „Wehrt Euch und wählt den Kandidaten des allein judenfeindlichen völkischnationalen Blocks." Ich habe nichts hinzuzufügen. Möchte Sie aber hiermit bitten, meinen Protest zur Kenntnis zu nehmen. gez. Anselma Heine, Schriftstellerin. Ein typischer Fall von Brunnenvergiftung. Absichtliche, dreiste Fälschungen, um den Judenhaß zu schüren. Wie lange noch werden Ehrabschneider in einer „Deutschen Partei" Führer fein können, ohne den deutschen Namen zu schänden?

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