Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 29 (17.7.1924)
- Date
- 1924-07-17
- Page
- Seite 432 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2277379-2277464-2277492--01312-2280547- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
432! Erinnerungen an üie Drepfuß-/lffäre. Von Richard May (Berlin). Als kürzlich Konstantin Meuniers Zola-Denkmal in Paris feierlich enthüllt wurde, erinnerten fast alle Redner an die Dreyfus-Afsäre. Der neue Ministerpräsident Herriot sprach sogar von einer moralischen Krise, die Frankreich damals überwinden mußte. Zolas mannhaftes Auftreten für den unschuldig.Verurteilten ist seine größte Ruhm es - t a t gewesen und dürfte feine Romane überdauern. Die Einweihung war lange Zeit hindurch verschoben worden, weil der Bloc National von Zola, dem so weit links stehenden Politiker, nichts wissen wollte, obschon Millerand, Varthou und selbst Poincare, allerdings mit der bei ihm üblichen Vorsicht, für Drehfus eingetreten waren. 25 Jahre sind jetzt vergangen, seit die Tragödie ihren weder erhebenden noch befreienden Abschluß fand. Die Drehfus- Affäre ist zugleich die Geschichte des modernen, internationalen Antisemitismus, und deshalb sei ihr an dieser Stelle ein Erinnerungsblatt gewidmet. Der französische Hauptmann Alfred Drehfus war ein Elsässer Jude, dessen Familie 1871 für Frankreich optierte und deswegen zum größten Teil nach Paris übergesiedelt war; er gehörte vorübergehend dem Generalstab an und sollte zu feinem Artillerieregiment Zurückkehren, als plötzlich am 1. November seine Verhaftung erfolgte. Er wurde des Verrates mit dem deutschen Militärattache v. Schwartzkoppen und dem italienischen Pannizardie beschuldigt. Hauptstützpunkt der Anklage war ein Schriftstück, das sogenannte Bordereau, das von Drehfus hergestellt sein sollte, sich aber später als eine Mischung erwies. Nur dieses Schriftstück kam in der geheimen Verhandlung zur Verlesung. Aber auf ausdrücklichen Befehl des damaligen Kriegsministers General M e r c i e r wurden dem Richter noch andere Schriftstücke vor der Verhandlung überreicht, die man dem Angeklagten und der Verteidigung nicht zeigte. Eines, das aus der deutschen Botschaft gestohlen worden war, enthielt die Worte „cette Canaille de D.“, das sich aber gar nicht aus Drehfus bezog. Ein Richter hat später genaue Auskunft über die Machenschaften gegeben, denen er selbst bei seinem Urteil zum Opfer gefallen ist. Dos Urteil wurde am 22. November 1894 gefällt und lautete auf Lebenslängliche Deportation. Nachdem das Revisionsbegehren abgelehnt worden war, wurde Drehfus auf die TeufeLsinsel geschafft, auf der er bis Sommer 1899 unter ständigen Bedrohungen verblieb. Es Zeigte sich sehr bald, daß der persönlich nicht sehr sympathische Offizier, der durch feinen Hochmut sich viele Feinde gemacht hatte, in erster Linie dem Antisemitismus erlegen war. Der zweite Prozeß hat darüber völlige Klarheit geschaffen. Es war schon auffällig, daß die Verhaftung, die geheim gehalten werden sollte, in der antisemitischen „Libre Parole" durch eine Indiskretion, die aus dem Generalstab stammte, bekannt gegeben wurde. Das Blatt wurde von Drumont geleitet, dessen unglaublich gehässiges und verleumderisches Buch „La France Juive“ bis 1896 133 Auflagen erlebte. Es stützte sich dabei auf die Tatsache, daß andem Panama-Skandal neben sehr viel bekannten französischen Politikern katholischen Glaubens auch mehrere jüdische Finanzleute, wie Cornelius Herz und Baron Reinach, beteiligt waren. Kennzeichnend ist die Wendung der „Libre Parole" von 1892: „Jeder Jude ist ein Spion." Sie brachte auch die Mitteilung über die Verhaftung in der Form: Sucht unter den Juden Meier, Levy oder Drehfus die Verräter. Zunächst blieb alles still, obwohl sich die Familie, und vor allein die tapfere Frau, mit aller Energie der ^ache annahm. Erst 1896 konnte Bernhard L a z a r e ein Buch veröffentlichen' „Une Errenr Judiciaire — la verite sur Taffairc Drcyfus“. Großen Eindruck machte es nicht, aber wenigstens fand die Familie bald einen Helfer in dem Senator S ch e u r e r - K e st n e r , gleichzeitig verlangte M a t h i e u Drehfus, ein Bruder des Verurteilten, den Prozeß gegen Esterhazy, dessen ganzes Vorleben äußerst dunkel war und blieb. Der englische Militärattache hat später geäußert, es wäre in den diplomatischen Kreisen ganz bekannt gewesen, daß man von Esterhazy jedes Geheimnis für 1000 Francs erfahren konnte. Er hat in der Tat auch die Drehfus zür Last gelegten Verratsverbrechen begangen. Es gab am 7. Dezember 1897 in der Kammer und im Senat große Debatten, doch verbürgten sich der Ministerpräsident Meli ne wie der Kriegsmiuister Villot für die Berechtigung des ersten Urteils. Nur ein. französisches Blatt blieb mit kurzer Schwankung der Sache treu. Es war der „Figaro". Während Scheurer- Kestner zum Vizepräsidenten des Senats gewählt wurde, wurde E st e r h a z y nach einer I u st i z k o m ö d i e ohnegleichen f r e i g e s P r o ch e n. Die Richter waren im Bilde. Mau legte ihnen auch nichts vor, was zu einer Verurteilung Hütte Anlaß geben können. Da griff am 13., also zwei Tage später, Emile Zola ein. Er veröffentlichte in der „Aurore" seinen berühmt gewordenen Artikel „I ch k l a g e a n". Unbarmherzig beschuldigte er den Oberstleutnant du Path de Clam unsauberer Machenschaften. Dieser Offizier hatte die Untersuchung gegen Drehfus geleitet. Aber das genügte Zola nicht. In seinem, an den Präsidenten der Republik Felix F a u r e gerichteten „offenen Brief" beschuldigte er die Generale Mercier, Billot, Boisdefsre und Gonsä der Mitschuld, vor allem aber griff er das Kriegsgericht an, 'das aus Befehl einen Esterhazy sreigesprochen habe. Wieder eine stürmische Kammersitzung. Da wird -zum erstenmal von dem Kriegsminister Cavaignac ein angebliches Geständnis Drehfus^ vorgelesen, das wiederum eine Fälschung war. Jaures, der später bei Kriegsausbruch so heimtückisch Ermordete, gab nicht nach, und als er als bezahlt hingestellt wurde, nannte er den Zwischenrufer Grasen de B e r n i s einen Elenden und einen Feigling. Darauf kam es zu einem Handgemenge und Militär wurde aufgeboten. Es war das erste, nicht das letzte Mal. Schon zwei Tage später schilderte Jaures wiederum die Unregelmäßigkeiten im Esterhazy-Prozeß. Und nun beginnt etwas, was dieser ganzen Affäre ihren internationalen Charakter gab: antisemitische Straßenkundgebungen in Paris und Algier. Es hat eher geschadet als genützt, daß die deutsche Negierung aus eine Anfrage Eugen Richters im Reichstag an demselben Tage erklärte, sie habe keinerlei Beziehungen zu Drehfus gehabt. Wir wissen aus jetzigen Veröffentlichungen der deutschen Akten, daß man in> Berlin später diesen ganzen Skandal sehr wohlgefällig ansach weil man sich, kurzsichtig genug, davon eine dauernde moralische Isolierung Frankreichs versprach. Im übrigen aber stellt sich jetzt heraus, daß der deutsche Botschafter auch von den Beziehungen seines Militärattaches Ar Esterhazy nichts gewußt hat. Er wurde direkt irregesührt. Am 23. Februar 1898 wurde Zola zu einem Jahr Gefängnis und 3000 Francs Geldstrafe verurteilt. Das Urteil wurde wegen eines Formfehlers aufgehoben, aber am 18. Juli wieder bestätigt. In -der Kammer aber kamen immer neue Schriftstücke gegen Drehfus zur Verlesung. Das interessanteste war ein gefälschter Brief S ch w a r tz k o p P e n s, in dem es hieß: „Ich werde sagen, daß ich niemals Beziehungen zu diesem Juden unterhalten habe. Das ist abgemacht." Und diese Ableugnung wurde weiter ausgeführt. Man nahm ohne weiteres an, daß ein deutscher Militärattache Antisemit sei. Daerschien im „Temps" ein Artikel des Oberstleutnants P i c q u a r t, Chef der Nachrichtenabteilung des Generalstabs. Dafür wurde er verhaftet, während Zola Frankreich verließ. Picquart schwieg aber nicht und nannte Path de Clam Fälscher. Da entschloß man sich endlich, den Obersten Henry zu verhaften, der beschuldigt wurde, den oben erwähnten Brief des Militärattaches gefälscht zu haben. Als er sich mit einem Rasiermesser den Hals abschnitt, trat -der Generalstabschef Boisdefsre zurück, weil sein Vertrauen getäuscht worden wäre. Cavaignac folgte ihm. Noch ging man nicht weiter. Path wurde nur zur Disposition gestellt, nicht etwa sestaenommen. Am 26. September beschloß das neue Kabinett, 'das Revisionsverfahren zuzulassen. Der Generalrat von Algier aber telegraphierte an die Negierung, sie solle schleunigst durch ein Gesetz die Juden entrechten. Am 25. Oktober siel das neue Kabinett Brisson. Allmählich kam nun der neue Prozeß in Gang> namentlich, nachdem der Präsident Mure an einem Herzschlag in den Armen der späteren Mörderin Steinhall gestorben(also nicht von Juden vergiftet worden) war. Sein Nachfolger Loubet war ein Ehrenmann. Der Sozialist Breton, der heute noch eine Nolle spielt, beschuldigte Melin öffentlich, die Fälschungen begangen zu haben. Noch stand eine gewaltige Partei, die den Prozeß verhindern wollte, zum Teil um die Ehre der Armee zu retten, die zwar nicht durch Fälscher und Meineidige, aber durch eine Aufklärung verletzt worden wäre. Der Straßenpöbel aber amüsierte sich unter Führung des Abgeordneten Derouledet auf seine Art, d. h. antisemitisch. Als jedoch' der, „Figaro" die Akten des ersten Prozesses veröffentlichte und sich auch durch polizeiliche Strafen daran nicht hindern ließ, wuchs die Zahl der „D r e h s u s a r d s"; C l e m e n c e a u , Millerand, P o 1 n c a r e gehörten .zu ihnen. Bach einem Attentat auf Loubet, das von der antisemitischen Seite verübt worden war, verstärkte sich der Druck. Am 1. JE 1899 Landete Drehfus wieder in Frankreich. Der Kassationshof hatte die Revision beschlossen. Am 7. August 1899, vor 25 Jahren, begann der Prozeß, der in der ganzen Welt mit atemloser Spannung verfolgt wurde. Doch noch einmal versuchten die Antisemiten ihr Heil: ein Attentat auf den Verteidiger L a b o r i erfolgte. Höhnisch schrieb damals „Libre Parole": „Ganz Israel ist in Bewegung." Dabei zeigte fast die ganze Presse des Auslandes ohne Unterschied der. Partei, die ganz rechts stehende natürlich ausgenommen, daß sie diesen Skandal als eine Schändung Frankreichs empfanden. Im Prozeß, dev fünf Wochen dauerte und in Rens stattfand, zeigte sich, wie fest noch' die Militärclique stand. General Mercier wurde ein M e i n e i d nachgewiesen, ohne daß man gegen ihn einschritt. Picquart erklärte, daß er die antisemitische Einstellung des! Generalstabs gekannt hätte. Er wäre selbst, von ihr nicht sre? gewesen. Und Oberst Cordier versicherte, dah er selber! leidenschaftlicher Antisemit sei, aber trotzdem für Drehfus zeugen müsse. Am 9. September wurde daN Urteil gesprochen: 10 Jahre Gefängnis. Mildernde Umstände bei- Landesverrat. Es war ein Kompromiß der Richter zwischen ihrem Gewissen und der angeblichen Ehre der französischen Armee. Der damalige Ministerpräsident Waideck-Ro usse au beendete die Affäre durch eine allgemeine Amnestie. Drehfus ist später noch nachträglich! zum Major befördert worden und hat jetzt der Denkmalsenthüllun g veigewohnti