Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1924-07-17 · 29 (17.7.1924) · p. Seite 431

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
29 (17.7.1924)
Date
1924-07-17
Page
Seite 431 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2277379-2277464-2277492--01311-2280546
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

4SI Seltsame Schlafgesellen. Von Dr. Hans Bohr. Kann man sich einen Juden denken, der seinem Sohne den Vornamen Ha man gibt? Das ist ebenso unmöglich, äls es jemals einem Inden einfallen könnte, für feinen Spröhling den Vornamen Baptist Au wählen nach dem christlichen Heiligen Joannes Baptist« (Johannes dev Täufer). Der Lehrer des Staatsrechts an der Universität Breslau und jüngst als Mitglied der Deutschncitwnnlen Volkspartei in den Reichstag gewählte Professor Dr. Axel Freiherr v. Freytag-Lorinahoven Mt aber den' letztgenannten Fall für möglich. In einer sehv mäßigen und sonst nicht der Beachtung würdigen Polemik gegen den ausgezeichneten Artikel „Die wndeuksche' Reichsverfassung" des ehemaligen Reichsministers Professor Dr. Hugo Preuß in Nr. 8 der „C. B.-Zeitung" von diesem Jahre, den v. Frehtag-Loringhoven in der „Deutschen Zeitung" veröffentlicht hat, schreibt er u. a.: „Viele werden sich noch jenes jüdischen Schriftstellers erinnern, der 'den gleichfalls jüdischen Professor Ehrlich, den Erfinder des Salvarfans, über Christus stellte." Dieser „jüdische" Schriftsteller führte zum Unglück des Professors v. Frey tag- Loringhoven den Vornamen „Baptist", womit doch hing,länglich dargetan wird, daß er kein Jude gewesen ist. Der Urheber des zum mindesten als geschmacklos zü bezeichnenden Vergleichs des Professors Ehrlich mit Christus war der vor einigen Jahren verstorbene Herausgeber und Chefredakteur des Frankfurter Senfationsblattes „Die Fackel", Baptist Müller-Herfurth, der niemals etwas mit dem Judentum zu tun gehabt hatte, und der sogar, wenn er es i<m Geschäftsinteresse seines Sensatiousblattes für ersprießlich erachtete, gelegentlich etwas in Antisemitismus machte. Die Behauptung, daß der Urheber des in Rede stehenden Vergleiches ein Jude gewesen sei, wurde zuerst in antisemitischen Winkelblättchen vom Schlage be§ „Deutschen Wochenblattes" des Knüppel-Kunze «verbreitet. Aus solchen trüben Quellen schöpft also Professor v. Frehtag-Loringlw-ven das geistige „Rüstzeug", das er gegen einen der hervorragendsten ideut-schen Vertreter desjenigen .wissenschaftlichen Faches verwendet, das auch er an einer deutschen Universität vertritt! Der Fall steht auf derselben Stufe wie die empörenden Angriffe, die er in einer Wahlver sammlung m Waldenburg i Schief, gegen den Minister des Auswärtigen Stresemann gerichtet hatte, dem er vorwarf, daß sein >Schwiegervater Jude sei und in der Tschechoslowakei eine Waffenfabrik besitze. Als der Minister im einer würdigen Erklärung im Reichstage die Angriffe zuwückwies, zu deren Kennzeichnung allein die Tatsache genügt, daß Stresemanns, Schlote- Swater seit mehr als zwanzig Jahren tot ist, berief sich der Proor kl ein laut auf den Hitlerscheu „Völkischen Beobachter" als Quelle, also auf einen genau so unsauberen Ursprung, wie es seine Quelle in der Polemik gegen den Professor Preuß gewesen ist Den ebenfalls als Vertreter der deutschnationalen Fraktion in den Reichstag gewählten Professor Dr. Otto Hoetzsch (Berlin), der jedenfalls allen Anspruch darauf erheben darf, als Wissenschaftler ernst genommen zu werden, kann man zu einem derartigen Fachkollegen als Fraktionsgenossen und Mitarbeiter nur auf das aufrichtigste beglückwünschen. Professor v. Freytag - Loringhoven hat schon früher die allgemeine Aufmerksamkeit in einer für ihn sehr blamablen Weise auf sich gelenkt, indem er einen hochgeachtetem« jüdischen Lehrer und Kreisdeputiertenin Guhrau mit dem lieblichen Namen „Eli Kanalgeruch" belegt hatte. In dem von. dem Geschmähten angestrengten Beleidigungsprozesse kermzeichnete dessen Vertreter, Rechtsanwakk Foerder (Breslau), den Professor treffend als das, was er ist als einen Mann, der sich in den deutschen Kulturkreis noch nicht eingelebt hat und der zu den landfremden Elementen aus dein Osten gehört, die bei -uns nur Schaden anrichten. Professor v. Frehtag-Loringhoven stand bis zur russischen Revolution im Dienst des Zarismus; bei Ausbruch der Revolution flüchtete er aus Rußland nach Deutschland, und er verstand es, seine Persönlichkeit in ein so günstiges Licht zu setzen, daß man ihm nicht nur eine Professur in Breslau verschafft, sondern ihn auch zum Mitglied des dortigen Osteuropäischen Instituts gemacht hat. Eine noch wertvollere Errungenschaft hat die deutschnationale Fraktion des Reichstages in dev Person des Herrn Alfred Roth gemacht. Dieser lvar ursprünglich Schriftleiter der „Handelswacht" des Deu'tschnationalen Handlungsgehilfenverbandes, gab dann im Kriege auf Grund ihm auf unrechtmäßigem Wege aus dem Kriegs- Ministerium Angegangenen, gänzlich unzulänglichen und unvollständigen Materials unter dem Pseudonym Otto Arnim die Hetzbroschüre „Die Juden im Heere" heraus, die eine der Grundlagen für Äe unsinnigen Verleumdungen gegen die deutschen Juden wegen Drückebergerei usw. bildete, und wurde nach dem Kriege der Führer des Deutschvölki fchen Schutz- und T r u tz b u n d e s, in welcher Eigenschaft er eine besonders gehässige und skrupellose Judenhetze betrieb. Seine Verleumdungen gegen Rathenau, die ihm eine Gerichksstrafe von 800 000 Mark eintrugen, haben wir bereits in einem früheren Artikel behandelt. Rach der Auslösung fernes „Deutschvölkischen Schuh- und Trutzbundes" begab er sich nach Württemberg, um dorthin seine judenhetzerische Tätigkeit zu verpflanzen. Dort schloß er sich bald dev Deutschna tiomrlen Volkspartei an und wurde von dieser zur Belohnung für „geleistete treue Dienste" in den Reichstag entsandt. In Shakespeares „Sturm" sagt der Spaßtnacher Trineulo, nachdem er vor dem herannahend-en Sturm unter dem MarrtÄ des plumpen und ungefügen Ungeheuers Caliban Schutz gefunden hat: (Misery acquaints a man with stränge bedfellows) „Dre Not bringt einen zu seltsamen Schlafgesellen." War es die Not, die die Deutschnationale Volkspartei zwang, -den Tirpitz, Hergt, Hu genberg, Ho etzsch so seltsame Schlafgesellen wie einen Frehtag-Loringhoven und einen Alfred Roth beizugeben? Eine „verjuöete" volkifthe Fraktion. Entdeckungen des Nürnberger „Deutschen Bauernbundes". Die völkische Fraktion des bayerischen Landtags, in dem in allen anderen Parteien bayerische Juden nicht sitzen, hat den Anspruch daraus, die „verjudetste" Partei des Bayernparlaments zu sein. Da es nach der völkischen Theorie auf die „Rasse" ankommt, muß maudem „Deutschen Bauernbund" vom 28. Juni d. I. zustimmen, wenn er feststellt, daß der neugewählte völkische Abgeordnete Graf F i s ch l e r von T r e u b e r g im völkischen Sinne „verjudet" ist. Das Blakt schreibt nämlich: „Am jüdischen Blute der Familie Fischler ist kein Zweifel, - darf wenigstens für die Völkischen selber keiner sein, denn ihre jüdische Rassezugehörigkeit wird bezeugt durch den von judengegnerischer Seite hernusgegebenen „Semi^Gotha" . . . Wenn die Völkischen trotz der Kenntnis seiner Herkunft einem Rassejuden eines ihrer parlamentarischen Mandate übertragen haben, so -müssen liefere Gründe dahinterstecken. Ein Witzbold hat einmal gesagt, daß aus der antisemitischen Bewegung erst etwas werden wird, wenn ein Jude sie in die Hand nimmt. Vielleicht läuft es bei den Völkischen im bayerischen Landtag darauf hinaus." Der „Bauernbund" stellt mit Genugtuung fest daß auch der' Vorsitzende der völkischen Landtagssraktion, Herr Dr. Glaser, im Dienste der Berliner Großkohlenhandlung Cäsar W o l l h e i m steht. An der jüdischen Herkunft Wollheims dürfte niemand zweifeln. Das Blatt hat also durchaus recht, wenn es zu dem Schluß kommt, daß die völkische Fraktion im bayerischen Landtag unbestritten die „verjudetste" ist. Neugierige Kragen an einen Gutsbesitzer. Eine ehrengerichtliche Entscheidung. Ein christlicher Arzt, der mit Betrübnis feststellt, daß feit mehreren Jahren nicht mehr er, sondern ein christlicher aus einer Mischehe entsprossener Kollege ärztlich auf drei Nachbargüter berufen wird, richtet an die drei Gutsbesitzer ein Schreiben, in dem er anfragt, ob er wegen seiner nationalen Betätigung — er ist Vorsitzender einer deutschnationalen Ortsgruppe — boykottiert wird, oder ob bei den Gutsbesitzern nur Aerzte jüdischer Abstammung berücksichtigt werden. Aus eine Beschlverde erhielt der „Arzt jüdischer Abstammung" von dem Ehrengericht einen Bescheid, in dem es heißt: „Das Ehrengericht hat nach Anhörung des Beschuldigten bef ch l o s s e n , nicht e i n z u s ch r e 11 e n . . . . Das ärztliche Ehrengericht vermag in dem Verhalten des Beschuldigten einen nach § 3 des Ehrengerichtsgesehes m ahndenden Verstoß gegen die Sta n de ssitte nicht zu finden, insbesondere kann in der Absendung von Schreiben dieses Inhalts ein unerlaubtes Anfsuchen von Praxis nicht erblickt werden. Der Beschuldigte hat ein berechtigtes Interesse, zu erfahren, aus welchen Gründen seine ärztliche Tätigkeit nicht mehr in Anspruch genommen werde. Mit seinem Hinweis auf feine parteipolitische Richtung wollte er, wie er angibt, nicht bei der Gutsherrschast für sich Stimmung machen, vielmehr wollte er in Erfahrung bringen, ob etwa eine Betätigung i nt nationalen Sinne bei der ländlichen Bevölkerung, bei der nach der Staa tsu mw ä lzung. überwiegend eine Link seinst e l l u n g erfolgt sei, Anstoß erregt habe. Nur der letzte Teil der in dem Schreiben enthaltenen Anfrage ist anstößig, und dieser Teil seines Schreibens verdient Mißbilligung. Aber auch hier liegt ein Anlaß zum ehrengerichtlichen Einschreiten nicht vor." Der beschuldigte „Kollege" wird dem Ehrengericht dankbar sein, daß es sich nicht veranlaßt sieht, gegen seine Geschäftspraktiken einzuschreiten. Nicht nur Aerzte, sondern auch Nichtärzte werden sich rhre eigenen Gedanken über die Motive machen, aus denen er seine neugierige Frage an die Gutsbesitzer richtete, warum ihm bei seiner nationalen Gesinnung ein nicht rassereiner Arzt vorgezogen werden konnte. Geht es um die Kasse, benutzt man auch die Nasse! Völkisch gewählt — eine Heleiüigung. Der gesunde Sinn eines Landmannes. Einem fränkischen Blatt wird von einem seiner Leser mitgeteilt: „Auf meiner Pfingsttour las ich im „Stafselsteiner Tageblatt" folgendes bezeichnendes Inserat: Warnung! Ich werde in Zukunft gegen alle, die behaupten, daß ich völkisch gewählt habe, wegen ganz niederträchtiger Beleidigung gerichtlich Vorgehen. Johann Reuter, Birkach. Daß sich gerade die Landbevölkerung in manchen Dingen einen gesunden Sinn bewahrt, ist hinlänglich bekannt. Solch ein mit gesunden Sinnen ausgestatteter Landbewohner ist auch dieser Johann Reuter.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.