Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 28 (10.7.1924)
- Date
- 1924-07-10
- Page
- Seite 419 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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419 Am anderen Tage wurde die Batterie zusammengerufen, und aus das Kommando Freiwillige vor', trat ich sofort als einziger Unterosfizrer vor und erbot mich, die sechs Wagen wieder aus dem feindlichen Gelände zu holen. Von den Segenswünschen meiner Batterie begleitet, machte ich mich dann mit Zehn erprobten Leuten und zwei Bespannungen bei anbrechender Dämmerung auf den Weg, verständigte mich mit unserem Infanterieposten und Pirschte mich dann an die Wagen, zuerst einmal allein, auf dem Bauch kriechend, heran, um mich von ihrer Transportfähiqkeit zu überzeugen. Dann holte ich meine Leute mit den Protzen und holte erst einmal vier Wagen, brachte die in Sicherheit und holte alsdann die übrigen zwei, sowie viel lose Munition, Geschützzubehör und unsere Toten. Zweimal riefen mich feindliche Patrouillen an, drei Schuß wurden auf uns abgegeben. Vor dem äußersten Schützengraben empfing mich unser Regimentskommandeur, gab mir' die Hand und sagte: ,Das haben Sie sehr brav geinacht, Kamerad, ich danke Ihnen/ — Na, das Märchen von der ,Milchen Feigheit' habe ich wenigstens für unsere Regiment wohl gründlich zerstört. Und wenn mir kein anderer Lohn wird, so ist mir dies Bewußtsein überreichlich genug.. T Er bittet um Nahrungsmittelpakete: „Stellt Euch vor: seit zwölf Tagen haben wir trotz der stürmischen, regnerischen Nächte kein Zelt nrebr über uns gesehen, sondern stets in den Pfützen und Morästen der Stoppelfelder biwakiert. Mir geht's. das könnt Ihr mir glauben, trotz allem und allem noch immer ausgezeichnet! Ich bin guten Mutes und sehe getrost in die Zukunft!" ___ , . JrsMrlüge vor! (Fm temperamentvoller Kölner schreibt (30. August 1914): ..Gestern und vorgestern hatte ich 43 Stunden Feuertaufe, wir stürmten und schossen alles zusammen, was uns in beu Weg fam. inuc Bajonettarbeit, da muß ich mich noch stählen zu, denn es fiel mrr schwer, aber er oder ich, also er. Brrrrr. Später, Freiwillige vor! Ins Dorf, ob franzosenrein. Mein Leutnant und sechs Mann, drei Juden als Freiwillige. Meinem Leutnant, einem feinen Kerl, gehe ich nicht von der Seite, also mit. Im Dorf schien alles fort. Mitten auf dem Marktplatz auf einmal eine Salve. Wir werfen uns auf die Erde, zwei fallen tot hin, wir andern ins Haus. Ich schoß drei aus dem Fenster runter, zwei im Hof und drei warfen die Waffen fort. Bei wir ,Nitschewotz Halt, Hände hoch! und schrunun, Wehrmann C. brachte die ersten Gefangenen zum Regiment. Oberst gab mir die Hand. Dann fiel ich um und schlief 14 Stunden in einer Tour, auf offener Landstraße. Bin ganz gesund, und nun eil avant ä Paris. Willst Du etwas aus der Rne de la Paix? Also bald erscheint unsere Verlustliste. Ich bin nicht dabei. Pas cncore . . Zwölf Tage später: . Der schlimmste Tag war der 7. d. M., an dem ich das Eiserne Kreuz erhielt. Wir lagen schon den ganzen Tag in gräßlichem Granatfeuer, ganz hilflos, da unsere Artillerie die'femdliche nicht finden konnte. Abends um 7 Uhr erhielt mein Hauptmann den Befehl, eine Patrouille auf eine Bergspitze, die von Geschossen buchstäblich übersät war, zu senden, da man von dort die feindliche Stellung übersehen konnte. .Acht Freiwillige vor!' Ich sprang vor und sonst keiner. Der Hauptmann drückte mir die Hund. Ich kroch auf allen Vieren vor.' Glücklich mm ich oben an, wurde hier aber entdeckt und unter ein Feuer genommen, das jeder Beschreibung spottet. Ein Granatsplitter, etwa in Faustgröße, zertrümmerte meinen Helm, eine Schrapnellkugel meinen Tornister, eine andere meine linke Patronentasche. Unterdessen hatte ich die feindliche Stellung mit Bärenruhe durch mein Glas beobachtet und in die Karte eingesetzt. Ich krieche zurück zu unserer Artillerie, die sofort ihr Feuer dorthin richtet. Nach genau sieben Minuten schweigt die französische. Ich wieder auf die Höhe, alle französischen Geschütze sind umgeftürzt. Die Mannschaft ist tot. Da kommt ein französisches Bataillon, um ihre Geschütze zu retten. Auf ein verabredetes Zeichen (weiße Leuchtkugeln, die ich hochschieße) gibt unsere Artillerie eine Salve ab. lieber die Hälfte des Bataillons liegt tot oder verrounDet die andere flieht Hals über Kopf, und an dem Tag sicht man keinen Franzosen mehr. Am anderen Morgen fand man dort 300 Tote und Verletzte. 82 waren durch Granaten zerrissen. Ich erhielt das Eiserne Kreuz. Die nächsten Tage waren für uns noch hart, aber heute ist unser glänzender Sieg entschieden. .Entsetzliches und Erhabenes gab es in Fülle;' die ganze Menschen- und Volksseele lag offen? Alles in allem muß ich sagen: wir haben herrliches Menschenmaterial. Doch auch volle Achtung vor den Franzosen, die uns diesmal gogenüberstanden. . . . Obwohl ich etwa fünfzehnmal getroffen bin, habe ich nur zwei leichte Verletzungen. Möge unser Blut ein herrliches Reich schaffen, das für immer den Frieden garantieren kann." Von anderer Hand aus Frankreich am 22. Dezember 1914: „. . . Es war morgens um 10 Uhr, und die Kompagnie wurde gelöhnt. Ich nahm das Geld wie immer an, das die Leute nach Hause schicken, als auf einmal uns die Franzosen mit furchtbarem Geschütz- und Gewehrfeuer überfielen. Ich sause zurück durch den Graben an meine Deckung, schnalle um, hole mein Gewehr und pflanze das Seitengewehr auf. Aber nicht lange konnten wir da bleiben, wo wir uns hingekauert hatten, sondern sprangen mehr nach links, da wir dort mehr Deckung hatten. Zehn Minuten später mußten wir wieder nach rechts in unsere vorherige Stellung, um auf die Franzosen, dw vorgingen, zu feuern. Im selben Augenblick kam auch ein Hagel von Granaten und Schrapnells auf uns nieder. Ich wurde durch den Luftdruck zu Boden gerissen und von der nachstürzenden Erde begraben, so daß ich nur noch mit dem Kopf heraussah. Hände, Arme, alles war mit eingeklemmt, und in dieser furchtbaren Lage habe ich eine Stunde ausaehalten, während dauernd noch die Geschütze dicht bei mir emfchlugen und manchen verwundeten. Leute, die zwischendurch kamen und mich ausgraben wollten, habe ich angebrüllt, daß sie sich wegscheren sollten, um sich selbst in Ächerheit zu bringen. Unbegreiflich ist es mir und allen hier, daß ich so mit dem Leben davonkam. Ich hatte vollständig abgeschlossen und wartete auf das Ende. Als man mich später ausgrub, befühlte und betastete ich mich überall, aber es ist gut gegangen, nur von meiner Brille, die ich in der Tasche trug, ist ein Glas zerbrochen und mein Kneifer stark verbogen. . . . Unter den vielen, die gefallen sind, ist auch ern Jude, der mit zu meiner Gruppe gehört. Er heißt L. L. und ist der Sohn der Witwe B. L. dort, die auch vier oder fünf Söhne im Felde stehen hat, von denen einer, der anfangs vermißt wurde, verwundet in französische Gefangenschaft geriet. ... L. war unter seinen Kameraden sehr beliebt. Er war schon einmal verwundet. Zum Glück war er gleich tot, hat also keine Schmerzen gehabt. Diese Nacht haben wir sie alle begraben." Mensch fein. . / Ein Gefreiter aus Frankfurt a. M. beschreibt den Seinen, wie seine Truppe im Schützengraben einen französischen Sturm erwartete, der erst nach Stunden innerer Spannung einsetzte. „Ich dachte an alle Freunde und Verwandte, an ihn vor allem, den teuren Freund, mit dem warmen Herzen und den glühenden Idealen in der Brust. Er ging darin auf, sich immer mehr aufzuringen zu dem Wahren, Schönen und Guten. Er sollte sein Ziel nicht erreichen. Fernab von der Heimat traf ihn die Kugel des Feindes und machte seinem jungen Leben ein allzufrühes Ende; nichts blieb mir von ihm zurück als die Erinnerung an die frohen und trüben Tage der Jugend, die wir gemeinsam verbrachten. Gottes Ratschluß ist unerforschlich. Und so zogen stundenlang meine Gedanken. Sie hielten inne, als ich der Entsetzlichkeiten gedachte, die meine Augen geschaut haben. Ihr Zuhausegebliebenen, was könnt Ihr von Glück sagen, daß es Euch erspart blieb, die Schrecken des Krieges zu erfahren. Könntet Ihr es richtig verstehen, Ihr Reichen, doppelt würdet Ihr Hand und Herz öffnen, um die Not und das Elend zu lindern, würdet Euch groß als Menschen und noch größer in Euren Pflichten als Juden zeigen; Ihr würdet verstehen, daß es in dieser Zeit doppelt am Platz ist, zu spenden und zu geben. Wohl sind Euch in diesen Jahren Einnahmequellen versiegt, ja vielleicht Verluste wahrscheinlich. Doch Gott gab Euch ja so viele Jahre des Wohlstands. Möge auch diese Zeit, so gingen meine Gedanken weiter, reinigend hineinsahren in unsere Frankfurter Gaffen, möge man verstehen lernen, daß man bisher zuviel danach gefragt, wer reich, wer arm ist. Weg mit der Anbeterei des Reichtums, entfernen wir diesen Götzen aus unserem Herzen, und unser Frankfurt wird sehen, daß es noch ein Höheres gibt, und das heißt .Mensch sein'. Möge dieser große Moment ein großes Geschlecht finden, möge er uns veranlassen, unS selbst zu erziehen, daß wir nach dem Kriege ein Leben mit neuen Begriffen, neuen Vorstellungen beginnen können." Bald danach ist er gefallen.