Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 28 (10.7.1924)
- Date
- 1924-07-10
- Page
- Seite 418 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2277379-2277464-2277491--01297-2280531- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
418 Wir müssen die Ehre des Judentums bewahren, müssen den anderen zeigen, daß auch wir einen Begriff von Ehre und Ehrgeiz haben, müssen ihnen zeigen, daß wir Juden auch Männer sind, keine Feiglinge. Dies soll unserem Judentum zugute kommen, damit der Jrrde von keinem Deutschen mehr verachtet wird und wirkliche Gleichberechtigung erlangt. . . . Ich denke viel, viel hier außen, und ich habe schon vieles bereut, was ich früher getan. Dann denke ich in schwacher! Stunden, o wäre ich doch zu Hause, aber sofort sagt mir eine innere Stimme: Du mußt aushalten bis zum Aeußerften, das fordert die Ehre. Also bitte, bitte, Mütterlein, sorg Dich nicht um mich, sei auch Du standhast wie eine treue deutsche Mutter." Er ruft ihren Mutterstoh zu Hilfe und erzählt, er sei Zum Bizefeldwebel eingereicht und zu einer Auszeichnung vorgeschtagen. „Freut Dich das nicht auch? Also jetzt, liebe Mama, Kopf hoch und Gott vertraut!" Noch war ihm Zeit gegeben, es zum OffiZierstellvertreter zu Dringen. Dann fiel er im April 1915, mit schwerer Kopfwunde/ kämpfend, in französische Gefangenschaft. Der Müller schrieb der .Kornpagrneführ'er: . . Nach Aussage des Ocrru Leutnant fttz und von Leuten der Kompagnie drang Ihr Korr soohn noch nur in den feindlichen Graben ein. Die Franzosen liefen davon, Ihr Herr Sohn als erster hinterdrein. Es besteht infolgedessen die bestimmte Vermurung, daß Ihr Herr Sohn in feindliche Gefangenschaft geraten ist. lieber der ganzen Kompagnie liegt Trauer, daß der wackere und schneidige Oppenheimer, der durch sein freundliches Wesen und durch seine Dienstsrerldigkeit bei jeder Gelegenheit, auch in der (veiahr, sich allgemeiner Beliebtheit erfreute, nicht mehr bei uns dt." Ter Gefangene erlag seiner Wunde nach wenigen Tagen; die Franzosen ehrten seine Tapferkeit noch bei dem Begräbnis. M§ Erster öas Eiserne Areuz. Ein Arzt, Sohn des ersten Kantors der israelitischen Kultusgeaueiude. in München, schreibt nach Hanse: . „Mein Telegramm wird wohl längst in Eurem Besitz sein, wenn dustr Brief bei Euch eintnfft. Ich muß Euch aber doch Näheres über meine Auszeichnung mit dem Eisernen ' Hxcii) erzählen. Ich war wie ans den Wollen gefallen, als; mir der Hanpftuauu gestern mit teilte, er habe mich für eine Detoration vorgeschlagen, und zwar, nachdem er sich mir allen Offizieren'besprochen halt/ und diese ihm einstimmig beigepslichtet haften.' Groß war meine Ueberrasclnmg, als am Abend die Dekorationen ankamen, für mich ein Eisernes Kreuz, die ehrendste und erhebendste Anszerchrumg, die einem Soldaten Zuteil werden kann. Ein Orden, vor dem ich immer eine Scholl und Berohrung hafte, und den sollte ich tragen.; Ich stand als Erster auf der Vorschlagsliste der Kompagnie; i>en Orden erhielten noch der Hauptmann, der älteste Leutnant und.drei Unterossiziere. Ich war eigentlich beschämt; denn ich hatte immer bas Gefühl, nie mehr als meine Psticbt getan zu habe:-. Ich wein nicht, ob ich Euch die Ereignisse erzählte, für die ich mm io ehrenvoll bedacht wurde; denn diesen Orden erhielt ich, ums beirubers betont wurde, als ganz persönliche Anszeich-- mnrg. Bon dem blutigen schrecklichen Tag, dem lls.Augrrst (1914) i schrieb ich Euch. Daß ich allein im Wald über drei stunden im ©vanarnmer einen Verbandplatz unterhielt, zirka 100 Verwundete versorgte, alle von fremden Regimentern, deren Ae-rAe nickst zugegen waren, - - ba% mar bic erste Vermllassuug. Tann wurde der Vorschlag bamir begründet, daß ich bei der j Ankunft in dem Höllenmest .... in ftnsterer Nacht mit emer \ Patrouille ins verlassene Tors durch die brennenden Straßen; ging, sechs verwnndeft Franzosen, in einem Haus verband,; sie vor: dort entfernen tich, da dies Haus auch vom ^ener ergriffen wurde, und so zur Retturuz dieser Leute beitragen konnte. All das empfand ich als nichts Besonderes, aber es genügte der Division, mir das Eiserne Kreuz zirzuerkennen. Besondere Befriedigung gewährte mir amh die Frerrde, mit der die Qfsi.sierc nur neidlos die Dekoration gönnten und meine;! Ablehuuruzsrersuchen die Bersicherung entgegensetzten, daß ich mit vollster Berechtigung das Zeichen tragen dürfe. Ais einen Beweis des Einvoruehmeus kann ich wohl anführen, daß wir uns gosieru abend alle geduzt haben, nachdem oder trotzdem ich aut Tage vorher zum erstenmal eigentlich von meiner -Religion ostentativ gesprochen hatte. Also immer ein whönes Beicher! des Znfaunnenhaliens und treuer Kameradschaft." -Mspruchslos und ^ufopferttö.^ Noch sin Beispiel eines jüdischen Arztes, aus einer Regensburger Weingroßhändlersamilie, bei Kriegsausbruch dreißig Jahre alt. Als er schon rm Januar 1915 fiel, widmeten ihm sein Oberst, sein Bataillonsführer wie auch zwei höhere Militärärzte Nachrufe voll großer Herzlichkeit und Bewunderung. Einer der Aerzte schrieb dem Vater: „Wir haben einen treuen Freund verloren, einen ganz edeln, festen Charakter, Den wir in jeder Not und Gefahr geschützt haben. Weit über die Grenzen der Division hinaus war Ihr Sohn bekannt und geachtet wegen seiner ruhigen und bescheidenen Schneid, wenn es galt, den armen Verwundeten beizifftehen, und kaltblütig und gewissenhaft tat er seinen Dienst, ohne Ermüdung, ohne Selbftberücksichtigung, anspruchslos und aufopfernd, war er allen, allen ein leuchtendes Beispiel. Nicht ein einziges Mal haben wir an jieraem Wesen eine Stelle beobachtet, die Anlaß zur Kritik geboten Hütte. Als Kollege und Sanitätsoffizier war er eben ein vollwertiger Mann. Lorenz Lehmann verdient wie selten einer die höchste Achtung nach dem Tode und das treueste Gedenken." Und der andere arztlühe Vorgesetzte: „Er war ein außerordentlich beliebter Mensch, den vor allem auch die Einwohner in den feindlichen Dörfern sehr schätzten. .Monsieur Iwimnmw kannten alle Frauen und Kind er;" selbst in Orten, wo die Bevölkerung aus Militärpersonen einen blinden Haß hatte, konnte er ruhig wandeln, ihm tat niemand etwas, seine Hilfsbereitschaft kannte keine Grenzen." Die letztere Bemerkung erinnert au einen Brief des Gefallenen selbst. Er schildert sehr anschaulich und merkwürdig, wie er am Tage nach einem erfolglosen Angriff beauftragt wurde, dicht vor der feindlichen Front die eigenen Verwundeten zu retten. „Ich freute micht natürlich, das gerade ich von sämtlichen Aerzten der Brigade dazu ausersehen wurde/ Er gelangt aus das Gesechtsseld: seine Transportmittel reichen nicht. Da geht er, häufig beschossen, in ein französisches Dorf hinein — seine Mannschaften entweichen hinter ihm — und findet cs vom Feinde frei. Irr dern Dorfe, wo er „bei einigen Hausarzt war", stöbert er die Einwohner in den Kellern auf. „Ich fragte erst rrach meinen alten Patienten und rückte dann mit meinem Anliegen heraus, bekam alles, was ich wollte, wenn auch nach einiger Mühe." Nämlich einen bespannten Wagen, eine Leiter als Bahre, drei Mann als Helfer. Nun sammelt er ans den; Gefechtsselde die noch übrigen zehn Der» wundsten auf. „Als ich nahezu fertig war, kam langsam ein einzelner Kürassierleutnant auf mich zugerittrn. Ich Lachte, nun ist's alle, der nimmt dich samt deinem schünbeladenen Wagen mit hinüber nach Mmsreville *u den Franzosen . .. Glücklicherweise war der Offizier nett, forderte mich nur auf, schleunigst aus der Nähe der französischen Linie zn verschwinden, meinte, sie würden den Verwundeter: auch nichts zuleide tun, u'.rd sprach einiges über die ScheußlickMk des Krieges. Ich dankte ihn: und lud meinen letzten Mann aus. Er kan: nochmals zurück, als ich eben fertig war, und ich fürchtete schon, er habe sich die Sache nochmals anders überlegt, aber er brachte nur eine Flasche Wein für die Verwundeten. So trat ich mit gegenseitigen Komplimenten und sehr erleichtert die Rückfahrt über Hooville und Serres an . .. Noch ein paar Sätze aus dem Schluffe des Briefes: „Die Mannschaft hat in den letzten acht Tagen bei wenig Schlaf mtb wenig Nahrung.... Unsägliches geleistet. Jetzt weiß ich, was der Krieg bedeutet, und verstehe, daß die Generation, die einen geführt hat, so leicht keinen zweiten führt. And doch ist er eine große Sache, und Gott sei Dank find unsere Opfer nicht umsonst gebracht. Er zeigt die Menschen, wie sie sind, und fördert unendlich Viel Rührendes und Schönes zutage. Was liegt dagegen daran, ob der einzelne etwas eher oder später aufhört zu leben." Ein Unteroffizier aus Hamburg: Seit dem 6. d. M. (September 1914) befinden wir uns in einer mörderischen Schlacht, in der wir uns nunmehr jenseits der Msne auf'einer Höhe verschanzt haben die wir lebendig unserer, Feinden nicht überlassen werden. Erlaßt es mir. Euch von diesem Ringen heute Einzelheiten zu schreiben: es ist zn furchtbar. Meinem Batteriechef, der sich mir gegenüber einmal äußerte, daß er sich wandere, daß ich als Jude ein so guter Soldat wäre, habe ich endlich auch den Beweis persönlichen Mutes geben können. Also hört: Am 8. d. M. mußten wir. eine Stellung aufgeben und wegen Pferdemangels unsere sechs Mnnitionswagen auf dem Kampffelds taffen.