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Central-Verein-Zeitung · 1924-07-03 · 27 (3.7.1924) · p. Seite 407

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
27 (3.7.1924)
Date
1924-07-03
Page
Seite 407 (sequence 7)
Language
German
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407 Es folgte dann die Beratung geschäftlicher Angelegenheiten. Ein schon seit langem gehegter Wunsch, der durch das Anwachsen der Geschäfte immer dringender geworden ist, sollte endlich Zur Erfüllung gebracht werden. Der Vorstand unterbreitete dem Verbandstage den Plan, e i n' e i g t ix c § N e r b a n d s s e k r e t a r i a t zu gründen, der einmütig angenommen wurde. Ferner wurde der Verbandsvorstand beauftragt, in Erwägung zu ziehen, ob es nicht möglich ist, in geeigneter Gegend ein Erholungsheim zu erwerben oder zu errichten, in dem erholungsbedürftigen Mitgliedern Gelegenheit zur Wiedergewinnung ihrer Kräfte geboten wird. Die alljährliche Abhaltung eines VerbaudZtages wurde abgelehnt. Es soll bei dem bisherigen Modus bleiben, daß alle zwei Jahre der Verbandstag und dazu eine Hauptoorstandssitzung stattfindet. Als nächster Tagungsort wurde Leipzig in Aussicht genommen. Trotz der unübertrefflichen Gastfreundschaft der Breslauer und mannigfacher Abwechslung waren cs anstrengende Stunden, die die Delegierten in Breslau verbrachten. Ihre Beschlüsse waren getragen von dem Geiste der Geschlossenheit und Einigkeit und von dem Wunsch, daß die Entscheidungen Zum Segen des Handwerks, des Judentums und des Vaterlandes gefaßt werden mögen. Rsthschilö alias PZtrr Lunö. Die Leidensgeschichte einer Doppeltaufe. In der „Deutschen T a g e s z e i t u n g" hat jüngst ein gewisser Peter Lund Zwei Artikel gegen das Dawes-Gutachten veröffentlicht. Im „B erliner Tageblatt" wurde verwundert gefragt, weshalb ein Mann, der den Familiennamen Rothschild trägt, eine solche eigenartige Namensänderung an sich vornimmt. Herrn Mulles Leiborgan, dem „Deutschen T a g e b l a t t", schien die Gelegenheit günstig, dem feindlichen Bruder von der „Tageszeitung" eins auszuwifchen und feierlich festzustellen, es fei nicht angängig, die „Deutsche Tageszeitung" als ein völkisches Blatt an Zusehen. Darauf anwortet die „Deutsche Tageszeitung" Zornig: „Die „Deutsche Tageszeitung" hat an der Wiege der völkischen Bewegung gestanden, und mit so viel N a ch d r n ck und E rfolg für den völkischen Gedanken gekämpft, daß wir nur von Herzen wünschen möchten, dem „Deutschen Tageblatt" würden wenigstens ähnliche Verdienste um die völkische Sache befchieden sein. Die „Deutsche Tageszeitung" wird sich auch durch wahrheits- und vernunftwidrige A n g r i s s e von nationalsozialistischer Seite in ihrem völkischen Kamps nicht stören lassen."' So schwer es ihr siel — vor dieser Abrechnung hatte die „Deutsche Tageszeitung" kleinlaut z u g e b e n müssen, daß P. Lund tatsächlich jüdischer Herkunft und allerdings schon in unmündigem Alter — aus innerer Ueberzeugung und nicht zu seinem persönlichen Vorteil (!) — zum Christentum übergetreten ist. Kann 'die „Deutsche Tageszeitung" uns sreundlichst eine Frage beantworten: Hat Herr R o t h s ch i l d a u s innerer Hebet-- z e u gung und n i ch t z u p e r s ö n'-l i ch r m Vorteil a u ch d i e z w e i t c T a uf e, die Namenstaufe, vollzogen? Wieder ein Hetzer bestraft. Der Redakteur des „Bayerischen Vaterlands" zu 500 Goldmark verurteilt. Im März vorigen Jahres' hatte bekanntlich Herr Dr. Friedrich B r o d n t H in der Chamisio-Schule zu Schöneberg vor einer Jugendversämmlung eine Rede gehalten, die von völkischen Blättern vollständig entstellt wiedergegeben wurde. Die verleumderischen Berichte gingen durch einen großen Teil der antisemitischen Presse. . Dr. Brodnitz ließ es sich nicht verdrießen, jedem einzelnen Blatt eine Berichtigung Zuzusenden, die feststellte, daß angebliche Aussprüche wie: „Wanderklubs. Turnvereine und ähnliche Verbünde müßten geschaffen werden, die sich deutsch stellen, um die deutsche Jugend einzufangen" und „Deutschland müßte auch in der künftigen Generation unter jüdischer Macht bleiben", v o m c r st e n bis zum letzten Wort erlogen waren. Das „Bayerische Vater l n n d" hatte den verleumderischen Bericht veröffentlicht und die Berichtigung des Herrn Dr. Brodnitz gebracht. Nichtsdestoweniger erschien nach sechs Monaten ein Artikel in dem gleichen Blatt, in dem die Verleumdungen gegen Dr. Brodnitz wiederholt wurden. Dr. Brodnitz verklagte das „Bayerische Vaterland", und am 1. Juli stand vor dem A m tsgericht.Be vlin -Mitte Termin an. Der verantwortliche Redakteur des völkischen Blattes, Hans Schmidt, hatte es vorgezogen, vor Gericht weder zu erscheinen, noch sich vertreten zu lassen. Das Gericht verurteilte den Abwesenden zu 5 0 0 Mark Geldstrafe evtl, für je 20 Mark einen Tag Gefängnis. Bei der Bemessung der Strafe wurde erwogen, daß die Behauptung, Herr Dr. Brodnitz hätte zum vaterlandsseindlichen und hinterhältigen Kampfe aufgesordert, eine sehr schwere Beleidigung . darstelle. Besonders erschwerend fiel noch der Umstand ins Gewicht, daß der Angeklagte, obgleich er über den wahren Sachverhalt aufgeklärt worden war, die beleidigenden Behauptungen erneut veröffentlicht hatte, ohne dafür auch nur den Schatten eines Beweises erbringenzu können. > Ms öem Hriefwechfel Theoöor Storm unö Gottfrreö Aeller. Die Lektüre des Briefwechsels zwischen Th. Storm und Gottfried. Keller bot mir in der unfreiwilligen Muße einer schweren Erkrankung erwünschte Ablenkung. In einem Briese vom 14. 21 u g u ft 188 1 schreibt S t o r nt unter anderem an Keller: .Beunruhigend besuchen mich mitunter theoretische Gedanken über das Wesen der Novelle, wie sie jetzt sich ausgebildet, über das T rag i j ch e in D r a nt e n und Epik und dem etwaigen Unterschiede zwischen beiden; ich schrieb auch eine neue Vorrede zu den Zwei neuen Bänden meiner Gesamtausgabe, die zu Weihnachten kommen sollen, in dieser Richtung und dergleichen dummes Zeug, was keinen anderen Grund hat, als daß man selbst nichts machen kann. Zu dem Vorwort ward ich durch Ebers aufgereizt. der (taut Zeitungsbericht) „eine Novelle" herausgegeben und sie (die Gattung der Novelle) in einem Vorwort als ein Ding bezeichnet, das ein Dichter sich noch dem eigentlichen Kunstwerk, dem dreibändigen Roman, wohl einmal zur Erholung erlauben dürfe. Die „Novelle" ist die strengste und geschlossenste Form der Prosadichtung, die Schwester des Dramas; und es kommt nur auf den Autor an, darin das H v ch st e d e r P o e s i e zu leisten. Ob die Eberssche Novelle eine solche Herabsetzung der eigenen Gattung bedurfte, weiß ich nicht. Haben Sie sie gelesen? Ich glaube, sie heißt „Eine Frage". — Es kann wohl fraglich sein, ob es richtig ist, selbst einmal ein Wort zur Sache zu sprechen, wenn ein von der Menge und seinen S t a m nt e s g c n o s fln, den Jude u, aus den Thron Gehobener, solche Dinge dem Publikum imprägniert, denn der Schaden dadurch ist ein sehr weitgreisender." Diese Zeilen des Briefes, in denen sich Storm über Ebers entrüstet, bedürfen eines Kommentars. Dem Herausgeber des Briefwechsels Albert K ö st e r ist von den Nachkommen des Aegyptologen und bekannten Romanschriftstellers die Auskunft erteilt worden, es sei eine innere Möglichkeit vorhanden, daß Ebers die Arbeit an der kleinen Novelle „Eine Frage" als eine Erholung bezeichnet habe. Denn in der Tat habe er, den von früh an qualvolles Siechtum manchmal jahrelang an den Krankenstuhl fesselte, die unfreiwillige Muße mehrfach benutzt, um die dichterischen Gestalten, die schon längst in seiner Seele lebten, zu beschwören. Mehr aber liegt dem Gerüchte oder Gerede, das Storm aus einer Zeitungsnotiz entnimmt, nicht zugrunde. Mag Ebers, der künstlerische Formgebung Weckt neue TtUtgtiedec füc den E. V auch an Werken geringen Umfanges hoch bewertete, seine eigene Novelle, die eine Gelegenheitsschöpsung zu einem Bilde Alma Tademas war, mündlich oder brieflich ein Werk der Erholungszeit genannt haben, so ist doch sicher: verallgemeinert für die ganze Gattung der Novelle hat er solche Aeußerungen nie, drucken Lassen hat er sie erst recht nicht, vollends nicht als Vorrede zu der kleinen Erzählung, weder in „lieber Land und Meer" noch in der Buchausgabe. Th. Storm aber hat nichtsdestoweniger der Fama geglaubt und den Zorn jahrelang bei sich genährt. Vorläufig aber suchte er den vermeinten Gegner in einer Vorrede zu widerlegen, von der sich ein Exemplar im Besitz Erich Schmidts erhalten hat. Gottfried Keller beantwortet diese Stelle des Brieses am 16. August . . Die Ebersllhe Novelle habe ich nicht gelesen, weil er sie als Illustration eines Bildes von Alma Tadema gemacht hat, eines Mannes der als Maler genau das ist, was Ebers als Schriftsteller. Es handelt sich also um eines jener Gedichtchen, die zu Almanachbildern gemacht werden. Das, was er zur Herabsetzung der Gattung der Novelle sagt, würde mich nicht stark rühren; vor ein paar Jahren degradierte er ebenso den Roman, indem er von sich aüssagen ließ, er schreibe nur Romane, wenn er krank und zu ernster Arbeit unfähig sei. U e b r i g e n s h a t s e i n I u d e n t u m, w a s m i r unbekannt ist, mit d e r S ach e ni ch t s zu schassen. Herr v. Gottschall, ein nrgermanischer Christ, hat schon 'dutzendmal verkündigt, Rout am und Novelle seien untergeordnete, unpoetische Formen und sielen nicht in die Theorie. Da niemand darauf hörte, sing er zuletzt selbst an . . . Auch Gustav Fr eh t a g, der ja sonst ein verständiger Mann ist, tat um die Zeit, wo er seine „Ahnen" im Schild führte, den Ausspruch, die Zeit der kleinen Erzählung dürste für immer vorbei sein, nach der schlechten Manier, die Gattung, die man nicht selber pflegt, vor der Welt herunterzusetzen und die augenblickliche eigene Tätigkeit als den einzig wahren Jakob hinzustellen. Hierzubraucht eskeineJuden,so wie überhaupt meine Erfahrungen und Beobachtungen tzghin gehen, daß ich auf jeden vorlauten und schreienden Juden zwei dergleichen Christen, feien es Franzosen oder Deutsche, Schweizer inbegriffen, rechnen kann..." Die Antwort des Schweizer Dichters gibt uns einen schönen Beweis seiner Denkungsart, sie dürste wenig bekannt sein und erscheint mir sehr beachtenswert. Michael Fraenkel (Breslau).

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