Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 27 (3.7.1924)
- Date
- 1924-07-03
- Page
- Seite 406 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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406 die Tagung öes jüdischen Handwerker- Parlaments in Sreslau. Eigener Bericht für die „C. B. - Zeitung". Ein Ehrentag für den jüdischen Handwerkerstand in des Wortes bestem Sinne! Wäre es doch möglich gewesen, dieses Handwerkerparlament im Bilde festzuhalten! Man brauchte künftighin der Ueberzahl unserer Gegner, die bei allen Passenden und unpassenden Gelegenheiten das Schlagwort zur Hand haben: „Die Juden arbeiten nicht", nur dieses Bild entgegenhalten, um sie zum Schweigen zu bringen. Die Breslauer hatten es sich nicht nehmen lasten, den jüdischen Handwerkskollegen aus dem Reiche einen würdigen Empfang zu bereiten. Man mutz die Herzlichkeit und Gastfreundschaft miterlebt haben, um zu ermessen, welche Bedeutung die Breslauer jüdischen Handwerker der Tatsache beimaßen, daß gerade sie die Festgeber sein durften. Den Auftakt gab eine zwanglose Zusammenkunft im Sitzungssaale der Lessing-Loge, die sich eines guten Besuches auch seitens der Breslauer Freunde erfreute. Den Kernpunkt der Tagung aber bildete die Festsitzung, die am Sonntag, den 22. Juni, vormittag, unter Zahlreicher Beteiligung abgehalten wurde. Nach einleitendem Gesangsvortrag hielt der Vorsitzende des Breslauer Zweigvereins, Schlächtermeister G r ü n P e t e r, eine Begrüßungsansprache. Daran schloß sich die programmatische Eröffnungsrede bes Verbandsvorsitzenden M a r c u s (Berlin), der besonders hervorhob, daß die jüdischen Handwerker keineswegs in irgendwelchem Gegensatz zu ihren andersgläubigen Berufsgenosfen stehen. Sie sind mit ihnen vollständig solidarisch. Die besondere jüdische Organisation soll nur die Gelegenheit geben, religiöse Dinge zu erörtern, Gesinnungspflege zu treiben, und zu zeigen, das; im Juderrtrrm das Handwerk vorhanden ist, gepflegt nnd gefordert wird. Das Hauptreferat war dem Vorsitzenden des Berliner Orts- ’ Vereins, Wo lff, übertragen. Er sprach über „D i e jüdischen Handwerker im Aw w e h r k a m P f" und entledigte sich seiner Ausgabe in vorbildlicher Weise. Mit besonderem Dank, so begann der Vortragende, wende:- wir uns an die O b e r s ch l e s i e r, die trotz Not und Bedrückung treu zu ihrem Vaterlande gestanden haben, aber auch an diejenigen, die unter Zurücklastung von Hab und Gut sich im verkleinerten Deutschland eine Heimat gesucht haben. Wir Juden empfinden ihr Schicksal um so tiefer, als uns selbst von Volksgenossen das Recht aus die Heimat strittig gemacht wirb. Wir Handwerker im besonderen bekennen uns als deutsche Juden und stehen damit t r e u zu ihnen in unerschütterlicher Einheit. Unheimliche Mächte scheinen am Werke, unser Vaterland vollends zugrunde zu richten. Die im Kriege entstandene Schickfalsgemeinschaft ist zerbrochen: der Hatzgesang hallt wider; die Unkultur des Mittelalters feiert ihre Auferstehung, und der Menschenhaß wütet stärker denn je gegen uns Bekenner des jüdischen Glaubens. Mit Abscheu und Empörung beobachten wir, wie die verwerflichsten Mittel von den Antisemiten im Kampfe gegen uns angewendet werden, um die Volkslcidenschaften gegen uns auszupeitschen. Redner kennzeichnete dann mit scharfen, aber treffenden Worten die Repräsentanten der völkischen Bewegung, und wies mit drastischen Argumenten die von ihnen gegen die Juden gerichteten Angriffe zurück. Er hob die schweren Opfer hervor, welche die deutschen Juden im Weltkriege an Leben und Gesundheit gebracht haben, erwähnte aber auch die militärischen Auszeichnungen, die ihnen für ihre Tapferkeit verliehen worden sind. Dann ging der Vortragende zur Widerlegung der Vorwürfe über, daß die Juden keine produktive Arbeit leisteten. Sowohl in der Arbeiterschaft wie im Handwerk er st and gibt es zahlreiche Juden, die mit Geschick und Intelligenz ihren Beruf ausü ib -e n. Trotzdem wird die Hetze gegen die „blnprobuktivitäk" der Juden fortgesetzt, um Uneinigkeit und Zwietracht im Volke zu säen. Wir Juden dürfen diesem Treiben nicht untätig zuschauen. Aber wir wollen den Kampf dagegen führen mit den reinen Waffen des Verantwortungsgefühls, Schulter an Schulter mit unseren andersgläubigen Mitbürgern, denen die Errettung unseres Valtzrlandes aus Not und Knechtschaft heilige Ausgabe und höchstes Ziel ist. An diesem Ziele wollen wir Mitarbeiten. Man hat uns jüdische Handwerker einmal die Frontsoldaten des Friedens genannt. Mit Recht, und deshalb wollen wir wieder mitaufbauen Helsen, was Hatz und Verblendung niedergerissen haben, mühselig Stein um Stein Zusammentragen zum Ausbau eines glücklicheren " Vaterlandes. (Langanhalt-ender, stürmischer Beifall.) ' _ Es folgten die Ansprachen der verschiedenen K o r P o r a t i o n s - Vertrete t. Neben den Vertretern der jüdischen Organisationen aller Art, darunter Rechtsanwalt Dr. Foerder für den Central- Verein, hatte auch bie Stadt Breslau einen Vertreter entsandt, welcher der Versammlung den Gruß der S t a d t Vertretung übermittelt und besonders hervorhob daß der Breslauer Magistrat durchaus Verständnis für die besonderen Bestrebungen der jüdischen Handwerker habe. Schlußgesang beendete die Sitzung, deren Verlauf auf alle Teilnehmer gewaltigen Eindruck gemacht hatte. Die eigentlichenVerhandlungeu begannen am 23. Juni. Als neuer Gast war der,Syndikus der Breslauer Handwerk s k a mm e r, Herr Dr. Paeschk e, erschienen, der in seiner Begrüßungsansprache sein lebhaftes Interesse für die Bestrebungen der jüdischen Handwerker zum Ausdruck brachte. Mit besonderer Genugtuung hob er hervor, daß der Vorsitzende der Breslauer Ortsgruppe der erste gewesen ist. der vor der Handwerkskammer die Meisterprüfung abgelegt hat und dabei geradezu hervorragende Leistungen geboten hat. Seine Erfahrungen hatten ihn gelehrt, datz der jüdische Handwerker überhaupt nicht nur technisch, sondern namentlich auch in kaufmännischer Be- Ziehnng ans einer vorbildlichen Höhe stehe. In der Gründung besonderer jüdischer Handwerkerorganisationen erblickt Redner keinen Nachteil; sie seien durchaus berechtigt, schon um im Falle irgendwelcher Zurücksetzung die Stimmen erheben zu können. Der altpreußische Grundsatz „Suum citiqiie“ müsse überall auch im Handwerk gelten. Deswegen gab er auch seiner Freude darüber Ansdruck, daß die bedauerlichen Unstimmigkeiten, die durch die Liegnitzer Handwerkskammer bezüglich des Erholungsheims in Schreiberhau entstanden sind, als beigelegt gelten können. Nachdem dem Vorstande einstimmig Entlastung erteilt und Dank und Anerkennung für feine opfervolle Tätigkeit ausgesprochen war, erstatteten die Delegierten kurze Berichte aus den von ihnen vertretenen Orten. Auch hier zeigte es sich, daß allenthalben fleißige Arbeit geleistet worden ist und daß die Entwicklung aufwärts geht. Wie ein roter Faden zog sich durch die Berichte die besonders erfreuliche Tatsache, daß namentlich der Lehrlingsfrage allgemein die größte Beachtung beigemessen wird. Ueberhaupt wurde imniGf" unb immer wieder in den Verhandlungen die Notwendigkeit hervorgehoben, für einen g u te n Na chwu chs zu sorgen. Nicht derjenige dürfe einem Handwerk Zugeführt werden, den man für einen anderen Beruf nicht für gut genug halte, sondern in erster Linie junge Leute, die durch ihre körperlichen und geistigen Qualitäten dazu geeignet erscheinen. Die hohe Wertschätzung der Lehrlingsfrage hat auch dazu geführt, daß an vielen Orten bereits Lehrlingsheime gegründet sind. Auch besondere Gehilfenvereine sind hier und da ins Leben gerufen. Den Schluß des ersten Verhandtungstages bildete ein Vortrag des Herrn Goldberg (Köln) über die „Bedeutung der Frauengruppen in den Handwerkervereinen". An der Hand der in Köln gemachten Erfahrungen machte Redner einige Vorschläge für die Tätigkeit der Handwerkersrauengruppen, die zu einer lebhaften Aussprache führten. Das Ergebnis war, daß dem Zentralvorstand aufgegeben wurde, allgemeine Richtlinien aufzustellen, in deren Nahmen daun die einzelnen Ortsgruppen arbeiten können. Der letzte Verhandlnngstag wurde mit dem für das Handwerk so bedeutungsvollen Thema „Wiederaufbau und Kreditbeschaffung" eröffnet. Referent war Rechtsanwalt Dr. Jakobsohn (Breslau). Er faßte seine ausgezeichneten Ausführungen in folgender Entschließung zusammen die nach längerer Aussprache einstimmig angenommen wurde: „Der 6. Verbandstag des Zentralveröandes jüdischer Handwerker Deutschlands richtet an die deutschen Juden den Aufruf, mit ihren geistigen und materiellen Kraft cn das Handwerk nnt e r den Juden zu fördern, insbesondere zur Erhaltung -b e sie h e n d e r - und zur Gründung neuer handwerklicher Betriebe mrtzuwirken. Ter Verbandstag macht es allen angeschlvsienen Vereinen und allen Verbandsmitgliedern zur Pflicht, die jüdische Jugend zum Handwerk heranzuziehen, sie in der Berufsberatung zu unterstützen, und ihr nach Kräften handwerkliche Ausbildungsmöglichkeiten, vor allem Lehrstellen zu vermitteln. Eine enge Fühlungnahme mit den an dieser Ausgabe interessierten jüdischen Organisationen, insbesondere den Jugendvereinen, ist anzubahnen und dauernd zu pflegen. Ferner werden der Verbandsvorstand und die Vorstände der Ortsvereine ersucht, darauf hinzuw-irken, datz gemeinn> ü tz i g e D a r l ehnska s s e n gegründet werden mit dem Zwecke, dem erwerbstätigen jüdischen Mittelstände Kredite für produktive Zwecke zu gewähren, genossenschaftliche Verbände jüdischer Handwerker zu schaffen, welche die flüssigen Mittel der Genossen aufnehmen und als kurzfristige Kredite an Genossen vergeben sollen. Außerdem mit den jüdischen Gemeinden und den großen jüdischen Organisationen in Verhandlungen einzutreten, daß diese Körperschaften ihre Geldmittel in der Zeit vom Eingänge bis zur bestimmungsmäßigen Verwendung entweder als Darlehen an Personen des jüdischen Mittelstandes vergeben oder bei solchen Stellen anlegen, welche die so angelegten Gelder zu Krediten für Personen des jüdischen Mittelstandes verwenden." Ausdrücklich wurde in der A u s s p r a ch e von allen Seiten hervorgehoben, daß zwar in der jetzigen schweren Zeit die Frage der Kreditbeschaffung für jeden Handwerker und Gewerbetreibenden von außerordentlicher Bedeutung ist, daß aber jeder jüdische Handwerksmeister bestrebt sein müsse, durch eigene Arbeit, durch Selbsthilfe, den Kampf ums Dasein mit Erfslg zu bestehen und den Kredit erst im Notfälle in Anspruch zu nehmen. Das letzte große Referat beschäftigte sich mit der „Gemeinde- Po l i L i r. Herr Goldmann (Hannover) führte dazu aus, daß Zwar au vielen Orten gelungen sei, jüdische Handwerker in die Gemeindevertretungen hineinzubekommen. Aber in der Regel wird an der alten Tradition festgehalten, nur alteingesessene und besonders wohlhabende Familien als Repräsentanten hineinzuwählen. Es sei Aufgabe auch unserer Handwertervereine, dahin zu wirken, daß mehr als bisher ihre Angehörigen in die Gemeindevertretungen hineingelangen. Dabei seien keineswegs materielle Interessen ausschlaggebend, sondern der Wunsch, auch die Stimmen des M i L t e l st a n d e s zur Geltung zu bringen.