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Central-Verein-Zeitung · 1924-07-03 · 27 (3.7.1924) · p. Seite 404

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
27 (3.7.1924)
Date
1924-07-03
Page
Seite 404 (sequence 4)
Language
German
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404 Die Spnagogensprenger vor -em Staatsgerichtshof. (von unserem nach Leipzig entsandten riF-Sond er berichterstattet.) Leipzig, Ende Juni 1924. Ein hoher, holzgetäfelter, geschnitzter Saal. An den Wänden die lebensgroßen Gemälde des alten Kaisers und seines Sohnes Friedrich; in der Mitte das Wappen des Deutschen Reiches. Ehrfurchtgebietende, weite Hallen, in denen der Staats g e r r ch t s h o f zum S ch u tz e der deutschen .R e P u b l i k tagt. Am Nichtertisch neun ernste Männer. Senatspräsident N i e d - n e r, 'die Neichsgerichtsrüte Döh m und Dr. B a u m g a r t e n und sechs Beisitzer. Der Zuschauerraum ist mäßig besetzt. Meist von jüngeren und jüngsten Söhnen der Leipziger Alma inater, denen die Hakenlreuzgesinnung im Gesicht steht. Rechts davor das emsig schreibende Völkchen der Journalisten. Ihnen gegenüber vier Männer in der‘ Anwaltsrobe. Und hinter ihnen ... Hinter ihnen vier junge Leute, einer immer jugendlicher als der andere. Also da sitzen aus der Anklagebank: Herr Alfons Bau, Privatsekretär beim Leiter der Ortsgruppe Frankfurt a. M. des Deutschnationalen Handlungsgehilsenverbandes, 30 Jahre alt. Als Kreisleiter des „Blücher-Bundes" hat selbstverständlich auch er seinerseits einen Privatsekretär: Wolsgang Hielte, der ebenfalls die Anklagebank ziert, 23 Jahre alt. Zwischen beiden sitzt der mteressante Herr Null m a n n, 21 Jahre alt. Vorbestraft wegen Hehlerei. Leiter der Werbearbeit des „Blücher-Bundes", Ortsgruppe Frankfurt a. M. Weiter Herr Karl Metzger, 25 Jahre alt; vorbestraft wegen Betruges und mehrfach wegen Diebstahls. Für diesen letzterwähnten Herrn war die Angelegenheit, die hier verhandelt wurde, ein reines Geschäft. Und zwar ein Antomobilgeschäft. Freilich kam es nicht zum Abschluß. Im Herbst 1922 faßte der Herr Nullmann, der sich übrigens lebhaft für die Befreiung des verurteilten Rathenau-Mörders Techow interessiert hatte, zum erstenmal den Plan, eine Synagoge in F r a n k s u r t a. M. i n d r e L u f t z u s p r e n g e n. Der eigentliche Grund dieses menschenfreundlichen Planes war die Unzufriedenheit des damals 19jährigen Herrn Nullmann mit seinem jüdischen Chef... Nach dem Grunde dieser Unzufriedenheit ist Herr Nullmann leider nicht befragt worden; und obwohl er sonst recht viel, und meistens auch ungefragt, das Wort nahm — gerade dies Geheimnis hat er nicht enthüllt. Durch einen Bekannten wurde Herr Nullmann der Ortsgruppe Frankfurt a. M. des „Blücher-Bundes" — einer Sezession des Bundes „Oberland" — Zugeführt, und er brachte es hier alsbald zum Leiter der Werbeabteilung. Im vertrauten Kreise seiner neuen völkischen Freunde äußerte er erneut seine Sehnsucht, eine Synagoge in die Luft zu sprengen, um den Juden einen „Denkzettel" zu geben. Im Februar 1923 fuhr Herr Bau mit einem anderen Blücher- Bündler zu einer Fahnenweihe nach München. Dort wurde er so nebenbei gefragt, ob er bereit sei, Dietrich Eckart oder Dr. Heim „umzulegen". Herr Bau sagte: „Jawoll!" und entschied sich für Dr. Heim. Die Ausführung des Planes unterblieb. Warum, ist nicht klar geworden. Aber auch von der Shnagogensprengung in Frankfurt a. M. wollte man in München nichts wissen. Nach Frankfurt a. M. Zurückgekehrt, fand Herr Bau, daß die nationalen Verbände zu l a n g s a m arbeiteten. Herr Rullmann war derselben Ansicht. Und so wurde dann beschlossen, die nationalen Verbände auf den Schw ung zu bringen. Herr Rullmann stellte stolaenden Plan aus: Es sollten kurz, hintereinander Synagogen in F r a n k s u r t a. M. und — es wächst der Mensch mit seinen größeren Zwecken — L e i p z i g und B r e s l a u in die Lust gesprengt werden. Dies sollte in ganz Mitteldeutschland eine große Aufregung Hervorrufen, die Reichsregierung zu Maßnahmen veranlassen und dadurch die nationalen Verbände Zur Gegenaktion und zum Sturze der Republik auf den Plan Zwingen. Zur Sprengung der Synagoge bedurfte Herr Rullmann, wie sich das für einen jungen Gent geziemt, neben der erforderlichen Handgranate eines Autos. Der Angeklagte Metzger erkannte, daß hier ein Geschäft zu machen sei, beteuerte seine nationale Gesinnung und erbot sich, gegen 10 Prozent Provision ein preiswertes Auto zu besorgen. - Man erbat von München die zum Ankaus des Autos erforderlichen Mittel. Begründung: Die Verkehrswege im Taunus sind schlecht, Herr Rullmann bedürfe daher stür seine Werbearbeit in der dortigen Gegend eines Autos. So wenigstens wurde es dem Staatsgerichtshof erzählt. Aus München kam die Antwort: Abgelehnt! Herr Nullmann indes gab keine Ruh. Die Frankfurter Bank- und Börsenjuden sollten unter allen Umständen ihren Denkzettel bekommen. Am liebsten hätte er die Börse selbst in die Luft gesprengt.. Aber da hatte er das gerechtfertigte völkische Bedenken, baß dann auch viele christliche Angestellte jüdischer oder nichtjüdischer Bankhäuser getötet werden könnten. Und stob lieb es denn bei der Synagoge; wenn auch nicht endgültig geklärt wurde, welche: Hauptsvnaaoae oder Westen dsy na go ge. Das Auto erschien nach wie vor unerläßlich. Herr Rullmann regte an, es von Franzosen zu beschaffen. Als Bau wieder nach München fuhr, ließ er diesen Plan Nullmanns dort durchblicken. Erneute Antwort: Nein! Auf die erregte Frage des Vorsitzenden, ob denn die Frankfurter und insbesondere die Münchener Männer des „Blücher-Bundes" über diesen Plan Rullmanns, sich mit dem Feind in Verbindung zu setzen, nicht empört gewesen seien, sagte Bau schlicht: „Nein. Man hat den Plan nur als nicht zeitgemäß abgelehnt." Einer der Münchener nationalen Führer aber sagte: „S o so r t der Polizei melden!" In München war nämlich die Bombe, der Fuchs-Machhaus-Affäre geplatzt, und die Aufdeckung der Beziehungen dieses Herrn und seines Anhanges zu den Franzosen war auch den völkischen Kreisen Münchens schwer auf die Nerven gefallen. Ja, die Münchener Freunde des Herrn Bau gingen, um ihre treudeutsche Gesinnung zu beweisen, sogar so weit, den nach Frankfurt a. M. zurückgekehrten Bau unter dem Verdacht der Beteiligung an der Fuchs-Machhaus- Affäre und der Verbindung mit den Franzosen verhaften und nach München transportieren zu lassen. Die Haft währte indessen nur fünf Tage, da der Verdacht dev Konspiration mit dem Feind und des Hochverrats nicht aufrechterhalten werden konnte. Aber die Synagoge mußte doch in die Luft gesprengt werden. . Es bildete sich das vierblättrige Kleeblatt. Um den „Blücher- Bund", dem es angehörte, auf keinen Fall zu kompromittieren, gründete man mit „Germanenschwur" einen neuen Bund: die „Verfassunggebende n". Worin dieser Germanenschwur bestand,, war nicht zu ermitteln. Des öfteren konnte in der ernsten Verhandlung vor dem Staatsgerichtshof ein Lachen nicht unterdrückt werden. Der Gerichtshof selbst lachte nur einmal. Als nämlich Bau allen Ernstes erklärte, daß er „nicht daran gedacht habe, das Kabinett Cuno zu stürzen!" .... Nun wies Herr Rullmann, der erfindungsreiche, nie verlegene, den Weg zum französischen Verbindungsoffizier in Frankfurt a. M. Ter erklärte, für solche Dinge sei der „Commissaire special" in Höchst zuständi g. A l f o fuhren R u l l m a n n und H teil e n ach Höchst. Dort entwickelte Rüllmann seinen Plan dem aus! Mainz " herüber geh ölten französischen General Hartmann und forderte, zur Ausführung zwei Autos, sieben Handgranaten usw. Um die Franzosen zu „ködern", erzählte er ihnen, der- Zweck des! Ausstandes, der auf die Sy na go g erst p r eng ung von selber folgen müsse, sei die Gründung eines katholischen Königreichs Bayern, also die Sprengung der Reichse i n h e i t. — Vor dem hohen Staatsgerichtshof behauptete Rullmann, daß er dies den Franzosen nur gesagt habe, um sie zu „düpieren". In Wahrheit hätte er die Autos vom Landessteind nur für seinen Bund beschaffen wollen. Die französischen Beamten benahmen sich zunächst durchaus liebenswürdig. Ja, der General H a r t m a n n, ein erfahrener Kriegsmann, machte Herrn Rullmann sogar darauf aufmerksam, daß sieben Handgranaten doch nicht genügten. Es wären auch Autoersatzreisen, Geld, Auslandspässe usw. erforderlich. Herr Rullmann solle nur alles, was er wirklich brauche, auf einen Zettel! schreiben. Herr Nullmann ließ sich das — naturgemäß — nicht zweimal sagen, und wurde für den nächsten Tag nach Mainz bestellt/ zur Entgegennahme der endgültigen Entscheidung. Unentwegt fuhren Hielle, Rullmann und Metzger am nächsten Tage nach Mainz. Dort aber zeigte man ihnen unerwartet die kalte Schulter. Es wurde ihnen kurzerhand und wenig liebenswürdig mitgeteilt, daß di.ej Franzosen den ganzen Plan als Unfug ansehen, als eine Kinderei. Was in der Zwischenzeit aus französischer Seite vorgegangen war, ließ sich natürlich nicht feststellen, nur vermuten: man hatte drüben genug von der Fuchs-Machhaus-Affüre ... Indessen war Bau von seiner Hast aus München zurückgekehrt und suchte nun einen Frankfurter Bankangestellten und früheren aktiven Offizier, der sich in den Erzberger- und Rathenau-Prozessen bereits einem Namen gemacht hatte, für die Angelegenheit zu gewinnen. U. a. dadurch, daß er ihm mit der in völkischen Kreisen bekannten souveränen Großzügigkeit die militärische Oberleitung bei der zu erwartenden nationalen Erhebung antrug. Herr Heinz, obwohl „stark deutschnational gesinnt und absolut vertrauenswürdig", verstand keinen Spaß und ließ Herrn Bau verhaften. Auch den Herren Hielle und Metzger war die Sache mulmig geworden. Und auch sie deckten den ganzen Plan der Polizei aus. Bald darauf befanden sich alle vier Angeklagten in Hast. Dies ist, in großen Zügen, der Tatbestand, den der Staats^ gerächt shof,. nach zweiei n h a lbtä >g i g e r Verhau d l u n g als erwiesen ansah, obwohl sich die Angeklagten die denkbar redlichste Mühe gaben, durch ein Uebermaß an eitlem und sinnlosem Geschwätz das Geschehene zu verwirren und zu verwischen. War Herr Rull man n der ersindungsreiche, unermüdliche Stratege der Offensive, so zeichnete sich in der Abwehr dev Anklage Herr Bau aus. Ein kleiner, schmalstirniger, dummpfiffiger Bursche, der es übrigens der Mühe für wert gehalten hatte.

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