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Central-Verein-Zeitung · 1924-07-03 · 27 (3.7.1924) · p. Seite 403

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
27 (3.7.1924)
Date
1924-07-03
Page
Seite 403 (sequence 3)
Language
German
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403 auch eine Politische Donguichoterie sondergleichen, wenn Herr Mahraun allen Ernstes seine Entscheidung über eine schwere Schicksalsfrage des deutschen Volkes etwa so formulieren wollte: Brtte, meine Herren, warten Sie mit Ihrer Entscheidung, b-is ich mir klar gemacht habe, was aus den Arterscheinungen der deutschen Rasse für oder gegen die Annahme des Gutachtens spricht. Arterscheinungen hin, Arterscheinungen her — hier gilt es, kühlen Kopses und festen Willens Entscheidungen zu treffen, die nicht durch eine Niaiserie verworrener Rassenbegriffe gestört werden dürfen. Es ist verhängnisvoll, Hunderttausenden junger Menschen mit solchen Phantomen, wie den Arterscheinungen der deutschen Rasse, den Blick zu trüben für das, was ist, und für das, was sein kann. Man sage offen und ehrlich: Wir wollen eine völkisch-militaristische Politik wie Ludendorff und Hitler. Aber man spiegele seiner Gefolgschaft nicht vor, eine solche Politik gründe sich auf den Arterfcheinungen der deutschen Rasse. Auch Türken, Russen und Franzosen haben solche militaristische Politik getrieben — was hat sie also mit deutscher Rasse zu tun? Ichbekämpfe hier nicht die politischen Ziele des Jungdo, ich bekämpfe nur deren Begründung aus dem Rassenprinzip. Ebenso steht es mit dem Antisemitismus des Jungdo. Auch er hat nichts mit den Arterscheinungen der deutschen Rasse zu tung. Natürlich wehren wir deutsche Juden uns gegen den Rassenantisemitismus. Täten wir es nicht, wir wären nicht wert des edlen Vorzuges, deutsche Jüd^n zu sein, nicht wert des Adels einer Nation, deren Genien, ob sie gleich nicht alle den Juden freundlich gesinnt waren, jeden AntisenüLismus der Rasse verabscheuen würden, bmn sie empfanden das Deutsche nicht als eine Sache des Geblütes, sondern als eine solche des Gemütes, und sie, die Humanität und Menschenwürde in ewig denkwürdigen Worten gefeiert haben, würden ein Deutschtum der Rasse als eine materialistischeHerabwürdigungdesGeistesemPfrlnd e n h a b e n. — Es ist das Unglück des deutschen Volkes, daß es sich in seinen gehobenen Schichten von einem Begriff hat blenden lassen, der wissenschaftlich unzulänglich, politisch irreführend und in seiner sittlichen Auswirkung verderblich ist. Deutsche Jünglinge harren des erlösenden Wortes, das ihnen einen Weg weisen soll aus dem Chaos der'Gegenwart. Sie, Herr Hochmeister, rufen ihnen das Wort „Rasse" entgegen, und Sie glauben, aus dem brausenden „Heil" der Antwort eine Antwort des Heils für den Wiederaufbau des Vaterlandes zu vernehmen. Man spricht öfters davon, wieviel edle Leidenschaft und Glaube der völkischen Bewegung innewohne. Aufgabe der Führer muß es aber sein, darüber zu wachen, daß die Flamme licht emporsteige, und nicht dumpf verschwäle, daß der Glaube durch Denkzucht geläutert werde und nicht zu gefährlichem Aberglauben entarte. Man kann jahraus, jahrein von Rasse reden. Man kann jahraus, jahrein mit Rassenbewußtsein und Rasseninstinkten ein Politisches Gaukelspiel treiben, man kann die Wiedergeburt des deutschen Volkes aus den Arterscheinungen der deutschen Rasse verheißen. Aber schließlich gilt doch das Distichon Schillers: „Lange kann man mit Marken, mit Rechenpfennigen zahlen. Endlich, es hilft nichts, Ihr Herren, muß man den Beutel doch zieh'n." Ein schwarzer Tag für öie Völkische. Aus der Reich stagssitz u n g v o m 28. Juni 1 924. (Bon Unserem ständigen Lenr.-Parlamentsberichterstatter.) Ilm 10 Uhr vormittags ist eine Reichstagssitzung gewöhnlich sehr schwach besucht. Diesem Umstgnd trägt der Präsident dadurch Rechnung, daß er an die Spitze -der. Tagesordnung möglichst unwichtige Dinge fetzt. So leitete die Vormittagsberatungen des 28. Juni der Bericht über einen Antrag des Geschäftso r d n u n g s a u s s ch u s s e s rin, die Privatklageversahren der Bankiers Dr. Karl M elchior und Max W a r b u r g in Hamburg gegen das deutschvölkische Reichstagsmitglied Fritsch für die Dauer der Sitzungsperiode aufzuheben. Nach gutem parlamentarischen Brauch gibt der Berichterstatter Lobe leidenschaftslos den Gang der Verhandlungen wieder, die zu dem Antrag geführt haben. Als nach dem Berichterstatter Lobe der temperamentvolle A b g e o r dnete Lobe das Wort ergreift, wird es lebendig in den Reihen der Völkischen. Man sieht, daß es sich durchaus nicht um Nebensächliches handelt. Die Reichstagsverhandl ungen sind unseren Lesern bekannt. Aber nur derjenige, der den stürmischen Auftritten beigewohnt hat, konnte erkennen, daß die Rede Lobes einer moralischen Hinrichtung der Völkischen g l e i ch k a m , als er mit beißendem Spott den lärmenden Hakenkreuzlern zurief, sie dürften in diesem Augenblick doch keinen sehnlicheren Wunsch haben, als die Marburg und Melchior zu entlarven, dieweil man Herrn Fritsch sonst das Gegenteil von Tapferkeit und das Gegenteil von Wahrheit vorwerfen müßte. Diese Worte wirkten auf die Völkischen, wie wenn man einen Stein in einen Ameisenhaufen w i r f t. Henning eilt aufgeregt zur Tribüne, um gegen die international verseuchten Richter zu wettern und ruft in sinnloser Wut den Herren von der Vo l k s Partei b i s z u den K o m - m u n i ft e n zu, sie hielten die Gelegenheit für günstig, sich wieder e i n m ö I schützend vor d i e Juden z u stellen. Doch der wackre Lobe forcht sich nicht. Unter stürmischer Heiterkeit und lebhafter Zustimmung fordert er die Nationalsozialisten aus, die Juden n i ch t z u schützen, sondern der gerichtlichen Untersuchung freien Lauf zu lassen, damit Juda endlich entlarvt werde. In seinem Uebereifer greift Henning den Demokraten Haas an, der schlagfertig in gewohnter vornehmer Ruhe antwortet: „I ch habe mich nie gescheut, meinen Glauben und m e i n e Absta m m u n g z u bekennen, und ich w ü r d e die Juden verachten, die das täten." Bei dieser Gelegenheit konnten die Abgeordneten feststellen, wie die Herren Völkischen die Tatsachen zu verdrehen belieben. Roth hatte in einem Zwischenruf behauptet, er sei von dem Staatsgerichtshof verurteilt worden, weil er gesagt habe, Rathenau sei ein Jude: in Wirklichkeit hatte Herr R o t h , wie er später zugeben mußte, behauptet, Rathenau sei als Jude gar nicht in der Lage gewesen, deutsche Belange zu vertreten. Die Völkischen sahen ein, daß dieser Sonnabendvormittag ihnen nicht Ehren und Lorbeeren bringen konnten und waren froh, als der Demokrat Brodaus Zurückweisung des Antrages an den Ausschuß beantragte. Denn Lobe hatte inzwischen seelenruhig aus den Akten sestgestellt, daß Fritsch in zehn Monaten keinerlei Beweisantrag gestellt habe, und dann mit schneidender Schärfe darauf hingewiesen, daß das Mißtrauen gegen jüdische Richter sich nicht auf jüdische Rechtsanwälte zu erstrecken Pflege. Während der kommunistische Redner Herrn Fritsch als eine Persönlichkeit bezeichnet, deren schwankende Ehr- und Wahrheitsbegrifse nicht wert seien, daß man sich so lange mit ihm befasse, rufen die langen Klingelzeichen zur Abst i m m u n g. Die ergibt eine Mehrheit von vier Stimmen für den Antrag Brodaus. So wird sich der Reichstag noch einmal mit Herrn Fritsch beschäftigen müssen, sobald der Geschäftsordnungsausschuß das zwellemal gesprochen hat. Gehe i m rat W i l l st ä t t e r legt sein L e h r a m t n i ed er. Durch die Presse geht die Nachricht, daß der ordentliche Professor der Chemie an der Münchener Universität, der Nobelpreisträger und Ritter des Ordens potir le merite Richard Millstätter, sein Lehramt niedergelegt habe, und zwar als offenkundigen Protest gegen judenseindliche Treibereien im Lehrkörper der Münchener Universität. Den unmittelbaren Anlaß soll die Ablehnung der Berufung zweier jüdischer Gelehrter gegeben haben, die der Lehrkörper unter dem Vorwand bestätigte, daß die beiden Ausländer seien.' Wir müssen der Tagespresse die Verantwortung für die Richtigkeit dieser Nachricht überlassen. Eine Bestätigung an amtlicher Stelle war bis zum Augenblick nicht zu erreichen. Allein schon die Tatsache, daß eine solche Meldung an die Blätter gelangen kann, ohne daß sie sofort von maßgebender Seite entrüstet bestritten wird, beleuchtet blitzartig die Lage der Juden in Bayern. Geheimrat Willstütter hat bisher gegenüber all den judenfeindlichen Vorgängen, die Bayern durchwühlt haben, eine vornehme, vielleicht allzu vornehme Zurückhaltung gewahrt. An seine Person haben sich nicht einmal die übelsten völkischen Schreier in der Münchener Studentenschaft jemals herangewagt, zumal sie wußten, welche Leistungen Millstätter besonders auch für die wissenschaftliche K r i e g s r ü st u n g (G a s k a m p s) a u s z u w e i s e n hatte. Wenn er jetzt keinen anderen Ausweg mehr sieht als die Flucht in die Oeffentlichkeit, so beweißt dies, wie unerträglich die Zustände für einen jüdischen Gelehrten ön München geworden sein müssen. Die Schüler Millstarters veranstalteten in seinem Hörsaal eine V e r t r a u e n s k u n d g e b u n g , um ihn zum Verbleiben in München zu bestimmen. Bezeichnenderweise waren die Vertreter feiner Fakultät nicht erschienen, sondern die beiden bedeutenden Mediziner Geheimrat v. M ü l l e r und Geheimrat v. S a it e t b t u ch führten Millstätter in die Versammlung ein. Von beiden verlautet, daß sie trotz ihrer Politisch stark nach rechts gehenden Einstellung und ihrer ganz unzweifelhaft nationalen Haltung über die Behandlung ihres berühmten Kollegen Millstätter aufrichtig entrüstet feien. Millstätter äußerte in der Versammlung, er zweifle, ob er nicht besser daran tue, statt den Bitten feiner Studenten nachzugeben, ihnen lieber ein Beispiel zu geben, wie ein anständiger Mensch handeln müsse. Diese Aeußerung läßt darauf schließen, daß auch noch andere schwerwiegende Dinge im Schoße der Fakultät vorgekommen sein müssen, außer der Ablehnung jüdischer Gelehrter.

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