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Central-Verein-Zeitung · 1924-07-03 · 27 (3.7.1924) · p. Seite 402

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
27 (3.7.1924)
Date
1924-07-03
Page
Seite 402 (sequence 2)
Language
German
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daß die Wiedergeburt des deutschen Vaterlandes sich nach den Arterscheinungen der deutschen Nasse zu vollziehen habe, denn damit verschreibt sich der Ju-ngdo einer Ideologie, derer: Politische Unklarheit und sittliche Unzulänglichkeit schon zu Blut und Verbrechen geführt hat. Würden wir uns im Gebiete der Zoologie befinden, die Worte „Arterscheinungen der Rasse" wären leicht verständlich. Darwin hat ein Buch geschrieben: „Die Entstehung der Arten". Danach sind'Arten konstant gewordene Varietäten, und Varietäten in Bildung begriffene Arten. Fische, Amphibien, Vögel und Säugetiere sind Arten, die untereinander Zusammenhängen. Die Arterscheinungen dieser Gruppen sind leicht festzustellen; sie sind mit der Struktur des Körpers gegeben; sie ändern sich nicht, es sei denn, die körperliche Struktur ändere sich. Diese zoologischen Fragen gehen uns aber hier nichts an. Denn die Tierarten treiben ja keine Politik. Das tut erst der Mensch. Will man auch von Arterscheinungen sprechen, so muß man jene Eigenschaften aufzählen, die sich nicht bei den Tieren finden:- Sprache, begriffliches Denken, künstlerische Tätigkeit, religiöses und sittliches Erleben. Läßt sich auf diese Arterscheinungen eine bestimmte Politik gründen? Die Politik im allgemeinen beruht, wie jede menschliche Tätigkeit, auf den angegebenen Arterscheinungen der menschlichen Gattung, aber eine besondere konkrete, etwa völkische Politik ist damit natürlich nicht gegeben. Aber Herr Mahraun meint ja auch nicht die Arterscheinungen des Menschen schlechthin, sondern die Arterscheinungen der deutschen Raste. Ich lasse einstweilen die Frage offen, ob und in welchem Sinne man von einer deutschen Rasse sprechen kann. Kann man, ganz allgemein, von Arterscheinungen menschlicher Rassen sprechen, die ihre Politik bestimmen oder bestimmen sollen? Es hätte das zur Voraussetzung, daß jede Raffe ganz bestimmte geistige Eigenschaften besitzt, die nur ihr und keiner anderen Raffe zukommen. Darüber kann die Anthropologie bis jetzt noch nichts aussagen. Es ist möglich, daß mit bestimmten körperlichen Eigenschaften ganz bestimmte geistige Eigenschaften gegeben sind. Die Anthropologie steht heute völlig hilflos vor dieser Frage, und sie hütet sich wohlweislich, den Raffenbegriss mit der Problematik geistiger Eigenschaften zu belasten. Ehamberlain und verwandte Geister haben freilich die Behauptung ausgestellt, daß nur mit Langschädel, blonden Haaren, blauen Augen und Gardemaß ' kulturschöpferische Geistesgaben verknüpft sind. Aber es dürfte , heute wohl schon in jungdeutschen Kreisen bekannt sein, daß die großen Geister des deutschen Volkes sich durchaus nicht dieser körperlichen Vorzüge erfreuten, daß Leibniz, Kant, Bis-, marck, Schopenhauer breitschädlig waren, daß Luther, Hölderlin und Goethe aus braunen Augen in die Welt schauten,, und daß der schwarzhaarige Beethoven, Nietzsche und Menzel durchaus nicht die heldische Gestalt germanischer Recken auszuweisen .hatten. Damit ist schon ausgesprochen, was von den Arterscheinungen der derrtschen Raffe zu halten ist. Hier steht das Wort „Raffe" in einem anderen Sinne, als es die Anthropologie verwendet. Das Gemeinsame der Raffe im anthropologischen Sinne sind körperliche Merkmale, die vererblich sind. Das Gemeinsame der deutschen Raffe ist eben das „Deutsche", d. h. ein Komplex stetig sich wandelnder, geistiger Erscheinungen, deren Existenz und tragischer Widerstreit aus der Raffe ebensowenig erklärt werden kann, wie etwa die Entdeckung Amerikas oder der moderne Expressionismus. Aus diesem Komplex geistiger Erscheinungen greifen die Völkischen irgendeine Tendenz, z. B. die antisemitische oder die nationalistische, heraus und bezeichnen sie unter Ausschluß aller anderen als diejenige, die einzig und allein als deutsch anzusprechen ist — ein ebenso willkürliches wie politisch frivoles Spiel. Und um ihrer Willkür den Stempel der Objektivität zu geben, verbinden sie diesen künstlich verengten Begriff von Deutsch mit dem Rassenbegrifs. Sie begehen den Mißbrauch, zwei total verschiedenen Seins-Sphären angehörende Begriffe, wie Deutsch und Rasse, miteinander zu verkoppeln, einen Mißbrauch, den Max Müller einmal mit den Worten von der langschädeligen Grammatik gegeißelt hat. Deutsche Raffe ist ein ungenauer, unwissenschaftlicher Befrist. Ein bedauerlich lockerer Sprachgebrauch leistet damit jener Demogogie Vorschub, die für ihre einseitig politischen Parteiziele sich glaubt, auf ein Naturschicksal berufen zu dürfen. Deutsche Raffe, wie englische oder französische Rasse, bedeutet nicht eine mit gleichen vererblichen körperlichen Merkmalen ausgestattete Gruppe, sondern bedeutet soviel wie deutsches, englisches oder französisches Volk, d. h. eine in ihrer anthropologischen Zusammensetzung uneinheitliche Gruppe (denn alle europäischen Völker sind gemischtrassig), die durch gemeinsame Schicksale politischer, kultureller und geographischer Art eine gewisse Gleichartigkeit ihres Habitus auszuweisen hat, eine Gleichartigkeit, die im Unterschied zum anthropologischen Habitus nicht stabil, sondern labil ist. Die Anthropologie kann also nicht bestimmen, was Arterscheinungen deutscher Rasse sind. Ebensowenig kann es die Geschichtswissenschaft. Was hat alles für deutsch und undeutsch gegolten in den letzten Jahrhunderten! Hölderlin charakterisiert die Deutschen als „tatenarm und gedankenreich"; Bismarcks Politik galt vor 1866 als undeutsch; nach 1866 als deutsch; den führenden Männern der Paulskirche wie den alten Burschenschaftlern war das demokratische Prinzip deutsch. Nach 1870 galt es als undeutsch. Der Berliner Historiker Friedrich Meinecke hat in der „Historischen Zeitschrift" (19. Band, 3. Heft, 1916) eine aufschlußreiche Arbeit veröffentlicht: „Germanischer und romanischer Geist im Wandel der Geschichtsauffassung". Ich gebe einige Sätze zur Illustration hier wieder: „Das Ideal der Demokratie, das nach Radewitz aus dem Abgrund der Revolution und des romanischen Prinzips, emporgestiegen war, war nach Gewinns das köstliche Geschenk des germanisch-protestantischen Geistes an die Welt. So lehrte er in seiner Einleitung in die Geschichte des 19. Jahrhunderts (1853)", —,„Der Deutschen wahre Verfassung ist die Anarchie', sagte Friedrich Schlegel; die Individualität will sich immer frei bewegen und frei gestalten." —„Man glaubt zu träumen, wenn man dagegen nun die Meinungen unserer heutigen Feinde, und selbst unsere eigenen heutigen Auffassungen von deutscher Art hört." Soweit Meinecke. Am schärfsten hat wohl Nietzsche in „Jenseits von Gut und Böse" die Möglichkeit verneinr, zu bestimmen, was Deutsch ist. „Die Deutschen sind unfaßbarer, umfänglicher, widerspruchsvoller, unbekannter, unberechenbarer, überraschender, selbst erschrecklicher als es andere Völker sich selber sind, — sie entschlüpfen der Definition und sind damit schon die Verzweiflung der Franzosen. Es kennzeichnet die Deutschen, daß bei ihnen die Frage: Was ist Deutsch? niemals ausstirbt." Die Frage soll auch niemals aussterben als eine nachträgliche.Reflexion über die ausgelebte Vergangenheit, aber nicht als politisches Prinzip für die Zukunftsgestaltung. Wenn nach dem, was einmal deutsch war, auch das geschaffen werden soll, was in der Zukunft deutsch zu fein hat, Deutschland befände sich noch im Zeitalter der Bärenhäute. Der Baumeister des Deutschen Reiches hat die Politik die Kunst des Möglichen genannt, aber nicht die Kunst, nach den Arterscheinungen deutscher Rasse politische Entscheidungen zu treffen. Von der Anthropologie aus eine Antwort auf politische Fragen (in Europa) zu erwarten, erinnert ein wenig an die Scherzfrage: Wie heißt Tisch in der Geographie? — Und danN-hat eine Politik nach den Arterscheinungen der deutschen Raffe noch eine Voraussetzung, die ohne weiteres zu bejahen einem ehrlichen Manne wicht möglich ist. Sind denn alle deutschen Arterscheinungen gut und wertvoll? Gibt es keine deutschen Wesensmängel, die Ergänzung oder Ueberwindung verlangen? Ich vermisse in dem Staatsleben nach den Arterscheinungen der deutschen Rasse die sittliche Forderung, die sich nicht mit dem begnügt, was einfach aus der Natur quillt, sondern die das Naturgegebene nur als etwas Vorläufiges und Unfertiges anerkennt. Politik nach den Arterscheinungen der deutschen Raffe löst keine einzige politische Schwierigkeit: Sie maskiert sie nur mit einem emotionellen Schlagwort, bei dem sich die völkischen Massen einbilden, sie könnten sich etwas dabei denken. Die Worte „Arterscheinungen der deutschen Raffe" verführen zu der falschen Annahme. Was wir wollen ist deutsch, und dieses Deutsche ist ein Ausdruck unserer Rasse. In dem von mir herangezogenen Leitartikel wird nicht näher ausgeführt, was Herr Mahraun als eine Politik nach den Arterscheinungen der deutschen Rasse meint. Will man aber die Richtung dieser Politik kennenlernen, so muß man in derselben Nummer die „Politische Um- und Ausschau" lesen. Hier wird die Erfüllungspolitik abgelehnt und das Urteil im Hitler-Ludendörsf- Prozeß als „sittlich gerechtfertigt" gefeiert. Indem ich das feststelle, liegt es mir fern, diese Haltung der jungdeukschen Zeitschrift zu kritisieren. Auf das schärfste aber muß betont werden, daß diese Haltung auch nicht das geringste mit den Arterscheinungen der deutschen Rasse zu tun hat. Es gibt Deuts chesüdischeroder halbjüdischer Ab stammung, wie z. B. Quaatz und Maretzki,die auch gegen die Ersüllungspolitik stehen, und es gibt deutsche Nichtjuden, wie Stresemann und Marx, die dafür eintreten. Die Gründe dafür oder dagegen haben mit Rasse ebensowenig zu tun wie mit den Saturnrrngen. Es wäre ja

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