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Central-Verein-Zeitung · 1924-06-26 · 26 (26.6.1924) · p. Seite 393

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
26 (26.6.1924)
Date
1924-06-26
Page
Seite 393 (sequence 5)
Language
German
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Der völkische weftermann. „Die Entdeckung des Paradieses" von den „W eisen-von-Zion" - Gläubigen stark begehrt. Die gesamte deutsche Presse beschäftigt sich lebhaft mit dem bei West er mann erschienenen völkischen Buch des Urzeitforschers Franz v. W e n d r i n: „Die Entdeckung des Paradiese s." In allen Parteirichtungen ist sich die Presse darüber einig, daß es sich hier um eine geradezu klassische Schundliteratur handelt, um ein Paradies von Literaten, die von berusswegen über die Hundstagshitze philosophieren müssen. Allgemein wird der Verwunderung Ausdruck gegeben, daß Georg Westermann, bisher eines der angesehensten deutschen Verlagshüuser, das Buch eines völkischen Irrsinnigen verlegt und dadurch seinen guten Namen aufs Spiel gesetzt hat. Wir wurden von den verschiedensten Seiten angefragt, ob die Völkischen Weftermann nicht ein Kuckucksei ins Verlagsnest gelegt haben. Zu unserem eigenen großen Bedauern müssen wir feststellen, daß Weftermann neuerdings ernste Literatur zugunsten völkischer Pseudowissenschaft zurückgestellt hat. Die Zeitschrift „Neue Geographie", deren Herausgeber der in Braunschweig wohnende Tripolisforscher Ewald Banse ist, erscheint gleichfalls bei Westermann. In Nr. 9 empfiehlt Banse im „Bunten Garte n" Werke völkischen Inhalts mit folgendem Hinweis: „Gelingt es, in der Mehrzahl unserer Volksgenossen das Bewußtsein grotzzuziehen: du bist Deutscher und Hauptvertreter des Germanentums, sei dir dessen in allen Lebenslagen bewußt, besonders auch bei der Brautwahl meide die Fremdrassigen, auch die im eigenen Volke, so wird dein.Volk alles erreichen, dann haben wir gewonnen." Der Verlag Westermann wird sich die Kritik eines Braunschweiger Blattes gefallen lassen müssen: ein Verlag, der Schundliteratur, wie die „Entdeckung des Paradieses" herausbringe, scheide aus den Reihen der anständigen Verleger aus, selbst wenn man ein gutes Geschäft damit mache. Wie e r n st e Buchhändler ihren Beruf aufzufassen haben, geht aus einem uns vorliegenden R und - schreiben hervor, das eine angesehene Potsdamer Buchhandlung ihren Kunden Zugeschickt hat. „Mitte vorigen Monats versandte ich einen Prospekt für das Buch v. Wendrin „Die Entdeckung des Paradieses" mit der Absicht, für das Bekanntwerden dieser vermeintlichen Parodie auf die völkische wissenschaftliche Literatur vom Schlage Dinters Propaganda zu machen. Inzwischen habe ich nun erfahren müssen, daß das Buch vom Autor und Verlag ernst gemeint ist und auch von großen Kreisen des Publikums hoch geschätzt wird. Ilm so mehr fühle ich mich daher verpflichtet, meine Kundschaft auf das grandios irrsinnige Buch aufmerksam zu machen. Ich stelle es gern leihweise zur Verfügung, um jedem Gelegenheit zu geben, sich von der Unhaltbarkeit dieses „völkischen Wahnsinns" zu überzeugen." Tatsächlich ist auch in Zuschriften an uns daraus hingewiesen worden, bei Weftermann sei eine „Parodie auf die völkische Wissenschaft" veröffentlicht worden. Nein, nein! — Das „Paradies" wird von den „Weisen-von-Zion"-Glänbigen ernstgenommen und hoch geschützt. Uns könnte die Riesenblamage des nunmehr völkischen Verlages und seines Urzeitforschers recht sein, wenn es nicht letzten Endes auch hier um das deutsche A n sehe n in der Welt ginge. Der Rampf um öie hochßhule. Zu den S t u d e n t e n w a h l e n i n Berlin. Nach ungefähr dreijähriger Pause finden nunmehr bestimmt an den ersten drei Tagen des Juli die Wahlen zur Studentenvertretung der Universität Berlin statt. Die Vertretung wird wie bisher 100 Mitglieder Zählen, nachdem ein Antrag aus Herabminderung aus 50 endgültig gefallen ist. Ein kurzer Rückblick auf die letzten hochschulpolitischen Ereignisse an der Universität Berlin möge die B e - deutung der bevor st ehenden Wahlen zeigen. In dem bisherigen Stildentenparlament hatten W a s f e n r i n g , (völkische) Finkenschaft und Deutsche Gruppe der' Korporationen zwei Drittel aller Sitze inne. Das restliche Drittel verteilte sich auf die Gruppen der Minderheit und des der Jugendbewegung. nahestehenden Jung studentischen Ringes. In den Verhandlungen dominierte der H o ch s ch u lr i n g Deutscher A r t, dessen Wirken im allgemeinen bekannt ist. Besondere Beachtung gerade für die jüdischen Studierenden verdient ein Antrag der Mehrheit, der Ende vorigen Jahres im Studentenparlament eingebracht wurde: die Behörden mögen jeden Studierenden verpflichten, aus den Zählkarten Abstammung und Religion a n z u g e b e n. Es sollte dies ein erster Schritt zur Schaffung eines numerus clausus für jüdische Studierende sein. Der Redner der Mehrheit gab in seiner Begründung zu, daß ihre Absicht sei, die j ü d i scheu Kommilitonen zu entrechten. Die Minderheit, insbesondere der D e u t s ch e S t u d e n t e n b u n d, bemühte sich, den Herren das Törichte und Verwerfliche ihres Standpunktes klarzumachen. Sie verließ schließlich die Sitzung. In einer nächsten Sitzung wurde dennoch der Antrag angenommen und dem M i n i st e r i u m eingereicht, aber natürlich unter Hinweis auf die einschlägigen Be st imm ungen der Reichsversassung abgelehnt. 7 Die völkische Mehrheit der Studentenschaft hat ihre Absichten 7 aber keineswegs ausgegeben, vielmehr hat der Sieg der antisemi- > tischen Parteien in der großen Politik ihnen Wasser auf ihre Mühlen gegossen. Kein jüdischer Student darf deshalb bei b e n ko m menden Wahlen fehlen. Es geht um das Wohl des jüdischen .A k a d e m i k e r st a n d e s, es geht u m das Wohl der jüdischen Studierenden, ja es geht um das Wohl jedes einzelnen. Denkt an die furchtbaren Folgen des numerus clausus in Polen und Ungarn! Welche Partei soll der jüdische Student wählen? Die bisherige Minderheit bestand aus 5 Linkssozialisten, 5 Zionisten und 18 Mitgliedern des Deutschen Studentenbundes. Der Deutsche Studentenblmd vereinigt Freistudentenschast, Deutsche Studenten jüdischen Glaubens und paritätische Korporationen. Die Ziele des Deutschen Studentbundes sind kurz: Ausschaltung jeglicher Politik aus der Hochschule, Bekämpfung des R a s s e stp r i n z i p s, Ablvehr von Angriffen gegen die Gleichberechtigung der jüdischen Studierenden', Unterstützung sachlicher Arbeit in der studentischen Selbstverwaltung und in den studentischen Aemtern. Es dürfte damit für den jüdischen Studierenden keinen Zweifel mehr geben: Er kann nur dem Rufe des Deutschen Studentenbundes folgen; denn der allein bietet ihm die Gewähr für s a ch l r ch e Arbeit in der Hochschule und Ausf ch a l t u n g der u n a k a d e m i s ch e n völkischen Bestreb u n g e n. Jeder jüdische Student muß wähle n. Denn es steht Hohes aus dem Spiele. Möge diese Mahnung Erfolg haben und ein gedeihliches sachliches Wirken im künftigen Studentenparlament ermöglichen, damit man bald keinen — jetzt leider nur zu berechtigten — Anlaß hat, in dem Studenten einen völkischen Hetzer und Politischen Wirrkopf zu sehen! Also, aus zur Wahl! Richterliche Unbefangenheit! D i e B l u t s p r o b e a u f d e r „B ö l ki s ch e n W o ch e". Um dem völkischen Ansturm in ihren eigenen Reihen gerecht zu werden, hat die Leitung der Deutschnationalen Volkspartei eine „Völkische Woche" veranstaltet, in der sie vor aller Welt ihre völkische Gesinnungstreue in Reinkultur dokumentierten und damit den Herren um Wulle und Ludendorff den völkischen Wind aus den Segeln zu nehmen versuchten. Vorträge und Aussprache befaßten sich mit der Frage, wie man die Juden entrechten könne und wie festzustellen sei, „wer Jude sei". Hierzu schreibt uns Justizrat Dr. Alfred S a l o m o n (Berlin): „In der Aussprache auf der „Völkischen Woche" wurden u. a. verschiedene Anregungen laut lvegen Feststellung der Vollblut-, Halbblut- und V i e r t e l b l u t j u d e n q u a l i t ä t. Herr Landgerichtsrat Jaehne neigte zu der Erklärung von Claß: „Jude ist derjenige, der oder dessen V o r s a h r c v am 18. Januar 1871, dem Gründungstage des Deutschen Reiches, Jude gewesen i st." Herr Landgerichtsrat Jaehne ist Vorsitzender einer Zivilkammer des Landgerichts! Berlin. Er hat seine Ansichten über die Behandlung und Bewertung der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens mehrfach öffentlich. bekanntgegeben, und zwar nicht nur als theoretische Meinungsäußerungen, sondern nur damit konkrete Vorschläge zur Durchführung der Politisch entwickelten Grundsätze zu machen. ' Der fundamentale Grundsatz des römischen Rechtes lautet: neminem laedere, honeste vivere, suum cuique tribuere! An erster Stelle also: neminem laedere, d. h. niemanden kränken, niemanden verletzen! Dieser Grundsatz ist in die deutsche Gesetzgebung sowohl für das Strafrecht wie auch für das Zivilrecht übernommen worden. Wie will und wie rann ein Preußischer Richter mit einer derartigen Gesinnung auch nur annähernd „Recht" sprechen, d. h. ein Urteil nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit fällen? Wenn vor seinem Richterstuhle jüdische Anwälte oder Anwälte von jüdischem Aussehen oder mit jüdischem Namen als Vertreter der Parteien anftreten, so ist er unter dem Einfluß seiner Denkart und Gesinnung schon gezwungen, diesen Anwälten nicht dieselbe V o l l w e r ti g k e i t beizumessen wie denen christlicher Konfession. Sein Wirken verliert daher die unbefangene Sachlichkeit; unwillkürlich wird ein solcher Richter die Partei mit dem Parteivertreter identifizieren, und die Folge ist die nachteilige Einwirkung der persönlichen Voreingenommenheit auf die Sachlichkeit der richterlichen Entscheidung. Gegen solche Richter gibt es im Interesse einer geordneten, einwandfreien und vorbildlichen Ftechtspflege nur ein einziges Mittel: nämlich grundsätzliche imfcf e i n h e i t l i ch e A b l e h n u n g wegen Besorgnis der Befangenheit. Ein solches Ablehnungsrecht steht den Parteien nach den Bestimmungen der Zivilprozeßordnung zu, wenn ein Grund vorliegt, welcher geeignet ist, Mißtrauen gegen die Unparteilichkeit eines Richters zu rechtfertigen. Aus Gründen der Selbstachtung nicht weniger als aus Gründen beruflicher Pflicht muß daher in lückenloser Geschlossenheit gegen die richterlichen Anhänger einer konfessionellen Blutsprobe, gegen die Bedrücker religiöser Freiheit in nachdrücklichster Form an den Pslegestätten des Rechts Front gemacht werden. Dann werden diese Herren, die es sich als Verdienst anrechnen, Nichtjuden zu sein, vielleicht die fehlende Achtung vor denen bekommen. Denen sie jetzt in maßloser Überheblichkeit die Vaterlandsliebe a b z u sprechen und die sie als minderwertiges Glied der menschlichen Gesellschaft zu behandeln wagen."

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