Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1924-06-26 · 26 (26.6.1924) · p. Seite 392

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
26 (26.6.1924)
Date
1924-06-26
Page
Seite 392 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2277379-2277464-2277489--01269-2280501
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

392 Die Spnagoge von Rirchheim b. LVükZburg. Von Stadtbaurat FranzKreuter (Würzburg). Im fränkischen Luitpold-Museum in Würzburg, einem der inältlich reichsten und wertvollsten Heimatsmuseen Deutschlands, esindet sich als ein Schatz seltenster Art die vollständige Synagoge von Kirchheim bei Würzburg. Sie ist im Jahre 1912 von dort, wo sie — säst nicht mehr benutzt — dem Schicksal langsamen Untergangs zu verfallen drohte, in das Würzburger Museum verbracht und, lediglich von Schmutz und schlechter Uebertünchung befreit, genau so wieder ausgestellt worden, wie es ehedem an ihrem ursprünglichen Standort der Fall gewesen war. Die ehemals zahlreiche jüdische Gemeinde von Kirchheim, einem kleinen, etwa 20 Kilometer südlich von Würzburg an der badischen Eisenbahnlinie gelegenen Orte, der durch seine bedeutenden Muschelkalksteinbrüche weit über Bayerns Grenzen hinaus bekannt geworden ist, war schon vor Jahren auf zwei, nur wenige Köpfe zählende Familien Zusanunengejchmolz-en, die nicht mehr das Recht hatten, als Gemeinde aufzutreten und ein eigenes Gotteshaus zu besitzen. Die Synagoge befand sich in einem für die Gemeindezwecke erbauten, kleinen Häuschen, und zwar im oberen Geschosse, wohin man auf einer schmalen Stiege nach Art einer Hühnerleiter gelangte, und das sie, mit ihrer gewölbten Decke in den Dachraum reichend, ganz aussüllte. Im Erdgeschoß befand sich die Lehrerwohnung — heute übt darin ein kleiner Schuhmacher sein ehrsames Handwerk aus — und im Keller, noch heute deutlich sichtbar, das, durch ein Paar Steinstusen zugängliche, gemauerte Becken für das rituelle Bad. In dem heute als Kirche dienenden Raum des Erdgeschosses befindet sich noch der kupferne Kessel zum Erwärmen des Badewasiers nebst den nach unten führenden Rohrleitungen. Das Häuschen, dessen Obergeschoß und Dach mangels regelmäßiger Benützung und geordneter baulicher Instandhaltung allmählich einzufallen drohten, sollte aus Anordnung des Bezirksamts aus sicherheitspolizeilichen Gründen entweder geräumt und abgebrochen oder entsprechend umgebaut werden. In jedem Falle war die Vernichtung eines Kulturdenkmals, das, wenigstens aus deutschem Boden, nur noch, ganz wenige, nicht ebenbürtige RivalenZ .besitzt, so gut wie sicher. Der Schreiber dieser Zeilen, der in den Jahren 1910 bis 1913 mit der künstlerisch und konstruktiv gleich schwierigen Ausgabe des 11m- und Äusbaus des zum künftigen Museum bestimmten städtischen .Gebäudes beschäftigt war, erhielt im Herbst 1911 von dem gerade damals mit der Ausnahme und Inventarisation fränkischer Bau-; und Kunstdenkmale beauftragten Architekten Professor Weysser Mitteilung von dem Vorhandensein dieses merkwürdigen Bau- und Kulturdenkmals und zog eines Nachmittags mit seinem Freunde, Architekt A u g u st S t o a h r (f 1920), dem verdienstvollen Einrichter und späteren ersten Direktor des fränkischen Luitpold- Museums, nach Kirchheim, um das gerühmte Objekt anzusehen. Der ' Zustand von Verwahrlosung und Verschmutzung, den man vorsand, , spottet jeder Beschreibung: Spinnweben, Mäusenester im Schrein \\üv die Thorarollen und in allen Winkeln, Staub, wohin man griff, eine stickige, sicherlich nicht mit den Wohlgerüchen Arabiens er- :füllte Lust, kurz alle die Dinge, die so manches Altertum so reichlich mmhüllen und eben durch ihr Vorhandensein so oft der einzige untrügliche Beweis für die Echtheit desselben sind, — all das war in höchstem Maße vorhanden. Eine kurze Umschau genügte, um die Besucher von der einzigartigen Köstlichkeit dieses Jnnenraumes zu überzeugen und den Entschluß zu fassen, mit allen Mitteln dieses ^Denkmal vor dem Untergang — und für das Würzburger Museum u retten. Da die Stadt Würzburg ohnehin für den Um- und Ausau des Museums große geldliche Opfer bringen mußte, konnten ihr nicht noch weitere Aufwendungen zugemutet werden, und mußte 'man daran denken, Spenden aus Privatkreisen zusammenzubringen. Man hatte Glück! Durch Vermittlung des damaligen Vorstandes der hiesigen jüdischen Kultnsgemeinde, des Herrn Justizrats Dr. O. Ster n, wurde ein hochherziger Schenker gefunden in der Person des Handelsrichters und Kommerzienrats Hermann Reiß, der den beträchtlichen Betrag von 5000 Mark zur Verfügung -stellte, wofür dann der ganze Raum mit seinem beweglichen und unbeweglichen Inhalte gekauft, ausgebaut, nach Würzburg geschafft und hier im Museum eingebaut werden konnte, r Der Synagogenraum wird von einer segmentbogigen hölzernen Tonne ans gehobelten Brettern mit einfachen Längsleisten überspannt und durch eine etwa zwei Meter hohe, im oberen Teil mit Zn Bayern besteht nur noch eine ähnliche Synagoge — die glücklichcr-- rveise noch benützt Wird — in Bechhofen bei Uffenheim (Mittelfrcmken) und eine kleinere, ober viel schlichter aus.gestaLte.te, in der Nähe von Uttenreuth bei Erlangen; eine mit fast gleich reicher -malerischer Ausstattung wie jene von Kirchheim versehene Synagoge bei Lichtensels in Oberfranken hat nur noch ihre gemalte, gewölbte Holzdecke; die Wandmalereien sind bis auf kleine Reste, die aber kunstgeschichtlich hochinteressant sind, verschwunden; der Raum ist teilweise durch Einbauten verunstaltet und dient heute als Strohmagazin! Während des Weltkrieges befanden sich bei der Ostarmee zahlreiche Banfachleute und Kunstgelehrte, die nach guter deutscher Sitte an keinem, noch so bescheidenen Kulturdenkmal vorübergingen, ohne dasselbe für die deutsche Wissenschaft als wertvolles Material anzusehen und wenigstens im Bilde aufzunehmen, wenn es die Zeit nicht erlaubte, dasselbe z-eichnerisch aufzunehmen und wissenschaftlich zu. bearbeiten. Da wurden hochinteressante Vergleichsmöglichkeiten aufgedeckt. Im östlichen Russisch-Polen befinden sich zahlreiche, nur aus Holz gebaute jüdische Gotteshäuser verschiedenen Umfanges, deren Entstehungszeit mit jener der Kirchheimer Synagoge ziemlich gleich läuft und deren innerer Schmuck in seinen Stilformen merkwürdige V-erwandtfchaft «nt unserer Synagoge aufweist. Die Meister, welche diese Gotteshäuser «nt Malereien schmückten, müssen von Ort zu Ort gewandert sein und scheinen vielfach einer bestimmten Schule, wenn man so sagen darf, anzugehören. Holzgittern versehene, mit Wasserfarben bemalte Bretterwand in zwei Abteilungen für Männer und Frauen geschieden; erstere ist 5,13 Meter, letztere 1,43 Meter breit. Die Raumtiefe, von der Eingangstür gemessen, beträgt 5,40 Meter; der ganze Raum hat also bloß die Abmessungen eines größeren Wohnzimmers. Die Tonne beginnt knapp in Mannshöhe über dem Fußboden, während der Gewölbescheitel etwa 3,60 Meter über dem letzteren liegt. Wände und Decke sind aufs reichste mit Blnmenwerk bemalt; die Wände sind in zahlreiche, ungleich große Felder geteilt, die durch breite Ornamentfriese voneinander geschieden sind. In den meisten Feldern befinden sich hebräische Texte, die bei dem außerordentlich dekorativen Charakter der hebräischen ^christzeichen den Raumschlnuck sehr reich erscheinen lassen. An der Eingangswand befindet sich das Bild einer vieltürmigen Stadt, nach der benachbarten Inschrift zu schließen, Jerusalem, die hochgebaute, ganz in dem naiven Stil alter Kupferstiche, lieber dem Eingang, nahe dem Gewölbe» scheitel, ist in einer medaillonartigen gemalten Umrahmung eine Inschrift angebracht, welche in hebräischer Sprache als Chronogramm das Jahr der Entstehung und den Meister der Malerei benennt: „Handarbeit des Meistersin der Malkunst, zur Ehre Gottes und der Welt, von mir, Lazarus Sußmann, Sohn des Rabbi Salomon Kantor aus Brod." Das Jahr ist mit 1700 festgestellt nach den seinerzeitigen Mitteilungen des verstorbenen Distriktrabbiners Nathan B a m b e r g e r. Die Stilformen sind jene des schwülstig derben Barocks, wie es am Ausgang des 17.» Jahrhunderts in den ländlichen Bezirken Nordbayerns oft anzutreffen ist. Dem Eingang gegenüber steht die Lade mit den Gesetzesrollen, ein derber Barockschrank mit freistehenden Säulen vor den abgeschrägten Ecken, in kräftigen Farbtönen gemalt, rechts und links einfache Holzschranken mit eisernen Lichterrechen darauf. Der Unterteil der Lade zeigt noch an der rechten Seite die großen Brandmale, die ihr vor langer Zeit eine herabfallende Kerze zugefügt hat. An den Wänden um den Raum herum lausen Sitzbänke, in Stallen geteilt, an der Eingangswand steht ein doppelsttziger, bei der Zeremonie der Beschnecduug gebrauchter Armstuhl. In der Mitte des Raumes steht, was in alteren Synagogen selten, in neueren aber fast stets vermißt wird, eine Lesetribüne in einfachster und trotzdem reizvoller Form, ein Almemor, ebenfalls farbig behandelt. Das Inventar ergänzen noch zahlreiche schmale Kultschränkchen, die je nach Bedarf ausgestellt oder auch aus dem Raum entfernt werden konnten. Drei gute alte Mesfingkronleuchter aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts hängen von der Decke herab. Sie sind, da hierfür eine Schenkung erfolgte, mit elektrischen Kerzen montiert worden, um Besuchern jederzeit den beleuchteten Raum vorführen zu können; natürlich kann das kalte elektrische Licht nicht entfernt an den warmen rötlichen Schein brennender Wachskerzen heran; solche haben der Erbauer und der Einrichter des Museums in den ersten Zeiten nach Wiederausstellung der Synagoge wiederholt, sich und anderen Besuchern -der tunst- und kulturgeschichtlich hochinteressanten Anlage zur Freude," angezündet; die Dämmerstimmung, in die der Raum in solchen Augenblicken versank, wird jedem, der ihn so zu sehen bekam, unvergeßlich bleiben. Die Herausnahme des Raumes aus seiner früheren Behausunggestaltete sich im allgemeinen sehr einfach; alle Holzteile, wie Deckengewölbe, Türen, Fensterstöcke mit ihren kleinen Schiebefensterchen, Mobilar usw., waren rasch abgenommen. Schwieriger und nur mit entsprechender Vorsicht konnten die bemalten Wandflächen vom Mauerwerk abgelöst werden. Zum Glück bestand der Wandputz aus einem nach guter Altvätermanier aus Kalkbrei mit Zusatz von Kuhhaaren angemachten Mörtel, der sich eine gewisse Biegsamkeit bewahrt hatte und sich verhältnismäßig leicht von dem Mauerwerk abschälen ließ (letzteres war nämlich aus ungebrannten, also nur lufttrockenen, handgestrichenen Lehmsteinen Zwischen Holzfachwerk hergestellt; mit solchem Mauerwerk verbindet sich Kalkputz nicht so fest und dauerhaft wie mit gebrannten Backsteinen). Natürlich war vor der Abnahme aller farbigen Teile vorsichtig der Staub und Schmutz vieler Jahrzehnte abgewischt und die ganze Fläche mit Zaponlack fixiert worden, um ein Verwischen der Malereien, die nur mit Wasserfarben hergestellt waren, zu verhindern. Die einzelnen Tafeln, in die man die ganzen Wände geschnitten hatte, wurden nach ihrer Abnahme an Ort und Stelle aus der Rückseite sofort mit dünnem Drahtgewebe kachiert und mit Gips hintergossen, so daß sie die zum Abtransport nötige Festigkeit erhielten und an ihrer zukünftigen Verwendungsstelle mühelos wieder eingebaut werden konnten. Die Fugen Zwischen den einzelnen Tafeln wurden dann vorsichtig geschlossen und die kleinen Farbschäden nachgebessert. Was die Zeit an diesem Denkmale beschädigt oder gar zerstört hatte, ist nicht wieder ergänzt worden, wenn dies auch stilistisch keine Schwierigkeiten geboten hätte; es war auch nicht nötig, denn der Rest ist so ansehnlich, daß die Schäden den Beschauer, der über dem wundervollen Ganzen gar nicht dazu kommt, über Einzelheiten nachzusinnen, kaum etwas vermissen lassen. Das fränkische Luitpold-Museum in Würzburg ist stolz auf seine Synagoge, die neben vielen anderen einzigartigen Schätzen einen seiner Hauptanziehungspunkte bildet; es ist ja auch vorläufig — und wird es vermutlich noch lange Zeit bleiben — wie Justus Brinkmann (f), der große hamburgische Kenner und Sammler, vor Eröffnung des Museums zum Verfasser sagte, „das einzige Museum im ganzen lieben deutschen Vaterland, das einen solchen kostbaren Schatz enthalt".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.