Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 26 (26.6.1924)
- Date
- 1924-06-26
- Page
- Seite 391 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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391 Zascismus in Italien — Hakenkreuzbewegung in Deutjchlanö. Unser Schr.-Mitarbeiter hatte mit dem Berliner Vertreter italieirischer Blätter, Msg. Carncvali, eine Unterredung über das Thema: „Hat der F a s e i s m u s in Italien irgend etwas mit der ü e u t s ch v ö l k i s ch e n Bewegung gemein?" Nachstehend Carnevalis sachkundige Antwort: Die C ch r i f t I c i t u n g. „Ich vermag nicht zu erkennen, daß zwischen der deutschvölkischen Bewegung in Deutschland und der fascistischen in Italien irgendwelche engeren Beziehungen bestehen. Man muß berücksichtigen, daß die Zwei verschiedenen Strömungen einer in den beiden Ländern durchaus verschiedenen Politischen, sozialen und wirtschaftlichen Lage entsprechen. In der 'Auffassung, daß zwischen beiden Bewegungen kein grundsätzlicher Zusammenhang besteht, haben mich verschiedene Besprechungen mit völkischen Führern, n. a. mit Hitler, bestärkt. So hatte mir Hitler schließlich offen erklärt, die nationalsozialistische Partei in Deutschland hege zlvar viele Sympathien für Mussolini, aber seine Partei verfolge ein dem mussolinischen Programme durchaus verschiedenes Ziel, und beide Gruppen, die deutsche sowohl wie die italienische, schlügen daher durchaus verschiedene Wege ein, um zu diesen Zielen zu gelangen. Im gleichen Sinne äußerte sich in einer mit mir gehabten Unterredung der ehemalige Leiter des „Völkischen Beobachter"/Herr Alfred Rosenberg. Dieser wollte sich scheinbar noch klarer ausdrücken, denn er behauptete selbst, daß nicht einmal eine voraufgegangene Fühlung, geschweige ein Vorabkommen, zwischen Fascisten und Dentschvökkischen stattgefunden habe. Mir scheint, daß die Vermutungen, beide Bewegungen sympathisierten miteinander, sich auf die S t u d i e n r e i s e nach Deutschland Zurückführen lassen, die Mussolini vor seinem Aufstiege zum Ministerpräsidenten Italiens unternommen hatte. Er unterhielt sich bei dieser Gelegenheit in München auch mit den Führern der nationalsozialistischen Bewegung, eine übrigens bekannte Tatsache. Ebenso gewiß ist es aber auch, daß Mussolinis Annäherung an diese völkischen Herren nur informatorischen Zwecken diente und daß bei dieser Gelegenheit keinerlei Programm für eine Zusammenarbeit ausgestellt worden ist. Man kann noch weiter gehen und behaupten, daß Mussolini damals der deutschen nationalsozialistischen Bewegung überhaupt noch keine allzu große Bedeutung zugeschrieben zu haben scheint, und zwar vor allem wegen des Fehlens geeigneter Politiker. Es genügt auch, um den Unterschied Zwischen italienischen und deutschen Fascisten erkennen zu können, daß man sich das P r o - gram m der grundlegenden Forderungen der D e u t s ch v ö l k is ch e n F r e i h e i t s p a r t ei vornimmt. Es fällt dann sofort auf, daß der politische Gedankengang von Männern wie Hitler, Lndendorff, v. Grase und Wnlle durchaus avweicht von dem eines Mussolini.' Zu den Kardinalpunkten des Programms der Deutschvölkischen gehört der Antisemitismus und die Fernhaltung des internationalen Kapitals vom deutschen Wirtschaftswesen. Mussolini aber steht, nach seinen eigenen Erklärungen, auf dem entgegengesetzten Standpunkte. Er rechnet mit jedem Machtsaktor. Kaum hatte er den Sitz des Ministerpräsidenten eingenommen, so versuchte er, sich mit dem Vatikan aus guten Fuß zu stellen. Gleichzeitig ging seine Politik darauf hinaus, der italienischen Produktion fremde Kapitalien zuzu- : führen. Auch hat es in Italien einen äußerst schlechten Eindruck ge-! wacht, daß sich die völkische Bewegung, deren Hauptsitz sich doch in seinem erzkatholischen Lande wie Bayern befindet, antiklerikal ge- ■ sinnt zeigt. Eine jüdis che Frage gibt es für Mussolini n i ch t. Für Mussolini bedeutet es daher eine durchaus falsche Taktik von einem Lande wie Deutschland, das so dringend des wirtschaftlichen Aufbaues bedarf, daß nicht alle Kräfte, ob Juden oder Christen, eingesetzt werden, die die wirtschaftliche Krise nicht nur Deutschlands, sondern auch die der ganzen übrigen Welt beseitigen wollen. Groß-Berliner Mitglieder! Beachtet unser Rundschreiben! Zahlt umgehend die rückständigen Beiträge! Ruht die Formulare zur Mitgliederwerbung! M.r ist auch im Verhalten 'der Deutschvökkischen Partei folgendes ausgefallen. Während sie in der Rhein-, Pfalz- und Saarsrage, und zwar mit Recht, wie aus dem Häuschen sind, bin ich in den Unterhaltungen mit ihnen nie auf ein Interesse ihrerseits für das d e u.t s ch e Tirol gestoßen. Daß in ihren Kreisen eine gewisse Erbitterung über die Bozen- und Meranfrage vorhanden ist, steht wohl fest. Wenn ich aber gewisse völkische Publizisten fragte, was sie von der italienischen Politik im allgemeinen hielten, so antworteten sie stets a u s w e i ch e n d , sie hätten, für den Augenblick wenigstens, keinerlei Interesse daran, Mussolini Schwierigkeiten zu bereiten. Ist das völkische „Realpolitik"? Wenn zwei dasselbe tun, ist es nicht dasselbe!" Sollen jüdische Kurgäste kapern mmöen? Eine A n t w o r t auf viele Fragen und A n r e g u n g e n. Unter .der Ueberschrift: ,.Meidet Bayern" bringt die „Berliner Volks - Zeitun g" vom 24. Juni d. I. (Morgenausgabe) folgende Notiz: Von zuverlässiger Seite wird uns aus Bayern geschrieben: „Ich verbringe auf Grund verwandtschaftlicher Beziehungen viele Wochen des Jahres in Bayern. Ich habe dadurch feit Jahren die steigende Animosität der Bewohner vieler Erholungsplätze gegen die Norddeutschen, alias Berliner, besonders aber gegen die jüdischen Gäste beobachtet. Man nimmt wohl deren Geld, läßt aber bei jeder Gelegenheit dem Haß die Zügel schießen. Leider haben diese Besucher seit -Jahren zu wenig Charakter und Ehrgefühl, die Konsequenzen zu ziehen und Bayern zu meiden. Ich war mehrfach Zeuge, wie man beispielsweise am Tegernsee in der gemeinsten Weise gegen die Juden losgezogen ist und alles täglich mit Hakenkreuzen bemalte. In der „Landshuter Zeitung" Nr. 119 a vom Donnerstag, dem 1. Mal, wird berichtet, daß der Ausschuß der Markgemeinde Oberndorf mit den Stimmen der Christlichsozialen und „Großdeutschen" gegen die der Sozialdemokraten den Besch l u ß gefaßt hat, bekannt zu geben, daß Zuzug jüdischer S o m m e r f r i s ch l e r nicht erwünscht i st. Die judenfeindliche Stimmung in Bayern hat in den letzten Wochen nach dem Hitler-Prozeß in erheblicher Weise zugenommen. Es besteht tatsächlich nicht allein die Gefahr, daß bei diesen Verhältnissen eine Kur in ihrer Wirksamkeit beeinträchtigt, sondern Gesundheit und Leben der jüdischen Besucher tatsächlich gefährdet sind." — Soweit die Zuschrift. Auch republikanisch gesinnte, nichtjüdische Bürger laufen Gefahr, in Bayern insultiert zu werden. Wandel kann hier erst kommen, wenn die Parole „Meidet Bayern'" einige Sommer recht gründlich befolgt werden wird. In dieser Vera l l g e in e i n e r u n g möchten wir uns dem Rufe nach Meldung von ganz Bayern nicht a n s ch l i e ß e n. Zunächst gibt cs Orte, die sich um jüdische Gäste bemühen und die nach jeder Richtung hin bestrebt sind, ihnen den Aufenthalt a n g e n e h m zu gestalten. Dort werden alle Maßnahmen getroffen, um Belästigungen zu verhindern: dort wurde auch während der Wahlzeit nach Tunlichkeit die völkische Agitation eingeschränkt. So hat in einem bekannten altbayerischen Ort Hitler n i e m a l s sprechen dürfen. Ferner ist zu bedenken, daß in den bayerischen Badeorten zum Teil j ü d i s che Gasthäuser, Unterkuustsstätten aller Art, j ü d i s ch e A e r z t e und K a U f l e u t e auf den Besuch von Kurgästen angewiesen sind und durch ihr Fort b leiben stark geschädigt w e r d e n w ü r d e n . Biele unserer in Bayern lebenden Freunde sind auch aus finanziellen Gründen genötigt, bayerische Sommerfrischen zu benutzen, weil sie gar nicht in der Lage sind, größere Reisekosten aufzuwenden. Folgende Verhaltungsmaßregeln scheinen uns daher gelten zu sollen: 1. Der E h i e m g a u und Berchtesgaden sind ü b e r - wiegend völkisch. Jüdische Reisende werden zweckmäßig diese Gegenden meiden müssen. 2. In alten anderen Füllen wende man sich an die betreffende O r t s v e r w a l t u n g mit der Anfrage, ob ihr jüdische Kurgäste angenehm sind und ob sie Gewähr für einen ungestörten Aufenthalt ü b e r n i m m t. 3. Wo jüdische Quartiergeber (rituelle Restaurants, Häuser mit jüdischen Besitzern usw.) in Frage kommen, wird von dieser Seite alles veranlaßt - werden, um eine einwandfreie Erholung z u g e w ä h r l e i st e n. 4. Auch in Orten, in denen an sich eine Belästigung durch das Verhalten der Ortsverwaltung ausgeschlossen erscheint, miete man nur, wenn man von dem Vermieter die Versicherung erlangt hat, daß ihm jüdische Kurgäste in seinem Hause durchaus willkommen sind. 5. Zu jeder Auskunft ist die Hauptstelle des C. V. in Berlin SW 68 und die Geschäftsstelle des Landesverbandes Bayern, München, bereits