Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 26 (26.6.1924)
- Date
- 1924-06-26
- Page
- Seite 390 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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wie die unsere gerade von ihm zu einer Vergeistigung des Wirklichen, zu einer Versittlichuug des Natürlichen aufgeruseu werden. „Es gibt nur eine einzige Art von Revolution, die von Damaskus", sagte er. Aber die Formel, die diesen Gedanken konkret faßte, war das Wort von der „Revolution der Verantwortung". Diese ethische Aufgabe hat er für sich sehr ernst genommen. Er hat sich sein Leben lang wie wenige gequält, seinem'Dasein Sinn und Form zu geben. Er hat sich strebend stets bemüht. Gerade die letzten Endes mangelnde Vitalität, das fehlende Vulgär-Eruptive, das für ihn kaum verständliche Rabiat-Urwüchsige gaben ihm Anlaß und Möglichkeit, das dominierende Prinzip, die formbildende Grundkraft seiner Persönlichkeit unablässig zu suchen und zu bedenken. Rathenau hat in der Gegenüberstellung von Seele und Geist die polare Spannung gesehen. Seele wird ihm Mittelpunkt alles wertigen Geschehens. Das mag sich etwas dürr anhören, und tatsächlich reicht das ja auch nicht für die letzten Entscheidungen. Auch Rathenau hat sich in seinem entscheidenden Handeln selbst ganz unbewußt auf tiefer liegende, traditionsmäßig überkommene Grundlagen gestützt. Aber für Rathenau wurde „Seele" wirklich etwas Lebendiges. Vielleicht gerade deshalb, weil es das Aeußerste war, wohin er vordrang. In Seele und Geist, Seele und Intellekt sah er aber nicht nur eine Gegensätzlichkeit, sondern auch die Wechselwirkung. Ist erst einmal das Wuchern der Dialektik in das Leben der Seele eingelenkt, so beginnt die natürliche Ordnung.^ Sind dann weiter die triebhaften Anlagen (der Zwecksüchtigkeit, der Lieblosigkeit, des wuchernden Fleisches) dem gleichen Primat unterworfen, so beginnt der Zustand des organischen Wachsens. So hat Rathenau, ausgehend vom Begriff der Seele, aus sich einen Menschen gemacht. Einsamkeit und Distanz waren ihm Mittel. Mit der Würde seiner Gestalt gab er Zeugnis für seine Ueberzeugung und sein Leben. Als sein Leben nach vielen Jahrzehnten des Sammelns und Suchens elend zerschellte, fand man ein glückliches Bild, als man sagte, es sei, als ob jemand eine kostbare Vase zerschlagen habe. Rathenaus Kampf gegen die Mechanisierung des Persönlichen nahm seinen Ausgang von seinem Begriff der Seele. Er hat diese Gegnerschaft auf alle Verhältnisse übertragen, denen er begegnete. Und als er das Bild des deutschen Staates schaute, so wie er war, mußte er finden, daß er erstarrt, mechanisiert, entseelt war. Rathenau sah, wie das Deutschland der Vorkriegszeit das organische Leben eines Staates mißhandelte. Er erkannte, daß das Land nicht mehr um seine eigene Seele wußte. Es gab keinen Ausdruck mehr für ein kräftiges Volksempsinden. Die anscheinend strotzende Kraft des Volkskörpers war eine Physische, materielle Stärke, erworben unter Verlust der geistigen Beweglichkeit und der seelischen Elastizität. Schon konnte von einer Sicherheit des Volksschrittes keine Rede mehr sein. Das Deutschland der Vorkriegszeit hak tatsächlich nicht geahnt, daß die gesicherte staatliche Existenz für den Staat nicht mehr ist als ein äußerlich ungestörtes Dasein für die Einzel- Persönlichkeit. Weder Führer noch Volk sahen über das rein Politische hinaus: Man verwechselte Inhalt mit Gestalt. Von einem völkischen Leben im vollen Sinne des Wortes war keine .Rede. Es konnte nicht in Frage kommen, wo durch emporkömmlinghafte außenpolitische Gefühle die Reinheit der Empfindung verwischt wurde, wo kein Bewußtsein, keine Sehnsucht, kein Wille völkischer (nicht: staatlicher) Art bestand. Wo wäre damals allgemein das Begreifen gewesen für die Einsicht, daß. diese Kunst vergangener Jahrhunderte nur in diesem Volke und dieser Landschaft wurzeln konnte? Die Historienmaler der Gründerzeit und der Naturalismus der neunziger Jahre waren für dieses Volk vielmehr der kongeniale Ausdruck. Und was dann unter dem Namen einer „Heimatkunst" blühte und liebevoll gepflegt wurde, offenbart gerade durch die nur scheinbare Berührung der Lebensgrundlage, wieweit man — Jedenfalls empsindungsmäßig — von Einsichten in die elementaren Gesetze des kulturellen Wachsens entfernt war. Man war wohl kaum noch in der Lage, den Rhythmus zu unterscheiden, der aus der einen Seite zur deutsch-romanischen Form und auf der anderen Seite zum französisch-gotischen Stil trieb. Das äußere wie innere Verhalten zur deutschen Malerei und Skulptur des Mittelalters war nackte Barbarei. Rust man sich diesen seelischen und geistigen Zustand des deutschen Volkes in der Zeit Zwischen der Reichsgründung und den Jahren des Weltkrieges in Erinnerung, so sieht man, wie unbefriedigt von diesen Zuständen ein Mann wie Rathenau sein mußte, der alles an dem Maße der Beseeltheit und dem Umfang der Geistigkeit zu messen gewohnt war. Darin liegt seine Bedeutung für unser Land, daß er an seinem Teil die ihm gewordene Erkenntnis verbreitete und an der Ueberwindung des Zustandes arbeitete. Die Ablehnung, mit der er instinktmäßig jeglichen Historismus immer begegnet ist, und seine berufliche Tätigkeit im praktischen Wirtschaftsleben ließen ihn an der Gefahr vorübergehen, romantischen Vorbildern zu folgen und mit der Wiederbelebung alter Formen des deutschen Mittelalters eine neue Beseelung zu versuchen. Seine ganz einzigartige Begabung, die Realität und Idealität zu verbinden, befähigte ihn, auch die ganz konkreten Formen aufzuzeigen, mit denen, selbst die verkalkten großen Nationen sich wiederzu lebendigen Organismen umgestatten konnten. Sein Gedanke der Selbstverwaltungskörper der Wirtschaft (der schon 1919 die christliche Gewerkschaft deutscher Eisenbahner zu ihrem Programm der Autonomie der Reichsbahn anregte) war durchaus den mittelalterlichen Formen der Berussstände nachgedacht. Aber es war eine Parallele, die den Organisationsformen des Wirtschaftslebens gerecht wurde, wie sie das 19. und das 20. Jahrhundert natürlich gebildet batte. So entstehen seine Programmhefte für eine „Neue Wirtschaft", einen „Neuen Staat", eine „Neue Gesellschaft". Aber was er auch an realen Verhältnissen zu ordnen unternahm — alles stand unter dem Gedanken, mit dem er das Buch von den kommenden Dingen einleitete: es handelt von wirtschaftlichen Dingen — aber um des Geistes willen. Als der Nationalversammlung in Weimar vorgeschlagen wurde, Rathenau zum Reichspräsidenten zu wählen, brach sie in „stürmische, lang andauernde Heiterkeit" aus. Drei Jahre später, 1922, wurde der gleiche Mann mit einem Staatsakt zu Grabe getragen, wie er so spontan, so ehrlich und so das ganze Volk ergreifend in der deutschen Geschichte nicht allzuoft dagewesen ist. Und doch haben damals nicht allzu viele, die sich bewegt fühlten, gewußt, was er eigentlich gewollt und was er erarbeitet hat. Die große politische Welle schlug zusammen über dem Menschen und dem Kopf und verbarg gerade das, was ihm das Wesentliche stets gewesen ist. Heute ist es an der Zeit, uns zu erinnern, daß er uns ein Stück des Glaubens gab an die Möglichkeit der Menschwerdung und der Volkwerdung. Männer. Betrachtung zumWochenabschni-t t. Israel steht -an der Schwelle des Heiligen Landes. Endlich soll sich erfüllen, was die Hoffnung von Generationen gewesen, was als göttliche Verheißung an die Stammväter von Mund zu Mund überliefert worden ist. Die Sklaven sollen in Wahrheit frei werden, die unstäten Wanderer eine Nuhestätte finden, die Zukunft des Volkes für die Darier gesichert werden. Die Befreiung war durch ein Wunder erfolgt. Endgültige Sicherung konnte aber nur erfolgen, wenn zum Wunder die eigene Kraft hinzutrat, wenn sich Männer fanden, die gerecht und furchtlos für das Wohl des ihnen anvertrauten Volkes ein traten. ' Aber der große Augenblick fand ein kleines Geschlecht. Man hatte zur Ergründung des Landes die Vesten ausgewühlt, die Fürsten der Stämme. Aber alle Wunder und Zeichen, die sie geschaut, hatten nicht das große Vertrauen in ihren Seelen geweckt, das Vertrauen in die eigene Kraft, in die S i e g h a f t i g k e i t der von ihnen vertretenen Idee. Als sie Schwierigkeiten wahrnehmen, starke, befestigte Städte, eine wehrhafte Bevölkerung des Landes, sind alle Wunder und alle Verheißungen vergessen. Das Land, das von Milch und Honig stießt, verliert für sie jeden Reiz. Sie setzen es herab und machen es schlecht. Die Rücksicht auf ihre Gegner, die Furcht vor den Feinden wird zum Gesetz ihres Handelns. Aus den Männern wurden feige, winselnde Memmen. Ist das''nicht ein Vorgang, der auch uns zum Nachdenken Veranlassung bieten sollte? Haben nicht auch wir seit zwei Jahrtausenden das Wunder erlebt, das große Wunder, daß Israel lebt, daß ein schwaches Lamm sich gegen eine Meute reißender Wölfe behaupten konnte? Blieb nicht Wahrheit das Wort: Israel findet bei seinem Gotte ewige dauernde Hilfe? Ist nicht auch uns die'Aufgabe gewiesen, uns endlich die Zukunft zu sichern? Wenn wir von dem Bewußtsein durchdrungen sind, daß unser Judentum uns die Pflichten der Menschenliebe und Staatstreue, die ein jedes Land von feinen Bewohnern fordert, in der vorbild-- lichften Weise einschürst, so müssen wir gleiches Recht für dieses Judentum gerade im Interesse des Landes von den Vertretern des Landes fordern. Wenn es den anderen Bekenntnissen durch Förderung und Einrichtung des Religionsunterrichtes, durch Beiträge zu den Kosten des ganzen Religionswesens hilft, so muß es auch uns helfen. Diese Forderung muß immer wieder erhoben werden, so oft sie auch abgewiesen ist. Das ist unser Recht. Dafür haben wir nichts zu konzedieren. Frei und offen stehen unsere Lehrhallen und Gotteshäuser für jedermann. Ein jeder mag hören, was dort gelehrt und gepredigt und gebetet wird. Wir haben nichts zu verheimlichen und zu verbergen. Ohne Anmaßung dürfen wir sagen: Wir haben keinen Vergleich zu scheuen. * Seien wir Männer, dann allein 'wird es uns gelingen, unsere Zukunft zu sichern. Jfch Tikwoh, j