Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 26 (26.6.1924)
- Date
- 1924-06-26
- Page
- Seite 389 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2277379-2277464-2277489--01266-2280498- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Einzelnummer 10 Sol-pfennig Serlin, LH. Juni 1-24 III. Jahrgang - Nr. LH VMter ffimnlftblum unvJnoentunr Organ des tentrÄ-Vereürs üeutsclrer ötaatsvüryer jüöricden vlauvens?» des Oudenrums Verlag u. Schriftleitung: Eentral-Verein -eutfcher Staatsbürger jüdischen Glaubens e.v. Serlin SWH8, Linöenste.l3 Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594, 3595 .\ Telegrammadresse: „Centralglauben Berlin" Postscheckkonto: Berlin 30472 Bankkonto: Dresdner Bank, Wechselstube G, Berlin SW 68, Lindenstr. 7 Manatsabonn ement (ein vr er i e l) ä h r liches glbf es vorläufig nicht) 40 Goldpfennlg Alleinige Anzeigenannahme-. Annoncen-C^Pedition Rudolf Mosse, Berlin SW 19, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,75 Goldmark für die 7 gespaltene Zeile nach Rudolf Mosses Normalzeilenmesser 9ir. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Central-Vereins 0,40 Goldmark die 90 mm breite Reklamezeile 4 Goldmark. Rathenaus Seele. Eine psychologische Studie von Dr. Alfred Ludwig Schmitz. Von Blaise Pascal wissen wir, daß er sich zu seinen Leb- Zeiten mit Erfolg dagegen gewehrt hat, gezeichnet oder gemalt zu werden. Durch seine Schwester Jacqueline, die Nonne von Port Noyal, herausgerissen aus einem Leben der Verweltlichung und der Verflüchtigung, war er nicht nur der intellektuelle Führer derjenigen geworden, die im Schatten dieses Klosters der Benediktinerinnen sich gesammelt hatten. Er wurde auch im geistlichen Sinne ein Haupt, weil die Reinheit seines Strebens keinerlei Kompromisse mehr zuließ. So fand denn er, der Asket, in seiner Demut, daß seine vor Gott unwürdige menschliche Existenz nicht wert sei, im Bilde sestgehalten zu werden. Diese Haltung hat Pascals Freunde sicher nur noch bestärkt in ihrem Verlangen, seine Züge zu bewahren. Und als er sich nicht mehr wehren konnte (weil der Geist den Körper verließ), hat er sich gefallen lassen müssen, daß man seine Totenmaske nahm. An ihrer Hand hat dann ein Künstler, der ihn auch im Leben kannte, sein Gesicht von neuem belebt und — wie uns die Zeitgenossen versichern — so wirklich ein Abbild dessen gegeben, was Pascal in der stetigen leib-seelischen Wechselwirkung aus sich gemacht hatte. Diese Anekdote erhellt den Sinn alles biographischen Tuns. Die literarische Umschreibung eines Lebens und die porträthafte Fixierung entspringen der gleichen Wurzel: sie möchten Klang und Gesicht der wenigen Menschen erhalten, deren Gedächtnis uns aufgegeben ist. Denn das, was diese verkörpern oder wachrufen können, ist Erfüllung oder Sehnsucht nach eigener Vollendung. Jedes fremde Leben, dem Verwirklichung gelang, wird Gericht und Urteil, aber auch Ansporn und Hvssi nung. Das ist-der Sinn der Darstellung eines Lebens. Wenn man nur diese transzendente Basis als ein genügendes Fundament für eine biographische Arbeit gelten läßt, wird man bei einer Würdigung Rathenaus gerade jene Seiten bewußt auszuschließen haben, die für ihn in der Presse dieser Tage etwas sehr laut und wohl auch etwas sehr heftig geltend gemacht werden. Walther Rathenau hat es nicht nötig, als Märtyrer der republikanischen Versassungssorm oder bestimmter außenpolitischer Anschauungen gefeiert zu werden. Das mag wichtig sein in einer Zeit, in der die Vorstellungen, die der Anlaß zu seinem Tode wurden, für das staatliche Leben noch nicht gesichert sind. Aber das Ganze seiner Existenz wird doch durch die Tatsache dieses Märtyrertums nicht umfaßt. Wäre es anders, so liefe Rathenau Gefahr, bald der Vergessenheit anheimzufallen. Entweder wird Deutschland zu den für überwunden gehaltenen vorkriegsmäßigen Verfassungen und Auffassungen zurückkehren — dann wird die wankelmütige Masse seinen Namen verfluchen. Oder Rathenaus republikanische Vorstellungen und seine politischen Ideen werden selbstverständlicher Besitz der Nation, dann wird sein Tod bald als ebenso selbstverständliches und notwendiges Opfer dieser Entwicklung betrachtet werden. Wer hat noch eine Vorstellung von jenen Männern, die 1848 ihr Blut Hingaben? Nur noch die Tatsache ihres Todes ist uns bekannt. Nicolaus von der Flüe hat im 15. Jahrhundert durch einen weisen Ratschlag die wider einander rüstenden Kantone. vor einem furchtbaren Bürgerkriege bewahrt. Deshalb feiert ihn alle 50 oder 100 Jahre das politische Parlament seines Landes. Aber nicht darum lebt er in der Vorstellung des katholischen Schweizervolkes, sondern weil ihn die Kirche zur Ehre der Altäre erhob und sein heiliges Leben den Gläubigen zur'Nacheiferung vorstellte. So sagen wir denn von neuem: Rathenau hat es nicht notwendig, als Märtyrer einer (obendrein noch vergänglichen und relativen) Staatsform gefeiert zu werden. Dies deutlich zum Allsdruck zu bringen, scheint mir heute bereits von Wichtigkeit. So gilt es auch hier — will man Rathenau ehren und sein Leben für uns .fruchtbar machen — das Zeitliche, Politische, Sekundäre zurückzustellen rrnd das Ueberzeitliche, Wesentliche, Ewige zu betonen. Inwieweit solches alles in Rathenau überhaupt wirksam war, kann man vielleicht am günstigsten sichtbar machen, wenn man zeigt, wie er-die gleichen Kräfte, die ihn als Menschen gebildet haben, als die formbildeuden Vorallssetzungen auch für das deutsche staatliche Leben ansah. Aber man darf, will man die Eigenart der Persönlichkeit und damit gerade ihre Wirksamkeit nicht verwischen, Begrenztheiten nicht künstlich ausweiten und Negatives in positive Wertsetzungen urndichten. In dem 1922 erschienenen Rathenau-Hest der „Deutschen Arbeit", der Revue der christlich-nationalen Arbeiterschaft, hat der Universitätsprosessor Ermann aus Münster als die Wurzel von Rathenaus Wesen eine „Religiösität von altteftamentlich -prophetischer Ausprägung" bezeichnet. Jeder, der seine religions-philosophischen Gedanken kennt — das am wenigsten Befriedigende, was er niedergeschrieben hat — begreift dieses Mißverständnis nicht. Die elementare Wucht einer wirklich ursprünglichen Religiosität — ohne die ein Prophet des alten Bundes nicht gedacht werden kann — war ihm nicht gegeben. - Gerade weil er so war, wie er war, hat seine Erscheinung die große Wirkung ausgeübt. Mochte er auch, philosophischkonstruktiv gesehen, die Forderung sittlichen Lebens aus religiöse Maxime zurückführen, so ist diese Verbindung bei ihm doch nie recht als ein Lebendiges empfunden worden. Alle seine Postulate gehören deshalb in die ethische und nicht in die moralische Kategorie, und gerade deshalb konnte eine Zeit