Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 25 (19.6.1924)
- Date
- 1924-06-19
- Page
- Seite 379 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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379 „Politischen" oder „wissenschaftlichen" Salons sind im Aussterben. In Paris empfangen heute noch die Freundinnen bedeutender Männer die Welt. Und Zwar die Welt, in der man sich nicht langweilt. Aber die Glorie der Favoritinnen, die vor der großen Revolution manch liebliches Haupt umstrahlte und manchen Salon einer freien Frau unter den Blicken von ganz Europa seine Triumphe feiern ließ, ist ebenfalls verblaßt. Technik und Sport, sowie ein angehender Amerikanismus der Lebensformen verlegen die Wirkung der Frau heutzutage großenteils aus dem Hause. Tennisplatz und Autobahn haben Salon und Boudoir verdrängt. Der „Five o clock" in den Hotelpalästen und Tanzdielen hat dem selbstbereiteten, selbstkredenzten Tee im eigenen Heim den Garaus gemacht. Die G e s e l l i g k e i t i st u n p e r s ö n - l i ch gelnorden. Das heißt, sie begeht Selbstmord. Das Zeitalter der Zweckmäßigkeit hat manche Schönheit gemeuchelt, um sich selbst Ellenbogenfreiheit zu schaffen. Auch die kokette Gefälligkeit einer Gastfreundschaft, die zu Tee und Butterbroten die spitzesten Bonmots der spöttischsten Geister servierte, im blauen Zigarettenduft zärtliche Träumereien entfleuchen ließ, und bei einer Scheibe Schinken die verworrensten Fragen des Staatsgeschicks, der schönen Künste oder auch der Physik und Metaphysik zu lösen trachtete, hat den schlichten Abschied erhalten. Die Gegenwart hat die liebenswürdigste und edelste Ueberlieserung, die künstlerische Pflege durchgeistigter Geselligkeit, ernüchtert und vielfach sogar verzerrt. Es wurden manche Wiederbelebungsversuche angestellt, die geeignet waren, parodistisch zu wirken. Aber aus den verfehlten Versuchen noch lugte die verschämte Sehnsucht hervor, jener Wahrheit, die da besagt, daß „der Mensch des Menschen höchstes Bedürfnis sei", wieder einmal in den freien und freudigen Formen einer hochkultivierten Geselligkeit Ausdruck zu leihen. Wir rühmen uns unserer K u l t u r. Aber unsere Geselligkeit hat vergessen, mit ihr Schritt zu halten. Sie ist in Barbarismen zurückgefallen, die von allen Einsichtigen erkannt und gemißbilligt werden. Vielleicht harrt der modernen Frau eine neue Aufgabe — der wo derne Salon. Und vielleicht denken die klügsten, fernsten und gütigsten unter den modernen Frauen einmal darüber nach, ob die dringend gewordene Reform des gefellfchafWchen Verkehrs nicht ausschließlich unter ihr Szepter falle. Denn ihrer allein ist das Reich und die Herrlichkeit .... -des Hauses wie des Salons. Mi-t Recht hat Georg Brandes die jüdischen Zirkel, die zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts dem'ge i st igen -Berlin Signatur und Struktur schenkten, bezeichnet als „den ersten Durchbruch des Weltbür-Mgeistes im altpreußischen Berlin". . „ . Eben 'etzt trennt uns — das deutsche Volk — wieder ein Jahrzehnt riegerischer, revolutionärer und staatlicher Wirren von „den Menschen, die hinter den Bergen wohnen". Eben jetzt tut darum eine Wiedergeburt jenes von dem dänischen Kosmopoliten, der allzeit die Welt im Winkel zu erforschen wußte, vielgerühmtenWeltb ü r,g e r g e i st e s bitter not. lind vielleicht gibt es O-wade u n t e r unseren Glaubensgenossinnen wiederumFrauen von Gei st, NLut,^ Vorur teil sliof igkei t, He-vzen sb ildüng und jener diskreten Klugheit des Kopses, die politische und wirtschaftliche Gegensätze «mit unfehlbarem Takt au szu gleichen weiß. Statt der „Genialitätsepoche", in die die jüdischen Enzyklopädistinnen Rahel Levin, Henriette Herz, Dorothea Beith hin-eingeboren worden, haben wir -es mit einer Ze r ris s e nhe i t s e p -oche zu tun, einer Epoche der Dissonanzen und Diskrepanzen, die mehr denn je weiblicher. Ausgleichsarbeit btzdarf, sollen die Wunden der Zeit und «des zerklüfteten deutschen Wesens überhaupt heilsähig werden. Zu dieser Arbeit aber gehört ein tapferer Wille zur Gegenwart (und scheine sie auch noch so widrig im Augenblick) und ein nicht minder unerschütterlicher Wille zur Zukunft (möge sie auch von noch so dunkeln Schleiern verhangen sein). Ein Wille und Glaube, so etwa im Sinne der Raheh die (ohne religiöse Dogmatik) sprechen durfte: „Wer nicht in der Welt wie in einem Tempel umhergeht, der wird in ihr keinen finden." Und neben dieser starken Bejahung des v Da - Seins muß in unserer heutigen vergifteten Atmosphäre, wo Gummiknüppel und Hakenkreuz unbeeinträchtigt ihr verbrecherisches Wesen treiben dürfen, Selbstbewußtsein und Stolz zur rechten Stunde das rechte Wort finden. N i ch t a u f d r ä n g e n und nicht e-indrängen sollen sich die besten und klügsten unserer Frauen, auch nicht „sich dulden" lassen. Vielmehr sollen sie sich auch hier ein Beispiel nehmen, an der Frau, die sie selbst als eine Zierde ihres Geschlechts- und ihres Stammes anerkennen: an eben jener Rahel., die einstmals einer hochgeborenen Gräfin, die ihr in etwas anmaßendem Be sch Man geschrieben hatte, sie möge sich zu einer bestimmten Stunde bei ihr einfinden, unverzüglich einen' Abschiedsbrief sandte mit der feinsinnigen Motivierung.: „Sie muß höflicher mit mir sein als mit einer Gräfin, weil — ich keine bin." ... ' . -Mit solchen Eigenschaften begabt., mögen jene unter uns, die die Fähigkeit der Einfühlunb in fremde Seelensphären besitzen und die die Formen zwangloser Geselligkeit hinlänglich beherrschen, ihre Bürgerhäuser zu Sammelbecken aller heterogenen Elemente der Volksgemeinschaft machen! Gibt es einen schöneren Beruf und eine -edlere Berufung als — „Menschensammlerin" zu heißen? Und fürwahr: niemals noch wies die „Forderung der Stunde" gebieterischer aus den Adelstitel des „Mittlers" im G o e t h e s ch e n Sinn! Darum auf den Plan, deutsche Jüdinnen, öffnet eure Häuser, Herzen und Hirne weit, verjagt den Obskurantismus, der innerhalb einer von außen bedrängten und bedrohten, nach -innen verhetzten und in ihrem psychischen Gleichgewicht erschütterten Nation gespenstisch unch er spukt! Cs bedarf keiner materiellen' Aufwendungen, nm ideal zu wirken! Bringt den „Aesthetischeu Tee" eurer Großmütter und Urgroßmütter wieder zu -Ehren, und ihr werdet sahen, selbst >das Zeitalter des Sports, der Tanzepidemien -und — der Börsenspekulation wird leuch euer Tun dankbar lohnen. Werft eure Netze aus, Me n s che n s is che r i nn e n, und — reiche Beute! Betrachtung zum Wochenabschnitt.; „Das Gesindel in ihrer Mitte hatte ein Gelüste. Da mußten wiederum die Kinder Israel weinen." Alle großen Umwälzungen in der Geschichte der Menschheit sind in ihrem Ursprünge von hohen Idealen getragen. Die hitzigen Vorkämpfer einer Idee wollen den langsamen Laus der natürlichen Entwicklung nicht labwarten und suchen die Verwirklichung ihrer Ziele durch tatkräftiges Eingreifen zu beschleunigen. Alber im Gefolge auch &er idealsten Bewegung finden -sich gar bald die Hhäuen des SchlachtsÄdes ein, welche -gierig die Zeit der allgemeinen Unruhe benutzen, um Beute für sich zu erraffen. Von solchen nichtsnutzigen Mitläufern blieb auch das große historische Ereignis des Auszuges der Kinder Israel aus Aegypten nicht verschont. Die Heilige Schrift erzählt uns schon beim Beginn von -dem Gesindel, welchesnur mitgezogen war, um im Trüben zu fischen, welches ohne Verständnis für. die hohe Sendung, zu welcher Israel auserkoren war, wohl dachte, daß es auf einen 'bloßen Eroberungszug mit Raub und Plünderung abgesehen war. Dieses Gesindel wurde im weiteren Verlaufe der Wanderung, als es sich in seinen weltlichen Hoffnungen enttäuscht sah, das größte Hindernis für den Aufstieg- Israelszu seinem erhabenen Ziele. Wie ein -kleines Stückchen Hefe einen großen Teig in Gärung versetzt, so brachte diele aottabgewandte Minderheit das ganze Volk in Aufruhr und Empörung. Als sie sehen, daß sie ihre irdischen Zwecke nicht erreichen -können, da bereuen sie es, Aegypten verlassen zu haben. Sie denken der reichen und üppigen Kost, die ihnen das fruchtbare Nilland bot. „Unsere Seele ist vertrocknet," rufen sie, „nichts ist da, nur das Miau,na haben wir vor Augen." Ja, es sind Men!schen>, deren Seele nur aus irdische Nahrung ausgeht, die nicht wissen, daß nicht vom Brote der Mensch allein lebt, sondern daß sein wahres Leben sich aus dem Worte des ewigen Gottes gründet. Während die Vorsehung gerade Israel durch Gewährung des Wanna von den Erdensorgen befreien und den himmlischen Zielen zuführen wollte, suchen sie — und es gelingt ihnen — das Volk bloß wegen der irdischen Nahrung in Erregung zu versetzen. Solches Gesindel heftet sich auch heute wieder verderbenbringend an Israels Fersen. Es sind die Elemente, die überall dabei sein müssen, die sich vordrängen an Stellen, wo sie nicht hingehören, die mit ihrem Erdentande glänzen und gleißen, prahlen und prunken wollen, die das idealste und geistigste Volk der Welt in den Ruf des Materialismus und des Mammonismus bringen, die aus der Not der Zeit ihren Vorteil ziehen -und gleich Geiern über den blutigen Kampfesfeldern schweben, nach Raub und Beute spähend. Hier müssen wir einen schärferen Trennungsstrich ziehen, eine unübersteigbare Scheidewand ausbauen. Mögen sich die echten Söhne Israels, die ihre Aufgabe darin sehen, ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk zu werden, scharf und streng von diesen Entarteten sondern, die 'den heiligen Namen ims-eres Gottes entweihen. I s ch T i k w o h. Eine geborstene Runze-Säule. Wie Vlernenta das Kapital bekämpfte. Der Breslauer Stadtverordnete Franz K l e m e n t a , „Arbeiterkandidat" der Deutschsozialen Partei, der in der ersten Versammlung der neugewählten Stadtverordneten als Beisitzer ins Bureau gewählt wurde, hat sein Mandat niedergelegt. Ehren- Klementa wußte nämlich, daß mau sich für sein Vorleben interessiert hatte, das reich an Vorstrafen ist. Allerdings sind es keine ehrenden Narben, die sich Herr Klementä! im politischen Kampfe geholt hat, sein Vorstrafenregister sieht vielmehr vor: ,; ,y 5. März 1902 Diebstahl, 3 Wochen Gefängnis, ff 26. Juni 1905 Diebstahl, 2 Monate Gefängnis, ' » 10. September 1908 Diebstahl, 2 Monate Gefängnis, 16. Dezember 1909 Körperverletzung, 5 Mark oder 1 Tag Hast, 21. März 1910 Diebstahl, 4 Monate Gefängnis, 10. Mai 1912 Diebstahl, 9 Monate Gefängnis, 2 Jahre Ehrverlust, 23. Februar 1917 Anstiftung zum Diebstahl und Hehlerei, 4 Monate Gefängnis, 4. Dezember 1919 Hehlerei, 1 Woche Gefängnis. Jetzt 35 Jahre alt, hatte Klementä also schon von frühester Jugend an seinen „Kampf gegen das Kapital" geführt. Unsere Kenntnis reicht nicht so weit, um sagen zu können, ob er nur Juden bestohlen hat. .Aber vorwärts gekommen ist er im Leben. , Während er zuerst selbst stahl, ließ er zuletzt andere für sich stehl e n.