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Central-Verein-Zeitung · 1924-06-19 · 25 (19.6.1924) · p. Seite 378

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
25 (19.6.1924)
Date
1924-06-19
Page
Seite 378 (sequence 6)
Language
German
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Die jüdischen Salons des neunzehnten Jahrhunderts. Von D or is Wi- L L n e r. . Kultur und Geselligkeit sind Geschwister. Und ihrer beider Mutter ist . . . die Frau. Wo immer Lm Gemeinschaftsbau der Menschen die freie Freude am Beieinandersein und Miteinander-- werten erwachti, weist den Weg der planmäßigen Entwicklung die Frau. Sie bildet das bindende Element aller Gesellschaftsformen des Menschengeschlechts. Aus den Urstossen ihrer Natur heraus . den Bedürfnissen der Anlehnung! und Schmiegsamkeit . . . strebt die Frau zum Ganzen, zur Vereinigung und Verschmelzung mit jedem Leben und jeder Bewegtheit die im Bezirk ihres eigenen Daseins Pulsen. Ist es der Mensch nicht, der ähr Gefährte sein kann, sucht sie Vertrautheit rmd Umgang mrt dem Tier. . . . Bleibt die Werlt des Tieres ihr unzugänglich, wird ste um freundschastlichen Vermehr mit der Pflanze werben. Ihre soziale Seele weiß sogar anorganischen Dingen einen Schimmer von Eigenleben zu leihen, bloß um die Täuschung einer beseelten Gemeinschaft hervorzurufen. Der Mann . . . hochmütiger und bewußter als die Frau . . . hat mehr Befähigung zur Einsamkeit, weil sein Selbstgefühl wuchtiger ist als das des Werbes, und weil er als 'Schiaffender m geringerem Maß auf die Einflüsse von außen angewiesen ist. Der Mann ist sich Selbstzweck. Die Frau ringt um einen Sinn ihres Seins. Wo die beiden Extreme sich berühren, liegt neutrales Gebiet, ist der Boden urbar gemacht für die Gemeinschaft. Sobald das Menschengeschlecht aus seiner ersten Kindheit heraus-- tritt, wächst es über die beiden Urbeweger, Hunger und Liebe, die den primitiven Menschen ausschließlich beherrschen, hinaus^ Das Verlangen nach Luxuswerten erwacht in chm. Und der erste Luxuswert, den der nach Freude und Erhöhung des LebensgefühlZ begehrende Mensch findet, «ist die Geselligkeit. ' Lang, ehe die Geburtsstunde der Kunst . . . als der edelsten und schmückendsten Ueberflüsstgkeit des Lebens — schlug, mögen schwere, schweigende, noch halb tierhaste Menschen beieinander gesessen und miteinander gelauscht haben aus die brausende Stimme des Waldes, auf den Wind, der singend über die Gräser strich, oder aus das Zorneslied brandender Gewässer. Und vielleicht faßten diese Menschen sich in dumpfer Ergriffenheit bei der Hand, oder auch ein Wohlgesühl zauberte! ein Lächeln auf ihrer aller Lippen und . . . -sie suchten nach einem gemeinsamen Ausdruck ihres Frohmuts. Die erste Geselligkeit Hub an. Der Mensch, der den Genuß erkennt, streckt die Hand nach einem Kameraden aus, d. h. nach einem, der sein Vergnügen teilt-. Und also . . . gesellt sich der Mensch. Und also zeitigt jede Epoche, die neben! Arbeit und Pflicht, neben Werk und Wirken das der Freude als froye Botschaft des Lebens verkündet, auch rmmer eme Hochentwickelte Geselligkeit. Jene geschichtlichen Zeitläufte, die man gewohnt ist» kulturell am höchsten zu schätzen, haben fast ausnahmslos auch die üppigsten Blüten der Lebenskunst ^trieben. Wer das gesellige und gesellschaftliche Lebenverflossener Zivilisationen m erforschen trachtet, wird lange verwei!len müssen im perikleischen Athen wie im sterbenden Rom; wird bei Lorenzo, dem pompliebenden Mediceerfürsten, in die hohe Schule sinnlichen und geistigen Genießens gehen; wird alle Divertissements", die im höfischen Frankreich des „roi soleil" im Schwünge wahren, kennen lernen wollen und wird nicht haltmachen dürfen vor -den schmeichlerischen Offenbarungen des Rokoko. Denn gerade dieses ZeitaLter, von romantischen Kulturhistorikern als grand siecle bezeichnet, das den Genuß zum Zweck des Daseins erhoben hatte, das auf die Usberlieferungen seiner vornehmen Lebenskrmst ebenso stolz war wie wir auf die Errungenschaften exakten Wissens, entzückt und berückt den Spätgeborenen, der sich in die hohe Zeit des Salons zurückversetzt. Es war dem achtzehnten Jahrhundert Vorbehalten, die Aesthetik des Amüsements zur Höhe einer wirklichen Kunst, oder besser gesagt, Wissenschaft zu erheben. Uitb niemals dürfen wir uns mehr als Epigonen fühlen, als wenn wir Ansprüche aus das Erbe des galanten Säkulmns machen. Zu keiner anderen Zeit und in keiner anderen Welt (nicht einmal in Amerika, wo das Luxustierchen „Frau" die Gottheit ist, für die am Broadway geopfert wird, und deren Altäre in der „Fisth Avenue" prangen) hat die Frau unumschränkter und rmbestrittener geherrscht als in dem aristokratischen Gesellschaftsbau des achtzehnten Jahrhunderts. Jede Frau von Geist und Gr azi.e war eine Königin. Und ihr Reich heißt der Salon. Und ihre Regierung war ablosut. In unserer nüchternen, mit Wirklichkeitswerten messenden Gegenwart steht man der Bedeutung, die die Einflußsphäre einer Frau von Welt ehedem hatte oder haben konnte, mit einem gewissen wohlwollenden Spott gegenüber. Und man neigt dahin, zu unt'erschätzen, wie schwer es ist, eine wirkliche Frau von Welt zu sein, oder gar einen w irklichen Salon zu unterhalten. Die wenigsten wissen und begreifen, daß diese Rolle zuvörderst die seltene Eigenschaft der Selbstausgabe oder wenigstens des Selbstausgebenkönnens erfordert. Das Geheimnis des Salons besteht ja eben darin, daß jeder Gast sich selbst aus stellt in dem Bewußtsein, er, gerade er, stehe im Brennpunkt des allseitigen Interesses. Dieses Bewußtsein mit überzeugender Kraft jedem einzelnen zu schenken, ist Sache der Frau des Hauses. Sie muh jeden im Spiegel seiner eigenen, ganz persönlichen Eitelkeit studieren und ihm dann . . . einmal erkannt . . . foen Platz anweisen, auf dem er am besten zur Geltung kommt. Die Herrin des Salons muß eine geborene O r ga ni s at o r in sein. Sie muh zuhören, schrvergen und lächeln können. Darf nicht selbst glänzen wollen, muß alle schillernde, tausendäugige Pfa-uenherrUchkeit den anderen überlasten. Dieses freiwillige Zurückt re Len aber erheischt Klugh e i t und Güte, oder eine V e r st e l l irrt g skunst, die beides naturgetreu zu mimen weiß. Die gallischen - Frauen, die in ihren weißen, wohlgepflegten Händen die Brandfackeln einer sterbenden Zeit trugen, besaßen alle drei Eigenschaften: Klugheit, Güte und . . . Verstellungskunst. Verklärt von einer vierten, nicht -minder wichtigen, der Du l d s a m k e it. Die Romantischen von Alt-Berlin, die zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts in -der Behren- oder Kanonierstraße Haus und Hof hielten, Rahel, Henriette Herz u. cr. m., halten wohl auch die eine oder andere Gabe oder alle gemeinsam-, aber dank widrigen Zeitumständen versiegte ihrer Wunderlampe das Oel nur zu bald, und das werdende, wachsende Berlin lernte den Begriff des schöngeistigen Salons nur noch aus der Memoirenliteratur oder aus zeitgenössischen Chroniken kennen und schätzen. Es ist charakteristisch für Deutschtum und Judentum zugleich, daß der breite und befruchtende Strom geistigen Lebens, der dazumal aus dem Berliner Salonleben weit über die Grenzen Preußens und Deutschlands flutete, seinen Ursprung hatte in den Häusern, Herzen und Hirnenjüdischer Frauen. Ein französischer Dichter der Gegenwart, Romain Rolland, hat einmal in seinem großen kulturhistorischen Roman „Jean Christophe", als er von der Rolle des Judentums in der Welt- und Kulturgeschichte spricht, gesagt, daß ohne den Einschlag der über die ganze Erde verstreuten Jrrdenheit „das Salz der Völker taub werden würde". Unwillkürlich wird man an dieses Wort erinnert, wenn man sich entsinnt, wie jene jüdischen Frauen, deren „bureaux d ’ espr i t" Unsterblichkeit gewannen, zu „Mittlerinnen" deutschen Geistes, deutscher Dichtung, deutschen Genies wurden. Rahel Lev in, die unschöne, bresthaste Tochter des jüdischen Bankiers Levin Mftrkus, das unscheinbare, leicht mißgestaltete Kind des Wüstenwanderstammes mit »der leidenschaftlichen Feuerseele, ward zur Wegbahnerin des größten zeitgenössischen deutschen Genies: Johann Wolfgang Goethe. Mit der eingeborenen Glut der Prophetin hat sie für den Weltgeist von Weimar um Verständnis und Anbetung gerungen. Aber die schlichten Dachstuben, in denen sie Tag für . Tag das Hochamt Goetheschen Geistes zelebrierte, sahen in ihrer kärglichen Enge auch jenes bunte Dökkergemisch, wie man es sonst nur von den Salons der großen, ganz großen Welt her kennt und nennt. Fürsten von Geblüt, wie Prinz Louis Ferdinand, das Edelreis vom Hohenzollernstamm, oder Karl Joseph, Fürst von Ligne, Abkömmling eines der ältesten und berühmtesten Geschlechter der Niederlande, der Edelmann Peter von Gualtieri, Flügeladjutant Friedrich Wilhelms des III.; diesen Hochrnögenden einer exklusiven Gesellschaftskaste gesellten sich bei „Mademoiselle Levin" die Großwürdentrüger des Geistes, wie die Humboldts, Schlegels, die Fichte, Schelling, Schleiermacher, die Heine, Börne, Gentz, nicht minder der Altmeister Ludwig Ti eck. Desgleichen öffnete ihre vorurteilslose Gastfreundschaft den bedeutendsten wie auch den nur verführerischen Frauen ihrer Zeit ihr Haus. Bettina, der geniale Wildling, die Humboldtschen und Mendelssohnschen Damen, Gräfin Schlabr endorf, Dorothea Veith, Fanny Lewald, nicht minder als Karoline Schlegel mit ihrer buntscheckigen. Vergangenheit, oder gar Pauline Wiesel, des Prinzen Louis Ferdinand holdes Trautgesell, durften das geistige Höhenklima des Rahelschen Salons einatmen. Es liagt nahe, diese deutsche Egeria mit ihrer großen französischen Schwester, Frau von Stael, zu vergleichen. Und doch war es vielleicht gerade das Indent umderRahel, nämlich der T i e s - gang des Gefühles und Gemütes, der sie von der französisc^n „keinrne de lettres" mit dem vorwiegend politischen. Charakter schied. Rahel selbst empfand diesen Unterschied sehr wohl, indem sie ihn aus die knappe Formal zog: „Verstand hat ste genug, aber keine horchende Seele; nie ist es still in ihr, nie, als ob sie allein nachdächte, immer als ob sie es schon vielen sagte; ihr taten die frühen Gesellschaftssäle Schaden. Es ist alles ä rebonrs bei ihr, als striche man Halme aufwärts, keine Süßigkeit. . . schade wegen der vielen Gaben, denen eine fehlt/die ste harmonisch machte: eine ft i l l e, u n s ch u l d i g e S e e l e n s p h ä r e." Was Rahel Lev in, dank ihrem „superioren Kopf auf einem inferioren Körper" erzielte, das blühte Henriette Herz, die als Tochter eines der angesehensten Berliner Aerzte, des eingewanderten Portugiesen de Lemos, mit Zwölfeinhalb Jahren den Hausfreund ihres Vaters, Markus Herz, der ebensowohl ihr Vater hätte sein können, heiratete, um ihrer außergewöhnlichen Schönheit willen entgegen. Die Gestalt hoch und majestätisch, der Kopf klein und zierlich wie bei griechischen Statuen, das Antlitz von strenger orientalischer Schönheit, Prophetenernst aus Stirn und Brauen, zauberhafte Anmut um die Lippen: so wird sie von Zeitgenossen beschrieben. In Freundeskreisen hieß sie die „tragische Muse" oder die „schöne Tscherkesstn" oder einfach „die schöne Herz". Wilhelm von Humboldt und Mir abeau hatten sie in ihrer Jugend angebetet; der sechzehnjährige Börne, da er 1802 in Berlin in ihrer Hausgemeinschaft lebte, verzehrte sich in wahnsinniger Leidenschaft str die bald vierzigjährige Frau; Sch lei er m ach er stand Jahrzehnte mit ihr in zärtlichstem Freundschaftsverhältnis. Dieser „S a l o n" a l s D i n g a n s i ch, die Reinkultur des Begriffs, ist geschwunden. Aber auch die Einzelarten, Abarten des

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