Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 25 (19.6.1924)
- Date
- 1924-06-19
- Page
- Seite 377 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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377 931tifd)C$ CljCtftCttfttttt? Svon H. Zrancke, Pastor am Heiligen Kreuz in Serlin. Im „Reichswart" des Grcjsen Reventlow vom „1. Lewzing 1924" (soll heißen vom . März 1924) fragt ein Herr Schreiber (Lötzenburg), Lt. a. iD.: „Ist es möglich, daß eine Mensch'heitsreligion, wie das Christentum sie ist, völkisch und nicht ubervölkisch sein kann?" Und er bejaht diese Frage aufs entschiedenste und wünscht, daß in Zukunft das kirchliche Christentum eine Entwicklungsrichtung einschlagen möchte, die es zum engsten Bundesgenossen der deutschvölkischen Bewegung machen würde. Der Herausgeber des „Reichswart" aber, Graf Reventlow, belehrt den Einsender, sein Wunsch könne nur in Erfüllung gehen, wenn sich das Kirchenchristentum entschlossen von jedem jüdischen Einfluß befreie, wenn es also auch das Alte Testament endgültig als Quelle der Religiosität ausschalte. Dann, meint Gras Reventlow, würde allenfalls das Christentum der Zukunft eine befruchtende Geistesmacht für unser Volk werden können und es den Segenseinflüssen des Deutschtümlichen Zugänglicher machen. Mit Verlaub, diese Belehrung ist irreführend, sowie der Glaube des Herrn Schreiber, das Christentum könnte völkisch --gewendet" werden, an sich auch ein Irrtum ist. Beide Ansichten, beruhen auf Unkenntnis des Neuen Testaments. Sie nehmen an, das Neue Testament habe durch seine Verbindung mit dem Alten das menschheitliche Gepräge erhalten, welches das Christentum als Weltreligion charakterisiert — als „Menschheitsreligion", wie sich Herr Schreiber instinktiv ganz richtig ausdrückt, obwohl er sich innerlich dagegen wehrt! — und 'es dadurch als zur Nivellierung aller Rassen- und Völkerunterschiede berufen erscheinen läßt. Das Gegenteil ist richtig. Eher könnte das Alte Testament in Anspruch genommen werden für die Rechtfertigung völkischer Ideale, das Neue nur insofern, als es eine gewisse Linie der Verherrlichung des angestamimten Volkstums noch -eine Zeitlang sortspinnt, dann aber fallen läßt. An sich, ist das Neue Testament viel „.übervölkischer" als das Alte, um in der Sprache des „Reichswart" zu reden. Zu deutsch also — es dient wirklich nur der 'Verständigung, wenn wir nicht länger „völkisch" radebrechen! — Die intern a t i o n a l e Tendenz ist beim Neuen Testament noch viel stärker ausgeprägt, als beim Alten; und die Bibel ist weder in ihren Teilen nochals Ganzes verwertbar für die Verteidigung irgendeiner Art von Nationalismus. Sie enthält Parteien, in denen das nationale Bewußtsein des jüdischen Volkes, wie anderer Völker, in seiner Betätigung dargestellt wird. Vereinzelt im Sinne des Heroismus! Bald mit Betonung des Tragischen, das allem Nationalismus anhastet! Bald aber mit dem Hinweis, daß der heilige Gotteswille die Ueberwindung aller nationalen Gegensätze gebietet! Und wenn Zehnmal die Kriegsgeschichten der Königsbücher oder der Chronikbücher als eine Verherrlichung nationaler Selbstbehauptung ausgelegt werden können, so ist doch nicht zu leugnen, daß sich die Bibel je länger, desto mehr von dieser Art „Idealismus" abwendet, chaß sie ihm den idealen Gehalt abspricht, daß sie die Ethik der völkischen Eigenliebe verwirft und sie schließlich abstempelt als eine Unmoral, die gegen^ göttliches und menschliches Recht verstößt. Das Neue Testament aber führt diese Entwicklung bis ins Extrem weiter. Es endet nicht -bloß im Internationalismus, sondern geradezu im Antinationalismus! Es predigt uns die völlige Gleichgültigkeit aller staatlichen Grenzen. Denn die Gemeinschaft im Glauben ist wichtiger, verbindet inniger als Stammeszugehörigkeit und dergleichen. Das neutesta- Mentliche Christentum ist darin viel radikaler als beispielsweise die Sozialdemokratie. Diese vertritt das Ideal der Internationale, das Christentum das der Antinationale. Seine Forderung ist die Einheit des Menschengeschlechts ohne Unterschied der Rasse, der Hautfarbe, der Sprache und der Abstammung. Wohl ist einst Christus von der Anschauung ausgegangen, daß der einzelne zunächst an sein Volk gewiesen'sei. Als Messias sogar hat^er sich anfangs gebunden geglaubt an die Sendung nur zu seiner Nation. Aber wie deutlich läßt sich im Evangelium verfolgen, wie Christus diese Bindung zersprengt, wie er über sie hinwegschreitet zu den Fremden und Volksfeinden. Als Offenbarung wird es ihm zuteil, daß jenseits der Grenzen auch Menschen wohnen mit der gleichen Herzenssehnsucht nach dem Ewigen, wie in Israel. Es wundert ihn, daß er religiöse Empfänglichkeit bei Römern und Griechen, bei Phöniciern und Samaritern in gleichem Maße Iindet, nein in höherem Maße, als bei seinen Landsleuten, lud er bleibt beim Verwundern nicht sichen, er zicht die unabweisliche Konsequenz, indem er sein Reich aufschließt für die Nahen und für die Fernen; und er krönt sein Lebens- Werk mit dem Abschluß, daß er den Jüngern gebietet: „Gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker!" Das heißt doch ganz deutlich: macht keinen Unterschied Zwischen Juden.und Griechen! Und wenn ich euch früher gesagt habe, gehet n i ch t in der Samariter Märkte, so ist dieses Wort jetzt aufgehoben. Die Schranke ist gefallen, die Mensch und Mensch voneinander trennte. Paulus aber jubelt: hier ist nicht Jude, noch Grieche, nicht Knecht noch Freier, nicht'Mann noch Weib. Wir sind allzumal Einer in Christo! Man stelle sich einmal vor, ans welche Seite wohl die Christen nach Ausgabe dieser Parole hätten treten sollen, wenn innerhalb des römischen Weltreichs damals ein nationaler Konflikt ausgebrochen wäre, etwa zwischen Römern und Griechen oder Zwischen Europäern und Asiaten. Sicherlich ist auch Christus davon ausgegangen, daß die Liebe zum Volk sittlich höher steht als die engherzige Eigenliebe des Individuums zu sich selbst. Die Ueberwindung des Egoismus durch die Liebe zu einem größeren Ganzen ist ja der einzige Rechtstitel, den der Nationalismus für sich geltend machen kann. Aber schon für die Tage Christi war es fraglich geworden, ob das größere Ganze, dem zu Liebe der einzelne seinen Egoismus überwinden soll, das Volk, die Nation sein soll, ob es darüber hinaus nicht etwas viel Größeres, Höheres gibt, dem unsere Opfer dienen müssen. Und wenn bereits die alttestamentliche Geschichte vom Turmbau zu Babel tiefsinnig angedeutet hatte, daß der Zerfall der Menschheit in sprachverschiedene Rassen und Nationen ein Verhängnis war (nicht etwa eine gottgewollte, notwendige „Entwicklung"), so stellte sich für Christus immer klarer heraus, daß der erneute Zusammenschluß von Menschheitsgruppen zu Völkern und Nationalstaaten ein Rückfall in längst überwundene Stadien der Menschheitsgeschichte war. Und er fing an, die Menschheit nach ganz anderen Gesichtspunkten zu gruppieren, als bisher ausschlaggebend gewesen waren. Er gebot ihnen, sich zusammenzutun nach Motiven der Seele. Gemeinschaft der Sehnsucht nach dem Göttlichen, Gemeinschaft des Erbarmens und der Liebe, Gemeinschaft brennenden Wahrheitsverlangens, das soll die Menschen aneinander binden, nicht der Zufall der Geburt oder der Blutsverwandtschaft oder der Staatsangehörigkeit. Die Stimme des Bluts ist nicht die Stimme des Göttlichen. Darum verleugnet Christus stine leiblichen Geschwister und nennt Fremde seine Brüder und Schwestern, weil ihn mit denen das Band gemeinsamer Ueberzeugung umschlingt. Deswegen warnt er seine Jünger: bildet euch nicht ein, etwas Sonderliches zu tun, wenn ihr euer eigen Fleisch und Blut, wenn ihr eure Volksgenossen liebt. „Tun das nicht auch die Heiden?!" Deswegen erklärt er als Sinn der rechtverstandenen Nächstenliebe die Fernstenliebe. Er bezeichnet im Gleichnis vom barmherzigen Samariter als Nächsten ausdrücklich den Landfremden. Er zwingt in diesem Gleichnis geradezu die widerstrebenden Fragesteller, zuzugeben, daß nicht der Volksgenosse, sondern unter Umständen der Politische und religiöse Gegner unser Nächster sei. Und deswegen gebietet Christus endlich sogar die Feindesliebe, wobei er gewiß an persönliche Feindschaft, aber auch an Politische, nationale gedacht hat. Denn das Schwerere schließt das Leichtere ein. Nein, es ist unmöglich, eine Religion von diesen Tendenzen zur Rechtfertigung der völkischen Bestrebungen heranziehen zu wollen. Nationalismus und Christentum schließen sich grundsätzlich aus. Das Christentum (wie übrigens auch das Judentum des Alten Testaments) geht davon aus, daß alles, was Menschenantlitz trägt, unterschiedslos einem so harten, schweren Gesetz des Daseins untersteht, daß dieses ganze Geschlecht einmütig um Erlösung zu ringen hat, und daß es ein Frevel ist, dies qualvoll ringende Geschlecht untereinander zu ententzweien und zu zerfleischen. Man muß schon sehr „vollblütig" sein (d. h. in diesem Falle also: eine germanisch-robuste Konstitution haben!), um angesichts dieses Durchschnittsloses der Menschheit die Völkergeschichte zu bejahen und den Massen zu verschweigen, daß die politische Geschichte aller vergangenen Jahrtausende infolge der dynastischen und dann der nationalen Gegensätze nichts weiter als ein Wust von Grausamkeit, Härte und Erbarmungslosigkeit gewesen ist, bei der ja Helden, Könige, Strategen/Feldherren und Künstler auf ihre Kosten kamen — Ueber- und Untermenschen also! —. bloß die Menschen nickt! Gott bewahre uns oor der Fortsetzung dieser „Historiein weiteren ungezählten Akten!