Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 25 (19.6.1924)
- Date
- 1924-06-19
- Page
- Seite 375 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2277379-2277464-2277488--01251-2280482- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
375 völkische unter sich. Noch einmal Quindel, der Erneuerer Deutschlands. In Nr. 23 unserer Zeitung veröffentlichten wir eine Notiz mit der Überschrift: „Georg Quindel, der betrogene Betrüge x", in der wir Herrn Quindel als Vorsitzenden des SchlageLer-GedüchLnisbundes in der eigenartigen Rolle eines sittlich Entrüsteten Zeigten. Der angegriffene Lauterbach sendet der Presse folgende Entgegnung, die Herr Quindel in -seinem „Sturm" kaum zum Abdruck bringen dürfte. „Ohne auf die Schwindeleien des berüchtigten Quindel einzugehen — die Staatsanwaltschaft wird sich noch näher damit befassen — stelle ich fest: Quindel ist bereits seit November nicht mehr Vorsitzender des Schlageter-Bundes. Ich habe niemals jemanden zu Unsittlichkeiten verführt, vielmehr nur Leute auf die Unsittlichkeiten Quindels aufmerksam gemacht. De Generalversammlung des S. G. B. schloß Quindel aus, sprach mir ihr Vertrauert aus urw forderte Quindel, der nur der Besonnenheit unserer Keute es verdankt, mit heiler Haut davongekommcrr zu sein, auf, sofort Strafantrag gegen mich zu stellen. Man wird also abwarten dürfen, ob Quindel die Stirne hat, seine Verleumdungen vor Gericht zu bringen. G u st a v L a u t e r b a ch. Man kann den Kommentar eines Hannoverschen Blattes Wort für Wort unterschreiben: „Das sind die Deutschen, die sich berufen fühlen, Deutschland „sittlich zu erneu e rn." wenn öer alte Zritz hermeöersiiege . . „Toleranz, ihr Herren!" Nr. 24 des deutschvölkischen „F r i d e r i c u s" bringt an leitender Stelle Stimmungsbilder: Wie würde sich Fvidericus Rex verhalten, wenn er heute zur Erde mederstiege? Das dritte Bild dürfte den uneingeschränkten Beifall unserer Leser finden:» Aus einem hellerleuchteten Lokal erscholl rauschende Musik. Sie traten ein. Das Stück war zu Ende. Keine Hand rührte sich. Das wiederholte sich ein paarmal. Dann setzte die Musik mit einem Trommelwirbel ein, preußische Hörner ertönten, Fanfaren schmetterten, der Torgauer, der Hohen- . friedberger, der Reitermarsch des Großen Kurfürsten erklangen. Und zum Schluß kam eine Melodie, die elektrisierte die Hörer. Sie summten mit, schlugen mit den Händen aus den Tisch den Takt. Und als die Musik geendet hatte, wollte der Beifall kein Ende nehmen. „Wie heißt das Stück?" fragte Friedrich den Kellner. Der sah ihn mit einem unbeschreiblichen Blick an. „Aber, Männeken, wie lange haben Sie denn im Zuchthaus gesessen? Det Stück Tennen Sie nicht? Del is det Lied vomalten Fritz: ,Fridericus Rex, unser König und Herr*. Bastehn Sie?! Das Lied ist populärer als das Deutschlandlied. Und überhaupt: der alte Fritz, der kann ja nicht tot sein, der lebt in jedem Herzen und in jedem Hause. Passen Sie aus, der kommt noch mal wieder, um Ordnung zu schaffen." Andächtig, fast visionär, ohne Berliner Dialekt, hatte er die letzten Worte gesprochen. Es war, als ob das Sehnen einer Nation in den Worten dieses einfachen Mannes zum Durchbruch kam. Am Nebentisch führten einige Herren das große Wort. Sie riefen: „Nieder mit Ebert! Nieder mit der Republik!" Sagten „Prost!" und bestellten das Deutschlandlied. Alles stand auf, alles sang mit. Darauf spielte die Musik irgendein anderes Stück. „Deutschlandlied!" erscholl es von dem Lisch. Die Musik gehorchte. Alles stand aus, alles sang mit. Drei Herren traten ein. Schwarzes Haar, dunkle Gesichtsfarbe, edel geformte Züge. „Nieder mit den Juden!" brüllte der Tisch. „Verzeihen Sie. meine Herren," sagte einer der Ankömmlinge, „wir sind keine Juden, wir sind Spanier. Und Sie wissen sicherlich, daß das spanische Volk und sein König während des Krieges und nach dem Kriege die treuesten Freunde Deutschlands gewesen sind." : , „Deutschlandlied!" rief der Tisch.; Die Musik gehorchte. Alles stand auf, alles sang mit. Der König blieb sitzen, mit ihm seine Begleitung. Nicht mehr ganz nüchtern, die Augen glasig, die Kleidung unordentlich, kam einer heran. „Weshalb stehen Sie nicht auf, wenn die Nationalhymne gespielt wird? Hoch mit euch, Gesindel! Wird's bald?!" Da gabs dem König einen Ruck. Messerscharf erklang seine ' Stimme: „Schweinhund! Merkt Er denn nicht, daß Er und seine Kumpane in der Besoffenheit das Vaterland prostituieren?! Ist denn das deutsch, in einem öffentlichen Lokal das Deutschlandlied wie einen Gassenhauer bis zur Bewußtlosigkeit dudeln zu lassen?! Singt Er denn in der Kirche ein und dasselbe Lied dreimal? Klänge denn deswegen der Choral von Leuthen noch in jedem deutschen Herzen, wenn man ihn stundenlang hergelerert hätte?! Heilig soll euch das deutsche Lied sein. Heiligtümer aber nimmt man nur bei besonderen, feierlichen Gelegenheiten aus dem Schrein. Genau, wie man das Ehrenkreuz oder die. Tapferkeitsmedaille nicht zu jedem schlechten Geschäft trägt. Sonst Profaniert man sie. Ihr seid dabei, das Heiligtum des deutschen Volkes zum Gespött der Leute zu machen." Der andere zog sich zurück. Tuscheln und Raunen am Neöentisch Dann das verächtliche Wort: „Ach, laß ihn doch, das ist so ein Auch-Völkischer." Friedrich erhob sich. Schars und hart klang seine Stimme: „Toleranz, meine Herren, Toleranz! Nicht auf die Formel, nicht auf das Programm kommt, es an, sondern auf den Geist, der Formel und Programm beseelt. Programme sind Gefäße, die zerbrechen können. Der Geist aber ist unsterblich. Ist aber der Geist vorhanden, der wahre und heilige Geist, dann ist die Fasson einerlei. Toleranz, ihr Herren!- Jeder hat das Recht, nach seiner Fasson selig zu werden." Einverstanden, deutschvölkische Herren, ganz einverstanden! Hört des alten Fritzen Mahnung: „Jeder kann nach seiner Fasson selig werden!" Nur so wird Deutschland genesen. Sie lehnen deutsche Gerichte ab. Der übermütige Herr Wollziehn. Was einem ehrenhaften Kaufmann unter den heutigen vergifteten politischen Verhältnissen passieren kann, zeigt folgender fast unglaublicher Vorfall: Der Bezirksverordnete Hermann Perl in Charlottenburg, bekannt als Vorsitzender des Verbandes der Textil- und Bekleidungsgeschäfte Berlin-West, und als Inhaber zahlreicher Ehrenämter, war in einem Wahlflugblatt der Deutsch völkischen Partei in der unerhörtesten Weise mit aus der Luft gegriffenen An würfen beschimpft worden. Um gegen den verantwortlichen Redakteur dieses Flugblattes vorzugehen, lud er diesen, den Schriftsteller Arthur Herbert Wollnziehn, zum Sühnetermin vor den zuständigen Schiedsmann. Wollnziehn erschien im Termin natürlich nicht, sandte aber die Ladung an den Schiedsmann mit folgendem A n s ch r e i b e n zurück: „B e r l i n 0 34, den 3. 6. 1924. Petersburgerstr. 73. Herrn Wilhelm Meißner Be r l i n - T ea el o r t. Umstehende Ladung gelangte heute in meinem Besitz. Ich muß jedoch bedauern, ihr nicht Folge leisten zu können, da der Klüger, wie der Name schließen läßt — persönlich kenne ich den Kläger nicht —, Jude ist. Als gebürtiger Angehöriger des hochwertigen deutschen Volkes habe ich natürlich, wie jeder andere Deutsche, nicht nötig, mi ch eine m I it d en gegenü b er* z u verantwort e n. Um -unnötige Kosten, Arbeit und Zeitverlust zu vermeiden, erkläre ich im voraus, daß ich in dieser Angelegenheit auch nicht vor dem ordentlichen Gericht verhandeln werde, sofern mir nicht vorher die amtliche Zusicherung übersandt worden ist, daß es sich bei der Person des Perl nicht um eine n I u d e n oder I u d e n st ä m m l i n g handelt. Selbstverständlich müßte ich auch erst die Beschuldigungen, die gegen mich erhoben werden, näher kennen, da ich im Falle einer.Verwechslung oder dergleichen den mir infolge eines überflüssigen Termins erwachsenden Schaden a u f d e m W e g e der S e l b st Hilfe Zwangsweise beitreiben würde. Ergebenst gez.: Arthur Herbert Wollnziehn, H auptschristleite r." Dieses Schreiben spricht für sich selbst und bedarf keines Korm mentars. Es beleuchtet den Gemütszustand der Deutschvölkischen, die nicht nur das Recht zu haben glauben, ihre jüdischen Mitbürger ungestraft zu beleidigen, sondern sich auch über die deutschen Gerichte erhaben dünken. Dr. Max Simon. 50000 Golümark gesucht. Theorie und Praxis. Wenn man den völkischen Ankündigungen Glauben schenken kann, steht ein großer wirtschaftlicher Umschwung bevor. In der Fraktion der Völkischsozialen Freiheitspartei sitzt Herr Gottfried Feder, Spezialist im Brechen von Zinsknechtschaften . . . Allerdings scheint es, als ob man zu dem Rezept Feder nicht einmal im Kreise der eigenen Parteifreunde das rechte Vertrauen habe. Deshalb versucht man, sich noch rechtzeitig mit Geld einzudecken, natürlich gegen Zinsen, ehe das Zinsennehmen verboten ist'. Das „Völkische Echo" aus Nürnberg, im Textteil parteisuomm bis zum I-Punkte, bringt im Annoncenteil ein Inserat, in dem „Größeres, rein christlich-deutsches Fabrikunternehmen A.-G^ seit Jahren bestehend, 60 000 Goldmart -auch^-in.Teilbeträgen g e g e n h o h e Zinsen für Fabrikation eines K o nsu mar tik els aus nationaler Grundlage sucht". Merkwürdigerweise fehlt die Angabe, daß Eeldän geböte von Juden unberücksichtigt bleiben.