Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 24 (12.6.1924)
- Date
- 1924-06-12
- Page
- Seite 362 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Noch rin Wort Zu öen EltrrnbriratsVahlrn v. Von Professor Dr. Paul H i l d e b r a n d L. Wir Huben -wiederholt durselegt, daß für den Inhalt der in der „(£. B.-Zeitung" veröffentlichten Aufsätze lediglich d i e V e r - fasser.verantwortlich sind und daß diese Beitrage keineswegs als offizielle Anschauungen des E. V. Zu gelten haben. In der Frage der sogenannten „konfessionellen Schule" ist der L. V. durchaus neutral. Wir haben wiederholt beide Richtungen Zu Wort tommen lassen und werden nach Möglichkeit auch in der hier erörterten Frage die verschiedenen Auffassungen zur Veröffentlichung zulassen. Die S ch r i f t I e i L u n g. Die Elternbeiräte sind -bekanntlich eingesetzt, um das Vertrauensverhältnis zwischen Schule und Haus zu verstärken. Kaum waren ihre Wahlen vorbereitet, als wüster Parteihader begann und die Politik, die man gerade durch diese Einrichtung aus der Schule zu verbannen hoffte, nun erst recht i n sie hineindrang.. Insbesondere war die christliche Elternschaft empört über die Ansprüche der jüdischen Minorität, auch Vertreter haben zu wollen. Das Reichsschulgesetz, das bis jetzt gottlob noch nicht Gesetz geworden ist, will bekanntlich die Konfesfionsschulen nicht nur zulassen, sondern eigentlich erst schaffen — und gerade in der jüdischen Elternschaft, die es ernst mit ihrem deutschen Bewußtsein nimmt, scheinen Strömungen vorhanden zu sein, die daraus ausgehen, auch für die Juden höhere und niedere Konfessionsschulen ins Leben treten zu lassen. Das wäre das Falscheste, was geschehen könnte. Gewiß — nian ist da hübsch unter sich und Reibungen gibt es nicht. Aber dafür ist man eben auch n u r unter sich und verliert schon von Jugend auf.die.Fühlung mit den anderen. Sie ist — namentlich in unserer .Zeit — nicht sin genehm. Aber ich bin fest überzeugt, daß diese Periode des Antisemitismus sich schneller dem Ende zuneigen wird, gerade weil sie sich „so absurd gebürdet", als man denkt. Und vor allem: gerade durch das Beisammensein entwickelt sich der Drang zur Betätigung durch Notwendigkeit. Eiße solche Notwendigkeit ist eben die Teilnahme der jüdischen Eltern an den Versammlungen zur Vorbereitung der Wahllisten. Der gewöhnliche Verlaus ist noch der, daß von der christlichen Seite jemand aufsteht und den Charakter der betreffenden Schule als christlich preist, daun die „unpolitische" Liste vorlegt und zur Unterzeichnung empfiehlt. Der Schulleiter wird sich hüten, in die Sitzung ernzugreifen, weil seine Stellung sowieso nicht sehr angenehm ist: er steht oder sollte wenigstens zwischen den Parteien stehen; was er aber auch sagt, fast immer stößt er rechts oder links an, und die Entrüstung wird sich dann leicht zu Protesten verdichten. Also bleibt er am besten und liebsten ganz aus dem Spiel. Dafür müssen sich aber nun die Vertreter der Minderheiten — der katholischen und der jüdischen — erheben und auch' ihrerseits Plätze beanspruchen. Wenn natürlich die betreffenden Eltern fehlen/ können , sie sich nicht darüber wundern, daß ihre Interessen unberücksichtigt bleiben. Sind sie aber am Platze, dann kann es Vorkommen und ist vorgekommen, daß sie einer unduldsamen Orthodoxie gegenüber zusammen den Sieg erfechten. Taktisch empfiehlt es sich, daß'der Jude hinter dem Katholiken spricht; oft ist es doch so, daß viel weniger katholische als jüdische. Schüler oder Schülerinnen an der Anstalt sind.' Wird also den Katholiken Sitz und Stimme Zugestanden, dann muß ausgeführt werden, daß nicht mit zweierlei Maß gemessen werden darf: das ist undeutsch? Wird von ' der anderen Seite ausgeflchrt, Minderheiten müßten sich „hübsch bescheiden" verhalten (wie neulich an einer Schule), so empfehle ich zu fragen, ob etwa derselbe Herr, der das den Juden vorschlügt, auch dafür zu haben ist, daß sich deutsche Minderheiten in abgetrennten Gebieten „hübsch bescheiden" verhalten. In der Antwort wird er dann etwas vom „Recht der Minoritäten" sagen, das die ganze Schiefheit der Lage zeigt. Falls aber jemand — auch das ist vorgekommen — behauptet, durch den Eintritt von Juden in den Elternbeirat werde „der christliche Charakter der Schule gefährdet", so rechne man ihm vor, wieviel Einfluß dadurch in Wahrheit den christlichen Eltern verlorengeht, daß ein Jude sich besonders der Interessen der jüdischen Kinder ännimmt; mehr wird ja kaum jemals durchzusetzen sein. Das ist sicher, daß, wenn Juden in den Elternbeirat eintreten, sie in viel höherem Maße Verpflichtungen übernehmen als Christen. Immer müsien Minderheitsvertreter mehr und produktiver, vorbildlicher arbeiten als die'„Alteingesessenen". Sie dürfen keine . Sitzung versäumen,. und sie müssen immer bereit sein, der Schule mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Das nennt man praktisch ' für das - Judentum arbeiten. Mögen doch diese Eltern bedenken, daß im Elternbeirat nicht nur ihre Gegner aus der Wahl, sondern! auch der Schulleiter sitzt, der das Interesse seiner Anstalt zu wahren hat und jedem dankbar sein muß, der ihm — namentlich in diesen Zeiten der schweren Not — beisteht. Auch der schärfste Antisemit ist dem Juden dankbar, der ihm wirksam zu Hilfe kommt. Gerade im Elternbeirat können sich aus de? Zusammenarbeit christlicher und jüdischer Eltern trotz aller Gegensätze Verständnis und gegenseitige .Achtung entwickeln. Ich muß bei diesen Dingen immer daran denken, wie mir einmal ein Filmgegner bei einer Besprechung auseinandersetzte, daß der Film keine Kunstgattung sei, daß er meistenteils verwirrend und entsittlichend wirke — und was dergleichen Dinge mehr sind. Als ich ihn aber fragte, ob er schon einen Film gesehen habe, zeigte es sich/ daß er „aus Prinzip" noch nie im Kino war. Und tausendfach, wird es in den gemischten Kommissionen bewiesen, daß, wenn Gegner gezwungen werden, zusammenzuarbeiten, das niemals ohne Wirkung auf beide bleibt: am Arbeitstisch lernt man sich ganz anders kennen, als wenn 'man nur voneinander hört! So müssen auch in den Elternbei raten.Christen, undJuden zusammen¬ 362 arbeiten: Aber von vornherein die Flinte ms Korn werfen und zu erklären: Wir kommen ja doch nicht hinein! — das ist grundfalsch. Bei den diesjährigen Versammlungen, in denen sehr geringes Interesse vorhanden ist, kommt jeder hinein, der mit emer kleinen Schar Anhänger entweder den Eintritt in die andere Liste erzwingt oder eine eigene Liste aufsteüt. Ohne Arbeit allerdings ist nichts zu machen — nicht einmal die Elternbeiratswahlen! Rernbranöt, öer Iuöenmaler. " " Von Max Osborn. Was war es, das den zum berühmten Künstler enchorgestiegeuen Müllersohn aus Leyden dazu bewog, im Jahre 1639 ins Amsterdamer Judenviertel zu ziehen? Das Haus in der Joedenbreestraat, das er damals erwarb, und das heute als ein holländisches Naiionalheiligtum, als ein Heiligtum der Weltgemeinde aller geistigen Menschen behütet wird, lag zwar — und liegt noch heute — hart an der Grenze des Amsterdamer Ghetto. Wenn man nach Ueberschreitung des trennenden Kanals das Judenviertel betritt, wobei man sofort in die Breestraat einbiegt, so hat man gleich zur Rechten an Zweiter Stelle das Rembrandt-Haus. Aber es ist nicht anzunehmen, daß etwa ein Zufall die Aufmerksamkeit des Malers aus dies Gelände lenkte., daß er nur durch eine eigentümliche Laune des Schicksals in so enge Berührung mit dem Bezirk der Juden geriet ganz bewußt vielmehr, absichtlich und planmäßig muß er dies Domizil gewählt haben. Wir kennen die Umwohner. Aus der einen Seite stieß es an das Grundstück, das den Erben des Salvador Rodriges gehörte, nach hinten an das des Joseph Belmonte; beides sind bekannte Namen portugiesischer Juden. Aus der Westseite freilich, wo es an der Antonioschleuse über jenen Kanal ging, an dessen anderem User man bereits außerhalb des Ghetto war, wohnte,, wie der uns erhaltene Notariatsakt über den Kauf des Rembrandt-Hauses ergibt, der Maler Nicolas Elias. Das war kein Jude. Er war älter als Rembrandt (geboren 1590), hatte sich aber ganz unter dem Einfluß des jüngeren Meisters zu dem recht geschickten Maler von Schützenstücken und ähnlichen Gruppenbildnissen ausgebildet, als den ihn die holländische Kunstgeschichte führt. Möglicherweise ist es die Bekanntschaft mit Elias gewesen, der sich schon früher im Judenviertel angesiedelt hatte, wodurch Rembrandt zu seinem Umzug veranlaßt wurde. Aber das Wesentliche war ohne Frage der Wunsch, dieser merkwürdigen Welt unmittelbar nahe zu sein. Später war Rembrandt übrigens ganz von jüdischen Nachbarn umgeben; denn die Urkunde über den Zwangsverkauf seines Hauses nach der Bankerottkatastrophe von 1658 nennt als Besitzer des Grundstücks aus der Westseite nunmehr Daniel Pinto (Elias war schon 1646 gestorben). Indessen der Umzug in die Breestraat besiegelte nur die alte Neigung Nembrandts für die Bewohner der Judenstadt. In dem Augenblick, da er begann, Szenen aus dem heiligen Buche zu komponieren, wandte sich sein Auge schon den Gestalten zu, die er als lebendige Träger der biblischen Ueberlieserung mühelos in der Hauptstadt vorfand. Man muß bedenken, daß Holland in der Zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts den vertriebenen spanischen und portugiesischen Juden mit bereitwilliger Gastfreundschast die Tore geöffnet hatte. Nicht nur daß das Kausmannsvolk der nördlichen Niederlande, vorurteilsfrei und großzügig gesinnt, dem Kaufmanns- und Handelsgeist der fremden Gäste aufrichtigen Respekt erwies —: es betrachtete die Ausnahme der Heimatlosen auch als etwas wie eine religiöse Pflicht. Der ProtestanLisch-cnlvinistische Geist der Holländer erblickte in den Juden die Bewahrer des alten Bundes, die monotheistischen Vorläufer der Christuslehre, denen Ehrsucht gebühre. So'kam es, daß im ganzen 17. und 18. Jahrhundert die Juden in keinem Lande so ruhig, unbehelligt und sicher lebten wie in Holland. Und so wieder, in natürlicher Wechselwirkung, daß sie nirgends ihre uralten Ueberlieferungen ungestörter, reiner und stolzer pflegen konnten. Der Handel machte sie.reich, in der Geborgenheit blühte die Rasse neu auf. Wenn der junge Rembrandt nach Vorbildern für eine Apostelfigur, für Paulus oder Petrus zumal, die ihm so sehr am Herzen lagen, für Personen aus dem alten wie dem neuen Testament suchte, so brauchte er nicht weit zu gehen. Im Judenviertel drüben fand er herrliche Greisenköpfe, von der langen Geschichte eines merkwürdigen Volkes ebenso wie von eigenem Erleben, von Denken und Trachten, religiösem Schauen und Grübeln geprägt. Er fand bärtige Männer mit dunklen, blitzend scharfen oder schwärmerischen Augen, in deren Blick sich Leid und Trauer und Sehnsucht von langen Jahrhunderten gesammelt hatten. Er fand Heranwachsende Burschen von klugem und verträumten Wesen, und er sagte sich wohl, daß der kleine Jesus von Nazareth, als er im Tempel unter die Schriftgelehrten trat, nicht viel anders ausgesehen haben mochte. Wenn er-diese Typen benutzte, sie entweder unmittelbar übernahm oder durch seine Phantasie gehen ließ, um sie selbständig neu zu verwenden, so konnte er, das ging ihm wie eine Erleuchtung auf, den biblischen Darstellungen eine ganz andere Wahrhaftigkeit und Unmittelbarkeit der Wirkung sichern als alle seine Vorgänger und Kollegen, die sich an diese Stoffe gewagt hatten. -Das realistische Lebensgesühl der holländischen Kunst, das sich in dieser ersten bürgerlichen Kultur der Welt entwickelt hatte, trieb ihn dazu, die heilige Legende nicht als Vorgänge einer unwirklichen, in der Luft schwebenden Welt, sondern als Ereigniste von unmittelbarer Gegenwärtigkeit unck Natürlichkeit zu schildern.- Nun, nach dem Umzug, hatte er es noch b-eguemer. Er brauchte nur auf die Straße zu gehen, nur aus dem Fenster zu blicken, und er hatte die. schönsten, willkommensten Modellefür jede Szene der Bibel. Noch heute, da das Amsterdamer Judenviertel längst aufge-