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Central-Verein-Zeitung · 1924-06-12 · 24 (12.6.1924) · p. Seite 358

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
3 (1924)
Issue
24 (12.6.1924)
Date
1924-06-12
Page
Seite 358 (sequence 2)
Language
German
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aller Stände, in die Gedankengänge des Judenhasses eingesponnen. Solche Meinungen lassen sich, wenn überhaupt, nur sehr langsam ändern. Auch wenn bei kommenden Wahlen die Judenfrage eine geringere Rolle spielen sollte, als die letzten Male, würde das noch nicht eine grundsätzliche Besserung erweisen. Mit Judenhaß kann man weder wirtschaftliche noch politische Fragen lösen. Es ist denkbar, daß das nächste Mal eine Wahlparole zur Entscheidung gestellt wird — das letztemal hatten wir überhaupt keine, — die auch vom schlechtesten Willen nicht auf die Juden bezogen werden kann. Unsere Arbeit muß sein eine Arbeit auf Lange Sicht. Wie die Arbeit des D. H. V. es war. Es gilt, den Judenhaß ab zu wehren von denen, die ihm noch nicht verfallen, insbesondere von der kommenden Generation. Das erfordert eine unablässige, vielseitige, entsagungsvolle Arbeit, deren Früchte vielleicht erst unsere Nachkommen genießen werden. Auch diese Arbeit kann nur mit den Agitationsmitteln Wort, Schrift, Bild geleistet werden. Aber nicht nur in Wählzeiten-! Verheißungsvolle Anfänge sind bereits gemacht. Was noch weiter geschehen könnte, ist -im Rahmen dieses Aufsatzes nicht zu erörtern. Viele werden Vieles und Gutes anregen können. Wer etwas hierüber zu sagen weiß, sage es. Es ist nicht mehr ein Abwehrkampf. Es gilt positiven K a m P f, es gilt die Eroberung unseres Rechtes in den Köpfen derjenigen, die der Meinung sind, es sei vollkommen gleichgültig, ob der Jude entrechtet wird oder nicht. Dm MMorZMLstt RsthsKLM-HstzL» Graf v. Neventlow. — Alfred Noth. — Theodor Fritsch. -- Geäeral L u d e n d o r s f. — Mull e. — Ienze n. — Kn ü P p e l - K u n z e. Von Dr. Hans Bohr. ■ In der Begründung des überaus milden Urteils des Staatsgerichtshoss in Leipzig vom 14. Oktober 1922 gegen die jugendlichen Helfer der Mörder Rathenaus sagte der Vorsitzende, Senats- Präsident ss d) nt t i) f, jinter anderem: „Möge der durch die Verhandlung geklärte Sachverhalt, sowie die schrecklichen Folgen des Verbrechens jedes noch so sehr versteinerte Herz bewegen, möge der Brief der e h r w ü r d i g e n M u t t e r Rathenaus dazu dienen, die verpestete Lust und die schwüle Atmosphäre zu reinigen und das in ihnen versinkende und schwer kranke Deutschland der Genesung entgegenführen ..." Die jetzt hinter uns liegenden Reichstagswahlen haben uns mit geradezu erschreckender Deutlichkeit gezeigt, wie wenig von diesen - Erwartungen in Erfüllung gegangen ist. Tausenden und aber Tausenden ist es doch zum Bewußtsein gekommen, daß die Not in unserem Vaterlande während der letzten Jahre nicht die entsetzliche Höhe erreicht hätte, wenn nicht die Ermordung Rathenaus den plötzlichen Verfall der deutschen Valuta herbeigeführt und andere schlimme Auswirkungen, namentlich nach dem Auslande hin, ausgeübt hätte. Man hätte daher eher annehmen müssen, daß sich die Entrüstung weiter Kreise namentlich gegen diejenigen Parteien gewandt hätte, die die nichtswürdigen Schmähungen und die Mordhetze gegen Rathenau geduldet, ja sogar gefördert haben, und man hätte erwarten müssen, daß diejenigen Anhänger per D e u t s ch v ö l k i s ch e n, Deut s eh n a t i o n a l e n und D eu t s ch s o z ia l e u Partei, die besonders stark in der Rathenau-Hetze hervocgetreten sind, sich bescheiden im Hintergrund gehalten und von ihren Parteien in den Hintergrund gestellt worden wären. Aber das reine Gegenteil ist eingetreten. Wenn man die Liste der gewühlten Abgeordneten der drei deutschvölkischen Parteien durchgeht, wird man geradezu mit Schrecken gewahr, wie viele sich darunter befinden, ~ die sich in der unrühmlichsten Weise an der schmählichen Rathenau-Hetze beteiligt haben. Gewählt wurde von den Deutschvölkischen Herr Graf E. v. Reventlow, der es unter anderem sertigbekommen hatte, in dem „Deutschen Tageblatt" des Herrn E. Wulle vom 14. Februar 1922 Todes a h n u n gen, die der Ermordete im Dezember 1918 in ergreifender Weise dem bekannten amerikanischen Obersten H o u f e gegenüber zum Ausdruck gebracht hatte, in folgender nichtsnutziger Weise zu verhöhnen: „Er lebt noch in s ch ö n st e r F r i s ch e, i st d e u t s ch e r A u ß e n m i n i st e r geworden. Dieser Mann vertritt seinem Leoensprogramm nach das Alljudentum, dargestellt durch die Hochfinanz *. . . . Die Zipfelmütze i ft n o ch i m m er das deutsche W a h r - z e i ch e n." Es ist überaus bezeichnend, daß gerade dieser Artikel genau vier Monate später, zehn bis vierzehn Tage vor der Ermordung Rathenaus in einer Reihe von deutschnationalen und deutschvölkischen Provinzdlättern noch einmal zum Abdruck gelangt ist. Gleichzeitig veröffentlichten die jetzt als „Reichssturmfahne" erscheinenden „Teutschvölkischen Blatter" (9.. Juni) des Herrn Alfred 'Roth, der ja bei den Reichstagswahlen sogar zum Abgeordneten der Deutschnationalen Volks Part ei gewählt worden ist, und das „Staßfurter Tageblatt" des antisennkischen Hetzers Hottenrott einen wörtlich übereinstimmenden überaus gemeinen Schmähartikel gegen Rathenau, in dem es unter anderem hießt; „Graut dir immer noch nicht, k a h i n i L i s ch e r. luzi ser i--, scher Tschandala-Gerst dieser Erde? Es gibt; ein Erwachen! ... Rathenau, dessen Name dereinst ' noch Abscheu erregen soll als verhallender Warnruf in den Herzen, der deutschen Kinder, Rathenau, der heute für Juda schon so viel getan hat, daß ihm zu tun fast nichts mehr übrig bleibt." ' Herr Alfred Roth hat in dem damals von ihm geleiteten Blatte eine ganze Serie von Artikeln veröffentlicht, die voll waren von Verleumdungen gegen den Ermordeten, und er har dann diese Artikel zusammengefaßt in einer Broschüre, die er einige Wochen vor dem Morde unter dem Titel: „Rathenau, der Kandidat des Auslandes" herausgegeben hat. Deren Schluß lautet: „Wir harren der kommenden Dinge ... Wir sind, zum ä u ß e r st e n e n t s ch l o s s e n und bereit." Roth hak außerdem unzählige Brandreden.in der Provinz gegen Rathenau vom Stapel gelasten. In einer ein Vierteljahr vor dem Morde in Frankfurt a. d. O. .gehaltenen Rede sagte er: „Es gibt eine Befreiung; vielleicht kommt sie rascher als man denkt." Und in Stettin schlug er einige Wochen vor dem Morde in seiner Hetzrede gegen Rathenau derartige Töne an, daß das dortige sozialdemokratische Blatt über die Rede bemerkte: „Wenn danach ein etwas pathologischer junger Mann auf dem Wege des Verbrechens (in Nacheiferung der Erzberger-Mörder) getrieben wird, sollte sich die Welt nicht wundern." Es ist tatsächlich so gekommen, wie es das Stettiner Blatt vorausgesagt hat. Wegen dieser Rede wurde Anklage gegen ihn vor dem Staatsgerichkshof erhoben. Trotzdem der Vertreter des Neichsanwalts gegen ihn acht Monate Gefängnis und 109 000 Mark Geldstrafe beantragt hatte, verurteilte ihn das Gericht nur -m einer Geldstrafe von 800 000 Mark. Dabei hob der Vorsitzende bei der Begründung des Urteils ausdrücklich hervor, daß durch das Vorgehen Roths „d er Boden zu einer ruchlosen Tat vorbereitet wurde, der dieser ausgezeichnete Mann zum Opfer^ siel." Uebler als Herrn Alfred Roth erging es vor dem ^taatsgerichtshof dem „Altmeister" der deutschvölkisch-antisemitischen Hetze Theodor Fritsch, der sicherlich zur Belohnung für seine Beteiligung an dem nichtswürdigen Verleumdungsfeldzuge gegen Rathenau ebenfalls jetzt in den Reichstag als deutschvölkischer Vertreter gewählt worden ist. Er hatte in seiner jämmerlichen Broschüre „A n t i - R a t h e n a u", die er unter seinem Pseudonym F. Roder i ch - S toltheim herausgegeben hatte, sowie in mehreren Artikeln seines „Hammer" Rathenau mit niedrigen Schmähungen überhäuft und wurde deswegen vom Staatsgerichtshose zu v i er Monaten Gefängnis verurteilt. Auf Ersuchen ' beim Reichspräsidenten wurde ihm Strafaufschub bis zum 15. Mai gewährt, und dieser Strafaufschub hat jetzt durch die Immunität des Verurteilten in seiner " Eigenschaft als ReichsLagsabgeordneter automatisch eine V e r I ä n g e r u n g erfahren. Einige der von Fritsch verbreiteten Beschimpfungen und wahrheitswidrigen Behauptungen über Ratherrau hatte der zur Partei des Knüppel-Kunze gehörende Obertelegraphensekretär I e n z e n in Görlitz in einem von ihm verbreiteten Flugblatt nach der Ermordung Rathenaus wiederholt. Er wurde deswegen vom Schöffengericht in Görlitz zu vier Monaten Gefängnis und zu 5000 Mark Geldstrafe verurteilt. Das Gericht bezeichnete die Beschimpfungen als so ungeheuerlicher Natur, daß eine strenge Bestrafung Platz greifen müste. Jenzen aber wurde zur Belohnung dafür ebenfalls in d en Re i ch s t a g gewühlt. Unter den gewählten Abgeordneten befinden sich aber auch andere, die sich an der R a t h e n a u -Hetze beteiligt haben. Was soll man dazu sagen, daß ein Mann wie Luden dorff in einer in B a m b e r g gehaltenen Wahlrede in verächtlichster Weise von dem „Großjuden" Rathenau redet/der erklärt haben sollte: „Es ist uns noch im letzten Augenblick gelungen, alle Schuld auf Ludendorff zu wälzen." Einen Beweis für diese Verdächtigung hat der General bisher nicht erbracht, der ursprünglich auf das wärmste die Verdienste Rathenaus um die Veschnfsung der Kriegsrohstofse anerkannt, die überhaupt die Fortführung des Krieges, ermöglicht hat. Herrn . Ludendorff schließt sich sein d e u t schvölkischer F r a k t i o n s g e n os s e W u l l e würdig an. Auf einer im November 1921 in Halle abgehaltenen Versammlung des deutschvölkischen S ch u tz - undT r u tz bundes nannte SGß-u XI e Rathenau den „ü b e I st e n Juden i m Deutschen R e i ch". Am 23. 5. 1922 aber veröffentlichte Wulle in dem von ihm geleiteten- „Deutschen Tage« blatt" einen mit seinem Namen gezeichneten Leitartikel „W a n n platzt die Kiste?", der mit der überaus charakteristischen Frage schloß: „Herr Rathenau, wann platzt bei uns die Kiste?" Also fast genau einen Monat vor der Er-, mordung Rathenaus leistete sich Herr Wulle diese so überaus sinnige Anspielung aus die Handgranate, die dann von dorr Mördern am Tage der germanischen Sommersonnenwende in dm Wagen Walther Rathenaus geschleudert worden ist. Hierbei darf man natürlich den Knüppel-Kunze nicht vergessen, der kurz vor der Ermordung Rathenaus aus die „B e r - dienste" hingespielt hatte, die dieser aus seiner Tätigkeit als Minister beziehe ober zu beziehen hoffe. Wir sehen also, daß nicht wenige Männer in den neuen Deutschen Reichstag gewählt worden find, trotzdem sie sich in der nichts-, würdigsten Weise an der Rathenau-Hetze beteiligt haben. ,

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