Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 24 (12.6.1924)
- Date
- 1924-06-12
- Page
- Seite 357 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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rknzelnummer 10 Gol-pfennkg SerUn, 12. Juni 1924 III. Jahrgang 4 Nr. 24 _ VMlter sürveulsrdtumWj 'vryan des tclilralVererns ücutirker Staatsvüryer jüEcden Amivens^v. 3eiriar\^ des üuderirums Verlag u. Schristleitung: (entral-verem -eutfcher Staatsbürger jüdischen Glaubens e.v. Serlin SVöS, Linöenftr.l Z Fernsprecher: Amt Dönhoff 3594, 3595 .% Telegrammadreffe: „Centralglauben Berlin" Postscheckkonto: Berlin 30472 Bankkonto: Dresdner Bank, Wechselstube G, Berlin SW 68, Lindenstr. 7 Monatsabonn em ent (ein viertel) ähr lr'ches gibt es vorläufig nicht) 40 Goldpfennig Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Nudolf Masse, Berlin 8W19, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,75 Goldmark für die 7 gespaltene Zeile nach Rudolf Mosses Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche für Mitglieder des Central-Vereins 0,40 Goldmark, die 90 mm breite Neklamezeile 4 Goldmark. 1 / von Richter Dr. R. H i n r i ch f e n (Hamburg). Der Wahlkampf ist beendet? Nein, er fängt gerade jetzt an. Zwar sind jene Schandflecke, die mit ihren Inden beschmutzenden Bildern und Worten Deutschlands Stadt- Und Landstraßen schändeten, verschwunden. Man kann beinahe schon wieder an einem Laternenpsahl vorübergehen, ohne in der gemeinsten Weise beschimpft zu werden. Aber die Gesinnung ist die gleiche geblieben, und wenn in diesen Tagen der Judenhaß vielleicht weniger gepredigt wird, weil das Tagesinteresse sich gerade mit anderer: Gegenständen beschäftigt, so ist doch in Wahrheit für die Juden nichts gegen die Wochen vor der Wahl verändert. D a r ü b e r s i ch t ä u s ch e n lassen, wäre verhängnisvoll. Gerade jetzt ist es höchste Zeit, zu Prüfen, wie der uns aufgezwungene Kampf weitergesührt werden soll. An sich hat ja die Bekämpfung des Judenhasses nichts mit Reichstags- Wahlen zu tun. Die Wahlzeit ist eben nur die Periode gesteigerter Agitation überhaupt, daher auch die Zeit, da der Judenhaß den Juden am 'lautesten in die Ohren gellt und sie am eindringlichsten zrrr Abwehr und Selbstbehauptung mahnt. In der „H a n d e l s w a ch t", dem Organ des Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbandes, las ich kürzlich, wie jetzt die Frucht des drei Jahrzehnte lang geführten Karnpfes gegen das Judentum reife. Daraus ist für uns sehr viel zu lernen. Was ich meine, wird sofort deutlich werden, wenn wir uns einer grundlegenden Veränderung bewußt werden, die scheinbar noch nicht allgemein erkannt ist. * Die heute noch herrschende Form der Agitation beruht auf dem System der Einzelwahl, die einen Kampf um Personen bedeutete. Der Kandidat mußte den Wählern bekannt gemacht werden. Daher die Wählerversammlung, in der der Kandidat sich vorstellt.. Daher die erst kurz vor dem Wahltermin einsetzende Massenagitation. ' - Die Verhältniswahl, insbesondere die bei uns geltende mit streng gebundener Liste, hat das grundlegend geändert. Die Person des Kandidaten spielt kaum eine'Rolle. Der Wähler wählt nicht die Liste, sondern die Partei. Begeistert er sich für Herrn Müller, so weiß er doch nicht sicher, ob Herr- Müller nicht, wenn er gewählt wird, seinen Platz einfach an Herrn Schulze abgibt, ohne daß der Wähler darauf den geringsten Einfluß üben kann. . Schon bei der diesmaligen Reichstagswahl war deutlich Au merken, daß die Wählerschaft die veränderte .Sachlaae erkannt hat. Es wurde nicht oder nur ganz nebensächlich um Personen gekämpft. Alles drehte sich um die Parteien, d. h. um Programme. Daß meistens nur einzelne Programmpunkte, insbesondere die Judensrage, in den Vordergrund gestellt wurden, ändert hieran nichts. Und zugleich zeigte sich ein anderes, hier wesentlichstes: Ein jeder hatte das Gefühl, die große Masse der Wähler liegt fest, die Wahlagitation vermag den Ausfall der Wahl nur in ganz bescheidenem Ausmaß zu bestimmen, sie hat eine gegen früher erheblich geminderte Bedeutung. Dazu kommt, jedenfalls in den großen Städten, ein Weiteres. Die Agitationsmittel sind: Wort, Schrift, Bild, in der Form von Versammlung, Zeitung und Flugblatt, Plakat. Das Gros der Versammlungen besuchenden Wähler geht nur in die Versammlungen der eigenen Partei. Vielfach wird der Besuch gegnerischer Versammlungen im Interesse ungestörten Verlaufes erschwert, auch wohl ganz ausgeschlossen. Der größte Teil der Wähler besucht Versammlungen überhaupt nicht. Es gibt Parteien, die 'trotz schlecht besuchter Versammlungen überwältigende Stimmenzahlen ausbringen, und anderseits Parteien, deren Versammlungen glänzend besucht sind, und die doch nur verhältnismäßig wenig Mandate erringen. Es ist Sache des sozialen Milieus, in dem die Partei ihre Wähler findet, ob ihre Versammlungen stark oder schwach besucht werden. Gegnerische Zeitungen und 'Flugblätter werden in geringem Maße gelesen. Das Plakat hat nur ein sehr beschränktes Wirkungsgebiet, wirklich schlagende Argumente lassen sich selten aus Plakaten entnehmen. So bietet die herrschende Fo rm der W a h l a g i t a t i o n nur sehr geringe Möglichkeit, an den Gegn er h eranzukommen. Den eigenen Anhänger erneut zu überzeugen, ist zwar immer wieder wichtig, aber im Grunde nicht der wesentliche Zweck der Agitation. Unsere Gegner haben das längst erkannt. Sie haben ihre Tätigkeit auf eine stetige, ununterbrochene Bearbeitung der Massen eingestellt. In der wahlfreien Zeit haben sie für ihr Programm unablässig geworben. ' Nicht ans den Augenblickserfolg am Wahltage haben sie ihre Tätigkeit eingestellt, sondern auf die v ö lli g e Ein sPinn un g in ihre Gedanken gange, die geistige Beherrschung, fast möchte ich sagen Einexerzierung, die der? Zusammenhalt der Truppe am Kampftage von selbst ergibt. Worauf es mir hier ankommt, ist, zu zeigen, daß eine auf das Möglichste gesteigerte Tätigkeit des Central-Bereins zu jederzeit erforderlich ist. Die führenden Männer des Central-Bereins haben das natürlich längst erkannt. Den Mitgliedern gegenüber erscheint ein Hinweis in dieser Richtung aber nicht überflüssig. Auch sie müssen das Ihre tun, um die Führung dieses unausgesetzten Kampfes tagtäglich von neuem zu ermöglichen. Was mit diesen Worten gemeint, bedarf keiner Erläuterung. Und noch ein Weiteres ergibt sich. Es ist töricht, zu fordern, daß der Judenhaß in Kürze beseitigt, große Erfolge in wenigen Wochen sichtbar werden sollen. Die gegenwärtige Generation in Deutschland ist durch die unablässige Arbeit unserer Feinde, begünstigt durch den auf dem Vaterlande lastenden, unerhörten Druck und die Verelendung der Massen